Kapitel 15

 

Sie schlichen sich gerade zum Haus, als Justin Escot zufällig aus dem Fenster sah und die herannahenden Agents erblickte. Für einen kurzen Augenblick starrte er die Agents entsetzt an, bevor er sich wieder weg drehte und „FBI!“ schrie.

Don, der sich am weitesten vor gewagt hatte, rannte bis zur Veranda und suchte davor Deckung. Er konnte hören, wie mehrere Menschen im Haus umher liefen. Wie viele es waren konnte er nicht ausmachen.

 

Auch die anderen Agents suchten schnell Deckung.

„Und nun?“ rief Colby, der hinter einem Baum Schutz gefunden hatte.

„Wir müssen sie da raus holen“, antwortete Don, gebückt vor der Veranda kniend. Jetzt wo sie entdeckt waren, hatten sie leider nicht mehr den Überraschungsmoment auf ihrer Seite. „Auf drei!“

 

Doch bevor er anzählen konnte, hörte er Glas splittern und jemand aus dem Haus eröffnete das Feuer durch das eingeschlagene Fenster.

Zeitgleich waren Schüsse vom hinteren Teil des Hauses zu hören. Das SWAT Team auf der Rückseite stand also auch unter Beschuss.

Die Agents erwiderten den Schusswechsel und die beiden Teams, Dons auf der Vorderseite und das andere auf der Rückseite, versuchten sich näher ans Haus heran zu arbeiten. Sie mussten jetzt da rein.

 

Don und Megan gaben Feuerschutz, während David und Colby auf die Veranda stürmten und sich links und rechts neben der Eingangstür positionierten.

Colby konnte hören, wie im Haus einer zu Boden fiel. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, er wollte Sarah hier raus holen. Und er betete, dass sie noch lebte und größtenteils unverletzt war. So hatte er sich das nicht vorgestellt.

 

Der zweite Schütze, der auf sie geschossen hatte, verschwand plötzlich vom Fenster. Man hörte nur noch den Schusswechsel im hinteren Teil des Hauses. Megan, Don und die anderen Agents gaben ihre schützende Deckung auf und sammelten sich vor der Haustür.

 

Sie schlugen die Tür auf und sicherten den Eingangsbereich.

Justin Escot lag tot am Boden. Michael Kells eröffnete das Feuer vom angrenzenden Wohnzimmer aus, wo er hinter der Sitzgruppe Deckung gefunden hatte. Als er sich etwas hinter seiner Deckung hervor traute, wurde er durch eine Kugel von Colby zu Fall gebracht.

Vorsichtig arbeiteten sie sich die Agents weiter Richtung Küche, aus der immer noch Schüsse fielen.

 

Im Hinteren teil des Hauses lieferten sich drei Männer einen wilden Schusswechsel mit dem SWAT Team, das die Rückseite des Hauses umstellt hatte.

Diesmal hatten sie den Überraschungsmoment auf ihrer Seite.

Nachdem sie alle Männer zu Fall gebracht hatten, war es ganz ruhig.

Die Agents schwärmten aus, durchsuchten das ganze Haus. Don und Colby übernahmen den Keller.

 

 

Don stieg, dicht gefolgt von Colby, die Kellertreppe hinab. In den anderen Häusern hatten sie sie auch im Keller gefangen gehalten. Sie musste doch hier irgendwo sein!

Es war dunkel. Um die Ecke herum war ein schwacher Lichtschein. Don und Colby näherten sich vorsichtig der Ecke. Don spähte herum. Er konnte Frank Baker in einem hinteren Raum stehen sehen.

Frank stand da mit gezogener Waffe. Aber er zielte nicht auf die FBI Agents, nein, sondern auf jemanden, der sich in dem Raum befand.

 

Sarah hatte die FBI Agents das Haus stürmen hören. Kurz darauf kam Frank zu ihr runter. Er hatte ihr unmissverständlich klar gemacht, dass er nie wieder ohne sie sein wollte, dass er sich lieber erschießen ließe, als wieder in den Knast zu müssen. Er wollte mit ihr vereint bleiben und das FBI würde sie ihm nicht wegnehmen. Das würde er nicht zulassen.

Seit unendlichen Minuten stand er nun vor ihr und zielte auf ihren Kopf.

 

Sie konnte hören, wie die Agents oben einen nach dem anderen überwältigten, es fielen unzählige Schüsse. Ihre Stimmen zu hören ließ sie hoffen. Sie würden sie retten, sie würden sie hier raus holen! Wenn nicht Frank sie vorher erschießen würde. Sie saß einfach nur da und war am Ende ihrer Kräfte.

Nicht der Gedanke, sie könnte gleich erschossen werden lähmte sie, nein, eher die Tatsache, dass Colby, Don und alle anderen nur wenige Meter von ihr entfernt waren und nun doch alles umsonst gewesen sein sollte?

 

Don gab Colby ein Zeichen und sie kamen hinter der schützenden Ecke hervor.

„Frank Baker!“ rief Don. „FBI! Legen sie die Waffe weg!“

Frank schaute Don direkt in die Augen. Seine Augen waren kalt und leer. „Sie werden mich schon erschießen müssen“, meinte er lapidar.

Frank konnte nicht ahnen, wie gerne Colby oder auch Don das erledigen würden.

„Legen sie die Waffe weg!“ brüllte Don und näherte sich vorsichtig. Colby blieb dicht hinter ihm.

Don positionierte sich so, dass er in den Raum etwas einsehen konnte. Gegenüber von Frank auf dem Boden saß Sarah. Unbewaffnet, ausgemergelt, erschöpft, aber am Leben.

 

In seinem Kopf arbeitete es auf Hochtouren. Sollte er schießen, wenn ja wohin? Sie standen sehr ungünstig zueinander. Frank stand mit der linken Seite ihnen zugewandt, dass er nicht direkt die Schusshand oder den rechten Arm treffen würde. Ein Schuss ins Bein würde ihn vielleicht dazu veranlassen, einfach auf Sarah zu schießen. Da der Kellerraum kein Fenster hatte, war diese Tür die einzige Möglichkeit in den Raum zu gelangen. Don überlegte, was er tun sollte. Doch eine Kugel in den Kopf? Dann hätte er wieder einen Haufen Ärger am Hals, aber Sarah wäre in Sicherheit. Er zielte schon mal etwas höher. Laut Steves und auch Megans Profil, wäre Frank nicht in der Lage sein Sarah zu töten. Don hoffte inständig, dass Frank das auch wusste.

„Frank, geben sie es auf“, versuchte es Don noch einmal. „Oben sind Dutzende Agents, sie werden hier nicht ungeschoren raus gekommen! Legen sie die Waffe weg.“

 

Frank sah ihn nicht an, er hatte seinen Blick stur auf Sarah fixiert. Plötzlich ertönte ein Schuss aus dem kleinen Kellerraum.

 

Don und Colby reagierten gleichzeitig. Ihre beiden Schüsse verhallten im Keller zu einem einzigen.

 

Frank sackte leblos zusammen. Nach einer kurzen Schrecksekunde stürmte Colby in den Raum, um nach Sarah zu sehen. Sie saß auf dem Boden, ihre Augen vor Schreck geweitet, die Hände beide auf ihren Bauch gepreßt. Seine Anspannung und das feste umklammern seiner Waffe mit beiden Händen, jederzeit bereit noch einmal zu schießen, fielen schlagartig von ihm ab. Fassungslos stand er mitten im Raum.

„Colby!“ flüsterte sie. Unter ihren Händen floss Blut hervor.

Er wusste nicht, was er ihr sagen sollte. Sie war getroffen, schwer verletzt wie es aussah. Wenn sie weiter so blutete, würde es nicht lange dauern und sie würde sterben. Er ging langsam auf sie zu und kniete sich neben sie. Nein, so sollte das hier nicht enden. So durfte das hier nicht enden. Er legte sachte eine Hand auf die ihre. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen.

„Bring mich hier raus“, flehte sie ihn an.

„Nein!“, Colby schüttelte vehement den Kopf und kämpfte gegen Tränen an. „Nein, du solltest dich so wenig wie möglich bewegen. Hilfe ist unterwegs!“

„Ich will nicht hier unten sterben“, erwiderte sie und sah ihm direkt in die Augen.

So hatte er sich ihre Rettung nicht vorgestellt. Er hatte so gehofft, dass sie sie befreien würden, ohne dass ihr etwas zustoßen würde. Dass sie ihm um den Hals fiel, er sie einfach wieder fest halten konnte, dass alles wieder gut werden würde. Nun lag sie hier, schwer verwundet. Colby schaute sich Hilfe suchend nach Don um, der nur mit den Schultern zuckte und gerade über Funk die Sanitäter rief.

Sollte doch alles umsonst gewesen sein?

In Sarahs Augen standen Tränen.

 

Colby konnte sie verstehen. In ihrem Gefängnis sterben, das wollte er ihr nicht antun. Er ist her gekommen um sie hier raus zu holen. Und das würde er auch tun, vor allem, weil es ihr Wunsch war. Colby traf eine Entscheidung: „Okay, ich bring dich hier raus!“ Er nahm sie auf den Arm und trug sie aus dem Haus.

Im Vorgarten legte er sie auf die Wiese in die warme Oktobersonne.

Sarah spürte das weiche Gras unter sich, die Sonne schien, es war keine Wolke am Himmel zu sehen.

Colby kniete sich direkt neben ihren Kopf und streichelte ihr beruhigend über die Haare. Das tat ihr sonst auch immer gut und beruhigte sie.

Don benutzte sein Shirt um es auf die Schusswunde zu drücken, sie blutete immer noch sehr stark.

„Danke, dass ihr mich gefunden habt“, sagte Sarah leise.

„Shhh“, machte Colby, ihm standen Tränen in den Augen, weiter wusste er nichts zu sagen.

Steve kam aus dem Haus gelaufen und blieb ein paar Meter vor der Gruppe fassungslos stehen. Er konnte nicht weiter gehen. Seine Beine wollten ihn einfach nicht näher zu Sarah tragen. Aus den Augenwinkeln heraus sah er Megan neben sich treten, die ihm beruhigend die Hand auf die Schulter legte.

 

Plötzlich bekam Sarahs Gesicht ein friedliches Grinsen. „Charlie“, flüsterte sie.

Sie hatte seinen Lockenkopf gegen die Sonne ausmachen können. Er kniete sich neben Don und sah ihn fragend an. Dons Gesicht versprach wenig Hoffnung, auch Colbys Gesichtausdruck verhieß nichts Gutes.

„Ich bin da. Wir sind alle da“, sprach Charlie so zuversichtlich wie möglich und nahm ihre Hand.

 

Mehr musste Sarah nicht wissen und schloss beruhigt die Augen.