Kapitel 12

 

„Don, ich hab nichts bekommen“, rief Colby quer durchs Büro.

„Ich hab es Dir aber vorhin gemailt!“ erwiderte er genervt. Das alles hier machte ihn fertig, nichts ging mehr seinen gewohnten Gang. Sarah war seit sechs Tagen verschwunden und sie hatten keine Ahnung, wo Frank sie festhielt. Wenigstens das mit Charlie hatte er geklärt. Als Sarah entführt wurde, hatte er seinen kleinen Bruder schon sehr barsch angefahren. Tagelang ging ihm Charlie aus dem Weg, ein deutliches Zeichen bei ihm, dass er ein schlechtes Gewissen hatte. Ihr Vater hatte sie vorgestern an einen Tisch gesetzt und mit sanftem Nachdruck zum Reden gebracht. Sie hatten sich ausgesprochen und alles miteinander geklärt. Don hätte sich Ohrfeigen können, denn durch sein raues Verhalten hatte sich Charlie richtig Schuldgefühle eingeredet. Dabei konnte er doch nichts für Sarahs Entführung. Don wurde von Colby wieder aus seinen Gedanken gerissen.

„Ne, da ist nichts! Seitdem die am Server rumbasteln funktioniert mal wieder nichts mehr. Es kann doch nicht sein, dass sogar interne Mails nicht mehr ankommen“, motze Colby.

„Vielleicht bin ich im Spam-Ordner gelandet.“

„Was schreibt ihr Jungs euch denn für dreckige Mails?“ fragte Megan grinsend im vorbei gehen.

Colby grummelte etwas vor sich hin und durchforstete seinen Spam Ordner. Stimmt, da war Dons Mail, die er gesucht hatte. Ui, da hatte sich auch einiges angesammelt. Colby prüfte jede Mail in dem Ordner, da er befürchtete noch weitere interne Mails oder gar Memos nicht erhalten zu haben.

Betreff: „Helft mir!“ Von einem Timmothy Newland

Irgendwie blieb Colby an dieser Mail hängen. Sie bekamen öfters Mails mit Hilfeersuchen von irgendwelchen Leuten. Colby öffnete die Mail und las: „Account gehackt. Weiß nicht, wo ich bin. Findet mich. Brauche Euch. Sarah.“

„DON! DON! Das musst Du lesen! Ich hab hier eine Mail von Sarah!“ rief Colby aufgeregt.

 

Don kam sofort angelaufen und auch David eilte zu Colbys Schreibtisch.

„Was? Von wann? Wo ist sie?“

„Die Mail kam schon vor drei Tagen. Sie ist ganz kurz, aber lest selbst.“

Don und auch David konnten es nicht glauben. Sarah hatte Kontakt mit ihnen aufgenommen. Wie hatte sie es geschafft? Und hoffentlich wurde sie dabei nicht entdeckt. Jedem spuckte noch das Foto von ihr im Krankenhaus im Kopf herum und jeder betete, dass es ihr nicht wieder so erging, wie damals.

 

„Ich will sofort wissen, wer dieser Timmothy Newland ist und wo er wohnt. Holt mir einen Techniker, der mir alle möglichen Daten aus dieser Mail rausholt! Jeder soll in seinen Spam-Ordner nach solchen Mails schauen! Wir haben endlich eine Spur von ihr“, Don war erleichtert.

Colby durchsuchte seinen Ordner nach weiteren Mails und wurde fündig.

Betreff: „Hilfe“; von Jack Mason.

Colby öffnete die Mail: „Sind weiter gezogen. Bitte findet mich! Sarah“

Ihm stiegen die Tränen in die Augen. Sie war am Leben, sie flehte um Hilfe. Er wollte gar nicht darüber nachdenken, wie es ihr gerade erging!

Alle anderen Teammitglieder hatten genau dieselben beiden Mails erhalten. Die letzte von Jack Mason war noch keine 24 Stunden alt.

 

Die FBI Technikerin Agent Stendhauser machte sich sofort daran, alle nötigen Daten und Adressen von den beiden E-Mail-Providern abzufragen.

„Wieso hat sie die Mail nicht über ihren Account verschickt“, überlegte Colby laut, „dann wäre sie bei mir auf keinen Fall im Spam-Ordner gelandet.“

„Das hätte uns aber vielleicht nichts gebracht“, erklärte Stendhauser.

Alle sahen sie verständnislos an. Agent Stendhauser verstand bestens, wie es Charlie immer ergehen musste. „Es war klug von ihr, die Mail über diesen Account zu verschicken. Hätte sie es von ihrem getan, hätte ich nur von dem Provider ihre eigene Adresse bekommen, und ich denke mal, sie wissen, wo sie wohnt.“

„Ja schon“, erwiderte Don, „aber kann man so eine Mail nicht zurück verfolgen?“

„Man kann den Ursprungsort der Mail schon zurückverfolgen, aber wenn die Log-Datei verändert wurde, landen wir in einer Sackgasse. Eine Mail hat keine zuverlässige IP-Adresse, die uns zu einem reellen Standort führen würde. Man kann als Absender die IP-Adresse ändern, wenn man die nötigen Kenntnisse hat.“

Don schaute verwirrt.

„Also bringt es uns gar nichts, die Mail zurück zu verfolgen?“ hakte Colby enttäuscht nach.

„Doch schon. Mail-Accounts haben einen registrierten Nutzer, den ich abfragen kann. Zudem kann ich vom Mail-Provider auch die Log-Datei anfordern, in der die Absender IP steht. Wurde die gesendete IP nicht verändert, bekomme ich so über den Internetprovider den Namen und die Adresse des Internetanschlusses raus. Paßt der Name zu dem Namen des Mail-Accounts haben sie recht zuverlässig den Standort ihrer vermissten Person.“

 

„Ja, aber“, begann Colby nachdenklich, „die Log-Dateien hätten wir doch auch bekommen können, wenn sie die Mail über ihren Account geschickt hätte, oder?“

„Richtig, allerdings hätten wir dann vom Mailprovider ihren Namen bekommen. Wenn die IP in der Log-Datei manipuliert worden wäre, dann wäre das eine Sackgasse. Wir hätten dann nur ihre Adresse von zu Hause gehabt.“

„Verstehe“, nickte Don. „Deshalb der gehackte Account.“

„Das hat auch noch andere Vorteile. Wenn sie in ein Netzwerk eingedrungen ist, dann kann sie von ihrem PC aus, auf andere PCs zugreifen. Somit hinterlässt sie keinerlei Spuren auf ihrem eigenen Computer, denn alle Aktivitäten werden auf dem gehackten Computer gespeichert.“

„Es kann sie also keiner kontrollieren, da die History auf ihrem Computer nicht den Zugriff auf das Mailprogramm speichert?“ wiederholte Don.

Agent Stendhauser nickte.

„Es war also die gefahrloseste und sicherste Variante mit uns Kontakt aufzunehmen“, fasste er zusammen.

 

Es dauerte nicht lange, da hatten sie alle nötigen Daten von den E-Mail- und Internet-Providern zusammen getragen. Zusätzlich wurden die Namen und Adressen noch durch die FBI Datenbank gejagt um noch mehr Daten zu erhalten.

Jack Mason war 15 Jahre alt und lebte bei seinen Eltern. Timmothy Newland war 19 und lebte zusammen mit seiner Mutter in einem kleinen Haus, am Rande der Stadt.

 

Sie machten sich sofort auf den Weg. Ein SWAT Team umstellte das Haus der Masons. Zeitgleich ein weiteres Team das Haus der Familie Newland.

Don und sein Team waren zum Haus der Masons gefahren, woher die letzte Mail stammte.

Das Haus war ein typisches Vorstadthaus, gepflegter Vorgarten, Veranda und ein Auto in der Auffahrt. Sarah musste hier sein.

 

Im Wagen besprachen sie noch mal die Details. „Okay David, Du checkst die Lage. Der Rest bleibt zurück, bis ich ein Zeichen gebe“, befahl Don.

„Neckisch siehst Du aus, in diesem grünen Paketdienst Overall“, scherzte Colby, dessen Laune seit Feststellung der Adresse etwas gestiegen war. Sie würden Sarah befreien, da war er sich ganz sicher.

„Das nächste mal darfst Du“, feixte David zurück.

 

David stieg aus dem Van, ging zur Haustür und klingelte.

Eine Frau erschien in der Tür.

„Mrs. Mason? Ich habe hier ein Paket für sie. Würden sie bitte kurz raus kommen um zu unterzeichnen?“

Mrs. Mason trat heraus.

David griff sie Arm, zog sie von der Tür weg, zeigte ihr seine Marke und sagte: „David Sinclair, FBI. Wer ist noch zu Hause?“

„Nur mein Sohn“, antwortete sie erschrocken.

„Sonst noch jemand? Werden sie bedroht oder gefangen gehalten?“

„Nein, nein.“

„Okay, wir gehen rein“, hörte David Dons Stimme über Funk.

 

Gleich drauf sprangen aus den umliegenden Wagen und Gebüschen ein Dutzend FBI Leute mit gezogener Waffe.

„Wo ist ihr Sohn“, fragte Don, als er die Haustür erreicht hatte.

„Oben in seinem Zimmer. Was geht hier vor sich?“ fragte Mrs. Mason schockiert.

David erklärte ihr, dass sie einen Tipp bekommen hätten, und das Haus durchsuchen müssten. Mrs. Mason war überaus geschockt. David hatte große Mühe sie aufzuhalten, da sie den FBI Leuten ins Haus folgen wollte.

 

Don, dicht gefolgt von Colby, Megan und den anderen Agents, arbeiteten sich vom Eingangsbereich durch das ganze Haus, inklusive Keller.

 

Im ersten Stock, wie angegeben in seinem Zimmer, fanden sie Jack alleine vor seinem Computer sitzen. Dieser hatte einen gehörigen Schrecken bekommen, als Colby seine Zimmertür aufriss und Don mit gezogener Waffe hinein stürmte. Erst war er vor Schreck wie gelähmt, dann formte sein Mund aber ein fast lautloses: „Wow! Cool!“

Sonst war keiner im Haus. Keine Spur von Sarah, oder dass hier jemand gegen seinen Willen fest gehalten wurde.

 

 

Don hatte sich mit Jack und Mrs. Mason ins Wohnzimmer auf die Couch gesetzt. Colby und David waren mit anwesend.

Mrs. Mason war immer noch etwas verstört, allerdings fand Jack das alles mittlerweile richtig abgefahren und konnte seinen Blick von den bewaffneten Agents gar nicht abwenden.

„Jack,“ begann Don, „ist Dir irgendetwas an deinem Rechner aufgefallen? Kann sich daran irgendjemand zu schaffen gemacht haben oder stimmte irgendetwas nicht?“

„Ja, vor ein paar Tagen war die Verbindung andauernd weg. Dad hat sich beim Provider beschwert und am nächsten Tag kam auch schon ein Techniker, der sich hier alles angesehen hat. Seitdem läuft es wieder. Warum fragen sie?“

„Von Deinem E-Mail-Account wurde eine Mail an uns geschickt. Von einer Frau, die entführt wurde.“

„Ein paar Kumpels waren letztens da, vielleicht haben die sich einen üblen Spaß erlaubt?“

„Das glaube ich nicht, denn die Mail war mit ihrem Namen unterschrieben. Kann sich sonst noch wer Zugang verschafft haben?“

„Dass jemand von außerhalb zugegriffen hat, kann eigentlich nicht sein. Der Techniker hat uns zugesichert, die Box auf den neusten Stand gebracht zu haben und das alles verschlüsselt ist.“

„Das hat der Techniker, der da war um die Störungen zu beheben, vielleicht gesagt“, mischte sich die FBI-Technikerin Stendhauser ein, „aber gemacht hat nichts von dem. Das W-Lan ist nicht verschlüsselt, auch sonst gibt es keine Sicherheitsmaßnahmen. Das Internet steht jedem hier in der Umgebung frei zur Verfügung. Da hat sich jemand einen kostenlosen Internetzugang besorgt.“

„Wie weit reicht so ein W-Lan?“ fragte Don die Technikerin.

„Je mehr Wände, desto kürzer die Sendedistanz. Kommt drauf an, dieser hier kommt höchstens 20 Meter weit.“

 

Dons Handy vibrierte lautlos. Ein Agent vom Einsatz bei den Newlands.

„Eppes“, meldete sich in der Hoffnung von dort etwas zu erfahren. Er lauschte gespannt und meinte dann: „Dennoch gute Arbeit. Überprüft den Internetzugang und ob sich ein angeblicher Techniker daran zu schaffen gemacht hat. Fragt auch die Nachbarn, ob sie etwas gesehen haben“, und legte schon wieder auf.

Colby, der erschrocken die Luft angehalten hatte, atmete hörbar und enttäuscht wieder aus.

 

„Ist Ihnen in der Nachbarschaft in den letzten Tagen irgend etwas aufgefallen? Parkten irgendwelche Lieferwagen vor Ihrem oder nahe am Haus?“ richtete sich Don wieder an Mrs.Mason.

„Das Haus gegenüber steht schon seit Monaten leer. Seit drei oder vier Tagen parken regelmäßig Lieferwagen davor. Wir hatten gedacht, sie haben es endlich verkaufen können, die wollten einen viel zu hohen Preis haben. Es schien, als hätten die neuen Besitzer jemanden zum renovieren geschickt.“

„Haben sie da heute schon jemanden gesehen?“, fragte Colby und lief aufgeregt zum Fenster.

„Heute Morgen habe ich sie gehört. Es war noch recht früh, ich weckte Jack gerade für die Schule, da habe ich die Lieferwagen weg fahren hören.“

„Und die Männer aus dem Lieferwagen waren auch in dem Haus? Haben sie jemanden erkennen können?“

„Gesehen habe ich nur ein mal zwei Männer. Ansonsten war es auch immer ruhig, nur abends sah man lange Licht im Haus brennen, manchmal die ganze Nacht.“

 

Don stand auf und rief das gesamte Team zusammen. Sie waren im falschen Haus, das war ihnen nun klar. Nach einer kurzen Besprechung stürmten sie mit gezogenen Waffen das gegenüberliegende Gebäude.

 

Das Haus war möbliert und sah bewohnt aus. Pizza Schachteln und leere Getränkeflaschen bezeugten, dass erst vor kurzem jemand hier gewesen sein musste.

Sie durchsuchten jeden Winkel. Es war niemand mehr da.

Sie hatten sie verpasst.