Teil 2

'Ist er vielleicht nochmal zur Uni gefahren?' Don wusste eigentlich selbst, dass es eine unsinnige Frage war, denn erstens hätte sein Bruder das zeitlich einfach nicht geschafft, zweitens stand sein Fahrrad draussen vor dem Haus – mit einem plattem Vorderrad und drittens war sein Vater, wie Don ihn kannte, schon länger auf. Er hätte von daher mitbekommen, wenn Charlie aus dem Haus gegangen wäre. Don kam nicht drumrum sich Sorgen zu machen. Es war einfach untypisch, dass Charlie so einfach verschwunden war. Don sah seinen Vater an und konnte förmlich seine Sorgen von dessem Gesicht ablesen. Um ihn – und auch sich selbst ein wenig zu beruhigen – meinte er 'Vielleicht ist er heute Nacht ja noch zu Larry und hat dann da geschlafen.' Alan sah seinen Ältesten einen Moment lang an und schien sich ein wenig zu beruhigen. Immerhin wäre es ja nicht das erste Mal, dass Charlie in seinem Eifer vollkommen die Zeit vergisst. Und wenn er dann noch mit seinem Freund und ehemaligem Lehrer Larry Fleinhardt zusammen ist...

Innerlich musste Alan leicht lachen. Er erinnerte sich gerade, wie seine Frau und er damals die Polizei eingeschaltet hatten, als Charlie plötzlich verschwunden war. Er war damals 10 Jahre alt und war das erste Mal seit Monaten wieder aus dem Haus gegangen. Aber auch nur, weil seine Eltern ihn praktisch überredeten. Sie hatten ihm zum Geburtstag ein schönes Mountain Bike geschenkt. Charlie sah es sich damals an und meinte, dass es ihm wirklich sehr gefallen würde. Das war aus dem Mund ihres jüngsten Sohnes wirklich Gold wert. Sonst verkroch er sich nämlich nur hinter seinen Büchern und seine Eltern waren der Meinung, dass Charlie ein wenig Bewegung gut tun würde. Nun ja... sportliche Bewegung. Sonstige Bewegung hatten sie genug, denn mit der Hochbegabung ihres Sohnes kamen auch die 'Schattenseiten' dieses 'Segen' zum Vorschein. Unter anderem war Charlie nämlich leicht hyperaktiv. Das hieß, dass es ihm schwer fiel sich zu konzentrieren geschweige denn zuzuhören – ausser es ging um Zahlen. Ausserdem schlief er relativ wenig. Dann hörte man mitten in der Nacht, wie sich ein Knirps aus dem Haus in den Garten schlich, um in der Garage seinen Gedankengängen freien Lauf zu lassen. Oft gingen ihm dann Alan oder seine Mutter nach und beobachteten ihn eine Weile. Besonders seine Mutter liebte es ihrem kleinen Sohn zuzusehen. Alan fragte sie damals einmal was sie so fazinierend an Charlie's Schreibereien fände. Sie antwortete 'Ich liebe es, ihm zuzuschauen, wie er voller Begeisterung und mit seiner unbändigen Energie herumwirbelt und einfach nur glücklich ist.'

Alan erwischte sich, wie er gerade wieder in Erinnerungen an seine Frau schwelgte, ermahnte sich selbst und führte den vorangegangenen Gedanken weiter. Ja... da war Charlie nun irgendwann dank der Überredungskünste seiner Mutter zum Radfahren rausgegangen und kam einfach nicht wieder. Sie machten sich natürlich die allergrößten Sorgen um ihren Kleinen und malten sich schon die schlimmsten Szenarien aus, bis es gegen 22 Uhr an ihrer Tür schellte und ein Polizist mit ihrem schlafendem Sohn auf dem Arm auftauchte. Der Junge war vom Radfahren müde geworden und hatte sich zum Ausruhen auf eine Wiese gelegt und war dort eingeschlafen. Alan erinnerte sich, wie ihm in diesem Moment ein sechs Tonnen schwerer Felsen vom Herzen zu fallen schien und er seinen Sohn einfach nur noch überglücklich aus den Armen des Polizeibeamten entgegennahm und ihn nach oben in sein Zimmer und ins Bett brachte.