Teil 11

So verblieben sie noch eine Weile, bis der Notarzt die Leiter hinunter kam und Charlie's Wunden versorgte. Don blieb die ganze Zeit bei ihm. Er wollte Charlie nie wieder allein lassen. Niemals!

Der Arzt wollte Charlie zur weiteren Versorgung und vorallem zur Kontrolle ins Krankenhaus einweisen, aber Charlie weigerte sich. Er sah mit flehenden Augen zu seinem Bruder hoch. Don verstand & spürte die Angst seines Bruders und machte mit dem Arzt aus, dass Charlie auf eigene Verantwortung nach Hause dürfe, sich aber absolut schon solle. Strikte Bettruhe, keinerlei Stress und so weiter. Don versprach dem Doktor, dass er dafür sorgen würde, dass Charlie sich daran halten würde. Dann half er seinem Bruder auf die Beine und führte ihn langsam aus dem Haus zu seinem Wagen um ihn nach Hause zu fahren.

Während der ganzen Fahrt sagte Charlie kein Wort und wirkte vollkommen abwesend. Er saß kerzengerade und immer noch kreidebleich auf dem Beifahrersitz und stierte nur auf die Straße vor ihm. Don warf immer mal wieder einen besorgten Blick zu ihm. Wenn es möglich gewesen wäre... er hätte sofort mit Charlie getauscht. Es zeriss ihm das Herz seinen Bruder so leiden zu sehen. Charlie hatte schon immer mit seinen Gefühlen gehadert. Er konnte einfach nicht mit ihnen umgehen. Und mehr als einmal war Don da um ihm in diesem Chaos zu helfen. Doch diesmal schien auch er an seine Grenzen zu stossen. Wie sollte er ihm nun helfen? Er wußte sich nicht zu helfen. Am liebsten hätte er sofort angehalten, hätte sich auf die Strasse gestellt und einfach nur laut gebrüllt. Ihm wäre es momentan auch relativ egal gewesen, wenn ihn dann ein Auto überrollt hätte oder ähnliches. Nichts konnte größer sein als der Schmerz, den er empfand, wenn er seinen Bruder so leiden sah.

Nach einer guten halben Stunde kamen sie vor dem Familienwohnsitz der Eppes an. Terry hatte Alan schon telefonisch über die neusten Entwicklungen informiert und nun stand dieser völlig aufgelöst vor der Tür. Als er den Wagen seines Ältesten anrollen sah kam er quer über den Rasen geeilt. Don beeilte sich mit dem Aussteigen und fing seinen Vater kurz vor der Beifahrertür ab. 'Dad...' began er 'Charlie steht unter Schock! Der Arzt meint strikte Bettruhe und keinerlei Stress oder ähnliches.' 'Don? Wieso ist er denn nicht im Krankenhaus?' Alan warf einen kurzen Blick zu Charlie ins Auto. 'Er wollte nicht. Dad... er hat einfach nur noch Angst. Und der Doc meinte, dass es ok wäre solange er sich dran hält.' Sein Vater sah ihn noch einen Moment lang an, dann ging er zur Beifahrertür, öffnete sie und griff sanft den Arm seines Jüngsten. 'Na Charlie? Kommst du mit mir?' Es dauerte einen Moment bis Charlie ihn zu bemerken schien. Nur langsam sah er ihn an, stieg wortlos aus dem Wagen und ließ sich von seinem Vater ins Haus bringen. Alan ging ganz behutsam mit seinem Sohn um. Darin hatte er ja schon eine Menge Übung. Als Charlie noch ein Kind war gab es öfters Situationen, in denen er völlig verstört durch die Gegend lief. Und da war es meistens an Alan gewesen seinen Sohn wieder ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit zu geben. Diesen Part hatte seine Frau ihm damals bewußt überlassen. Alan hatte eigentlich nie so ein inniges Verhältniss zu Charlie wie seine Frau es hatte. Er war, um ehrlich zu sein, etwas überfordert mit Charlie's Begabung. Er war mehr der extrovertierte Typ und lag eher mit Don auf einer Wellenlänge. Mit dem älterem Sohn ging er zu Baseballspielen, zu Autorennen, ging mit ihm ins Kino und so weiter. Mit Charlie ging dies nicht. Es war nicht so, dass er es nicht wollte, aber jedes Mal, wenn er mit dem Youngster etwas unternehmen wollte, verkroch sich dieser in seine Bücher und flüchtete förmlich in seine eigene kleine Welt. Er kam damals einfach nicht wirklich an ihn ran. Daher hatte ihn seine Frau damals in diese Rolle 'hineingedrängt'.

Alles fing damit an, dass Charlie im Alter von etwa sechs Jahren zu schlafwandeln begann. Er wanderte im tiefstem Schlaf durch das ganze Haus und landete immer im Wohnzimmer oder gar im Garten bzw. im Schuppen. Die ersten Male war es gar nicht aufgefallen, jedoch fanden ihn seine Eltern eines Morgens in einer Ecke kauernd vor. Als sie ihn ansprachen sahen ihnen nur ein paar ängstliche Kinderaugen entgegen und dann klammerte Charlie sich an seinen Vater. Daraufhin hatten sie mit ihrem kleinen Sohn Rat bei einem Psychologen gesucht und dort erfahren, dass diese Angstzustände ab und an geschahen, da Charlie nicht ganz mit seiner Umwelt umzugehen verstehe. Sein Rat war, dass man diese nächtlichen Ausflüge keineswegs unterbinden sollte, da Charlie's Gehirn währenddessen Dinge verarbeiten würde, zu denen es im wachen Zustand nicht fähig wäre. In Folge dessen bunden Alan und seine Frau ihm für die Nacht immer ein Glockenbändchen um, so dass sie hörten, wenn sich ihr Kleiner wieder auf den Weg machte. Dann lag es immer an Alan seinem Sohn zu folgen, damit dieser, wenn er aufwachte, bei einer eventuellen Panikattacke nicht alleine war.

Anfangs empfand Alan es zugegebenermaßen ein wenig lästig und hatte darüber auch desöfteren mit seiner Frau disskutiert, weshalb sie immer ihn schickte jedoch nie selbst ihrem Sohn in dieser Situation beistehen wollte. Darauf bekam er dann immer wieder die Antwort, dass es für Charlie und auch für ihn wichtig sei, dass sie beide merkten, dass jemand für sie da war. Er und Charlie wären nämlich gar nicht so verschieden wie er immer denke und ausserdem fördere das die Vater-Sohn-Beziehung. Und Alan musste zugeben, dass sie in allen Dingen Recht hatte. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn wurde immer wieder etwas besser und nach einiger Zeit wurden sogar die nächtlichen Ausflüge weniger. Und irgendwann waren sie völlig verschwunden.

Alan hatte Charlie ins Haus gebracht und zur Couch geführt. Dort saß dieser nun wie ein kleines Häuflein Elend und rührte sich keinen Zentimeter. Alan sprach behutsam und mit lieber Stimme auf ihn ein. 'Charlie?' Er wartete einen kurzen Augenblick bevor er weiter sprach. 'Du hast doch sicher Durst, oder?! Ich werde dir jetzt erstmal einen schönen Tee machen und dann setz' ich mich zu dir. Ok?' Letzteres war eher eine rethorische Frage, da er genau wusste, dass Charlie ihn zwar hörte jedoch keineswegs antworten würde. Er warf nochmal einen kurzen Blick auf seinen Jungen und verschwand dann in der Küche um Tee zu kochen.

Als er nach fünf Minuten mit zwei Tassen Tee wieder ins Wohnzimmer kam war Charlie verschwunden.