2.

 

 

Obwohl er sich um seinen Bruder sorgte, musste Don einen Fall lösen. Also sammelte er die Unterlagen wieder ein und nutzte diese Zeit, um das kurze Gespräch mit seinem Bruder noch einmal Revue passieren zu lassen. Dabei traf ihn die Erkenntnis wie ein Schlag. Wie konnte er nur vergessen, was Charlie so beschäftigte? Wie konnte er, fragte er sich immer wieder, während er seine Arbeit rasch beendete. Danach informierte er Megan, dass er weg musste. Mehr sagte er ihr nicht, es blieb ihm keine Zeit und er wollte auch nicht, dass sie mehr wusste. Dies hatte nichts mit der Arbeit zu tun.

 

Rasch verließ er das FBI-Gebäude im Zentrum von L.A. und fuhr so schnell es ging zu seinem Elternhaus. Auf dem Weg dorthin dachte er an seine Mutter, sah sie vor sich, wie sie ihn zur Selbstständigkeit erzogen hatte. Sie war immer da, wenn er sie brauchte. Obwohl sie den Großteil ihrer Zeit für die Förderung von Charlie und dessen Hochbegabung verwendete, war sie auch seine Mutter, doch er hatte ihren Todestag vergessen. All das und viele Erinnerungen an seine Mutter gingen ihm während der kurzen Fahrt durch den Kopf.

 

Beim Elternhaus angekommen, parkte er seinen Wagen in der Auffahrt und ging sofort in die Garage, wo er seinen Bruder sah, der gerade mit einem Kopfschütteln mehrere Formelreihen von einer der vielen Tafeln wischte. Aus Höflichkeit klopfte er an, bevor er die in die Garage hinein ging. Sein Bruder drehte sich kaum nach ihm um, schaute ihm nicht in die Augen und sagte nichts. Darum begann Don das Gespräch.

 

„Es tut mir leid, dass ich es vergessen habe, Charlie.“

„Sie ist Tod, Don. Was gibt’s noch zu reden. Lass mich arbeiten. Die Lösung ist nah. Ich weiß es.“

 

Bevor Don noch ein weiteres Wort sagen konnte, drehte sich sein Bruder wieder um und setzte die Kreide an die Tafel. Was hatte Charlie nach fünf Jahren veranlasst, wieder die alten Wunden aufzureißen. In all den Jahren hatte er diese Anzeichen nicht mehr gehabt. Die Frage, ob Genie und Wahnsinn wirklich so nah beieinander lagen, schwirrte durch seinen Kopf. Darüber wollte er aber nicht weiter nachdenken, stattdessen begann er zu reden und nahm dabei auf das Gesagte seines Bruders keine Rücksicht.

 

„Ich vermisse sie auch Charlie, mehr als Du denkst. Sie war genauso ein Teil meines wie auch deines Lebens, wir sind beide ihre Kinder. Ich weiß, dass Du sehr damit gekämpft hast und offenbar noch immer kämpfst. Du gehst anders mit Gefühlen um als ich und kannst nicht einfach über diesen Tag hinweggehen, aber ich brauche Deine Hilfe. Nur dieses eine Mal brauche ich sie wirklich. Dieser Fall gibt mir so viele Rätsel auf, dass ich sogar den Tod meiner eigenen Mutter darüber beinahe vergessen hätte. Bitte Charlie.“ Nachdem er so viel von seinen Gefühlen gezeigt hatte, versuchte Don, sich einigermaßen zu beruhigen, bevor er weiter sprach. „Bitte Charlie, hilf mir.“

 

Während er seine letzten Worte sagte, legte er die Akte des Falls vor seinem Bruder auf den Tisch, denn sein Bruder würde nicht mit ihm sprechen, verließ die Garage, ging zurück zu seinem Wagen und setzte sich hinter das Lenkrad. Noch war er nicht in der Lage, den Wagen zu starten. Stattdessen legte er seine Hände im Nacken zusammen und ließ seinen Kopf nach hinten fallen, dann schloss er die Augen, aus deren Ecke eine einzige Träne floss. Wieder war ihm bewusst geworden, wie alleine er sich fühlte, seit seine Mutter gestorben war. Er brauchte noch einen Augenblick Zeit, um sich zu sammeln, bevor er den Schlüssel umdrehte und zurück zum FBI fuhr.

 

Meine Lunge brennt immer mehr, obwohl ich auf dem Boden liege. Rauch steigt auf wie warme Luft. Mit den richtigen Daten könnte ich sagen, wie viel pro Minute. Auch den Sauerstoff, der sich noch mit mir im Raum befindet, kann ich berechnen. Mathematik ist wichtig, aber sie kann mir nicht helfen. Denn niemand weiß, dass ich hier drin bin.

Wenn ich etwas sehen könnte, würde ich Don suchen, aber das ist unmöglich, da um mich herum alles dunkel ist, so dass ich kaum meine Hand vor Augen sehen kann. Wäre ich an seiner Seite, würde ich mich sicher fühlen, schließlich ist er mein großer Bruder, der mich immer beschützt hat. Wenn er nur wüsste, wie wichtig er mir ist.

 

Die Kreide in der Hand haltend stand ich an der Tafel in der Garage, wo ich schon viel Zeit verbracht hatte. Sowohl allein als auch in Gesellschaft. Relevanz hatte das nur selten für die Mathematik, außer ich hatte mich festgedacht, wusste nicht mehr weiter und brauchte ein zweites oder drittes Gehirn. Am liebsten hatte ich Amita an meiner Seite, aber auch Larrys andere Art, an die Dinge heranzugehen, half mir des Öfteren. Doch dieses Mal konnte ich keine Hilfe gebrauchen, denn niemand ahnte, wie wichtig diese Aufgabe für mich war. Sie hatte wieder mein Leben bestimmt.

 

Als Don wieder beim FBI eintraf, kam sofort Megan auf ihn zugelaufen. Sie informierte ihn über eine weitere Brandmeldung, auch erklärte sie, dass sowohl die Feuerwehr wie auch das LAPD alarmiert waren. Ihre Kollegen waren schon auf dem Weg dorthin. Durch dieses neue Attentat erkannte er wieder, wie sehr er die Hilfe seines Bruders brauchte. Zwar konnte er auf andere mathematische Berater zurückgreifen, doch wie Charlie arbeitete niemand und kein Anderer konnte Mathematik so einfach erklären. Wieder schossen ihm die beiden Gespräche, die er heute mit ihm geführt hatte, durch den Kopf, aber er musste seine Arbeit machen. Sein Bruder und dessen Problem mussten warten.

 

Ohne weiter über irgendetwas nachzudenken, machte er sich mit seiner Kollegin auf zum Tatort, denn am liebsten machte er alles selbst, aber er hatte gelernt Aufgaben zu verteilen. Ihm war klar, dass er durch die gemeinsame Fahrt seiner Kollegin näher sein würde, als ihm im Moment recht war. Sicherlich würde sie ihn fragen, warum er so plötzlich verschwunden und Charlie nur so kurz geblieben war, was keine unbegründete Frage darstellte, denn nie fuhr er ohne Grund weg, während er einen dringenden Fall bearbeitete. Dies widersprach seiner Art.

 

Gemeinsam gingen sie zum Parkplatz, setzten sich in den Wagen und fuhren los. Als er das Auto in den Verkehr einfädelte, konnte er den Blick seiner Kollegin auf sich spüren. Doch daran verschwendete er keinen weiteren Gedanken, er konzentrierte sich trotz familiärer Probleme auf seine Arbeit. Auch seine Mutter und Charlie mussten warten, also versuchte er, jeglichen Gedanken daran auszublenden. Je näher sie in Richtung Innenstadt kamen desto dichter wurde der Verkehr.

 

Mittlerweile fuhren sie schon eine Weile und Don wusste, dass seine Kollegin das Schweigen zwischen ihnen bald brechen würde. Um dies zu umgehen, schaltete er das Radio ein und startete den Sendersuchlauf. Der erste Treffer war eine Selbsthilfesendung, dessen Moderatorin gerade die Zuhörer aufforderte, im Studio anzurufen, wenn ihnen etwas auf der Seele brannte. Sofort, nachdem er die Ansage gehört hatte, suchte er einen anderen Sender und warf dabei einen Seitenblick auf Megan, die ihn tatsächlich beobachtete, doch sie sagte nichts und beobachtete nur weiter. Ob sie seinen Blick bemerkt hatte oder nicht, konnte er nicht sagen. Endlich fand er einen vernünftigen Sender, der nur belanglose Pop-Musik spielte, woraufhin er sich wieder vollends auf den Verkehr und den Fall konzentrieren konnte.

 

Mittlerweile war Rauch sichtbar, sie würden also gleich vor Ort sein. Noch immer wusste er nicht, wie viele Opfer es gab und wie schwerwiegend ihre Verletzungen waren. Allerdings hoffte er auf das Beste, machte sich aber auf das Schlimmste gefasst. Kurz darauf parkte er den Wagen, stieg aus und ging, nachdem er sich an der Absperrung als FBI-Beamter ausgewiesen hatte, direkt auf den Leiter des Feuerwehreinsatzes zu. Megan hatte er zuvor gebeten, sich um die Zeugen zu kümmern.

 

In dem Gespräch erfuhr Don, dass bei dem Brand in dem Haus mit 10 Wohnungen 27 Personen verletzt wurden, davon waren 7 mit schweren Brandverletzungen und Rauchvergiftungen ins Krankenhaus eingeliefert worden, die restlichen 20 dagegen hatten nur leichte Rauchschädigungen erlitten. Erleichtert von den erhaltenen Informationen, erkundigte er sich nach den bisherigen Daten, die sich nicht von denen der bisherigen Brände unterschieden.

 

Erst nach diesem Gespräch betrachtete er die Szenerie. Das Haus brannte stellenweise noch immer, doch die Feuerwehr schien es langsam in den Griff zu bekommen.

 

Buchstaben, Zahlen, hoch aber auch tief gestellte. Alles ergab einen Sinn. Ich hatte geschrieben und geschrieben. Zwischendurch drehte ich mich um, um Informationen zu prüfen, woraufhin ich weiter schreiben konnte. Zeile um Zeile füllte ich die Tafeln mit Leben, hoffentlich mit Leben. Alles war logisch, alles war klar. Mathematik in ihrer reinsten Form. Erst als ich die Schönheit der Formel sah, trat ich einen Schritt zurück, um sie zu überprüfen. So sahen die letzten Stunden meines Lebens aus. Doch dann war da wieder ein Fehler, wieder wischte ich Zeile um Zeile weg. Gerade setzte ich von neuem, als Don mich unterbrach. Er versuchte, an meiner Überzeugung zu rütteln, mich aufzuwecken, doch es musste für ihn vergeblich gewirkt haben, denn er ging, doch etwas blieb zurück. Eine Tür öffnete sich, denn, obwohl er nur wenig gesagt hatte, so hatten seine Worte doch etwas Wahres. Ich hatte ihn verstanden und er hatte mich verstanden, was mir aber viel zu spät klar wurde.

 

Don ist nicht bei mir, obwohl ich ihn so sehr brauche. Wer hätte das vor 15 Jahren gedacht?

Auch die Mathematik ist nicht bei mir, obwohl sie wirklich alles ist, was ich jemals können, was ich jemals lieben werde.

Nein, Mathematik ist meine Leidenschaft, das worin ich gut bin, aber ich liebe nur Amita, doch sie ist nicht an meiner Seite. Ich bin alleine in dieser unwirklichen Gegenwart, in der die Zeit langsamer vergeht, das Leben dafür umso schneller.