1.

 

Amita, Don, Dad, Larry und all die anderen Menschen aus meinem Leben sehe ich vor mir.

 

Ich kann ... Nein, ich will sie nicht alleine lassen. Darum rufe ich laut um Hilfe, doch niemand kommt, um mich zu retten. Warum kommt denn niemand?

 

Don stand vor einem unlösbaren Problem. Wer war der „Feuerteufel von L.A.“, wie die Presse den Brandstifter nannte, der in den vergangenen Wochen 16 Feuer in Wohnhäusern gelegt hatte? Bisher war es nur zu leichten Verletzungen durch Verbrennung und Rauch gekommen, denn das FBI wurde immer kurz vor dem Brand - offenbar durch den Täter - gewarnt und konnte so die Feuerwehr alarmieren. Diese hatte bisher immer rechtzeitig den Brandort erreicht, so dass die Feuer noch leicht zu bekämpfen waren. Doch eine Spur, wer der Brandstifter war oder wo er das nächste Feuer entzünden würde, hatten sie nicht. Wieder und wieder betrachtete Don Fotos vom Ort des Verbrechens und las die dazugehörigen Berichte, doch das alles half nicht.

 

In der vergangenen Woche hatte Don es kaum geschafft, mehr als ein paar Stunden täglich zu schlafen. Ständig war er in Einsatzbereitschaft, da der Zeitraum zwischen den Feuern abgenommen hatte. Sein Privatleben war wieder auf der Strecke geblieben. Selbst zum Haus seines Bruders, wo auch sein Vater wohnte, war er nur zum Duschen gefahren. Geschlafen hatte er meist auf seinem unbequemen Bürostuhl, damit er vor Ort war, falls eine neue Meldung hereinkäme.

 

Charlie, sein Bruder, war in letzter Zeit durch seine eigentliche Arbeit als Professor so sehr beschäftigt, dass er ihn bisher nicht um Hilfe gebeten hatte. Nun war aber der Zeitpunkt gekommen, an dem er ihn nicht länger heraushalten konnte. Deshalb hatte er ihm schon am frühen Morgen eine Nachricht an der CalSci hinterlassen, auf die er keine Antwort erhalten hatte. Um die Mittagszeit herum hatte er es auch bei ihm zu Hause sowie auf seinem Mobiltelefon versucht, doch auch dort konnte er nur Nachrichten hinterlassen und ihn bitten, sich umgehend zu melden. Mittlerweile war es schon Nachmittag und Charlie hatte noch immer nicht reagiert. Dies war sehr ungewöhnlich für ihn, da er in der Regel sehr zuverlässig und immer zur Stelle war, wenn Don seine Hilfe benötigte.

 

Gerade als er wieder zum Mobiltelefon griff, um seinen Bruder noch einmal anzurufen, betrat Charlie das Büro. Nachdem er ihn begrüßt hatte, fiel Don sofort auf, dass sein Bruder sich im Vergleich zu ihrem letzten Zusammentreffen vor ein paar Tagen verändert hatte, dass etwas an ihm anders war. Das breite Grinsen fehlte, das ebenso zu ihm gehörte wie die schwarzen Locken, die sein Gesicht betonten. Auch seine Bewegungen waren anders, langsam und schleppend. Ansprechen konnte Don ihn darauf nicht, zumindest nicht jetzt, denn ihm fehlte die Zeit. Der Fall wartete. Darum legte er ihm nur die Hand auf die Schulter, um ihn so zu dem Tisch zu führen, auf dem er alle fallbezogenen Unterlagen ausgebreitet hatte.

 

Charlies Blick wanderte zu den Unterlagen, auf die Don verwies, während er begann, den Fall zu erläutern. Doch schnell bemerkte er, dass sein Bruder gar nicht bei der Sache war und die Berichte, Bilder sowie Daten nur halbherzig betrachtete. Darum beendete er nach wenigen Sätzen seinen Vortrag, was sein Bruder nicht zu bemerken schien. Erst nachdem noch einige Sekunden verstrichen waren, wendete Charlie seinen Blick ab. Sein Bruder beobachtete ihn dabei besorgt, bevor er das Gespräch begann, dass er eigentlich nicht führen wollte.

 

„Was ist lost mir Dir, Charlie?“

„Ich habe keine Zeit für Dich und Deine Arbeit. Mein Gebiet ist die Mathematik und nicht das FBI.“

„Bisher hast Du doch beides gleichzeitig machen können, was ist jetzt anders?“

„Ich stand kurz vorm Durchbruch bei einem schweren mathematischen Problem, als ich Deine Nachricht bekommen habe.“

„Welches Problem?“

„P versus NP“

„Das Kapitel hast Du abgeschlossen. Sag mir, was los ist.“

„Ich muss jetzt daran weiter arbeiten.“

„Charlie ...“, war Dons letzter Versuch, seinen Bruder zum Reden zu bringen, doch der verließ das Büro schon wieder.

 

Probleme konnte er im Moment überhaupt nicht gebrauchen, vor allem keine privaten, denn ihm fehlte einfach die Zeit, sich darum zu kümmern. Sein Job verlangte viel von ihm, wodurch seine Familie häufig zu kurz kam, ebenso wie sein Liebesleben. Außerdem waren die drei Eppes-Männer nicht bekannt für das Führen großer Gespräche. Früher, als seine Mutter noch lebte, hatte es diese Gespräche gegeben, aber seit ihrem Tod war der Familienmittelpunkt, den sie verkörpert hatte, weg.

 

Wenn Charlie wieder an P versus NP arbeitete, bedeutete das nichts Gutes. Zuletzt hatte er sich dazu Gedanken gemacht, als Don bei einem Einsatz verletzt und ein Kollege getötet worden war, wofür sein Bruder sich die Schuld gab. Seine Berechnungen waren der Grund für den Einsatz gewesen, im Nachhinein aber auch ausschlaggebend für die Ergreifung der Täter. Nachdem der Fall abgeschlossen war, hatte sein Bruder versprochen, dieses eine mathematische Thema ruhen zu lassen, da es unlösbar sei. Wieder fragte er sich, was geschehen war, das seinen Bruder so aufgewühlte, dass er wieder mit der Lösung von P versus NP begonnen hatte.

 

Werde ich Mum nach fünf langen Jahren endlich wieder sehen? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit für ein Leben nach dem Tod?

Wie viele Menschen sterben jährlich bei einem Feuer?

Mathematik und Zahlen sind Logik, beides ist für mich einfach. Kein Raten. Fakten. Jetzt helfen sie mir nicht.

Ist Don in Sicherheit?

Wie wird Dad es verkraften?

Und Amita mit ihren schwarzen Locken wird sie mich vermissen? Sie ist wunderbar, sie gehört zu mir und ich zu ihr. Jetzt, da sie nicht da ist, fühle ich es deutlicher denn je. Ich liebe sie! Gesagt habe ich es ihr nicht. Warum nur?

 

Meine Stimme ist verstummt, denn meine Lunge brennt, alles tut weh. Warum nur habe ich niemandem gesagt, was ich vorhabe?