Kapitel 2:

 

Oh I want to get away

I want to fly away

Lets go and see the stars

The milky way or even mars

Where it could just be ours

 

Special Agent David Sinclair konnte sich nicht erinnern, wann der das letzt Mal einen derart langweiligen Vortrag gehört hatte. Er saß zusammen mit seinem Team in einem Konferenzraum des FBI und vor sich stand eine Frau, die nun schon seit geschlagenen 40 Min. einen Vortrag zum Thema Kriminalstatistiken hielt.

 

Dies tat sie aber in einer solchen uncharmanten, drögen Art und Weise, dass es David schwer fiel, zuzuhören.Alleine das Aussehen war schon langweilig. Braunes Kostüm, flache Schuhe, ihre braunen Haare zu seinem festen Dutt zusammengesteckt, Hornbrille und viel zu rot geschminkte Lippen. In einem einschläfernden, monotonen Tonfall leierte sie Statistiken herunter und projizierte dazugehörige Grafiken auf die Wand hinter ihr. Zum umfallen langweilig aber der Vortrag war eine Anordnung von ganz oben, was sollte man da machen.

 

David gähnte verhalten und um einigermaßen wach zu bleiben, sah er sich zu seinen Kollegen um. Links neben ihm saß Megan und ihr Gesichtsausdruck verriet, dass sie sich genauso langweilte wie er. Rechts schräg vor ihm saß Don, der als Chef wohl Vorbild sein wollte und der Frau (scheinbar?) interessiert zuhörte. David aber könnte schwören, dass es Don genauso wenig begeisterte wie ihn selber. Der Stuhl neben Don war leer, Colby war schon vor einer halben Stunde „mal kurz“ telefonieren gegangen.

 

Netter Kollege, dachte David und drehte sich um. Hinter ihnen allen saß Charlie und was David doch enorm wunderte war die Tatsache, dass dieser wirklich geistig abwesend zu sein schien. Charlie hatte die Arme vor der Brust gekreuzt und starrte auf einen Punkt irgendwo hinter der Kussmund Tante. Seine Augen waren dabei völlig ausdruckslos. David kam das seltsam vor. Gerade Statistiken! Da war doch genau Charlies Thema und David hatte erwartet, dass das kleine Energiepaket bei diesem Vortrag vor Begeisterung kaum zu bremsen sein würde. Aber weit gefehlt. Charlie starrte einfach vor sich hin und hatte seit 40 Min. kein Wort mehr gesagt.

 

Vielleicht denkt er an seine Reise morgen, dachte David. Der Agent wußte, dass Charlie morgen zu einer Reise nach Oslo aufbrechen sollte um einen Vortrag bei der Økokrim, der norwegischen Behörde für Wirtschaftskriminalität, zu halten. Für die wars eine große Ehre aber Charlie sah im Moment weniger erwartungsfroh aus. Hatte er etwa Flugangst? David hatte letztens erst darüber was im Fernsehen gesehen, Leute mit Flugangst gingen echt durch die Hölle.

Während David noch darüber nachdachte, legte die Statistik Frau eine Pause ein.

 

„Und dazu“, begann sie von neuem, „kann ihnen Professor Eppes was erzählen, habe ich recht Professor?“ Ihre roten Lippen kräuselten sich zu einem Lächeln.

Charlie hatte dummerweise gar nicht bemerkt, dass er angesprochen worden war. Er saß immer noch unverändert in der letzten Reihe und reagierte nicht.

„Professor?“, versuchte die Dame es lauter, doch Charlie war völlig in Gedanken. Inzwischen hatten sich alle Blicke auf ihn gerichtet.

„CHARLIE!“, ergriff Don die Initiative mit Nachdruck und der Angesprochene fuhr zusammen. Er sah die Anwesenden verwirrt an.

„Was was?“, rief er aufgeregt. „Ist der Vortrag endlich zu Ende?“

 

David konnte nicht anders, er musste lachen und versuchte gleichzeitig, es mit einem Husten zu übertönen, wobei ein wirklich komisches Geräusch zu Stande kam, was wiederum Megan zum Schmunzeln brachte. Hot Lips in braun sah schockiert aus und Don warf David und Megan einen entrüsteten Blick zu.

„Also“, fing die Frau wieder an, „ich muss doch sehr bitten, ich habe eigentlich gedacht, dass sie uns was über die Statistik von Raubüberfällen, begangen von Menschen unter 30 Jahren, ohne Schulbildung erzählen würden?“ Sie tat pikiert. Charlie wurde direkt rot. „Oh, dass tut mir leid…ich meine,..ich glaube, dass sie das viel besser könnten als ich.“ Charlie lächelte verlegen.

„Ach, also, wenn sie meinen Professor.“ Sie war tatsächlich geschmeichelt und wandte sich wieder ihren Grafiken zu.

 

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Charlie warf einen entschuldigenden Blick in Richtung seines Bruders. Mensch, war das peinlich. Charlie kam sich vor, als wäre er ein Schüler, der beim schlafen im Unterricht erwischt worden war. So ein Mist und natürlich mussten Megan und David auch noch loslacheln.

Charlie seufzte leise und versuchte, dem Vortrag zu folgen. Das fiel ihm schwerer als sonst, er musste immer an Dr. John Rosenkranz denken.

John hatte er damals als Student in Princeton kennengelernt, er war dort Lehrbeauftragter gewesen. Charlie mochte John wegen der Ruhe, die er ausstrahlte und wegen seiner sanften, netten Art. Sie hatten auch nach Charlies Abschluss noch Kontakt gehalten. Aus irgendwelchen Gründen, Charlie konnte sich nicht mehr genau erinnern, war der Kontakt aber vor einigen Jahren abgebrochen. Das letzte, was er von John wußte war, dass dieser nach Norwegen ausgewandert war und da Charlie ja morgen nach Oslo wollte hatte er vor einigen Tagen versucht, Dr. Rosenkranz zu erreichen. Vielleicht könnten sie sich ja mal wiedersehen!

Doch was mußte Charlie erfahren? John war schon seit 6 Monaten tot, Selbstmord mit 50 Jahren! Es hieß, er sei zum Schluss völlig in seiner Zahlenwelt versunken gewesen und habe sich in einer kalten Nacht in einer Bucht in den Kopf geschossen, vereinsamt…alleine.

Charlie hatte diese Nachricht schockiert. Dr. Rosenkranz, ein ähnliches Genie wie er, war mit der realen Welt nicht mehr zurecht gekommen und hatte keinen anderen Ausweg mehr gesehen, als sich das Leben zu nehmen. Auch wenn es vielleicht absurd war aber Charlie hatte seitdem Angst, dass ihn ein ähnliches Schicksal ereilen würde.

Hatte seine Familie ihm nicht oft genug vorgeworfen, dass er sich manchmal so in seine Welt zurückzog, dass man kaum noch an ihn herankam?

War es ihm nicht oft genug passiert, dass er seine Gedanken über die Mathematik nicht abstellen konnte?

War er nicht schon oft genug unglücklich gewesen, dass er seine Gedanken nicht mitteilen konnte, weil sie außer ihm keiner verstand?

Charlie machte sich wirklich Sorgen. Natürlich waren sein Vater und sein Bruder bei ihm und sorgten meistens dafür, dass Charlie zurück auf den Boden der Tatsachen geholt wurde. Aber sie würden nicht ewig da sein…und dann? Die Beziehung mit Amita war in letzter Zeit auch in schwierige Fahrwasser geraten. Sie konnten oft über nichts anderes als über die Arbeit reden.

Charlie merkte, dass seine Gedanken schon wieder abschweiften. Reiß dich zusammen, fuhr er sich selber an, doch in diesem Moment war der Vortrag beendet. Höfliches auf den Tisch Geklopfe, Don gab der Dozentin die Hand und dankte ihr für die „interessanten“ Ausführungen.

Charlie reckte sich und beschloss direkt nach Hause zu fahren. Er hatte noch gar nichts für morgen vorbereitet und Amita wollte auch noch kommen.

„Ich muss noch Koffer packen, wir sehen uns später“, rief er über die Schulter und ging Richtung Tür.

„Charlie, warte mal bitte.“ Das war Don. Manchmal fragte sich Charlie, wer eigentlich eine Nervensäge war.

„Was denn?“ Charlie drehte sich zu seinem Bruder um.

Don grinste. „Ich komme mit nach Hause, wir müssen doch deinen Abschied feiern“, verkündete er.

„Dann beeil dich wenigstens.“ Charlie verdrehte die Augen.