Kapitel 4

 

Als Charlie mit zwei Tassen Tee aus der Küche kam, sah er sie gedankenverloren und in eine Decke gekuschelt auf dem Sofa sitzen. Sie wirkte so verletzlich. Charlie konnte sich nur zu gut daran erinnern, wie es war, wenn man nur knapp von einer Kugel verfehlt wird. Dons und vor allem Colbys Wunsch mit ins Krankenhaus zu gehen, hatte sie strickt abgelehnt und Charlie war sich nicht sicher, ob das wirklich eine so gute Idee war. Aber sie wollte lieber nach Hause. Da saß sie nun und starrte nach draußen in die Dunkelheit.

 

Colby war vor gut einer Stunde gegangen und seitdem hatte Sarah kaum ein Wort gesprochen. Es schien fast so, als sei ihre ganze Zuversicht, dass alles wieder gut werden würde, mit ihm weggegangen. Charlie musste sich eingestehen, dass Colby auch weitaus mehr Sicherheit und Schutz ausstrahlte, als er selber.

Er konnte aber auch Colby verstehen. Dieser wollte seinem Team helfen, zusammen mit dem LAPD die Spuren auszuwerten. Charlie war nur nach Hause gegangen, weil er alle Berechnungen auch von hier aus erledigen konnte. Und er wollte nach Sarah sehen.

Als er vorhin das Büro verließ, war immer noch nicht viel bekannt. Das Pärchen aus dem Cabrio hatte seine Aussage gemacht und war wieder entlassen worden. Sie hatten Sarah neben sich an der Ampel auf ihrem Fahrrad nicht bemerkt. Erst durch das Quietschen von Reifen auf der Kreuzung wurden sie auf die Fahrradfahrerin aufmerksam. Dann schrie sie auch schon ein Mann mit einer Waffe an, sie sollen gefälligst aus dem Wagen aussteigen, was sie auch getan hatten. Er und ein weiterer Mann sind eingestiegen und der Frau hinterher gefahren. Alle Augenzeugen berichteten, der Mann mit der Pistole hätte eine rote Sweatjacke mit Kapuze und ein blaues Basecap getragen. Der andere Mann trug ein schwarzes Basecap, Sonnenbrille und ein helles Hemd. Nicht gerade die Täterbeschreibung, die einen gleich zu einem Verdächtigen führt. Auch die Überwachungskameras zeigten keine weiteren Hinweise, geschweige denn Gesichter.

Was alle nicht verstanden: Sarah hatte doch direkt vor ihm gestanden, aber sie konnte keinerlei Angaben zu seinem Aussehen machen.

 

Charlie war alle Daten mehrmals durchgegangen, konnte aber auch bisher nicht weiter helfen. Er wollte sich alles noch mal in Ruhe zu Hause ansehen, auch die Überwachungsbänder hatte er in Kopie mitgenommen. Sie kannten nun ihren Fluchtweg. Obwohl sie einige Seitenstraßen und auch Umwege genommen hatte, konnte Charlie ihren Fluchtweg komplett rekonstruieren. Zum Glück hatte sie es ja mehr oder weniger unbeschadet ins FBI Gebäude geschafft. Und auch sonst, ist keiner zu Schaden gekommen.

Dennoch war es für alle unfassbar, als Charlie Dons Team das zusammen geschnittene Videomaterial präsentierte.

 

 

Charlie durchquerte das Wohnzimmer und musste Sarah mehrmals ansprechen, bis sie „erwachte“ und den ihr gereichten Tee annahm. Sie schenkte ihm auch ein Lächeln, aber es war anders als sonst. Sie wirkte zutiefst erschüttert. Irgendwie war sie nicht mehr dieselbe. Charlie hatte das Gefühl, sie gar nicht mehr zu kennen.

 

Ihre Schublade war fest verschlossen! Alles Schlechte von damals war noch da drinnen! Sie würde die Schublade nicht öffnen, sie würde nicht nachsehen, ob etwas fehlte. Nein, diese Schublade würde sie nie wieder öffnen.

 

Es kostete ihre ganze Kraft, diese mentale Schublade geschlossen zu halten. Zu viel Kraft, um sich auch noch Sorgen um ihre Umwelt zu machen. Sorgen, ob sie etwas bemerken würden, Sorgen, es könnte sich alles ändern. Jetzt, wo gerade alles perfekt war.

 

Charlie saß einfach neben ihr. Er wusste auch nicht, warum er sie nicht ansprach, warum sie hier wortlos saßen, spürte aber, dass Sarah im Moment wohl nicht mehr wollte.

Im Geiste ging er Gleichungen und Berechnungen durch, die er noch anwenden wollte, um noch mehr Daten zu gewinnen, aber er konnte nicht raus in die Garage gehen. Nein, er wollte nicht raus in die Garage gehen, er wollte hier bei ihr bleiben. In ihrer Nähe, einfach nur da sein. Er hätte sie gerne auch in den Arm genommen. Aber seit dem Kuss vor gut zwei Wochen war sie sehr abweisend ihm gegenüber.

 

Der Kuss war wundervoll gewesen. Sie hatten gerade wieder zusammen in der Garage gearbeitet. Sie stand vor der Tafel und schrieb an einer Formel. Wieder einmal bemerkte Charlie, dass er zu kompliziert dachte. Sarah war mit ihren einfachen Gleichungen meist schneller und genauso präzise am Ziel.

 

Als sie im Schreiben stockte, trat er von hinten an sie heran, streckte seinen Arm über ihre Schulter und schrieb die Gleichung zu Ende. Sie drehte sich daraufhin um und sie standen sich direkt gegenüber. Sie schauten sich an und in diesem Moment schien die Zeit still zu stehen. Er war sich den Gefühlen ihr gegenüber bis zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst gewesen. Zuerst standen sie nur da, ganz nah beieinander. Sie hatte wunderschöne Augen, was ihm bis dahin auch noch nicht aufgefallen war. Sie kamen sich ganz vorsichtig näher und küssten sich. Erst zögerlich und dann leidenschaftlicher, bis sie ihn abrupt von sich wies.

 

Sie murmelte etwas, dass sie das nicht könne und verließ fluchtartig die Garage. Noch mal darüber geredet hatten sie nicht, sie gingen sich eher aus dem Weg und körperliche Nähe, wie beim Fernsehen an seine Schulter lehnen, hatte sie seither auch unterlassen. Außerdem war sie ja offensichtlich mit Colby zusammen und da wollte er sich ganz sicher nicht einmischen, oder gar mit Colby anlegen. Nein, da würde er sicherlich den kürzeren ziehen. Obwohl ihn der Kuss schon sehr durcheinander gebracht hatte und er immer wieder daran denken musste.

 

Es war schon halb zwei durch, als Charlie die Müdigkeit zerriss und er sie fragte, ob sie nicht schlafen gehen wolle?

„Du kannst gerne schlafen gehen, ich werde hier sitzen bleiben. Ich kann nicht schlafen.“

„Ich kann gerne noch bei dir bleiben“, startete Charlie den Versuch eines Rückzugs, aber alleine ihr Gesichtsausdruck verriet, dass sie es nicht dulden würde, wenn er sich hier vor Müdigkeit quälte.

„Du wirst in dein Bett gehen und schlafen, ich weiß ja, wo ich dich finde.“

„Soll ich Colby anru…“

„Nein“, wehrte sie schnell ab, „wenn er Zeit hätte, dann wäre er hier. Er geht sicher irgendwelchen Spuren nach oder ist am Schreibtisch eingeschlafen. So oder so ist er beschäftigt.“

Charlie erkannte, dass es keinen Sinn hatte mit ihr zu diskutieren. Sie war einfach auf eine logische und klare Weise dickköpfig, und das sogar trotz der Umstände. Er ging in sein Zimmer, lies die Tür aber offen, damit sie jederzeit eintreten konnte.

 

Er lies sich einfach aufs Bett fallen. In seinem Kopf kreisten tausend Gedanken, Formeln und Gleichungen, die er am Liebsten alle noch mal überarbeitet hätte. Aber durch den fehlenden Schlaf der letzten Nächte, fielen ihm sehr schnell die Augen zu und er war eingeschlafen.

 

 

 

Nach einer viel zu kurzen Nacht wurde er von seinem Wecker geweckt. Er stand sofort auf und ging runter ins Wohnzimmer.

 

Sarah saß nicht mehr auf dem Sofa, sondern kam gerade mit einem Becher Kaffee aus der Küche.

„Guten Morgen“, begrüßte sie ihn, zwar verhalten aber mit einem Lächeln. „Magst du auch einen Kaffee?“

Charlie verstand nicht. Was war geschehen? Sie war wieder fast die Alte, nicht wie gestern ein stummes Häufchen Elend, das nicht sprechen wollte.

Sarah war ganz klar ansprechbar, wirkte in keinster Weise verunsichert, ängstlich oder schockiert, nein, sie war wie immer. Lächelte ihn an und fragte, ob er Lust habe mit ihr zu Frühstücken. Nur ihre müden und leicht verquollenen Augen verrieten, dass es sie noch immer beschäftigte und sie die Nacht über wohl kein Auge zugemacht hatte.

 

Charlie konnte nicht ahnen und erst recht nicht wissen, dass sie die Schublade fest verschlossen hielt und ihr somit auch nichts passieren konnte.