Kapitel 9:

 

„Wer A sagt, der muss nicht B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch war.“ Bertolt Brecht

 

„Du hast was?“,Larry sah seinen Freund verdattert an.

„Bitte Larry“, Charlie hob abwehrend die Hände. „Streu nicht noch Salz in die Wunde“.

Larry kam ein Stück näher. „Charles, ich habe mich ja immer aus euren, sagen wir mal Meinungsverschiedenheiten, herausgehalten und denke auch, dass das jetzt angebracht ist aber...“

„Lawrence!“

„Ist ja schon gut.“ Larry tippte die Finger beider Hände gegeneinander. „Trotzdem würde ich dich bitten, ich meine, solange dein Kopf noch dran ist, kannst du mir vielleicht bei etwas helfen. Du kannst ja auch bei mir im Büro warten…ich meine…“

„Schon gut“, Charlie stand auf. „Klar helfe ich dir“.

Charlie folgte Larry in sein Büro, jedoch nicht, ohne sich vorher einen sehr großen Kaffee aus dem Automaten zu holen.

Sie arbeiteten eine Zeit lang schweigend an Larrys Projekt als Colby plötzlich in der Tür stand.

 

„Charlie“, rief er aufgeregt. „Du musst bitte schnell mitkommen“. Colby strich sich fahrig durch die Haare. „Oh, hallo Larry“, fügte er hinzu, als er diesen erblickte.

„Was wieso?“, fragte Charlie erstaunt. „Ist der Anwalt schon aufgetaucht?“.

Colby sah in mit zusammen gekniffenen Augen an. „Der Anwalt? Von Phil? Ja schon aber woher weißt du das? Das kannst du mir aber alles später erzählen, wir konnten dich per Handy nicht erreichen, Phil hat versucht, sich das Leben zu nehmen.“

„Oh mein Gott“, Charlie sah schockiert aus und Larry sah fragend von einem zum anderen.

„Charlie“, dränge Colby. „Jetzt komm schon, Phil ist im Krankenhaus und möchte was Wichtiges mitteilen aber nur mit dir alleine reden.“

Charlie sprang auf, ließ den verdatterten Larry stehen und folgte Colby schnell nach draußen. Sie fuhren mit zwei Wagen ins Krankenhaus, wo sie auf Megan trafen, die mit einem Pappbecher in der Hand im Foyer stand.

 

„Wie geht’s ihm?“

 

Megan lächelte Charlie an. „Keine Sorge, er ist über dem Berg. Er hat in einer Verhörpause versucht, sich die Pulsadern aufzuschneiden, zum Glück hat er die Rasierklinge falsch angesetzt. Weiß der Teufel, wo er die her hatte, wir vermuten in der Kleidung. Jetzt ist er bei Bewusstsein und möchte uns etwas angeblich sehr Wichtiges mitteilen aber nur mit dir reden. Don war gerade bei einem Außeneinsatz ist aber schon auf dem Weg hierher.“

Charlie atmete tief ein. „Was habt ihr mit ihm gemacht?“ Colby und Megan sahen ihn fassungslos an. Eine bedrückende Stille machte sich breit.

„Was wir gemacht haben?“ Megan fand als erstes die Sprache wieder. „Willst du damit sagen, dass wir ihn dazu getrieben haben?“ Charlie erwiderte eine Gegenfrage.

„Was ist mit Lewis...ich meine Rechtsanwalt Terrell?“ Colby und Megan sahen immer noch ungläubig aus aber Colby antwortete.

„Der kam erst, nachdem Phil sich…aber was ist jetzt mit dir und Terrell?“ Colby hatte einen Blick aufgesetzt, der dem von Don in nichts nachstand doch Charlie blieb kalt. Eigentlich war ihm das gute Verhältnis zu Dons Kollegen einiges Wert aber dies ließ er bei seiner Antwort diesmal völlig außer acht.

„Das geht euch gar nichts an, kann ich jetzt zu Phil?“ fragte er feindselig.

 

Colby und Megan sahen sich an.

„Sicher, zweiter Stock, Zimmer 211“, meinte Megan nur und ihrem Tonfall konnte man entnehmen, dass sie über Charlies Verhalten sehr irritiert war.

„Bestens“, sagte Charlie und ging in Richtung Treppenhaus. Colby folgte ihm aber Charlie drehte sich halb um.

„Wollte Phil nicht mit mir alleine sprechen?“ blaffte er über die Schulter.

Colby blieb unvermittelt stehen. „Charlie, ich glaube nicht, dass das Don gefällt.“

 

Charlie ging weiter. „Dann könnt ihr Don ja ausrichten, dass ich wieder nicht nachgedacht habe“, entgegnete er wütend.

Colby blieb zurück. Charlie stieg die Treppen hoch und bereute es, so ungehalten reagiert zu haben. Aber er fühlte sich einfach schlecht. Völlig übermüdet kam es ihm vor, dass er in den letzten Stunden nicht einmal zum durchatmen gekommen war und die Sehnsucht nach Kristina brannte in ihm.

Während Charlie noch überlegte war er schon vor Zimmer 211 angekommen. Ein Polizist stand davor, Charlie zeigte seinen Ausweis und ging hinein.

Phil lag mit geschlossenen Augen im Bett. Seine Gesichtsfarbe war dieselbe wie die seiner Bettlaken und um die Handgelenke trug er zwei Verbände.

Charlie ging auf das Krankenhausbett zu. Es war ein kleiner Raum, weiße Wände, gelbe Vorhänge und ein Fernseher an der Decke. Charlie hasste Krankenhäuser.

 

„Charles?“ Phil öffnete vorsichtig die Augen.

„Hey Phil“, antwortete Charlie verlegen. „Wie geht’s dir?“

„Besser“, murmelte Phil matt.

„Du wolltest mir..ähm…etwas sagen?“, Charlie fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Was sollte man jemandem erzählen, der vor kurzem noch beschlossen hatte zu sterben?

„Charles, ich vertraue dir, obwohl ich dich kaum kenne. Ich weiß, dass du es verstehen wirst“.

Charlie sah Phil an. „Was werde ich verstehen?“

 

Phil sah bedrückt aus. Dann rappelte er sich im Bett auf. „Entschuldigung Charlie“.

„Entschuldigung wofür?“ fragte Charlie und fühlte sich plötzlich unbehaglich.

 

 

„Dafür“, sagte Phil emotionslos und bevor Charlie reagieren konnte war er aus dem Bett gesprungen, packte Charlie von hinten und hielt ihm ein Messer an den Hals.

Charlie erstarrte. Wo zum Teufel hat ein Selbstmordkandidat ein Messer her dachte er noch.