Kapitel 11:

 

Autorität wie Vertrauen werden durch nichts mehr erschüttert

als durch das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden. Theodor Storm

 

 

Charlie ging mit Phil und Sarah die Treppe hinauf. Das obere Stockwerk war ähnlich schäbig wie der Eingangsbereich aber etwas wohnlicher eigerichtet.

In dem ersten der zwei Räume waren zwei alte Sofas zu finden, auf ihnen war Bettzeug ausgebreitet.

Außerdem stand, zu Charlies Erstaunen, in einer Ecke ein kleiner Tierkäfig. Als Charlie näher heranging sah er ein braun-weißes Kaninchen, welches mümelnd im Streu saß und ihn mit großen, schwarzen Knopfaugen ansah.

Sarah ging vor dem Käfig in die Knie, öffnete ihn und nahm das Tier heraus.

„Das ist Cookie, er hat auf mich aufgepasst“, informierte sie Charlie und drückte das Kaninchen an sich.

Charlie lächelte verlegen und wandte sich an Phil, der unsicher hinter ihm stand. „Du willst mir doch was erklären?“ begann Charlie.

Phil nickte.

„Sarah, bist du so lieb und gehst mit Cookie nach nebenan? Charles und Daddy müssen etwas besprechen“, während Phil diese Worte aussprach hielt er die Waffe und das Messer hinterm Rücken.

Sarah nickte und verlies wortlos den Raum. Phil setzte sich auf die eine Couch und bedeutete Charlie, auf der anderen Platz zu nehmen.

 

Dann saßen sie sich einige Minuten schweigend gegenüber bis Phil zögerlich begann.

„Das ist eine lange Geschichte“, sagte Phil schließlich leise.

Charlie fuhr sich mit seiner rechten Hand durch die Locken. „Ich habe gerade nichts anderes vor“, meinte er dabei.

 

Phil seufzte. „Na ja, weißt du, ich bin in San Francisco geboren. Meine Eltern waren nicht sonderlich reich damals aber sie waren gute Menschen. Ich war ihr einziges Kind und sie haben mir viel Liebe gegeben aber schon ziemlich früh habe ich gemerkt, dass du als Kind armer Eltern nicht dieselben Chancen hast. Du warst schon abgestempelt, wenn du deine Adresse in einem bestimmten Viertel genannt hast.

Also habe ich direkt nach der Schule angefangen zu arbeiten. Ich hatte einen ganz guten Job als Programmierer.“

Phil machte eine Pause und wiegte die Pistole in der Hand.

„Mit 21 habe ich dann Evie kennengelernt und es war..sagen wir mal Liebe auf den ersten Blick. Evie und ich haben schnell geheiratet und ein Jahr später kam Sarah zur Welt. Wir waren eine wirklich glückliche Familie……..“

Phil brach ab und starrte vor sich hin.

„Phil..“, begann Charlie.

„Doch plötzlich wurde mein Vater sehr krank und die Behandlung für uns unerschwinglich“, fuhr Phil fort. „Da kam mir ein Angebot von einem Geschäftspartner meines Chefs ganz recht. Ein bisschen was am PC drehen, darin hatte ich ja Talent, gute Bezahlung…du kannst mir ruhig vorwerfen, dass ich blauäugig war“.

Charlie sagte nichts.

„ Im Nachhinein hätte ich es wissen müssen aber der Gesundheitszustand meines Vaters hat mir die Objektivität wohl genommen. Auf jeden Fall erfuhr ich erst, dass ich in eine der größten Hackeraffären der Stadt verwickelt war, als das FBI vor meiner Tür stand.“

Wieder eine Pause. Charlie hörte nebenan Sarah mit Cookie reden.

„Dann stellte sich heraus, dass meine Auftraggeber gefährlich waren…ich meine, richtig gefährlich Charles. Sie haben mir gedroht, meiner Familie etwas anzutun, wenn ich auspacke und deshalb habe ich beim FBI geschwiegen, womit der zuständige Agent sich aber nicht zufrieden geben wollte. Er war…cholerisch..und hat….“. Phils Stimme erstarb und Charlie musste plötzlich an den Fall mit der Entführung von Megan und Dons Entscheidung in diesem Moment denken. Charlie spürte einen Kloß im Hals.

„Was hat er Phil?“

„Nun, für ihn war der Fall klar. Abschaum aus armen Verhältnissen, der das schnelle Geld will. Er hat mich weitaus mehr als einmal geschlagen.“

Charlie schloss die Augen.

„Meine Auftraggeber wollten mich daran erinnern, dass ich schweigen muss“, erzählte Phil weiter,

„und haben Evie eines Tages auf dem Highway bedrängt. Sie hat die Kontrolle über ihren Wagen verloren. Die Ärzte konnte ihr nicht mehr helfen.“

In diesem Moment legte Phil die Waffen beiseite und legte den Kopf in die Hände. Charlie saß nur fassungslos daneben.

„Phil“, begann Charlies schließlich, „spätestens da hätte das FBI doch was merken müssen“.

Phil sah ruckartig auf, Zorn blitze in seinen Augen. „Haben sie aber nicht Charles!“, schrie er. „Sie hatten sich auf mich eingeschossen. Ich wurde verurteilt, Sarah kam in eine Pflegefamilie und meine Eltern starben während meiner Haftzeit“.

Phil atmete schnell und rieb sich mit beiden Händen das Gesicht.

Dann wurde er wieder ruhiger. „Ich bin jetzt auf Bewährung draußen, ich durfte Sarah wieder sehen und ich habe mir Arbeit gesucht. Bis diese Verbrecher wieder auftauchten und mich zu einem neuen Ding zwingen wollte. Aber diesmal habe ich es nicht gemacht“, Phil sah auf und Charlie direkt ins Gesicht, „du musst mir das glauben. Ich bin unschuldig und habe aus Angst um meine Tochter, Sarah hier her gebracht. Sie durfte 3 Tage offiziell bei mir verbringen.“

Charlie schluckte. „Hast du wirklich?“

Phil schüttelte den Kopf. „Das wollte ich Sarah nicht antun“, sagte er niedergeschlagen. „Ich musste nur weg, sie wollten den Agent aus San Francisco holen……und im Krankenhaus arbeitet jemand, den ich auf dem Gefängnis kenne…na ja…den Rest weißt du ja. Es tut mir leid, Charles.“

Eine bedrückende Stille machte sich breit, bis Charlie sie Initiative ergriff.

„Phil, du musst dich stellen, oder willst du, dass dich das SWAT Team vor den Augen von Sarah erschießt? Hörst du Phil?“, fragte Charlie eindringlich. Phil ließ den Kopf hängen.

„Nein, das kann ich nicht. Es wird alles so werden wir damals“.

Charlie schüttelte den Kopf uns stand auf. „Nein. Phil, es wird nichts so werden wie damals. Ich glaube dir, ich habe dir schon einen Anwalt besorgt und wenn du dich stellst werden mein Bruder und ich dafür sorgen, dass Sarah und dir keiner mehr was tut.“

Charlie hielt Phil die Hand hin.

 

„Vertraust du mir?“

 

Phil ergriff die Hand aber bevor er etwas erwidern konnte hörte man draußen Motorengeräusche, einen Hubschrauber und dann ein Megaphon.

„Phil Linus, hier ist das FBI! Lassen sie die Geiseln frei und kommen sie mit erhobenen Händen heraus!“

Phil sah Charlie an. In seinem Gesicht stand die pure Angst, Sarah kam weinend in den Raum gelaufen.

„Daddy“, rief sie, das Kaninchen noch in ihrem Arm.

„Sarah“, sagte Charlie sanft. „Du musst jetzt mit mir gehen. Daddy bleibt hier aber ihm passiert nichts“. Sarah nickte.

„Aber Cookie muss mit“.

Charlie nahm Sarah mit Cookie auf den Arm. „Gib mir die Waffen“, forderte er Phil dann auf und streckte die freie Hand aus.

Phil gab ihm das Messer, sowie die Pistole und drückte Sarah noch einen Kuss auf die Wange.

„Ich hab dich lieb mein Schatz“, sagte er und blieb alleine im Zimmer zurück.

Charlie stieg die Treppe herunter. Auf dem Arm trug er Sarah mit einem Kaninchen und zwei Waffen, mit denen er vor kurzem noch bedroht worden war.

 

Charlie fühlte sich auf einmal sehr müde. Draußen brüllte Don irgendetwas ins Megaphon…Charlie dachte an Kristina und John Rosenkranz während er der Haustür immer näher kam.

Schließlich drückte er sie vorsichtig auf und wurden zunächst von der tiefstehenden Sonne geblendet.

Dann ging er langsam heraus. Sarah vergrub ihr Gesicht in seiner Brust.

Draußen war ein riesen Aufgebot an FBI, LAPD und dem SWAT Team, welches im Halbkreis um das Haus herumstand. Hinter den Autos, alle mit den Waffen in Position. In der Luft kreiste der Hubschrauber.

Das ganze Programm, dachte Charlie und ging weiter bis kurz vor die Autos des FBIs.

Die Polizisten ließen sie Waffen sinken. Charlie blieb stehen. Er sah Don und Colby, die hinter ihren Autos hervor gerannt kamen.

Charles Eppes warf den herannahenden Agents noch Phils Waffen vor die Füße, bevor ihm schwarz vor Augen wurde.