Kapitel 17

 

„Ich fasse es nicht, dass wir hier stehen“, meinte Colby.

„Meine Fliege erwürgt mich“, jammerte Charlie.

„Jungs, jetzt seid doch mal still, ihr macht ja alle wahnsinnig“, mischte sich Alan ein und drängelte sich vor den Spiegel.

 

„So, ich geh dann mal“, meinte Don. „Ich sollte Robin nicht warten lassen.“

„Wie? Du gehst schon?“ fragte Alan.

„Tja, im Gegensatz zu euch Dreien habe ich eine eigene Begleitung, ganz für mich alleine“, triumphierte Don, warf noch einen Gruß in die Runde und verließ das Haus.

 

„Soso, er und Robin“, grinste Colby.

„Und wir dürfen hier stehen und warten“, stellte Charlie fest und erntete einen bösen Blick von seinem Vater. „Was? Sie hat uns alle, und damit meine ich wirklich uns alle, dazu überredet dieses Jahr auf den FBI-Weihnachtsball zu gehen. Da waren wir noch nie! Keiner von uns. Und nun stehen wir drei hier und warten.“ Entnervt zupfte er an seiner Fliege herum.

 

„Ich hab euch nicht groß dazu überreden müssen. Außerdem habt ihr euch alle freiwillig so schick gemacht“, entgegnete Sarah, die gerade die Treppe runter kam.

Sie sah umwerfend aus in diesem schulterfreien Kleid, was Colby mit einem bewunderndem „Wow!“ kommentierte.

„Ist Don schon los?“

„Wieso, reichen Dir drei Männer etwa nicht?“ fragte Colby feixend.

„Doch, mir hätte auch nur einer gereicht“, sagte Sarah und sah gespielt genervt in die Runde.

„Du hast uns alle aber bearbeitet, dass wir da hin gehen sollten“, merkte Charlie an.

„Ja und?“

„Jeder von uns dachte, du gehst mit ihm dahin“, rechtfertigte er seine Stimmung.

„Ach jetzt war ich es wieder?“ tat Sarah auf beleidigt und unschuldig. „Das Dilemma entstand nur, weil ihr nicht mitgedacht hat. Frauen wollen gefragt werden. Alan war der einzige, der daran gedacht hat. Er hat mich gefragt, ob ich ihn zum Ball begleiten will. Seid eher froh, dass Alan bereit ist, mich mit euch zu teilen.“

„Ach, schafft der alte Mann das jetzt nicht mehr alleine?“ fragte Charlie amüsiert und bekam etwas unsanft den Ellenbogen seines Vaters zu spüren.

 

 

Der FBI Ball war gut besucht und sie hatten ihre Probleme, den Rest des Teams zu finden. Don war mit Robin auch schon angekommen. Megan hatte Larry als ihren Begleiter mitgebracht und David hatte sich endlich getraut Claudia Gomez, die Pathologin, anzusprechen.

 

 

Es war ein wundervoller Abend. Sie saßen zusammen, ließen sich das Buffet schmecken, tranken und lachten ausgelassen miteinander. Jeder unterhielt sich prächtig. Zwischendurch verließ das eine oder andere Paar den Tisch, um zu tanzen.

 

 

Irgendwann im Laufe des Abends, die Eppes Männer saßen gerade alleine am Tisch, bekam Don einen Anruf auf seinem Handy. Allein die Tonlage und der Gesichtsaudruck seines Sohnes ließ Alan erahnen, dass der Abend für einige gelaufen war.

Und so war es. In einem Park wurde eine Leiche gefunden. Ein Undercoveragent. Don und sein Team wurden zum Fall hinzugezogen und mussten sofort am Tatort erscheinen.

Don verabschiedete sich von Charlie und Alan und trommelte sein Team zusammen.

 

 

Larry kam auf Charlie und Alan zu: „Noch nicht einmal den Tanz gönnt uns das Verbrechen. Und nun sind wie alle weg. Schneller verschwunden als eine Sternschnuppe am Abendhimmel. Aber das sind wir ja gewohnt von ihnen. - Wenn ihr mich auch gleich wieder entschuldigen würdet. Ich war vorhin, bevor uns David unterbrach, in ein Gespräch mit Claudia verwickelt, welches ich gerne noch zu Ende führen würde. Sie hat eine Wahnsinns Theorie über das Leben nach dem Tod, höchst interessant.“ Und Larry verschwand in der Menge.

„Und ich werde mal der potentiellen Schwiegertochter auf den Zahn fühlen.“ Alan wollte schon aufstehen, da hielt ihn Charlie am Arm.

„Dad! Die beiden waren bisher nur ein paar Mal aus, willst Du jetzt gleich so mit der Tür ins Haus fallen?“

„Lass das mal schön meine Sorge sein, außerdem darf man ja mal träumen dürfen oder? Bei dir ist da ja in Sachen Beziehung, und geschweige denn Hochzeit, anscheinend nicht viel zu erwarten.“

Charlie schaute ihn entsetzt an. Er war so perplex, dass er gar nichts sagen konnte.

Alan lächelte versöhnlich: „Mein Sohn, wenn du wirklich diesen Schubs brauchst – und du hast ihn wohl gerade sehr nötig – dann gebe ich ihn dir. Da drüben steht Sarah, ganz alleine. Dir konnte heute Abend nichts Besseres passieren, als ein neuer Fall für Don und sein Team. Wenn du jetzt nicht endlich mal in die Gänge kommst, wird das wirklich nie mehr was“, er stand auf, zwinkerte ihm zu, drehte sich um und ließ ihn einfach zurück.

 

Stimmt. Dort drüben stand Sarah. Alleine. Sie sah wunderschön aus und Charlie bewunderte sie mal wieder für ihre Stärke und ihre Kraft. Man sah ihr die letzten Monate überhaupt nicht an. Ihre Blicke trafen sich, Sarah lächelte ihn an.

„Okay Charlie, jetzt oder nie“, sprach er sich selber Mut zu.

Langsam und unschlüssig ging er auf sie zu. Sie lächelte aufmunternd. Ihr gefiel seine unbeholfene Art.

Bei ihr angekommen, forderte er sie ganz höflich zum Tanz auf.

 

Es war das erste Mal seit langem, dass sich beide so nah waren. Er streichelte sanft ihre Hand, die er in seiner hielt, mit seiner anderen hatte er sie fest an sich gezogen, ohne sie zu bedrängen. An ihrem Hals spürte sie seinen warmen Atem.

Der Song, der gerade lief, handelte von erfüllten Weihnachtswünschen.

„Hat sich dein Wunschzettel komplett erfüllt?“ fragte Charlie.

Sarah lächelte. Charlie konnte es zwar nicht sehen, aber alleine am Klang ihrer Stimme erkannte er es: „Ja, ich hab sogar mehr bekommen, als ich mir je gewünscht habe.“

Sie tanzten ein paar Takte.

„Und was ist mit dir?“

Charlie ließ sich Zeit mit der Antwort. Alan hatte Recht, wenn nicht jetzt, dann würde dieser wunderbare Moment einfach verstreichen. Er lockerte seinen Griff um sie direkt anzusehen. Der Blickkontakt machte es aber eher noch schwerer, jetzt die passenden Worte zu finden. Sarah sah ihn aufmerksam an.

„Nicht all meine Wünsche. Aber ich habe noch Hoffnung.“

„Welche Wünsche sind noch nicht erfüllt worden?“

Charlie zögerte: „Du solltest meinen Mathe Kurs verlassen.“

„Was?“ Sarah blieb abrupt stehen und schaute ihn überrascht und entsetzt an. „Das wünschst du dir von mir zu Weihnachten?“

„Du hast in meinem Seminar nichts zu suchen. Du bist für die Klasse zu gut, du weißt so viel“, meinte Charlie versöhnlich, zog sie wieder an sich und tanzte weiter. „Professor Whiteberg, für den ich ja auch ab und zu Vertretung mache, bietet einen höheren Kurs mit einem anderem Schwerpunktgebiet an. In dieses Seminar solltest du dich einschreiben.“ Er machte eine kurze Pause: „Und dann werden wir beide ausgehen. Nur du und ich. An dem Tag, an dem du nicht mehr meine Studentin sein wirst.“ Er gab ihr einen vorsichtigen Kuss auf die Wange und zog sie noch etwas näher an sich heran.

 

Sarah schmiegte sich an Charlie.

Ein wohliger Schauer durchströmte sie. All der Schmerz, all die Demütigungen der letzten Jahre sollten endlich vorbei sein. Sie begann ein neues Leben. Hier bei ihrer neuen Familie, zusammen mit Charlie.