Kapitel 5:

 

Du hast mein Herz geklaut

Ich weiß nicht, ob du es gewußt hast

Hab dich geliebt, als ob es kein Morgen gibt

Bis der Morgen kam…und du bist nicht hier.

 

 

Special Agent Don Eppes fluchte, als er seinen Wagen durch den dichten Verkehr zum Flughafen von L.A. lenkte. Wo kamen denn diese ganzen Autos her? Mussten die ausgerechnet alle jetzt hier fahren?

Er wollte Charlie abholen und mit ihm zum FBI. Sein Vater hatte ihn dafür schon gerügt, er forderte, Charlie erst mal in Ruhe zu lassen aber Don brauchte dringend die Hilfe seines Bruders.

Es hatte einen großen Hackerangriff auf eine amerikanische Bank gegeben. Sie hatten bis jetzt erst einen Verdächtigen, einen Typen, der schon mal wegen eines ähnlichen Vergehens im Gefängnis gesessen hatte. Dieser stritt jedoch alles ab oder schwieg beharrlich und wenn Don ihm bei den Verhören in die Augen sah blickte ihm nackte Angst entgegen. Aber vor was hatte Phil Linus solche Angst? Don wußte nur, dass sie Phil bald wieder gehen lassen mussten. Sie hatten einfach keine Beweise.

 

Endlich hatte Don einen Parkplatz gefunden, sprang aus dem Auto und betrat den Ankunftsterminal. Die Anzeigetafel verriet ihm, dass die Maschine aus Oslo gerade gelandet war. Don stellte sich vor den angezeigten Ausgang und wartete. Einige Menschen strömten schon bald darauf heraus aber Charlie war nirgends zu sehen. Don wartete weiter und sah auf die Uhr. Das Flugzeug war inzwischen schon vor einer halben Stunde gelandet. Don wurde ungeduldig. Als er kurz davor war, sich mit seiner FBI Marke Zugang zum den Räumen bei den Gepäckbändern zu schaffen hörte er eine bekannte Stimme hinter sich.

Er drehte sich um und sah Charlie, der direkt vor ihm stand.

„Na endlich“, begrüßte ihn Don. „Wo warst du denn so lange?“

„Hallo Don“, antwortete Charlie ungerührt. „Finde es auch schön, dich zu sehen. Wie geht’s dir und wie war der Flug?“ Charlies Stimme triefte vor Ironie.

Er hatte einen wirklich unruhigen Flug hinter sich, war müde und vermisste Kristina jetzt schon wie verrückt. Seine Laune besserte sich auch nicht gerade als Don sagte:

„Tut mir leid aber wir brauchen dich dringend beim FBI, deshalb bin ich auch gekommen, damit wir direkt hinfahren können.“

„Aha“, antwortete Charlie sarkastisch. „Sonst wärst du also nicht gekommen?“

Don sah seinen Bruder irritiert an. Er hatte nicht vor, sich mit Charlie direkt nach seiner Ankunft zu streiten.

„Lass gut sein“, sagte der Ältere. „ Es ist wirklich dringend“.

Charlie folgte Don wiederwillig. Willkommen in der Realität, dachte er bei sich. Er hatte eigentlich nach Hause gewollt um direkt in Ruhe mit Kristina zu chatten aber daraus schien jetzt erst mal nichts zu werden. Er beschloss, ihr eine SMS zu schreiben. Doch als er bei Don im Auto saß und gerade sein Handy aufklappen wollte warf ihm sein Bruder schon einige Akten in den Schoß.

„Hier kannst du dich auf den neueste Stand bringen“, sagte Don knapp und fuhr los.

Charlie seufzte, steckte sein Handy wieder ein und las die Akten. Bzw. er versuchte es, seine Gedanken waren noch in Norwegen…bei Kristina, den Fjorden.

„Charlie?“, riss Don ihn aus seinen Gedanken.

„Bitte?“

„Hörst du mir überhaupt zu?“

Charlie hatte gar nicht bemerkt, dass Don etwas gesagt hatte. Unschlüssig meinte er nur „Hmm“.

Don seufzte. „Ich versteh ja, dass du müde bist aber du liest es doch gerade, es geht um richtig viel Geld!“

Charlie lächelte gekünstelt. „Ja dann“, bemerkte er.

 

Der Ältere sah ihn wieder irritiert an, beschloss aber nichts weiter zu sagen und schob Charlies schlechte Laune auf den Jetlag.

Beim FBI angekommen wurde Charlie von Megan, David und Colby begrüßt, danach erzählten sie ihm etwas zum aktuellen Fall. Charlie war das alles ein bisschen viel. Irgendwie kamen ihm seine Landsleute im Gegensatz zu den Europäern so laut vor und sein Gehirn arbeitete auch noch nicht auf Hochtouren.

„Sorry“, sagte er deshalb kurz darauf. „Aber ich muss erst mal nachdenken, ich bin kurz draußen ok?“ Ohne wirklich eine Antwort abzuwarten nahm er sein Notebook und verschwand ins Freie, wo er sich auf eine Bank setzte.

Aber anstatt sich an die Arbeit zu machen, sah er sich Bilder von Norwegen auf seinem Notebook an….Kristina……….

Während Charlie vor sich hin träumte setzte sich ein Mann neben ihn auf die Bank. Er war nicht sehr groß, hatte braune, verwuschelte Haare, trug blaue, ausgefranste Jeans, Sneakers und ein t-Shirt auf dem stand: Wenn schon sterben dann betrunken!

Charlie musste grinsen. Klare Aussage, dachte er bei sich und wandte sich wieder seinem Computer zu während der Mann neben ihm eine zerdrückte Schachtel Zigaretten aus der Tasche seiner Jeans fischte.

„Tschuldigung, hast du Feuer?

„Bitte?“ Charlie löste sein Blick von seinem PC und sah den Mann neben sich an. Erst jetzt bemerkte Charlie, dass der Fremde dunkle Augenringe, angespannte Gesichtszüge und einen flackernden Blick hatte.

„Ob du mir Feuer geben kannst?“

Charlie schüttelte den Kopf. „Tut mir leid“.

„Macht nichts“, der T-shirt Mann versuchte zu lächeln und warf einen Blick auf Charlies PC.

„Norwegen oder? Wunderschön da“, bemerkte er.

Charlie, der sich freute, dass sich wenigstens einer für seine Reise zu interessieren schien, nickte begeistert und schon bald schwärmten er und der Fremde über das Land, welches dieser schon mal für 3 Monate erkundet hatte. Dabei hatten sich die Gesichtszüge des Anderen merklich entspannt.

Als sich eine kurze Pause ergab, streckte Charlie dem Fremden die Hand hin.

„Ich hab mich noch gar nicht vorgestellt….Charles.“

Der Fremde nahm die Hand und schüttelte sie. „Ich bin Phil.“

Phil lächelte und sagte dann: „Ich muss jetzt los, wenn du Lust hast komm doch heute Abend gegen 7 ins Pete’s, ich helfe da aus und in der Pause können wir noch ein bisschen quatschen.“

Phil verabschiedete sich und Charlie sah ihm hinterher. Nett, dachte er und sah sich weiter seine Fotos an. Als er kurz hochblickte musste er feststellen, dass sein Bruder gerade aus dem FBI Gebäude kam und genau auf ihn zusteuerte. Mist, dachte Charlie und schloss schnell den Foto Viewer, jetzt heißt es improvisieren, er hatte durch seine Träumerei tatsächlich vergessen, wozu er überhaupt da war.

Schon stand Don direkt vor ihm und sah seinen Bruder über die Ränder seiner Sonnenbrille hin weg an.

„Und?“, fragte der Ältere erwartungsvoll.

Charlie kratzte sich am Hinterkopf. „Nun ja“, druckste er herum und betrachtetet Dons Oberhemd.

„Ja was??“, forschte Don weiter, nahm die Sonnenbrille ab und betrachtete Charlie mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Also“, begann Charlie. „Das System der Bank wird die so schlau unterdrückte IP-Adresse unter bestimmten Voraussetzungen preis geben. Ich muss mit euren Spezialisten reden.“ Charlie gab sich Mühe, kompetent zu klingen.

Don sah irritiert aus, sagte aber nur: „Ok, dann komm.“

Charlie folgte ihm und saß schon bald bei den Informatik Experten des FBIs gegenüber. Obwohl er gerade noch gar nicht gewußt hatte, von was er redete klappte es tatsächlich mit der IP-Adresse. Charlie entspannte sich und überließ den Rest dem FBI. Er holte nur noch sein Gepäck aus Dons Auto und fuhr mit dem Taxi nach Hause.

Charlie freute sich eigentlich, seinen Vater wiederzusehen aber er fand das Haus verwaist vor. Charlie sah kurz nach den Kois und versuchte dann Kristina zu erreiche, was ihm aber nicht gelang.