Kapitel 2

 

In ihrem Kopf hämmerte es und ihre Gedanken überschlugen sich. Die nackte Panik überkam sie. Sie musste hier weg und das sofort. Ohne an irgendwelche Folgen zu denken, trat sie in die Pedale und radelte los. Fast wurde sie von einem Auto angefahren, dass aus der Nebenstraße kam. Sie wich aus und radelte ohne sich umzuschauen weiter.

Sie hörte, wie er ihr hinterher rief, aber sie wollte nicht stehen bleiben.

 

Sarah hatte nur noch ein Ziel vor Augen, die FBI Zentrale. Jetzt ihr Handy rauszukramen und Colby oder Don anzurufen, würde kostbare Zeit verschwenden. Sie musste in Bewegung bleiben, sie musste hier weg und zwar schnellstens.

 

 

Larry machte mal wieder einen seiner bewusst langsamen Spaziergänge durch den Park und die angrenzenden Straßen. Das heutige Wetter lud einfach dazu ein. Langsam und bedächtig setzte er einen Fuß vor den anderen.

 

Eine Fahrradfahrerin auf der entgegenkommenden Straßenseite erweckte plötzlich seine Aufmerksamkeit. Larry bewunderte ihr Tempo und erst kurz bevor sie auf gleicher Höhe waren, erkannte er Sarah.

Plötzlich schoss aus derselben Querstraße, aus der sie gekommen war, ein weißes Cabrio. In ihm saßen zwei Männer, so viel konnte Larry erkennen. Der auf der Beifahrerseite schien nicht zu sitzen, sondern zu stehen und was Larry beim vorbei fahren erkannte, ließ ihm das Herz in die Hose rutschen. Der hatte eine Pistole! Und war das gerade ein Schuss? Schoß der Typ auf Sarah?

 

Larry war ganz außer sich. „Ich muss Don anrufen!“ sagte er zu sich selbst. Hilflos und aufgebracht wühlte er in seiner Jackentasche, nur um dann fest zu stellen, dass er ja gar kein Handy besaß.

 

Er sah das Cabrio mit quietschenden Reifen abbiegen.

 

Er musste Hilfe holen. Don musste Sarah finden und vor diesem Irren retten! Larry, sonst nicht der aller sportlichste, lief los. Auf direktem Weg zum FBI Gebäude.

 

Seinen Besucher-Ausweis trug er ständig bei sich, denn man wusste nie, wann Charlie ihn bat eben mal schnell mit zum FBI zu kommen, um für Don vor Ort was durchzurechnen. Wobei Charlie in letzter Zeit immer öfters Sarahs Hilfe in Anspruch nahm.

Nachdem sich die Fahrstuhltüren geöffnet hatten, stürme Larry in den Bürokomplex und rief schon von weitem nach Don.

Dieser stand irritiert von seinem Schreibtisch auf und sah einen, weitaus verwirrteren Larry als sonst, auf sich zustürmen.

„Ist sie hier? Ist ihr was passiert? Habt ihr sie gefunden?“

„Was? Wen? … Hä?“ Don hatte sichtlich Schwierigkeiten ihm zu folgen.

Colby kam zufällig um die Ecke und blieb stehen.

„Ihr müsst sie finden und vor diesem Irren retten! Er schießt auf sie! Auf offener Straße! Da sind noch andere Menschen. Es könnten auch noch andere verletzt werden!“ Larry war ganz außer sich, plapperte wie ein Wasserfall und fasste sich immer wieder in seine Haare.

„Larry nun beruhige Dich“, versuchte es Don auf die sanfte Tour und unterdrückte das Gefühl, mit Larry in Panik zu geraten. Wenn Lary hier schon so auftauchte, dann musste es etwas Handfestes sein. „Wer ist sie?“

„Sarah!“

Colby klappte die Kinnlade runter. Auch Don hatte Probleme, das eben Gehörte zu verarbeiten. „Sarah wird verfolgt?“

„Ja, ich hab sie auf ihrem Rad gesehen, ist gefahren wie eine Besessene – und hinterher das Auto, und zwei Typen, einer mit der Pistole! Ihr müsst ihr helfen.“

„In welche Richtung ist sie gefahren?“

„Ich … das war…“ Larry war so vertieft in sein Gehen, dass er gar nicht auf den Weg geachtet hatte. „Ich hab keine Ahnung. Ich bin da gelaufen und da ist sie an mir vorbei gefahren und dann abgebogen. Keine…, keine Ahnung wo sie ist.“

 

Aus Larry waren keine weiteren Informationen raus zu bekommen, aber die Tatsache dass Sarah in Gefahr war, ließ Don handeln.

 

Er rief Megan und David zu sich: „Colby, setzt Dich mit dem LAPD in Verbindung, ob die schon etwas von einer Schießerei gehört haben. Wenn Sarah auf dem Fahrrad verfolgt und auf sie geschossen wird, dann werden sie sicher noch andere gesehen haben. David, ruf Sarah auf ihrem Handy an, vielleicht ist das doch nur eine Verwechslung. Megan, du kümmerst dich bitte um Larry!“

 

Er selbst war wie gelähmt. Alan hatte ihn immer wieder beiseite genommen und ihm von seiner Angst erzählt, einer seiner Söhne könnte was zustoßen, wenn sie an einem Fall arbeiten. Hatte er Sarah da zu sehr mit hinein gezogen? Sie war immer eine große Hilfe. Aber sie ist auch eine sehr gute Freundin, fast wie eine kleine Schwester. Don hatte sogar in Erwägung gezogen, sie offiziell als eigenständige Beraterin beim FBI anerkennen zu lassen. Und nun wurde sie verfolgt….

 

„Don!“ Colby kam zu ihm rüber. „Es scheint leider zu stimmen. Beim LAPD sind mehrere Anrufe eingegangen, dass eine Frau von einem weißen Cabrio verfolgt und dass auch geschossen wird. Die sind schon unterwegs und versuchen sie zu finden. Wir sollten…“

 

„Agent Eppes!“ rief plötzlich eine Stimme vom Fahrstuhl her. Nicht nur Don, sondern auch der Rest seines Teams drehten sich direkt der Stimme zu.

 

Da stand Agent Gibson und neben ihm Sarah. Colby lief auf sie zu. Sie sah völlig verängstigt aus, war schweißnass, schien aber unverletzt zu sein.

Sarah sah Colby, kam ihm ein paar Schritte entgegen und warf sich an seinen Hals. Er hielt sie so fest er konnte. Sie zitterte am ganzen Körper und fing nun hemmungslos an zu weinen. Colby hielt sie so fest es ging. Er kannte sie in diesem Zustand, er wusste, was er zu tun hatte. Wie oft wurde er des Nachts von ihr geweckt, weil sie eine ihrer Panikattacken hatte. Er sprach beruhigend auf sie ein, wollte ihr in die Augen sehen, aber sie hatte ihr Gesicht auf seine Brust gepresst und hielt ihn fest, als würde immer noch ihr Leben davon abhängen.

Don, Megan, David und Larry gingen langsam auf die beiden zu.

Was war nur geschehen?

 

Hilflos ging Don einen Schritt näher und berührte ihren Arm. Als Sarah das bemerkte, zuckte sie zusammen und ließ abrupt von Colby ab.

Sie erkannte Don, der ihr mit einem äußerst besorgten Gesichtsausdruck gegenüber stand. „Megan, kannst Du bitte einen Arzt rufen“, brachte Don mit zitternder Stimme hervor. So hatte er Sarah noch nie gesehen. „Ist so weit alles okay mit Dir?“

Sarah nickte nur langsam.

„Bist Du verletzt?“

Sie schüttelte den Kopf.

 

Sarah stand völlig unter Schock, das war allen klar. Am Liebsten hätten sie sie mit Fragen überhäuft, was genau passiert war, sie sollte doch reden und ihnen sagen, wer das war, aber alle hielten sich zurück.

Sarah war kreidebleich, die Augen ängstlich geweitet, sie zitterte immer noch. Colby legte seinen Arm um sie und zog sie mit sich in einen Besprechungsraum. Dort wies er sie an Platz zunehmen und organisierte ihr etwas zu trinken.

 

Sie vertraute Colby, wenn auch nur wenigen Menschen, aber ihm schon und sie war heilfroh, dass er da war.

Diesen Raum kannte sie. Sie war schon öfters mit Charlie hier gewesen. Es beruhigte sie. Sie hatte Charlie bei einigen seiner Präsentationen geholfen. Bei dem Gedanken, mit welchen ratlosen und verpeilten Gesichtern das FBI-Team Charlie lauschte, ließ sie etwas ruhiger werden. Sie war im FBI Gebäude. Sie war jetzt in Sicherheit.

„Bist Du wirklich nicht verletzt? Wurdest Du getroffen?“ sprach Colby ruhig auf sie ein und versuchte mit ihr ins Gespräch zu kommen.

Don war ihnen gefolgt und bewunderte ihn für seine Ruhe. In ihm keimte wieder der Gedanke auf, die beiden könnten doch was miteinander haben. Oft übernachtete sie bei ihm, so nah wie Colby, ließ sie keinen an sich ran und so wie er sich nun um sie kümmerte, waren die beiden mehr als nur Freunde, auch wenn sie das immer behaupteten.

Keiner der Anwesenden im Raum sprach etwas. Nur Colby sagte ab und an ein paar beruhigende Worte. Sarah saß stillschweigend auf ihrem Stuhl.

 

Kurze Zeit später kamen die angeforderten Sanitäter und untersuchten Sarah. Sie hatte Glück gehabt. Keine einzige Schramme hatte sie abbekommen. Dennoch wollten sie sie mitnehmen. Sarah wehrte sich, sie sah Colby flehend an, der ihr erst gut zuredete mit ins Krankenhaus zu fahren. Auch Don fand, dass sie in ihrem Zustand auf keinen Fall nach Hause gehen konnte. Sarah fing an zu weinen und redete leise mit Colby, der daraufhin aufhörte sie zu bedrängen und stattdessen die Sanitäter überzeugte, dass er sich um sie kümmern und sobald etwas sein sollte, sie höchstpersönlich ins Krankenhaus bringen würde.

 

Langsam schien Sarah aus ihrer Schockstarre aufzuwachen und wieder zu sich zu kommen.

Don tat es unendlich leid, aber er wusste, dass er handeln musste. Er zog sich einen Stuhl zu ihr heran und setzte sich schräg gegenüber.

„Sarah“, begann er leise, „kannst Du mir erzählen was passiert ist?“

Sarah starrte immer noch auf einen Fleck auf dem Boden. Konnte sie Don irgendetwas erzählen? Nein, das konnte alles nicht sein. Das war alles nur ein Albtraum, gleich würde sie aufwachen. Das konnte nicht real sein.

„Sarah“, versuchte es Don ein weiteres Mal. „Es ist wichtig mir zu erzählen, was ganz genau passiert ist.“

„Ich, … ich …. weiß nicht“, begann sie leise. „Ich wollte in die Bibliothek fahren. Und an der Kreuzung war dann plötzlich dieser Typ mit einer Halbautomatik“, brachte sie stockend hervor.

„Was wollte er von Dir?“

Sarah schüttelte zaghaft den Kopf.

„Hat er nichts zu Dir gesagt, hat er Dich zu irgendetwas aufgefordert?“

Wieder schüttelte sie den Kopf.

„Was ist dann passiert?“

„Ich bin los gefahren, so schnell ich konnte. Ich wollte hier her, in die FBI Zentrale. Ich dachte hier bin ich in Sicherheit.“ Sie hob ihren Kopf und blickte Don an. Ihre sonst so fröhlichen Augen waren leer und mit Tränen gefüllt.

 

Plötzlich klopfte David an die Scheibe, Don ging zu ihm hinaus.

„Sie haben das Pärchen, dem das Cabrio geklaut wurde. Die beiden werden gerade her gebracht. Was kann uns Sarah sagen?“

„Gar nichts“, erwiderte Don betrübt.

„Nichts? Das sieht ihr aber gar nicht ähnlich. Sonst kann sie sich doch auch alles merken!?“

„Ja, aber sie hat es wirklich böse erwischt, ich möchte sie auch ungern weiter bedrängen, denn ihr geht es sichtlich schlecht. Ich würde gerne das Pärchen befragen, wenn die beiden hier sind. Kannst Du mir Bescheid geben?“ mit diesen Worten ging er wieder zurück zu Sarah.

 

Auch Colby versuchte sein Glück zu ihr durchzudringen, aber auch ohne Erfolg. Sie konnte nur sagen, dass er eine Jeans getragen hat, eine rote Sweatjacke und ein Basecap. Er war männlich, etwas größer als sie, weiß, vom Alter her zwischen 30 und 35. Eine Beschreibung, die auf jeden dritten Mann zutreffen könnte.

 

Don ordnete an, alle Überwachungsbänder anzufordern, die die Verfolgungsjagd dokumentiert haben und sie genaustens auszuwerten. Irgendwie sollte sich doch raus finden lassen, wer das war.

 

Das Pärchen aus dem Cabrio war auch nicht hilfreicher. Zwar setzen sie sich mit der Phantomzeichnerin zusammen, dennoch blieb die Beschreibung mehr als dürftig. Auch der zweite Mann, der wohl unbewaffnet war, konnte nicht genau beschrieben werden.

 

Dons Hoffnung Larry könnte genauere Auskünfte geben, scheiterten auch. Er hatte sich auf Sarah konzentriert und bis er bemerkte, dass das Cabrio sie anscheinend verfolgte, war es auch schon an ihm vorbei gebraust.

Er brauchte Charlie hier. Er brauchte jemanden, der aus diesem bisschen was sie hatten, mehr zauberte. Don wählte Charlies Nummer, aber es ging nur die Mailbox ran. Charlie hielt wohl gerade eine Vorlesung, da war er selten zu erreichen. Er hinterließ Charlie eine Nachricht, dass er dringend zu ihm ins Büro kommen sollte und ging wieder an die Arbeit.