Kapitel 14

 

Es war später Abend, als sie vom Einsatz wieder ins FBI Büro zurückkamen. Bis auf einzelne andere Agents, die noch Papierkram erledigten, war keiner mehr anwesend.

Don und sein Team waren viel zu aufgebracht um nach Hause zum Schlafen zu gehen. Alle wollten weiter an dem Fall arbeiten. Sie kamen endlich weiter.

Sarahs Spur zog sich quer durch L.A. Laut Charlie war allerdings kein Muster zu erkennen, was das Vorhersagen des aktuellen Versteckes nicht ermöglichte. Dennoch versuchte er noch mehr Hinweise aus den Daten zu gewinnen. Endlich konnte er etwas tun. Die letzten Tage hatte sich Charlie vor lauter Vorwürfe selbst im Weg gestanden. Er hatte sich nicht richtig konzentrieren können. Einige seiner Vorlesungen hatte er abgesagt, weil er keinen Gedanken zu Ende führen konnte. Alan und Larry hatten sich große Sorgen um ihn gemacht.

Seitdem sie die beiden Mails von Sarah entdeckt hatten, war sein Geist wieder schlagartig wach. Wenn er sich nur genug anstrengen würde, dann könnte er Don sagen, wo Sarah zu finden ist, dann würden sie sie retten.

 

 

Don, Colby und David saßen im Konferenzraum. David starrte die Beweise an und als Don nach Steve rief, schreckte Colby hoch.

Steve kam aus der Kaffeeküche herüber.

„Was kannst Du uns über diesen Thomas Gorman sagen, den wir vorhin gefunden haben?“

„Er war einer von Franks Gefolgsleuten. Laut Sarah war er auch damals bei einigen krummen Dingern mit dabei, aber wir konnten ihm nichts nachweisen. Er hat des Öfteren die Drecksarbeit für ihn erledigt. In der Zeit als Frank im Knast war, hatten sie allerdings keinen Kontakt. Ich habe vorhin sein Foto Charlie gezeigt. Er hat Gorman als einen erkannt, der sie in der Uni überfallen hatten. Er gehörte also eindeutig wieder zu seinem Team.“

„Kaum ist Frank draußen, holt er Gorman wieder mit dazu. Einen so treuen Freund erschießt man doch nicht einfach, oder? Ich meine, Gorman wird sicher dicht gehalten haben. Ihm konnte nichts nachgewiesen werden, also belastet er auch keinen. Warum liegt er dann in der Pathologie?“

David überlegte laut: „Er muss sich irgend etwas geleistet haben, was keine Entschuldigung duldet.“

Steves Gesichtsausdruck wich Fassungslosigkeit. „Er war einer der Kerle, denen Frank immer was schuldete. Er war früher immer in Franks Nähe. Sarah konnte keine eindeutige Aussage machen, dennoch ist davon auszugehen, dass er sich auch an ihr vergangen hat.“

„Du meinst…“

„Sprecht es bitte nicht aus!“ sagte Colby schnell, stand von seinem Stuhl auf und lief besorgt und angespannt auf und ab.

„Er hat sich vielleicht – auf welche Art auch immer - Sarah genähert und sich dafür eine Kugel gefangen?“ formulierte es David so vorsichtig wie möglich.

Steve nickte. „Das würde perfekt in sein psychopathisches Profil passen.“

„Er ist laut Gerichtsmedizin seit fünf Tagen tot. Er lag in dem ersten Haus, dass sie benutzt haben. Warum haben sie die Leiche nicht entsorgt? Denen muss doch klar sein, dass sie irgendwann gefunden wird. Denkt Frank etwa, er wäre klüger als wir und wir würden ihm nicht auf die Schliche kommen?“ warf David in den Raum.

„Er fühlt sich mit Sicherheit überlegen“, überlegte Steve laut. „Er vertraut Sarah zu sehr. Ich glaube, er lässt ihr ziemlich freie Hand, was die „Geschäfte“ angeht, sonst hätte sie nicht die Möglichkeit gehabt, die Mails zu schreiben. Er fühlt sich sicher, weil er denkt, dass Sarah alle Spuren verwischen wird, so wie sie es früher auch immer für ihn getan hat. Ich glaube nicht, dass er weiß, dass wir ihnen auf den Fersen sind, geschweige denn, dass wir wissen, was sie vor haben.“

 

„Und ich weiß jetzt auch noch, wie sie an die Häuser gekommen sind.“ Megan kam herein. Gefolgt von Charlie, der von Dons Schreibtisch aus, an dem er noch gearbeitet hatte, die Diskussion im Besprechungsraum mitbekommen hatte.

Megan berichtete, was sie herausgefunden hatte: „Sie haben die Gegend nach zum Verkauf stehenden Häusern ausgekundschaftet und Kontakt mit den Immobilienmaklern aufgenommen. Ich habe mit allen Maklern der Häuser sprechen können. Am Tag, bevor sie das Haus besetzten, haben sie es sich angesehen. Die Makler haben auf den Fotos, die ich ihnen zugefaxt habe, eindeutig Frank Baker identifiziert. Es war auch immer ein zweiter Mann dabei. Ich habe den Maklern auch mal auf gut Glück das Foto von Michael Kells und Thomas Gordon geschickt. Sie haben alle Kells als zweiten Mann identifiziert. Frank wollte angeblich heiraten und seiner Frau ein Haus kaufen. Michael Kells gab sich als Bruder der Braut aus. Es lief immer nach derselben Masche ab: Sie sahen sich das Haus an und fanden es angeblich perfekt, um hier eine Familie zu gründen. Sie ließen etwas Geld springen mit der Bitte, das Haus die nächsten Tage keinem zu zeigen, damit sie es sich in Ruhe überlegen könnten.“

„Das erklärt nun auch, warum sie so oft den Standort gewechselt haben“, mischte sich David ein.

Megan nickte. „Ihnen war klar, dass sie immer nur ein der zwei Tage hatten. Die Makler sahen diese kleine finanzielle Aufmerksamkeit schon als eine Art Zusage an und zeigten das Haus dann erst mal nicht weiter. Alle Kontaktdaten ob Name oder Adresse, die Frank bei den Maklern hinterlassen hatte, existieren nicht. Die Handynummern gehörten Prepaid Handys, die nicht mehr in Gebrauch sind.“

„Das erklärt, warum wir sie bisher noch nicht finden konnten. Es dürfte aber schwierig sein in allen anderen Maklerbüros nach Frank oder diesem Michael Kells zu fragen“, meinte David.

„Wir müssen da anders rangehen. Wir müssen über ihr Motiv an sie ran kommen“, begann Don, der auch schon eine Idee hatte. „Sie haben es anscheinend nur auf die National Bank abgesehen. Alle andere Banken, bei denen wir nachgefragt haben, haben momentan keine Probleme mit so massiven Hackerangriffen.“

„Und?“ fragte David.

„Wir warten einfach!“

„Wir warten?“ fragten Colby und David gleichzeitig und tauschten irritierte Blicke.

„Ja, sie haben es bisher schon zig mal geschafft sich ins System zu hacken. Sie werden es wieder versuchen. Wie Steve eben schon sagte, sie wissen ja nicht, dass wir ihnen auf den Fersen sind. Wir warten ab, bis sie sich wieder einhacken, verfolgen die IP und haben zumindest die Gegend, in der sie sich aufhalten müssen. Bisher waren alle Verstecke leer stehende Wohnhäuser. So viele gibt es ja rund um die IP nicht, da der Radius eines W-Lans nicht so wahnsinnig groß ist. Ich glaube so kommen wir schneller ans Ziel. Bisher waren es mehrere Dutzend illegale Zugriffe auf die Bank in sechs Tagen. Sie werden schneller wieder zuschlagen, als wir allen Maklern in L.A. Franks Foto zeigen können.“

Alle nickten zustimmend. Nur Charlie schüttelte den Kopf. „So einfach geht das leider nicht“, meinte er und erntete fragende Blicke. „Okay, ich erklär es Euch. Sie kommen doch immer mit einem Passwort in das System und transferieren das Geld. Woher wollen wir wissen, welcher Zugriff nun illegal ist und welcher nicht?“

David hob entschuldigend die Hände.

„Es sind immer Geldbeträge zwischen 10.000 und 30.000 $ die verschwunden sind, aber danach kann man nicht gehen. Das sind jetzt keine Unsummen und die L.A. National Bank wird täglich hunderte solcher Buchungen tätigen. Wobei …“, Charlie stockte plötzlich und stand auf. „Ich habe da etwas Wichtiges übersehen!“ rief er, während er aus dem Konferenzraum lief.

 

Alle folgten Charlie, der wieder zurück an Dons Schreibtisch gegangen war.

Als sie bei ihm ankamen, saß Charlie schon eifrig tippend am Laptop.

„Was hast Du übersehen?“ fragte Don seinen Bruder.

„Mir ist das erst gar nicht aufgefallen… ich bin so blöd … sie benutzen ein Zwischenkonto.“

„Ein was?“

„Sie transferieren das Geld vom dem gehackten Account erst mal auf ein eigenes, zerteilen dann den Geldbetrag, so dass er schwerer zu verfolgen ist“, Charlie war ganz aufgeregt. „Es gibt zwei Konten, die immer wieder auftauchen … dass ich daran nicht gedacht habe!“ Er gab immer mehr Befehle in den Laptop ein und verfolgte aufmerksam den Bildschirm.

Der Rest des Teams konnte bei dem Tempo nicht viel erkennen.

„Da hab ich es. Diese beiden Konten benutzen sie praktisch als erste Ablage für ihr Geld, bevor es dann von da ins Ausland oder eben auf andere Konten überwiesen wird.“

„Und inwieweit hilft uns das jetzt weiter?“ wollte David wissen.

„Wir überwachen diese beiden Konten. Sobald auf diese Konten zugegriffen wird, dahin Geld transferiert wird oder sonst irgendetwas damit geschieht, wissen wir, es sind unsere Hacker. Sie sind nicht sehr klug, dass sie nur zwei solcher Konten angelegt haben.“

„Oder diejenige, die sie angelegt hat, wollte uns helfen, sie zu finden“, meinte Steve. „Frank kennt sich damit kaum aus, aber er vertraut Sarah. Wie es mit den Kenntnissen der Anderen aussieht, weiß ich nicht. Sarah allerdings weiß genau was sie tut und weiß, wie sie uns helfen kann, dass wir sie finden.“

„Und das werden wir auch“, sagte Don zuversichtlich. „Auf welchen Namen laufen die Konten?“

„Adrian Shane und William Letou“, las Charlie vor.

Don sah Steve fragend an.

„Beide Namen sagen mir gar nichts“, erwiderte dieser. „Wobei Letou…? Das war glaube ich der Mädchenname von Franks Mutter. Muss aber auch nichts heißen. Ist sicher nur eine Scheinidentität. Wir sollten die Namen dennoch überprüfen lassen.“

Colby hängte sich gleich ans Telefon, bekam aber keine Informationen, die ihnen in irgendeiner Weise helfen würden. Steve hatte mit seiner Vermutung recht: eine Scheinidentität.

 

„Okay, dann geht nach Hause, schlaft alle mal eine Runde. Sobald sich etwas tut und wir eine Adresse haben, ruf ich Euch an“, befahl Don.

Das ließen sie sich nicht zwei mal sagen. Es war ein langer anstrengender Tag gewesen und jeder freute sich auf seine Dusche und sein Bett. Sie hatten eine Spur, sie hatten einen Plan. Auch wenn dieser Plan nur abwarten beinhaltete. Abwarten, bis Sarah sich wieder in der Bank einhackte und auf eines der beiden Konten zugriff.

 

Don und Charlie setzten sich mit der Bank und dem dort ansässigen Techniker in Verbindung. Zuerst weigerte sich die Bank, ihnen die erforderlichen Zugangsdaten zu geben, aber Don bestand darauf und drohte mit einem Gerichtsbeschluss. Schließlich würde wertvolle Zeit vergehen, wenn Sarah sich einhackte und das FBI erst dann benachrichtigt werden würde, wenn alles schon passiert ist. Die Bank, auch daran interessiert den Fall schnellstmöglich aufzuklären, stimmte dann doch allem zu. Zusammen mit einem FBI Techniker vernetzten sie ihre Computer, so dass das FBI jeden Zugriff auf eines der Konten gleich zurück verfolgen konnte.

 

Die Leitungen standen und nun hieß es warten. Sobald auch nur der Ansatz eines Hackerangriffes zu verzeichnen war, sollte Don benachrichtigt werden.

 

 

Die Nacht war ruhig, dennoch konnte keiner aus dem Team erholsam schlafen, zu angespannt war jeder von ihnen. Der Morgen begann wie jeder andere im Büro, nur dass sie alle früher als sonst auftauchten. Sogar Charlie hatte wieder eine seiner Vorlesungen sausen lassen und saß mit an Dons Schreibtisch. Jeder stand unter Anspannung. Bei jedem Klingeln eines Telefons zuckten sie zusammen.

 

Kurz nach Mittag bekam Don den erwarteten Anruf vom FBI Techniker Matt Li. Sofort stürmte das gesamte Team zu ihm herüber.

 

„Es ist gerade Geld auf das Konto eingegangen“, erklärte Agent Li und zeigte dem Team etwas auf dem Bildschirm.

Jeder schaute ungläubig auf den Monitor. Was sollten sie da sehen? Nur Charlie war völlig aufgeregt: „12.000$ sind eingegangen. Sie teilt sie gerade auf weitere Konten auf.“

„Mir ist das Geld egal, ich brauch eine Adresse“, drängte Don.

 

Agent Li begann sogleich eifrig Zahlen und Daten einzutippen und verkündete: „Laut IP ist das ist der Anschluss von Mathew Jonas, wohnhaft 8388 Kentwood Ave.“

Don nickte seinem Team zu: „Los geht’s!“

 

In Windeseile saßen alle in ihren Autos. Das in Bereitschaft wartende SWAT Team wurde zeitgleich auf den Weg geschickt.

 

 

Kurze Zeit später standen alle Teams eine Querstraße entfernt und berieten sich.

 

Colby und David erklärten sich bereit, die Umgebung zu erkunden und liefen in Zivil einmal um den Block. Das Haus direkt neben dem von Mathew Jones, stand zum Verkauf. In der offenen Garage stand ein weißer Lieferwagen.

Mehr mussten die beiden nicht wissen. Sie eilten unauffällig zurück zum Team und erstatteten Bericht.

 

 

Nach einer kurzen Taktikbesprechung, schlichen sich die Teams ans Haus oder fuhren, einer nach dem anderen, mit getarnten Wagen vor.

 

Don, Colby und Steve hatten sich sehr weit nach vorne ans Haus gewagt und hinter einer Hecke Deckung gefunden. Eine ganze Weile beobachteten sie das Gebäude. Drinnen war es ganz ruhig. Auch das Team von der Rückseite erkannte nichts außer gewöhnliches.

Zwei Männer liefen am Fenster im Erdgeschoss vorbei. Steve identifizierte sie als Anhänger von Frank Baker. „Die beiden kennen wir doch. Der eine ist Michael Kells, der andere Justin Escot, auch ein alter Bekannter von Frank. Ebenfalls mit einer Bewährungsstrafe davon gekommen.“

„Meinst du, Sarah ist noch da?“ fragte Don.

Steve nickte. „Laut Agent Li hat sie sich vor 30 Minuten ausgeloggt. Da die Kerle noch da sind, müsste Sarah eigentlich auch noch hier sein.“

„Dann lasst sie uns da raus holen“, sagte Colby hoffnungsvoll.

 

Don besprach sich über Funk mit den restlichen Agents und gab den Befehl, sich näher ans Haus zu schleichen.