Kapitel 15:

 

"In einer irrsinnigen Welt vernünftig sein zu wollen, ist schon wieder ein Irrsinn für sich." Voltaire

 

 

„Bist du noch da?“ rief Alan aufgeregt.

„Ja ja, tut mir leid“, antwortete Don unwirsch.

„Was machen wie jetzt?“ fragte Alan besorgt.

Don räusperte sich. „Ich weiß nicht, Reisende soll man ja nicht….“

„Donnie, das ist nicht dein Ernst, wenn wir Charlie jetzt so gehen lassen haben wir ihn für immer verloren“, unterbrach Alan seinen Sohn.

„Und was schlägst du vor?“ Don rieb sich mit der linken Hand die Augen. Er war im Büro und suchte immer noch nach näheren Informationen zu James Gordon. Aber da Charlie es vorgezogen hatte, sie ohne weitere Anhaltspunkte zurückzulassen stellte sich das als schwierig heraus.

„Wir fahren zum Flughafen“, sagte Alan bestimmend. „Beeil dich, wir treffen und da. Terminal 2, Zwischenstopp ist übrigens London. Bis gleich“

Don klappte sein Handy zusammen, rief ein unbestimmtes „ich muss noch mal los“ in den Raum und ging zum Auto.

In der Stadt war der Verkehr völlig zusammengebrochen. Don stand im Stau und wusste, dass er es in diesem Tempo niemals rechtzeitig schaffen würde.

Don sah sich vorsichtig um, fluchte und schaltete dann das Blaulicht an.

Die Fahrzeuge vor ihm bemühten sich schell Platz zu machen und Don kam schon bald weit aus zügiger voran.

Am Flughafen angekommen, stürmte Don in das Terminal. Auf der Anzeigetafel waren zu viele Flüge, als das man sie so schnell überblicken könnte also ging Don Richtung Schalter.

Im Flughafengebäude war sehr viel Betrieb. Überall wuselten Menschen mit Gepäckwagen herum. Familien, Geschäftsleute, Reisegruppen.

„Oh, das tut mir leid“, Don hatte einen Mann angerempelt, der einen dunklen Kapuzenpullover trug und einen schwarzen Trolley hinter sich her zog.

Der Mann sah aber noch nicht einmal auf sondern ging nur schnell weiter.

Wie unfreundlich dachte Don, der inzwischen am Schalter angekommen war.

Die blonde Bodenstewardess begrüßte ihn freundlich.

„Was kann ich für sie tun?“

Don lächelte. „ Special Agent Eppes, FBI“, er hielt der Frau seine Marke hin.

„Unser Berater hat einen Flug nach Oslo gebucht. Wir müssen ihn aber vorher dringend nochmal sprechen.“

Die blonde Frau nickte. „Selbstverständlich.“ Sie wandte sich an ihren Computer. „Wie heißt denn ihr Berater?“

„Charles Eppes“.

Die Bodenstewardess sah Don erstaunt an.

„Mr. Eppes? Der war gerade hier. Sein Flug wurde annulliert. Das ist wirklich seltsam. Sie müssten ihm noch begegnet sein.

Don fiel es wie Schuppen vor die Augen. Schwarzer Pullover, schwarzer Trolley…

„Verdammt“, fluchte er.

„Soll ich ihn ausrufen lassen?“, fragte die Flughafenmitarbeiterin.

„Nein, nicht nötig“, antwortete Don schon halb angewandt. „Aber vielen Dank für ihre Hilfe“.

Don eilte in die Richtung zurück, aus der er gekommen war. Mein Gott Eppes, dachte er dabei, du bist beim FBI und erkennst noch nicht einmal deinen eigenen Bruder, nur weil er eine Kapuze auf hat.

Don stand jetzt an der Stelle, an der er Charlie angerempelt hatte und sah sich suchend um.

Aber er konnte seinen Bruder nirgends sehen.

Neben ihm stand ein Pärchen mit zwei großen Koffern und Don glaubte zu wissen, dass die beiden vorhin auch schon da waren.

„Entschuldigen sie“, sprach der Agent die zwei an. „Ich bin hier gerade doch mit jemandem zusammengestoßen, wissen sie zufällig, wo er danach hingegangen ist?“

Die zwei sahen ihn etwas verdutzt an aber schließlich antwortete der Mann mit starkem irischem Akzent. „Ja, ich glaube, er ist Richtung Aussichtsplattform.“ Die Frau zeigte dabei nach links.

Don bedankte sich und ging in die gezeigte Richtung.

An der Aussichtsplattform war nicht viel los. Don sah Charlie sofort. Sein Bruder saß mit angezogenen Beinen auf einem der Plastiksitze vor den großen Panoramafenstern, sein Trolley vor ihm auf dem Boden und starrte nach draußen, wo gerade eine Maschine einer chinesischen Fluggesellschaft in Richtung Startbahn rollte.

Don ging zu Charlie, ließ sich neben ihm auf den Sitz fallen und musste erst mal durchatmen. Er war von der Herumrennerei ganz außer Puste.

„ Was machst du denn hier?“, fragte Charlie ohne Don anzusehen. Er starrte weiterhin aufs Rollfeld, wo die chinesische Maschine inzwischen an einem Ende der Startbahn stehengeblieben war.

„Was ich hier mache?“, japste Don. „Das könnte ich eher dich fragen.“

„Wüsste nicht, was dich das angeht“, antwortete sein Bruder und wollte aufstehen. In diesem Moment hatte Don genug. Er hatte alles stehen und liegen gelassen, war wie ein Irrer hier her gefahren und quer durch den Flughafen gerannt. Er war außer Puste, müde und verschwitzt, weil im Flughafen schlechte Luft war und jetzt wollte ihn Charlie schon wieder stehen lassen. Irgendwann war auch mal bei ihm das Maß voll.

Don packte Charlie am Handgelenk und zog ihn zurück auf den Sitz. „Bleib hier, wir reden jetzt darüber!“

„Lass mich los“, rief Charlie empört und versuchte sich zu befreien.

Don wußte nicht, was in diesem Moment in ihn fuhr aber ohne groß nachzudenken zog Agent Eppes seine Handschellen von seinem Gürtel und im nächsten Moment hatte er damit Charlies linke Hand mit seiner rechten Hand verbunden.

Charlie war darüber so erstaunt, dass er sich zurück auf den Sitz fallen lies und Don mit großen Augen anstarrte.

„Bist du völlig wahnsinnig?“ rief der Jüngere dann so laut, dass sich ein Geschäftsmann ein paar Plätze weiter neugierig umsah.

„Nein“. antwortete Don ruhig. „Ich möchte nur verhindern, dass du wieder abhaust ohne dass wir in Ruhe geredet haben."

Charlie starrte wieder aus dem Fenster.

„Das ist Freiheitsberaubung!“

„Zeig mich doch an“, Don musste grinsen. Charlie schmollte wie ein kleines Kind.

Eine Weile saßen sie da und beobachtete, wie die chinesische Maschine langsam losrollte, immer schneller wurde und schließlich abhob um im Himmel über L.A. zu verschwinden.

„Ich hab dir nichts zu sagen“, murmelte Charlie irgendwann.

„Und ich hab Zeit“, konterte der Ältere. Er fragte sich, wo sein Vater blieb. Wahrscheinlich noch im Stau.

Wieder schweigen.

„Was willst du in Oslo?“, unterbrach Don die Stille.

„Jemanden besuchen“.

„Und wen?“

Charlie atmete durch. „Kristina. Ich habe mich in sie verliebt und wir wollen zusammen leben. Ich habe auch schon ein Jobangebot.“ Plötzlich sprudelte alles aus ihm heraus.

Don staunte. „Du willst was? Ich meine, du willst alles hier hinter dir lassen? Was ist mit deiner Arbeit an der Uni, was ist mit Amita und mit….deiner Familie?“

Charlie schluckte. „Meinst du, mir fällt das leicht?“

Don schwieg. Auch wenn ihm Charlie manchmal auf die Nerven ging. Eigentlich arbeitete er gerne mit seinem Bruder zusammen. Nur fiel es ihm schwer, das zu zeigen.

„Hör mal Chuck“, begann Don vorsichtig. „Was hältst du davon, wenn du uns hilfst, bis wir Phils Fall aufgeklärt haben..dann reden wir nochmal, zusammen mit Dad. Dann kannst du immer noch nach Oslo. Ich meine….ich würde mich freuen, wenn du wenigstens noch ein bisschen bleibst. Nicht nur wegen der Arbeit.“

Jetzt war es raus. Eigentlich gar nicht so schwer, wie Don feststellen musste.

Charlie seufzte.

„Unter zwei Bedingung“, sagte der Jüngere dann schließlich und sah Don das erste Mal seit langem wieder direkt in die Augen.

„Die da wären?“ Don zog die Augenbrauen hoch.

„Du nimmst endlich diese Dinger ab“, Charlie deutete mit seiner freien Hand auf die Handschellen, „und du nennst mich nicht Chuck!“