Kapitel 13

 

„Sorry, der Verkehr vom Flughafen her war schrecklich“, entschuldigte sich Steve. „Was habt ihr bisher heraus gefunden?“ fragte er in die Runde, während er Platz nahm.

Steve war nach Sarahs Entführung vor sechs Tagen natürlich sofort gekommen, wurde dann aber wieder zurück nach Washington gerufen. Er telefonierte täglich mit Colby oder Don, um auf dem Laufenden zu bleiben und als ihn Colby an diesem Morgen anrief und von den Mails erzählte, hatte er alles stehen und liegen gelassen. Dieses Mal würde er sich sicherlich eine gehörige Abmahnung einfangen. Aber es war ihm egal, es ging hier um Sarah. Es ging um ihr Leben.

 

Colby informierte ihn, wie sie das Haus der Masons gestürmt hatten und zeitgleich ein anderes Team das der Newlands. Bei beiden Familien war der Internetanschluss angezapft worden. Bei beiden traten erst Störungen auf, die dann von einem Techniker behoben wurden, wobei alle Sicherheitsvorkehrungen entfernt wurden. Bei den Newlands waren sie im benachbarten Haus untergetaucht, das ebenfalls wie das Haus bei den Masons gegenüber, zum Verkauf stand.

Im Nachbarhaus der Newlands war in einem fensterlosen Kellerraum ein kleines Zimmer, wenn man es denn so nennen will, mit einem Bett und einem Schreibtisch gefunden worden. Die Spurensicherung war noch dran, das gefundene Material mit Sarahs abzugleichen.

 

„Wieso haben sie so schnell wieder ihr Versteck gewechselt? Die Mail vom Account der Masons war keine sechsundzwanzig Stunden alt, als wir da aufgetaucht sind“, überlegte Don laut. „Klar ist, sie sind sehr gut organisiert. Mindestens fünf Männer, eher mehr. Sie spionieren die Nachbarschaft aus, stören die Internetverbindungen, geben sich als Techniker aus, um diese dann zu manipulieren. Sie brauchen für irgendetwas einen Internetzugang.“

„Er hat wieder etwas Kniffliges vor, dafür braucht er Sarah. Sie hat doch schon früher die Hauptarbeit für ihn erledigt. Und gerade am Computer und im Internet kennt sie sich aus“, sagte Steve.

„Aber was könnten sie vor haben?“ fragte David in die Runde.

 

„Das werde ich euch hoffentlich gleich sagen können“, meinte Charlie, der gerade den Raum betrat. Er stellte seinen Laptop auf dem Tisch ab und stöpselte ihn an. „Ich bin zwar noch nicht weit gekommen, aber ich habe mir beide Internetanschlüsse der Newlands und Masons angesehen. Ihr glaubt gar nicht, auf welchen Seiten sich diese Jugendlichen alles herum treiben. Ich konnte anhand der Log Dateien des Internetproviders feststellen, welche Seiten besucht worden sind. Neben diversen Servern für ein MMORPG haben sie…“

„Ein bitte was?“ warf Don ein.

Charlie grinste. „Massively Multiplayer Online Role-Playing Game. Kurz: ein Onlinerollenspiel. Timmothy und auch Jack spielen beide das selbe Onlinespiel. Und das den ganzen Tag lang. Aber das ist nicht das Interessante, das ist nämlich die am häufigsten besuchte Seite der letzten Tage. Und das ist die Seite der Los Angeles National Bank.“

„Er will eine Bank überfallen?“ fragte David überrascht.

„Zuzutrauen wäre es ihm“, gab Steve lässig zurück.

„Das ist es nicht, was sie vorhaben.“ Charlie triumphierte etwas, als er in die ratlosen Gesichter sah. „Was sollten sie denn auf der Homepage der Bank wollen, wenn sie diese überfallen wollen? Dafür bräuchten sie eher die Baupläne oder Unterlagen zur Sicherheitstechnik in dem Gebäude“, erklärte er. „Ich hatte einen Verdacht und habe auch schon Kontakt mit der Bank aufgenommen. Die haben es bestätigt.“

„Was da wäre?“ fragte Don, erstaunt darüber welch schnüfflerisches Talent doch allem Anschein nach in seinem Bruder steckte.

„Die Los Angeles National Bank hat derzeit vermehrt mit Hackerangriffen zu kämpfen. Die Hacker haben es geschafft, sich ins System zu schleichen. Allerdings hat sich erst gestern Abend der erste Kunde gemeldet, dem aufgefallen ist, dass erhebliche Geldsummen von ihm ins Ausland verschwunden sind. Seitdem werden es immer mehr Kunden, die sich melden und Strafanzeige erstattet haben.“

„Und seit wann geht das so?“ fragte David.

„Die erste illegale Abbuchung war vor fünf Tagen“, erklärte Charlie.

„Passt also perfekt zu Sarahs Entführungsdatum“, stellte Grady fest.

„Und wohin genau ist das Geld verschwunden?“ wollte David wissen.

„Das weiß ich noch nicht. Die Bank hatte es dem LAPD gemeldet. Ich bekomme die Akte mit allen bisher gesammelten Daten und den aktuellen Ermittlungsstand gleich noch her gebracht. Ich habe dem LAPD auch gesagt, dass das wohl mit einem Entführungsfall zusammen hängt, den ihr gerade untersucht“, sagte Charlie vorsichtig und schaute Don entschuldigend an. Er hatte schon öfters den Fehler zu viele Informationen preis zu geben, aber in dem Fall hoffte er, dass er richtig gehandelt hatte.

„Gute gemacht Charlie“, bestätigte ihn Don. „Haben die schon was heraus finden können wer sich an den Konten zu schaffen gemacht hat?“

„Die Techniker des LAPD haben schon begonnen mit der Rückverfolgung, allerdings wurde auf die Konten nicht illegal zugegriffen.“

„Wieder die gute alte Phishing-Masche?“ fragte Megan nach.

„Ja, der klassische Passwortklau. Aber wirklich gut aufgezogen.“

„Das macht es natürlich erst mal schwer den Beweis des Diebstahls klar zu stellen.“

„Deswegen hat das LAPD wohl auch bisher noch nichts unternommen.“

 

„Hast Du sonst noch irgendetwas herausgefunden? Irgendwelche versteckten Hinweise für uns? Hat Sarah Spuren hinterlassen? Irgendetwas, anhand dessen wir ihren Aufenthaltsort bestimmen können oder sagen, wie es ihr geht?“ aus Colby sprach mehr Angst als Zuversicht.

„Nein, ich habe nichts gefunden, was uns darauf schließen lassen könnte, wie es Sarah geht. Die Hacker haben sich Zutritt verschafft, haben das Geld transferiert und sind wieder raus aus dem System“, meinte Charlie betrübt.

„Aber Du kannst doch sicher noch mehr aus den Hackerangriffen heraus lesen, oder?“ fragte Don hoffnungsvoll, der insgeheim seinen Bruder dafür bewunderte, was für Daten und Fakten er immer aus fast nichts zusammen tragen konnte.

„Wenn ich die Log Dateien der Bank bekomme, dann kann ich alle Transaktionen zurück verfolgen und Euch anhand der IPs den Standort liefern, von dem aus sie gearbeitet haben“, endete Charlie.

 

„Können wir uns überhaupt sicher sein, dass es ihr gut geht?“

„Was willst Du denn damit sagen Colby?“ fragte Don entsetzt.

„Wir können und wir gehen davon aus, dass er sie nicht umbringen wird“, sagte Steve mit voller Überzeugung. „Er braucht sie, er vergöttert sie. Frank wird sie nicht töten, das kann er nicht.“

Megan nickte nur zustimmend.

„Ja, aber nur „nicht töten“ reicht mir nicht“, erwiderte Colby, schubste beim Aufstehen seinen Stuhl weit von sich und verließ den Raum. Der Gedanke, dass dieser Typ sie wieder in seiner Gewalt hatte und ihr wieder was antun könnte, war für ihn unerträglich. Und sie hatten bisher nichts, rein gar nichts.

 

 

Charlie wurden neben der Technikerin Stendhauser zusätzlich noch der FBI-Techniker Matt Li zur Seite gestellt, um alle von der Bank gemeldeten Hackerangriffe zu überprüfen. Das LAPD übergab dem FBI den kompletten Fall, inklusive des bisherigen Ermittlungsstandes. Mittlerweile waren es mehrere dutzend Kunden, die Anzeige erstattet haben.

Sie konnten alle benötigten Daten aus den Diebstählen ziehen und noch drei weitere IP Adressen bestimmen. Die Delikte verteilten sich nicht gleichmäßig. Einige Delikte liefen über die Newlands, etwa doppelt so viele über den Account der Mason. Das passte auch in das Zeitfenster, in dem die Lieferwagen dort gesehen wurden. Sie konnten zu den anderen drei IP-Adressen weitere Namen und Nutzer der Internetaccounts ausfindig machen. Es waren alles Adressen in den Vororten, etwas außerhalb von LA.

 

Don trommelte sein Team und Verstärkung zusammen, und sie nahmen sich nach und nach die von Charlie errechneten Standorte vor.

 

 

Don und sein Team standen vor dem letzten Haus, dass sie für heute überprüfen wollten. Den ganzen Nachmittag über machten sie nichts anderes, als Bewohner zu verschrecken, wenn sie deren Häuser stürmten. Oder sie suchten in den leer stehenden Nachbarhäusern vergeblich nach Sarah.

In den eigentlichen Adressen, die zu den IPs gehörten, fanden sie nichts. Es war wie bei den Masons und den Newlands. Der Internetanschluss war manipuliert worden und auch hier hatten vor den leer stehenden Häusern in der Nachbarschaft für ein oder zwei Tage die schon beschriebenen Lieferwagen mit gefälschtem Kennzeichen, wie sich mittlerweile herausgestellt hatte, geparkt.

Keiner der Nachbarn hatte jedoch etwas gehört oder genau gesehen. Keiner konnte die Männer identifizieren. Niemand hatte eine Frau gesehen.

 

Sie standen nun vor dem leer stehenden Nachbarhaus des ersten Internetanschlusses, den sie benutzt hatten. Ihre Hoffnungen waren sehr gering hier noch jemanden zu finden.

 

Als sie die Haustür aufschlugen, um sich Zutritt zu verschaffen, trat ihnen ein beißender Geruch entgegen. Hier im Haus lag eine Leiche. Zur Übelkeit, die allein schon durch den Geruch verursacht wurde, gesellte sich die Angst, wen sie hier finden würden.

 

Sie durchsuchten das Haus und fanden im Keller eine männliche Leiche. Getötet durch einen einzigen Schuss in den Kopf.

„Ganz sicher das Werk von Frank“, schloss Steve anhand der tödlichen Verletzung.

Don nickte zustimmend und erschöpft.

 

Wieder keine eindeutigen Spuren von Sarah. Aber sie waren hier gewesen. Don und sein Team waren hier richtig, nur leider wieder viel zu spät.