3.

 

Ich erinnere mich an einen Urlaub mit Don, Mum und Dad, damals war ich gerade 8 und Don schon 13 Jahre alt. Unsere Eltern hatten uns alleine zum Strand geschickt, sie wollten einkaufen. Don wurde zum Aufpassen verdonnert, was ihm gar nicht passte. Darum bestimmte er über unsere Freizeit, also gingen wir an den Strand. Dort hing er mit ein paar Jungs herum und machte sich über mich und meine Mathematik lustig. Früher zog er mich ständig damit auf und ärgerte mich auch gerne. Das war also nicht ungewöhnlich. Ich hörte einfach nicht auf seine Worte sondern beobachtete die Brandung und besonders das Muster, das sie am Strand hinterließ. Alles ergab einen Sinn: Muster, Wellen, Formen und Strukturen im Sand und in meinem Kopf. Laute dachte ich darüber nach, worüber Don nur lachte und einen weiteren dummen Spruch machte. Das gefiel einem der Jungs, der auch mitgelacht hatte, und anfing, mich zu ärgern. Zuerst zerstörte er mein gemaltes Wellenmuster, fing dann an, mich mit Sand zu bewerfen und benutzte Wörter, die ich selbst heute nicht in den Mund nehmen würde. Damals dachte ich, dass Don das zulassen würde, da ich für ihn eh nur ein Klotz am Bein darstellte und wir eher Katz und Maus als liebende Brüder waren. Doch so kam es nicht, denn er verteidigte mich. Erst mit Worten und, als der Junge nicht aufhören wollte, auch mit seinen Fäusten. Später bekam er von Mum und Dad riesigen Ärger, da sich die Eltern des anderen Jungen beschwert hatten, aber das störte ihn nicht. Mich störte es auch nicht, denn damals erkannte ich, dass er immer für mich da sein würde.

Zum Glück haben wir das alles hinter uns gelassen, auch habe ich noch alles mit ihm geklärt. Der Streit war zwar überflüssig, aber doch notwendig. Nun weiß er, wie viel er mir bedeutet. Auch wenn wir Probleme hatten, kann ich mir keinen besseren Bruder wünschen. Er hat viel für mich opfern müssen, was ich ihm hoffentlich wiedergegeben habe oder vielleicht noch wiedergeben werde. Ich hoffe es, denn ich möchte nicht sterben, jetzt noch nicht und vor allem nicht hier, nicht so.

 

Nicht lange ist es her, da stand ich an einer Tafel. Dieser Moment kommt mir mittlerweile wie ein Traum vor. Don war weg und ich wieder allein. Eigentlich setzte ich den Stift an die Tafel, um P versus NP zu lösen. Doch das ging nicht, plötzlich war da nichts mehr. War mein Kopf zuvor noch mit Formeln oder zumindest Ideen für Formeln gefüllt, so war mein Kopf leer.

Mom? Habe ich sie vergessen? Trauere ich jetzt einfach nicht mehr? Habe ich es verarbeitet?

All diese Fragen schossen mir durch den Kopf, während ich mich wieder von der Tafel wegdrehte, wodurch ich die Akte von Dons Fall sah. Schlagartig wurde mir eines klar. N nur aus der Angst heraus, Mom endgültig zu vergessen, wollte ich ihr noch einmal nah sein, wenn auch nur durch den Versuch, das altbewährte Problem wieder und wieder zu lösen. Auch erkannte ich, dass ich eine Aufgabe hatte, bei der meine Gabe nützlicher eingesetzt wäre und auch viel eher benötigt wurde. Ich musste Menschen retten, wenn ich schon meine Mutter nicht retten konnte.

Also begann ich, den Fall zu studieren und sah vor meinem geistigen Auge wieder Muster, wie damals am Strand, sah Bewegungen. In meinem Kopf nahm eine Formel Gestalt an.

 

Es war einige Zeit vergangen, seit Don den Tatort erreicht hatte. Nach seinem Gespräch mit der Feuerwehr hatte er sich mit Megan kurzgeschlossen und ihr mitgeteilt, dass sie mit ihren Kollegen ins Büro zurückfahren sollte. Er dagegen wollte noch warten bis er das Haus betreten konnte, was noch ein paar Stunden gedauert hatte, aber die Feuerwehr hatte ganze Arbeit geleistet und die Kontrolle über das Feuer erlangt.

 

Obwohl noch einige kleine Brandherde vorhanden waren, war das Haus von der Feuerwehr für die Spurensicherung freigegeben worden. Für Menschen bestand keine unmittelbare Gefahr mehr, war die Aussage, die Don erhalten hatte. Doch er vermutete, dass auch die Angst der Feuerwehr vor weiteren, verherenderen Bränden zu einer so schnellen Freigabe beigetragen hatte. Vermutlich wollte sie genau wie er, dass dieser Serientäter bald gefasst würde und tat dafür alles.

 

Zusammen mit der Spurensicherung betrat er den Tatort, dessen Boden noch mit Löschwasser bedeckt und dadurch rutschig war. Obwohl die Feuerwehr ihn zur Vorsicht ermahnt hatte, da der Boden stellenweise nicht mehr tragfähig war und noch einige kleinere Feuer brannten, lief Don direkt in den verwinkelten Hausflur. Bisher wurde dort immer der Brandbeschleuniger deponiert. Dies wollte er überprüfen, damit er einige neue Daten hatte, die er seinem Bruder geben konnte, ehe der eigentliche Bericht fertig gestellt war. Er hoffte, dass noch mehr Verletzte, dies Mal sogar mit schweren Verletzungen, ihn zur Mithilfe zwingen würden. In manchen Dingen war Charlie einfach zu manipulieren, denn Menschen in Gefahr, besonders Kinder, brachten ihn dazu, über seinen Schatten zu springen. Vielleicht würde es auch helfen, ihn von seiner Mutter abzulenken.

 

Nur noch wenige Meter trennten ihn von seinem Ziel, als sein Mobiltelefon klingelte. Auf dem Display stand Charlie, woraufhin er sich fragte, worum es in dem Gespräch gehen würde.

 

„Ja.“

„Don, ich ...“ Das Gespräch wurde durch eine schlechte Verbindung gestört. „... Lösung“, hörte Don noch.

„Charlie, ich versteh nichts.“

 

Plötzlich war die Verbindung tot und an ihm nagte die Frage, was sein Bruder von ihm wollte. Aus dem gehörten konnte man viel schließen. Dachte er an Selbstmord als Lösung aus seiner Misere? Nein, das hätte er gemerkt, oder? Schließlich hatte er Verhaltensanalyse gelernt, aber half das beim eigenen Bruder oder war man da blind? Oder hatte Charlie den Fall gelöst so weit es ihm möglich war? All das ließ ihn nicht los, weshalb er das Haus wieder verließ und nach draußen trat, wo er auf besseren Empfang hoffte. Dort wählte er die Nummer seines Bruders.

 

„Don, ich weiß es. Ich weiß, wie er seine Feuerorte wählt“, erzählte Charlie aufgeregt, während im Hintergrund ein Auto hupte. „Wo bist Du?“

„Ein neuer Brand ist ausgebrochen. Worthington, Ecke Lake. Ich bin gerade auf dem Weg ins Haus. Die Spurensicherung ist auch schon drin. Erklär mir, was Du weißt.“

„Das geht am Telefon nicht. Ich bin schon auf den Weg zu Dir. Bis gleich.“

„Nein, Charlie. Bleib zu Hause! Du hast hier nichts verloren.“

 

Ein Klicken in der Leitung sagte Don, dass sein Bruder aufgelegt hatte und auf dem Weg hierher war. Wieder hatte er nicht auf ihn gehört, doch er wusste sich zu helfen und sprach mit den Beamten an der Absperrung. Wenn Charlie in wenigen Minuten hier sein würde, hatten die Agenten ihn aufzuhalten, ihn nicht durchzulassen. Nachdem er das geklärt hatte, ging er kurz zu seinem Wagen, um einen Schluck Wasser zu trinken und sich dann wieder auf den Weg ins Gebäude zu machen.

 

Larry war zu mir gekommen, weil er wissen wollte, was mit mir los ist. Vermutlich hatte Megan ihm erzählt, dass etwas merkwürdig war.Die beiden verstehen sich so gut und sind füreinander bestimmt, aber auch sie haben ihre Startschwierigkeiten. Warum ist Liebe nur so schwer? Natürlich hat sie mit ihm gesprochen, denn sie weiß, dass er zu mir durchdringen kann, wenn es anderen unmöglich erscheint. Er kennt einfach meine Welt. Schließlich gehört er selbst zu ihr. Erst war er mein Dozent, jetzt ist er mein Freund, wenn nicht sogar ein Teil der Familie.

Schnell bemerkte Larry, dass er mit seinen Fragen nach meinem Zustand nicht weiterkommen würde, also erkundigte er sich nach dem Fall, der offen auf dem Tisch lag. Ich erklärte ihm die Zusammenhänge, woraufhin er einige physikalische Fakten lieferte, die für die Erstellung der Gleichung nützlich waren. Wieder einmal hatte er mir geholfen, wie so oft in meiner akademischen Laufbahn. Anhand seiner Daten stellte ich eine Formel auf, die ich aber nach Eingabe in den Computer nicht prüfen konnte.

Mir fehlten Referenzfälle, die mir Don geben könnte. Also fuhr ich zum FBI und rief ihn von unterwegs an. Während des Telefonats erfuhr ich, dass es schon wieder passiert war, wieder waren Menschen durch ein absichtlich gelegtes Feuer in Lebensgefahr geraten. Kurzerhand änderte ich meinen Weg und fuhr zu Don, um mir selbst ein Bild zu machen.

 

Diesmal ging er direkt auf sein Ziel den Flur zu und fand am hinteren Ende des Flures, der vom Ruß gänzlich schwarz war, einen Behälter aus Glas, worin sich vermutlich der Brandbeschleuniger befunden hatte. Obwohl dies nun Aufgabe der Spurensicherung war, ließ er sich nicht nehmen, einen genauen Blick auf das Behältnis zu werfen. Darum machte Don einen weiteren Schritt darauf zu, als es unter ihm knackte, woraufhin er nach unten schaute und bemerkte, wie sich um ihn herum ein Riss bildete und der Boden begann wegzubrechen. Geistesgegenwärtig machte er einen großen Schritt über den Riss hinweg und dachte, sicher zu stehen. Doch es brach ein weiteres Stück Boden heraus, so dass sein rechtes Bein in das entstandene Loch rutschte. Er selbst landete dadurch auf dem Bauch und musste sich mit den Händen halt geben, damit der Körper nicht nachrutschte. Vorsichtig versuchte er, das Bein hochzuziehen, um sich in Sicherheit zu bringen, doch dabei klemmte er es endgültig ein. Er war gefangen!

 

Im Flur hatte sich Staub gebildet, der seine Sicht verschlechterte. Also versuchte Don erst einmal sich selbst zu befreien, indem er sein Bein vorsichtig hin- und herbewegte. Doch das half nicht. Niemand war da, um ihm zu helfen, scheinbar hatte auch niemand etwas von dem Einsturz mitbekommen und alleine hatte er keine Chance. Also rief er um Hilfe, aber niemand kam. Auch sein Handy, das er bei sich hatte, nützte nichts, da er seine Arme nicht bewegen konnte, ohne weiter in den unter dem Flur liegenden Keller hinunterzurutschen. Nur seine Arme gaben ihm noch Halt.

 

Er hoffte, dass die Spurensicherung bald kommen würde, um den Flur zu untersuchen. Denn spätestens dann würde man ihn finden. Trotzdem rief er weiter nach Hilfe.

 

Nur kurze Zeit dauerte es, bis ich den Tatort erreichte. Dort stieg ich aus und wollte wie immer einfach die Absperrung passieren, doch die Beamten hielten mich auf. Erst ein Anruf bei Megan half mir, durchzukommen und selbst sie hatte Schwierigkeiten gehabt, die Beamten telefonisch davon zu überzeugen, mich durchzulassen. Darum sah ich Don nur kurz, gerade als er das Haus betrat. Dass ich ihn rief, hörte er nicht mehr, zumindest drehte er sich nicht um. Also ging ich hinterher, denn ich musste mit ihm reden.

 

Ich kriege keine Luft mehr. Ich möchte aufhören zu atmen, damit es aufhört wehzutun.