Kapitel 11

 

„Wie konntet ihr nur?“ schrie Don. „Ihr hattet klare Anweisungen! Im Keller an eurem Super-Computer arbeiten, auf die Agents hören, die ich Euch zur Seite gestellt habe, und dann ohne Umwege zurück ins Hotel! War das denn so schwer zu verstehen?“

Charlie traute sich fast gar nicht aufzusehen. Ja, es war blöd, aber sie hatte sich nichts anderes gewünscht.

Don war rasend vor Wut und schrie einen der Agents mit Befehlen zur Spurensicherung an. Der arme Kerl konnte nun wirklich nichts dafür.

 

„Ich hätte sie nicht zurück lassen dürfen…“, begann Charlie entschuldigend, aber Don fiel ihm wieder ins Wort: „Nein, Ihr hättet erst gar nicht hier hoch kommen dürfen!“ Er schäumte vor Wut. Zwei erschossene Agents und Sarah nun doch in den Händen dieses Irren.

„Ich hätte sie dennoch nicht alleine lassen dürfen“, sagte Charlie bestimmend.

„Doch, das war schon okay“, sprach Colby und wurde mit bösen und überraschten Blicken bedacht. „Sie hat doch eigentlich genau nach Vorschrift gehandelt. Wenn zwei in Gefahr sind, versuch einen raus zu bekommen. Und genau das hat sie getan! Sie hat Franks Aufmerksamkeit auf sich selber gezogen, auf das was er wollte, und somit Charlie aus der Schusslinie gebracht. Don, meinst du etwa, er hätte Charlie nichts getan? Charlie hätte genau wie Richard und Harris eine Kugel abbekommen. Sie denkt wie ein Agent. Sie wurde teils von den US Marshals teils von Steve ausgebildet. Steve hat ihr beigebracht, wie ein Agent zu denken. Charlie war in Gefahr. Das was Frank wollte, war sie selbst und das hat sie ihm gegeben.“ Colby holte Luft. „Ich werde Steve jetzt anrufen, wir brauchen ihn wieder hier.“

Don schaute Charlie strafend und kopfschüttelnd an und machte sich wieder daran, die neuen Spuren und den Tathergang zu rekonstruieren.

Agent Sherman und Johnson waren wohl überrascht worden. Der Korridor, auf dem Charlies Büro lag, war recht kurz. Die beiden Agents hatten allem Anschein nach direkt neben der Tür Stellung bezogen. Ein leichtes sich von beiden Seiten anzuschleichen. Zwei Schützen von zwei Seiten. Die Ecken boten genug Schutz um nicht gesehen zu werden. Sie sind um die Ecke herum gekommen und haben sofort das Feuer eröffnet, denn weder Johnson noch Sherman hatten ihre Waffen gezogen. Sie sind überrascht und einfach kaltblütig über den Haufen geschossen worden.

„Die Wahrscheinlichkeit war dermaßen gering….“, begann Charlie sich nochmals zu entschuldigen, aber Don ließ ihm keine Chance und blaffte ihn an: „Lass mich jetzt mit deinem Mathe-Quatsch zufrieden!“

 

 

Dons Stimmung hatte sich nach Ankunft im FBI Gebäude etwas gelegt. Er brauchte einen klaren Kopf und lief deshalb unruhig im Zimmer umher.

„Unfassbar! Wie hat er das geschafft?“ stellte David in den Raum.

„Er muss uns unter Beobachtung gehabt haben“, überlegte Colby laut.

„Aber wie? Wir waren so vorsichtig wie immer, wenn nicht sogar noch wachsamer.“

Colby zuckte mit den Schultern. „Vielleicht hatte sich jemand an Charlie dran gehängt? Charlie sagte aus, dass Frank ihn mit Professor angesprochen hatte. Kann Zufall sein, aber ich bin mir sicher, dass Frank genau wusste, wen er da vor sich hat. Sie hatten die beiden Agents vor der Tür sofort erschossen, wenn sie sich nicht sicher gewesen wären, dass Charlie kein Agent ist, hätten sie ihn genau so kaltblütig erschossen. Sie hatten freie Schussbahn, aber sie haben es nicht getan, weil von unserem Professor keine Gegenwehr zu erwarten war.“

„Wenn er uns beobachtet hat, dann hat er sicher auch ihr Versteck gekannt“, folgerte David. „Warum also hat er nicht früher zugeschlagen?“

„Er hat auf eine günstige Gelegenheit gewartet“, mischte sich Don in das Gespräch ein. „Vielleicht war ihm klar, dass wir sie irgendwann auch mal raus gehen lassen, wenn er sich nur ruhig genug verhält. Und es war ja auch ruhig um ihn geworden. Er weiß, was sie alles kann, was sie alles berechnen kann. Er hat sicherlich raus gefunden, dass Charlie mit uns zusammen arbeitet und mit an dem Fall dran hängt, was Colbys Theorie erhärten würde, dass sie sich an Charlie geheftet hatten. Es würde mich nicht wundern, wenn Frank sich absichtlich außerhalb von L.A. gezeigt hat, um eine falsche Spur zu legen und uns und Sarah in Sicherheit zu wiegen.“

„Er ist intelligent, gut organisiert, unberechenbar und zu allem bereit“, fasste Megan zusammen.

„Tja, das macht die Situation nicht gerade einfacher“, sagte Don und verpasste Charlie noch einen bösen Blick. Wie konnte sein Bruder nur? Er dachte immer, ihm würde auch etwas an Sarah liegen und dann macht er so etwas.

 

 

Während alle darüber nachdachten und diskutierten, wie sie nun vorgehen sollten, ging Colby rüber zu Charlie. „Quäl dich nicht Charlie. Dich trifft keine Schuld.“

„Doch, Don hat recht. Es war blöd von uns, ich hätte sie aufhalten sollen.“

Colby schüttelte den Kopf. „Und wie? Glaub mir, ich kenn sie und sie kann ganz schön dickköpfig sein. Sie muss uns beide doch nur mal lieb anlächeln, und wir würden alles für sie tun. Wenn du dir Vorwürfe machst, dann muss ich mir erst recht welche machen.“

„Wieso du? Du hast sie nicht in der Uni bei diesem Typen zurück gelassen.“

„Ich habe mich aber dafür eingesetzt, dass ihr heute Nacht an die Uni dürft. Ich habe Don mehr oder weniger dazu überredet, sie endlich mal raus zu lassen. Allerdings bin ich mittlerweile auch der Meinung, dass Frank nur auf eine solche Gelegenheit gewartet hat. Er hat darauf gewartet, dass wir sie aus dem Versteck lassen, wenn er nicht eh gewusst hatte, wo sie zu finden war.“

„Du meinst wirklich, ich habe sie zu ihnen geführt?“ brachte Charlie das eben gehörte noch mal zur Sprache. Er machte sich schon genug Vorwürfe. Nicht nur, dass Frank sie jetzt in seiner Gewalt hatte, nein, jetzt sollte er noch daran Schuld sein, dass sie Sarah gefunden hatten?

„Du hast doch seine Netzwerkanalyse erstellt“, versuchte ihn Colby zu beruhigen, „du kennst seine Kontakte. Das Netzwerk ist riesig, er hat genug Leute da draußen. In diesen Kreisen kennt jeder einen, der Informationen hat. Sarah hätte schon wieder in den Zeugenschutz gemusst und unter falschem Namen am Besten das Land verlassen müssen. Erst dann wäre sie ihm vielleicht entkommen.“

Charlie verstand Colby. Im Grunde hatte keiner Schuld. Frank war anscheinend besessen von ihr und so lange sie ihn nicht wieder in Gewahrsam hatten, wäre Sarah nie sicher vor ihm gewesen.

 

Jetzt war sie allerdings in seiner Gewalt und alle beteten, dass sie nicht dieselbe Hölle wie schon einmal durchleben musste.