Kapitel 3

 

Charlie packte seine Sachen zusammen. Wo war nur Sarah? Heute Morgen hat sie noch gemeint „Bis später“ und nun war sie einfach nicht gekommen. Er schaltete sein Handy ein und sah den verpassten Anruf. Kurz hatte er sich schon gefreut, dass es vielleicht Sarah war, um ihm abzusagen, aber es war Don, der ihn bat, schnellstmöglich ins Büro zu kommen. „Der denkt auch ich hab sonst nichts zu tun“, grummelte er, packte seine Unterlagen und fuhr zum FBI.

 

Im FBI Büro stieß er auf Larry, der gedankenverloren an einer der Trennwände lehnte.

„Lawrence, wir müssen mal ein ernstes Wörtchen miteinander reden“, begann Charlie mit gespielter Strenge. „Du kannst deine Studentinnen nicht so hart ran nehmen! Die gehen früh morgens aus dem Haus, um für deinen Kurs in der Bibliothek noch etwas nachzuschlagen, versinken in Arbeit und verpassen dann meine Vorlesung. – Larry? Hörst Du mir überhaupt zu?“

„Was? Nein, tut mir leid Charles“, er war noch ganz durch den Wind. „Ich dachte gerade über Sarah nach.“

„Ja, von ihr rede ich auch. Ich hab sie vorhin in meinem Kurs zur nichtlinearen Funktionsanalyse vermisst, weil sie für deine Hausarbeit wohl in der Bibliothek hängen geblieben ist.“

„Ach je, Charles, du hast das alles noch gar nicht mit bekommen?“

„Was denn?“

„Sarah ist nie in der Bibliothek angekommen.“

„Nicht? Wo ist sie denn?“

Larry nickte mit dem Kopf rüber zum Besprechungsraum. Charlie folgte seinem Blick. Mitten im Raum saß Sarah, neben ihr Colby, der ihre Hand hielt. Don und Megan saßen ihr gegenüber.

„Was ist passiert?“ fragte er tonlos.

„Sie wurde von jemandem verfolgt, der auch auf sie geschossen hat. Ein Motiv, oder auch wer es gewesen sein könnte ist noch völlig unklar.“

„Ist ihr etwas passiert? Ist sie verletzt?“

„Nein, sie hat nur einen gehörigen Schrecken abbekommen. Sie sitzt schon die ganze Zeit da und redet nicht viel“, Larry machte eine entschuldigende Geste.

„Wie kann ich helfen?“

„Das Videomaterial der Überwachungskameras müsste bald hier eintreffen, du sollst die Daten auswerten und eine brauchbare Täterbeschreibung abgeben.“

 

 

Megan entdeckte Charlie und machte Don auf ihn aufmerksam. Er ging sofort hinaus zu seinem Bruder. „Charlie gut dass Du da bist. Komm gleich mit, ich hab mal wieder eine knifflige Aufgabe für Dich.“

Auf dem Weg zum technischen Labor versuchte Charlie über Don was in Erfahrung zu bringen, aber Larry war wohl auf dem aktuellsten Stand gewesen.

Nachdem Don Charlie in seine Arbeit eingewiesen hat fragte der jüngere: „Sollten wir Dad anrufen und ihn von seinem Golf-Wochenende wieder zurück holen?“

Don fuhr sich mit der Hand übers Gesicht: „Ich weiß nicht. Was denkst Du?“

„Keine Ahnung. Wie geht es Sarah? Wie geht es weiter mit ihr?“

„Sie redet nicht viel. Wir werden sie nachher nach Hause bringen. Ich glaube aber nicht, dass uns Dad jetzt in irgendeiner Weise helfen kann. Er wird uns eher nur Vorwürfe machen, wenn er erfährt, dass sie öfters mit dir zusammen an unseren Fällen arbeitet.“

Charlie nickte, Alan würde das sicherlich nicht so einfach schlucken. Somit entschieden sie, erst einmal abzuwarten, was sie in Erfahrung bringen konnten, bevor sie Alan davon erzählten. Vielleicht sahen sie bis Sonntag alles klarer. Sarah schien ja außer Gefahr zu sein und zu ändern war der Angriff jetzt auch nicht mehr, auch wenn Alan da wäre.

 

„Und wer der Typ war, kann keiner sagen?“ hakte Charlie noch mal nach.

„Nein, schau dir bitte alle Bänder genau an, ob du aus irgendeinem Winkel heraus eine genaue Täterbeschreibung rausgeben kannst. Oder sonst irgendwelche Hinweise, die die Zeugen übersehen oder schon wieder vergessen haben.“

„Meinst du, das hängt mit einem Fall zusammen, bei dem Sarah geholfen hat?“

„Du meinst da ist jemand auf Rache aus?“

Charlie zuckte mit den Schultern.

„Er muss wohl ein mieser Schütze gewesen sein, denn er hat sie nicht verletzt. Wenn jemand Rache üben will, dann schickt er jemanden, der das Problem beiseite schafft. Nein, ich denke nicht, dass Rache das Motiv ist. Außerdem taucht ihr Name ja auch in keinerlei Zusammenhang mit unseren Fällen auf. Ich befürchte fast, sie war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Dass diese Typen irgendwas angestellt haben, wobei sie sich von ihr beobachtet fühlten. Aber das kannst du mir ja vielleicht beantworten, wenn du die Bänder analysiert hast.“

Charlie nickte und machte sich gleich an die Arbeit.

 

 

Es war mittlerweile früher Abend. Sarah schien es etwas besser zu gehen. Sie lief umher, war nicht mehr so apathisch, aber an genaue Details erinnerte sie sich immer noch nicht. Sie wollte nur gerne nach Hause gehen. Colby und Don berieten, dass sie ihr vorsichtshalber Polizeischutz geben wollten. Sie sollte auch sicherheitshalber das Haus jetzt erst mal nicht verlassen. Sarah akzeptierte alles, sie wollte nur nach Hause.

 

Kurze Zeit später fuhr Colby sie zum Eppes-Haus. Dort ging Sarah erst mal ausgiebig duschen. Anschließend kuschelte sie sich mit Colby auf die Couch. Sie genoss die Nähe und die Geborgenheit. In Colbys Armen zu liegen beruhigte sie immer. Mit dem Kopf auf seiner Brust seinen gleichmäßigen Herzschlag zuhören. In Colbys Armen konnte ihr nichts passieren. Allerdings war Colby heute recht unruhig. Sarah hatte einen Verdacht weswegen und sprach ihn direkt an. „Wenn du lieber wieder ins Büro gehen willst, dann ist das okay“.

Genau in diesem Moment wurde die Haustür aufgeschlossen und Charlie trat ein.

Colby musterte Sarah. Sie packte ihren ganzen Mut zusammen und sagte so fest und entschlossen wie möglich: „Charlie ist jetzt da. Ich bin nicht alleine. Und draußen vorm Haus stehen doch auch noch zwei von Euch.“

Colby schaute Charlie an. „Also ich bleib jetzt hier zu Hause. Don sagte mir noch mal, dass zumindest einer hier bleiben sollte, damit Sarah nicht alleine ist und ich habe nicht vor heute noch mal weg zu gehen.“

„Wenn es wirklich okay für Dich ist, dann würde ich gerne noch etwas arbeiten“, sagte Colby zu Sarah und sah sie eindringlich an. „Nicht, dass ich hier nicht für Dich da sein will, aber nur hier rum zu sitzen, das macht mich wahnsinnig.“

Sarah lächelte gequält aber verständnisvoll und nickte. Colby gab ihr einen Kuss auf die Stirn, verabschiedete sich – nicht ohne sie noch mal darauf hinzuweisen, dass sie ihn jederzeit anrufen könne – und fuhr wieder ins Büro.