Teil 1

Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es noch mitten in der Nacht war und er eigentlich noch weiterschlafen könnte. Aber aus irgendeinem Grund konnte er trotz seiner Müdigkeit nicht schlafen. Er wälzte sich stattdessen ein paar Mal in seinem Bett, bevor er endgültig beschloß aufzustehen. Er schwang die Beine über die Bettkante, warf nochmal einen kurzen augenverdrehenden Blick auf die Uhr und machte sich in die Küche auf. Mit schlurfenden Gang vorbei am Wohnzimmer landete er schließlich vor seinem Kühlschrank. Er schnappte sich die Milchtüte und ein Glas und setzte sich an den Tisch. Während er dort saß, sein Glas Schluck für Schluck leerend und seinen Gedanken nachhängend fiel sein Blick auf seinen Dienstausweis. Er nahm ihn in die Hand, klappte ihn auf und began zu lesen. Federal Bureau of Investigation... Special Agent Donald Eppes... Nummer... Er klappte ihn wieder zu und legte ihn weg. 'Nichts da.' dachte er sich. 'Ab heute habe ich Urlaub und ich habe versprochen nicht gleich wieder an die Arbeit zu denken. ... Auch wenn mir das wohl verdammt schwer fallen wird. ... Aber ich habe Charlie diesen Campingtrip aufgedrängt also muss ich da auch ran.' Mit einem kleinen Seufzer stand er auf, stellte das benutzte Glas in den Geschirrspüler und beschloß duschen zu gehen.

Eine Stunde später war er frisch geduscht und hatte seine Camping-Ausrüstung im Auto verstaut. Bevor er bei seinem Vater und Bruder ankam, wollte er noch frische Brötchen besorgen. Denn er selbst hatte wahnsinnigen Hunger und bestimmt hatten die anderen beiden auch noch nicht gefrühstückt. Es war ja schließlich auch erst 6 Uhr in der Früh.

 

Etwa eine dreiviertel Stunde später hielt Don vor seinem Elternhaus. Er sah, dass im Zimmer seines kleinen Bruders und im unterem Bereich des Hauses bereits Licht brannte. 'Gut... dann sind sie ja schon wach.' Mit frischen Brötchen und der Tageszeitung bewaffnet, machte er sich die Auffahrt hinauf zum Haus. Bevor er die Tür öffnete, fiel ihm auf, dass Charlie's Rad, welches an die Hauswand gelehnt stand, im Vorderreifen einen Platten hatte. Mit einem leichten Stirnrunzeln beschloß er seinen kleinen Bruder gleich mal zu fragen, was er denn damit gemacht hatte. Aber erstmal wollte er nun frühstücken, also öffnete er die Tür und verschwand im Haus.

 

Im Haus lief er direkt in Richtung Esszimmer und fand dort auch schon seinen Vater sitzend vor. 'Morgen Dad!' Alan saß am Esstisch vor einer großen Tasse Kaffee und genoss sichtlich den Morgen. 'Ah Donnie! Guten Morgen!' Dann sah er auf die Uhr. 'Himmel! Was machst du denn um diese Uhrzeit schon hier? Charlie und du wolltet doch erst so gegen 10 aufbrechen, oder?!' Don konnte sich ein Grinsen einfach nicht verkneifen. Er fand es schon als Kind immer wieder lustig die Reaktion seines Vaters zu erleben, wenn er etwas tat, was sein Vater nicht erwartet hatte. Er hatte dann immer einen leicht verwirrten Ausdruck in den Augen, der Don jedes Mal auf's Neue zum Schmunzeln brachte. 'Ja... wir wollen gegen 10 los. Aber ich konnte einfach nicht mehr schlafen. Und da habe ich mir gedacht, dass ich doch mal mit Zeitung' er hob die Zeitung in Richtung Vater 'und ein paar frischen Brötchen' hob auch diese hoch 'bei meinem Vater und meinem kleinem Bruder vorbeischaun könnte.' Alan sah ihn grinsend an. 'Da hast du aber gut gedacht Sohn!' Er stand auf und machte sich auf den Weg in die Küche. 'Ich deck' schonmal den Tisch.' Man hörte aus der Küche bereits schon die ersten Klappergeräusche. 'Und du könntest mal nach oben gehen und deinem Bruder Bescheid geben! Den habe ich heute nämlich noch gar nicht gehört – irgendwie bezweifle ich, dass er überhaupt schon wach ist.' Letzteres ging mit einem leichten Lachen herbei, was Don bedeutete, dass der Jüngste der Eppes vermutlich wieder bis spät in die Nacht über irgendwelchem mathematischem Kram gehangen haben musste. Don schüttelte den Kopf. Er konnte es nach all den Jahren irgendwie immer noch nicht verstehen, was Charlie an dem ganzen Zahlendurcheinander und Drumherum fand, aber er hatte in den Jahren auch gelernt, seinen Bruder so zu akzeptieren wie er ist; auch wenn es ihm wahrlich nicht immer leicht fiel; und er musste auch zugeben, dass dieses Zahlenzeugs schon oft weitergeholfen hatte, wo scheinbar das Ende der Fahnenstange erreicht war. So nervig Charlie auch manchmal sein mochte, wenn Don ehrlich zu sich war, konnte und wollte er sich den 29jährigen gar nicht anders vorstellen. So wie er in seiner Art und seinem Wesen war... so wollte Don seinen jüngeren Bruder auch.

 

Oben vor Charlie's Zimmer angekommen klopfte er an die Tür. Tok... Tok Tok Tok... Tok Tok Tok Tok Tok... "Der Gebrüder Eppes Code" wie ihn seine Mutter mal genannt hatte. Dieses Klopfritual zogen sie schon seit ihrer Kindheit durch. Don erinnerte sich, wie damals ein kleiner 5jähriger zu ihm hochsah und sagte 'Du musst immer die ersten drei Primzahlen klopfen – damit ich weiß, dass du das bist.' Und noch heute musste er wie damals darüber schmunzeln. Es war einfach zu witzig. Aber es hatte sich auch schon ein paar Mal rentiert – so ein Zeichen unter Brüdern ist halt was Besonderes und wird auch oft gebraucht. Selbst wenn man es nicht wirklich zugeben mag.

Don klopfte nun schon zum zweitem Mal. Tok... Tok Tok Tok... Tok Tok Tok Tok Tok... In dem Zimmer jedoch regte sich nichts. Er wartete noch einen kurzen Moment, dann öffnete er die Tür. Das Bild, das sich ihm bot, war abgesehen von dem riesen Chaos, welches hier jedoch ständig heerschte, relativ normal. Nur eine Sache war merkwürdig. Das Bett war unbenutzt und von Charlie keine Spur. Don sah noch einen kurzen Moment in den Raum, dann schloss er die Tür wieder hinter sich und ging zwei Türen weiter zum Bad. Er legte lauschend das Ohr gegen die Holztür um zu hören, ob Charlie eventuell schon unter der Dusche stand oder ähnliches. Jedoch war auch dort absolute Stille. Zur Kontrolle öffnete er die Tür und fand wie zu erwarten war niemanden vor. Don fragte sich, wo sein Bruder denn nur stecken könnte. Er ging die Treppe hinunter wieder zurück ins Esszimmer. 'Hey Dad! Charlie ist nicht oben.' Sein Vater sah fragend auf. 'Wie nicht oben? Aber runtergekommen ist er doch auch nicht. Und im Garten ist er nicht... da war ich heute morgen schon um die Blumen zu giessen. Und die Garage ist abgeschlossen.' Don sah seinen Vater fragend an. 'Ja und wo ist er dann?'