5.

 

Langsam ging ich zu Boden, rutschte ein Stück nach vorne, hielt ihn dabei aber noch immer fest und beugte mich vor. Dunkles Grau legte sich über uns, ich konnte nichts sehen, doch ich schaffte es und zog. Frei! Dann war da wieder diese Melodie, wunderschön und alt.

Eppes ist mein Name, es ist auch Dons Name, den ich benutzte. Doch ich verstand wenig, sagte wenig, denn die Verbindung war noch immer schlecht. Das wichtigste allerdings vermittelte ich: ein Mann war verletzt.

Dann zog ich mit aller Kraft weiter, zog bis meine Kräfte mich verließen und schaffte es. Sicherheitshalber robbte ich ein Stück nach hinten, begutachtete die Situation und schob ihn vor, schob solange bis ich nicht mehr konnte.

Dabei umschloss mich die Dunkelheit. Ich sah nichts mehr, ich fühlte nichts mehr, lag einfach nur da, versteckt im Rauch, unfähig mich zu bewegen. Vor mir lag Don, hinter mir befand sich ein klaffendes Loch. Es war warm, sehr warm und wurde immer wärmer. Mein Bruder war in Sicherheit, nur das war mir wichtig.

 

Ein Blinzeln war das erste Zeichen, dass er wieder zu sich kam, doch er konnte nicht sprechen. Seine Stimme war weg, erst da bemerkte er, dass er eine Maske trug. Purer Sauerstoff floss beim Einatmen durch den Mund in die Luftröhre, von dort in die Lunge und durchströmte dann mit dem Blut seinen Körper. Mit jedem Atemzug wurde er klarer. Wieder versuchte er zu sprechen, doch es kam nur ein Krächzen aus seiner Lunge.

 

Seine Umgebung nahm er war, merkte aber, dass etwas nicht stimmte, merkte, dass etwas fehlte. Eine weitere Trage müsste neben ihm stehen oder zumindest jemand an seiner Seite sein, doch da war niemand. Da waren nur Sanitäter und Feuerwehrmänner, also drehte er sich zur anderen Seite um. Auch dort stand nicht der Mensch, den er suchte.

 

Immer mehr Kraft kam zurück in seinen Körper, auch der Schmerz der Beinwunde wurde wieder allgegenwärtig, doch das war ihm egal. Zuerst zog er die Maske über den Kopf weg. Dann fasste er nach dem Arm des am nächsten stehenden Sanitäters, hielt sich daran fest und zog sich hoch zum Sitzen. Davon wollte ihn der Sanitäter zwar mit aller Kraft abhalten, doch das ließ Don nicht zu. Stattdessen schob er nun vorsichtig die Beine von der Trage und betrachtete dabei das verletzte. Eine tiefe Fleischwunde war zu sehen, die nicht schön, aber auch nicht besonders bedrohlich war. Die Schmerzen würde er ... nein, musste er aushalten.

 

Behutsam setzte er die Füße auf den Boden, belastete beide Beine mit seinem Körpergewicht, als er sich hinstellte und setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Stimmen drangen zwar zu ihm durch, aber er verstand nichts. Er ging nur zielstrebig auf den Eingang des Hauses zu, der von zwei Feuerwehrmännern flankiert war. Auch deren Stimmen hörte er, als er das Haus betrat, verstand ihre Wörter aber nicht. Allerdings spürte er ihre in Handschuhen steckenden, kräftigen Hände auf seinen Armen, als sie versuchten, ihn zurückzuhalten. Daraufhin schrie Don sie an, dass sein Bruder noch da drin sei. Schnell war der Druck von seinen Armen weg und er hatte eine kleine, tragbare Sauerstoffflasche in der Hand. Dann sah er, wie einer der Feuerwehrmänner etwas in sein Funkgerät sprach, während er weiterging. Aber er war nicht allein, denn in seinem Augenwinkel sah er den anderen Feuerwehrmann, der mit ihm hineinging, der seinen Schritten folgte.

 

Nichts drang zu mir durch, plötzlich war ich alleine. Aber ich konnte mich nicht bewegen, es war anstrengend. Er war weg, er hatte mich alleine gelassen. Ich spürte seine Abwesenheit. Genauso hatte ich mich vor fünf Jahren gefühlt, als Mum mich plötzlich alleine ließ, hatte ich mich heute in Dons Büro gefühlt. Doch es war mir nicht egal, ich wollte nicht alleine sein. Also dachte ich an alle Menschen, die ich Liebe: Amita, Don, Dad, Larry und all die anderen Menschen aus meinem Leben sah ich vor mir, sie standen um mich herum. Lauter Menschen, die mein Leben beeinflusst haben. Sie sagten kein Wort, auch ich sagte kein Wort. Doch ich wusste, dass ich sie nie wieder sehen würde.

 

Ich rufe um Hilfe - ein letztes Mal, dann nehme ich ihre Hand. Ich fühle sie, sie lebt. Darum gehe ich mit ihr. Große Schritte helfen mir, den Weg schneller zu gehen. An ihrer Seite ist es nicht weit, denn ich sehe schon die Haustür. Mum öffnet sie, als wir sie erreichen. Von draußen scheint helles Licht herein, Sonnenschein. Wo soll ich eigentlich hin? Sie hat mir nichts gesagt. Muss ich zur Arbeit? Hat Don angerufen? Ich weiß es nicht, aber sie weiß, wo sie mit mir hingeht. Sie wird mir den richtigen Weg zeigen.

 

Den Flur schritt er so schnell wie möglich ab, passte jedoch auf, wo er hintrat, denn schon einmal war ihm der Boden unter den Füßen weggebrochen. Er sah nichts, lief einfach nach Gefühl. Die Hitze vom Feuer spürte er, war aber ertragbar, zumindest redete er sich das ein. Doch darum kümmerte er sich nicht. Seinen Bruder würde er nicht zurücklassen, er würde ihn retten. So konnte es nicht enden, er konnte ihn nicht auch noch verlieren. Diese Familie würde so schnell keine Toten mehr sehen. Außerdem konnte er ihn spüren, war sich der Nähe seines Bruders bewusste. Nur noch Meter konnten sie trennen. Dann spürte er ihn, als er versehentlich gegen seine Schulter trat.

 

„Charlie, Charlie!“, rief er laut.

 

Eine Reaktion erhielt er darauf nicht, nicht einmal ein Zucken. Schnell nahm er sein Atemgerät und führte es an den Mund seines Bruders. Doch der bewegte sich noch immer nicht. Darum nahm er das Atemgerät wieder an sich, um frischen Sauerstoff einzuatmen, ehe er ihn hochhob und über seine Schulter legte, denn er musste ihn hier raus schaffen. Vom Feuerwehrmann ließ er sich dabei nicht helfen, denn er wollte niemand anderem Charlies Leben in die Hände legen, stattdessen gab er ihm das Zeichen für den Rückzug, bevor er wieder das Gebäude verließ.

 

„Wohin gehen wir, Mum?“

„Dorthin, wo uns nichts und niemand jemals trennen kann, wo Du glücklich bist.“

„Ist Amita auch da?“

 

Endlich erreichte Don den Ausgang, konnte Licht sehen und frische Luft einatmen. Sein Atemgerät ließ er zu Boden fallen. Dann legte er vorsichtig seinen kleinen Bruder ab, als er am Rande eine Erschütterung bemerkte. Doch die interessierte ihn nicht, seine Aufmerksamkeit lag einzig und allein bei Charlie.

 

Ich stehe endgültig vor der Tür, durch die Mum schon vorausgegangen ist. Sie winkt mir zu; ich will ihr folgen, will sie nicht wieder verlieren.

 

Die Hände hatten vergeblich nach einem Puls gesucht, auch war kein Atem an Mund und Nase zu spüren. Wie in Trance arbeitete er eine Liste ab, die er schon am Anfang seiner Ausbildung eingetrichtert bekommen hatte und ließ seine Hände zu Charlies Brust wandern. Ein paar Mal pressten sie darauf, ehe er seinen Mund auf den seines Bruders legte und so dessen Lunge mit Atem füllte. Noch immer spürte er keine Lebenszeichen, woraufhin sich Verzweiflung in ihm breit machte und Tränen ihren Weg über sein Gesicht bahnten, die Wangen hinunterliefen und auf den leblosen Körper seines Bruders tropften. Doch er gab nicht auf und wiederholte strikt die Prozedur. Was um ihn herum geschah, nahm er nicht wahr. Er wollte nur, dass sein Bruder überlebte. Wieder presste er mit seinen Händen auf den Brustkorb.

 

Gerade setze ich den Fuß auf die Schwelle, als die Tür vor meiner Nase zugeschlagen wird. Mum ist nicht mehr zu sehen. Ich bin allein, wieder allein und werde es wohl bleiben.

 

Ein weiteres Mal atmete Don für seinen Bruder, brachte frische Luft in dessen Lungen, als er behutsam und doch entschieden von einem Sanitäter beiseite geschoben wurde, aber auch das bemerkte er nur am Rande. Seine Aufmerksamkeit galt nur seinem Bruder

 

„Du darfst nicht gehen, Charlie“, flüsterte er mehr zu sich selbst, wobei eine weitere Träne seine Wange herunter rann und im Ruß, der ihn bedeckte, eine Spur hinterließ.

 

In meinem Kopf höre ich eine vertraute Stimme. Plötzlich verschwimmt mein Elternhaus zu abstrakten Umrissen. Nichts ist, wie es eben war, aber ich spüre frische Luft.

 

Plötzlich vernahm er das Geräusch, von dem er dachte, es nie wieder zu hören. Sein kleiner Bruder atmete, das hörte er sofort und sah auch eine leichte Bewegung des Brustkorbs.

 

„Mum? Wo bist Du?“

„Charlie? Charlie! Du musst wach bleiben! Charlie!“

 

Auf das was sein Bruder sagte, achtete Don nicht. Ihm war nur wichtig, dass er wieder atmete. Woraufhin hemmungslos die Tränen über seine Wangen liefen.