Kapitel 16

 

„Wo bleiben sie denn?“ fragte Alan in die Runde und schaute sich nervös auf dem Friedhof um. Sie wollten sich doch um 15:30 hier treffen.

Just in dem Moment sah er Charlies Auto auf den Parkplatz einbiegen.

Charlie hatte Larry angeboten, den Umweg zu fahren und ihn abzuholen. Alle von Dons Team waren schon da. Steve war schon gestern extra aus Washington gekommen.

„Alle die ihr wichtig sind“, ging es Alan zufrieden durch den Kopf.

 

Charlie stieg aus seinem Wagen und sah sofort die kleine Gruppe neben der Leichenhalle stehen.

Charlie kam plötzlich ein Gespräch mit Colby in den Sinn. Das war noch nicht mal zwei Wochen her. Er wollte Sarah im Krankenhaus besuchen, die immer noch nicht bei Bewusstsein war. Die Ärzte konnten keine Aussage darüber machen, ob und wann sie aufwachen würde.

Als er ihr Zimmer betrat, fand er Colby neben ihr sitzen. Er hielt ihre Hand und es schien mal wieder sehr vertraut zwischen den beiden.

Charlie erkundigte sich nur kurz bei Colby nach dem neusten Stand und wollte sich schon wieder verabschieden, da es ihm unangenehm war, die beiden so miteinander zu sehen. Es fühlte sich falsch an. Er wollte zu gerne an Colbys Stelle sitzen und ihre Hand halten.

Colby hielt ihn zurück und versicherte ihm wieder einmal, dass sie kein Paar wären. Charlies Gesichtsausdruck ließ wohl erkennen, dass er ihm nicht glaubte.

Colby druckste erst rum und sagte ihm schließlich, dass Sarahs Herz einem anderen gehören würde. Und selbst nach dieser Aussage, kam Charlie noch nicht darauf, was Colby ihm eigentlich gerade andeuten wollte.

Da Colby keine kosmischen Metaphern von Larry zur Hand hatte – die Charlie sicherlich besser verstanden hätte - beschloss er, ihn direkt darauf zu stoßen. Er sagte Charlie, dass er selbst nicht der Grund sei, warum sie nicht zu einander finden würden und außer dem einen Kuss bisher nichts gewesen wäre.

Charlie war erstaunt, dass Sarah ihm von dem Kuss überhaupt erzählt hatte.

Es sei auch sicherlich nicht ihre Professor-Studentin Beziehung, denn dafür würde sich doch eine Lösung finden lassen. Nein, alles, was Sarah bisher davon abgehalten hatte einen Schritt weiter auf ihn zu zugehen, war ihre Vergangenheit.

Erst da begriff Charlie. Der Kuss zwischen ihnen, sollte kein Ausrutscher aus der Situation heraus gewesen sein? Er war ernst gemeint? Sie hatte Gefühle für ihn?

 

Auf dem Weg zur Leichenhalle bereute er es, dass er sich bisher nicht getraut hatte, die Initiative zu ergreifen. Es hatte sich einfach nie ergeben, aber gibt es überhaupt für so etwas den richtigen Zeitpunkt?

 

 

„Warum seid ihr alle so förmlich angezogen?“ fragte Sarah in die Runde, als sie bei den anderen angekommen waren.

„Wir sind auf einem Friedhof“, rechtfertigte sich David.

„Das ist meine Arbeitskleidung“, sagte Don schnell und erntete einen bösen Blick von Sarah.

„Also dich habe ich seit Tagen nicht mehr im Anzug gesehen, Agent Eppes. Und was der Grund unseres Zusammenkommens angeht: Dem Arschloch gebührt kein Respekt.“ Sie selbst war ganz in weiß gekleidet. Seit sie vor ein paar Tagen aus dem Krankenhaus entlassen war, kümmerte sich Alan rührend um sie, was ihr sichtlich gut tat.

 

Sarah hatte sich in Alans angebotenen Arm eingehakt und sie gingen alle gemeinsam zur Gedenktafel.

Franks Asche war hier schon vor über einer Woche beigesetzt worden. „Im ganz kleinen Kreis“, wie Steve gefrotzelt hatte. Nur die beiden Friedhofswärter, die eben ihrer Arbeit nachgingen.

 

„So etwas bekommt man vom Staat?“ fragte sie entsetzt, als sie davor standen.

Einstimmiges nicken.

„Das ist viel zu schön!“

„Ich hätte im Auto noch eine Spraydose“, flüsterte ihr Colby zu.

Sarah lächelte. Dabei fühlte sie im Moment nur Hass und Angst. Seit Tagen versuchte sie sich darauf vorzubereiten, wie es ist hier zu stehen. Vor seinem Grab.

 

„Frank Baker 1973 - 2008“, war auf der Gedenktafel zu lesen.

„Immer noch viel zu nett“, dachte Sarah und zog ein Bündel Papier aus ihrer Tasche.

„Das wird aber ein richtig großes Feuer werden“, sagte David anerkennend.

Sarah hatte an diesem Brief lange geschrieben. Er begann mit „Du Arschloch“ und war unterschrieben mit „Melissa“. Für die Unterschrift hatte sie fast noch mal so lange gebraucht, wie für den ganzen Brief. Aber es war Melissa, die ihn so sehr hasste. Frank gehörte zu ihrem alten Leben, das er zerstört hatte. Sarah lebte ein neues Leben.

Zwischen Anrede und Unterschrift hatte sie alles aufgeschrieben, was er ihr je angetan hatte. Verziert mit wüsten Beschimpfungen. Sie hatte sich einfach alles von der Seele geschrieben.

 

Steve kam zu ihr und nahm sie liebevoll in den Arm. „Du schaffst das“, sagte er beruhigend. Sarah standen Tränen in den Augen. „Es ist nun wirklich alles vorbei. Schließe damit ab, lasse all deine Angst und all deine Wut hier. Ein Neuanfang, ganz ohne Zeugenschutz mit wundervollen Freunden. Du braucht nun nie wieder vor ihm Angst zu haben. Lebe das Leben, dass du dir immer gewünscht hast.“

Sarah nickte und Steve reichte ihr ein Feuerzeug.

 

Sarah schaute in die Runde. Jeder sah sie aufmunternd an. Sie wischte sich die Tränen von den Wangen und nahm das Feuerzeug.

Nachdem sie tief durchgeatmet hatte, zündete sie den Brief an und ließ ihn auf die Grabplatte fallen, wo er vollständig verbrannte.

Keiner sagte etwas, aber von jedem der dabeistehenden fiel eine Last ab.

 

 

Sie alle hatten die letzten Wochen mit ihr die Hölle durchlebt. Der Angriff auf offener Straße, die Wochen im Hotelzimmer, ihre Entführung, das Bangen um ihr Leben, und dann schien sie sich im Krankenhaus gar nicht zu erholen. Es schien, als wolle sie gar nicht mehr aufwachen, wobei es dafür medizinisch keinen Grund gab.

Die Schusswunde hatte zwar großen Schaden angerichtet, allerdings hatten die Ärzte im Krankenhaus die Blutung recht schnell unter Kontrolle bekommen. Laut medizinischem Gutachten war sie nicht weiter verletzt gewesen. Nur einen blauen Fleck von einem Schlag ins Gesicht. Das Drogenscreening war glücklicherweise auch negativ.

Unfassbar, aber Frank hatte ihr dieses Mal nichts angetan. Megan und Steve waren sich einig, dass sich Frank nicht getraut hatte, ihr etwas an zu tun. Er wollte sie für sich zurück gewinnen. Zudem hatte er ja gesehen, dass sie ihm nicht mehr bedingungslos folgte, viel stärker geworden war und sich notfalls auch zur Wehr setzen konnte. Somit hielt er sie zwar gefangen, aber keiner durfte sie auch nur anrühren.

 

Thomas Gordon dagegen wollte wohl an alte Zeiten anknüpfen und kam ihr zu nahe. Sarah hatte sich zur Wehr gesetzt, worauf Thomas sie geschlagen hat. Daher das Hämatom unter dem linken Auge. Als Frank davon Wind bekam, hatte er Thomas Gordon einfach erschossen.

 

Sarah war nach diesem Vorfall wie gelähmt. Frank hatte sich überhaupt nicht geändert. Er erschoss immer noch jeden, der ihm nicht bedingungslos folgte. Sie hatte unwahrscheinliche Angst vor ihm und versuchte erst gar nicht, aus ihrem Gefängnis frei zu kommen. Frank ließ sie bewachen und nur selten kam er zu ihr. Meist wollte er über die guten alten Zeiten reden, hatte es aber nie gewagt sie auch nur anzufassen. Wenn er nicht davon erzählte, wie glücklich sie ihn machte, redete er von der „Arbeit“, die sie erledigen sollte. Er brachte täglich neue Kundenlisten, an deren Konten sie gelangen sollte. Sie tat einfach, was man von ihr verlangte und schaffte es in zwei unbeobachteten Momenten die beiden Mails ans FBI zu senden.

 

Noch im Krankenhaus hatte Sarah alles zu Protokoll gegeben. Die Staatsanwältin Robin Brooks hatte den Fall bekommen und widmete sich dem voll und ganz. Sie war täglich bei Sarah im Krankenhaus, nahm auch von allen Agents die Aussagen auf, ließ sich alles haarklein erzählen. Was wann genau passiert war, und wie sich Sarah in das System der Bank hacken konnte. Aufgrund ihres guten Zahlengedächtnisses konnten sie einige der weiter abgezweigten Geldbeträge wieder aufspüren und kamen so an noch mehr Hintermänner und „Geschäftsleute“ von Frank.

Dank Sarahs detailliert Aussage, und den Spuren des gestohlenen Geldes, konnte die Staatsanwältin alle Beteiligten anklagen. Die meisten waren schon vorbestraft. Diesmal sollte keiner ohne Haftstrafe davonkommen.

 

Ein Rätsel sollte allerdings bleiben, wie Frank sie wieder finden konnte. Bei ihrer Befreiung hatten sie leider alle erschießen müssen. Keiner von Franks Kumpels konnte mehr reden und die Spuren verliefen ins Leere.

 

 

Nachdem der Brief vollständig verbrannt war und ein Windstoß die Asche anfing zu verteilen, spürte Sarah wie links und rechts jemand ihre Hand nahm. Colby und Steve. Ohne die beiden hätte sie das alles nicht überstanden. Sie gab beiden einen Kuss auf die Wange und sie alle machten sich auf den Weg zurück zum Parkplatz.

 

Sarah fühlte sich endlich frei.

 

Noch auf dem Parkplatz hieß es von Steve Abschied nehmen, da er sofort wieder zurück nach Washington musste. Er hatte ihr zu Liebe schon zu viel Zorn von seinem Boss auf sich gezogen.

Allerdings war es diesmal kein Abschied für immer. Sie wollten sich wieder sehen, einfach mal so, ohne FBI, mit einer Pizza auf der Couch, regelmäßigen telefonieren und nie wieder aus den Augen verlieren. Dieser Gedanke machte den Abschied für beide leichter.

 

Alle anderen kamen noch mal mit nach Hause und ließen den Abend im Eppes`schen Wohnzimmer ausklingen.