Chapter 9

 

Es war kurz nach acht Uhr abends, als Don bei Charlie ankam. Er hatte noch immer die Schlüssel, da er sich am Wochenende zuvor ein Paar Sachen aus dem Keller geholt hatte. „Hallo, jemand da?“ Keine Antwort. Nanu? Wo waren denn alle? Er ging weiter in Richtung Küche und hielt unvermittelt inne, als sich ihm die Umrisse eines perfekt geformten, niedlichen Hinterteils neckisch entgegen reckten. Don musste schlucken. Amita trug lediglich ein Hemd von Charlie und kramte offensichtlich im Kühlschrank nach etwas Essbarem. Kurz darauf kam Charlie, gekleidet in Jeans und T-Shirt die Treppe herunter. „Hey Don“, sagte er überrascht. Sein Bruder zeigte keinerlei Reaktion. Als Charlie um die Ecke bog, wusste er auch warum. Dons Blick, gepaart mit einem äußerst dümmlichen Grinsen sprach Bände. Amita hatte noch immer keinen der beiden bemerkt. „Hallo Don!“ sagte Charlie deswegen ziemlich laut. Amita fuhr hoch, wie von der Tarantel gestochen, warf die Kühlschranktür zu und suchte „Deckung“ hinter der Küchentheke. Don fuhr ebenfalls zusammen, „hi, hi Charlie, ich … es tut mir leid, ich wollte … ich hatte die Schlüssel noch“, stammelte er, „ich hatte ja keine Ahnung, das du und Amita…“ Er machte ein paar hilflose Gesten.

 

„Sex haben?“ meinte Charlie, verschmitzt grinsend. „Charlie!“ ließ sich Amita aus der Küche vernehmen. „Was? Ist doch so. Oder weshalb solltest du sonst, lediglich mit meinem Hemd bekleidet durch die Gegend laufen. Don ist ein großer Junge er verkraftet das schon, nicht wahr?“ Er klopfte seinem Bruder väterlich auf die Schulter, „und jetzt sagst du mir, was du hier tust, wenn du nicht gerade Amitas Hinterteil mit hängender Zunge in Augenschein nimmst.“ „Sorry Amita“, rief Don in die Küche, „ich war einfach nur … egal, wo ist Dad, warum ist er nicht zu Hause?“ Charlie führte ihn hinüber zur Couch, „möchtest du vielleicht was trinken?“ „Äh, ja ein Bier wäre nicht schlecht.“ „Kommt sofort.“ Charlie verschwand in der Küche, dort stand Amita mit hochrotem Kopf an die Küchentheke gelehnt, „sorry, ich hatte keine Ahnung, dass er dort stand“, murmelte sie. Charlie sagte kein Wort, nahm drei Bier aus dem Kühlschrank und öffnete sie. „Ich kann dir gar nicht sagen, wie peinlich mir das ist“, fuhr sie fort. Charlie nahm die Flaschen, wandte sich um und ging. Amita verstand die Welt nicht mehr. Als sie an den beiden vorbei nach oben huschte, um sich was „passenderes“ anzuziehen, bekam Charlie einen Lachanfall. Er lachte so herzhaft, dass er Don damit ansteckte und auch Amita. Beide hatten jedoch keine Ahnung, was in ihm vorging.

 

Es dauerte eine Weile, bis er wieder Luft bekam. Mittlerweile saß auch seine Freundin wieder bei Ihnen, diesmal mit Hose. „Ihr hättet eure Gesichter sehen müssen“, japste Charlie, „Don du hast ausgesehen als stündest du unter Starkstrom“, er rang nach Luft, „Amita, dein Gesichtsausdruck war einfach nur unbeschreiblich.“ Sie hoben die Flaschen und prosteten sich zu. Charlie warf einen Seitenblick auf Amita und strich zärtlich über ihren rechten Oberschenkel, „in Zukunft wirst du Amita hier sehr oft antreffen, nicht wahr?“ Don sah überrascht zwischen den beiden hin und her, „heißt das etwa …?“ Amita nickte glücklich, „ja, sobald ich von dem Trip aus Frankreich zurück bin, werd ich meine Zelte hier aufschlagen. Natürlich müssen wir die Details noch im Alan besprechen, aber im Großen und Ganzen ist es fix.“ „Ich freu mich für Euch“, meinte Don, „dann hab ich wohl noch mehr Chancen auf …“ Bevor er aussprechen konnte, knuffte ihn Charlie in die Seite. „Autsch“, jammerte Don, „weshalb lässt du mich nicht ausreden. Ich wollte nur sagen, dass ich dann sicher noch mehr Chancen auf intelligente Gespräche habe.“ Da war es wieder, dieses dümmliche Grinsen. Charlie schüttelte lachend seinen Kopf, „das glaub ich dir aufs Wort.“ Don blinzelte ein paar Mal, „können diese Augen lügen?“ Er wandte sich an Amita. „Hör sofort auf damit, meine Freundin anzubaggern“, begehrte Charlie mit gespieltem Ärger auf. „Mach ich doch gar nicht Amita, oder wie siehst du das?“ „Kein Kommentar“, meinte sie und schnitt eine Grimasse.

 

Sie kabbelten sich noch ein Weilchen, dann wurde Don ernst. „Weißt du wann Dad nach Hause kommt?“ Charlie verneinte, „keine Ahnung, er ist mit Milly im Theater. Die beiden sind sicher nicht vor Mitternacht zurück. Wieso?“ Don druckste herum, nahm einen Schluck aus der Flasche und stellte sie zurück auf den Tisch. Nervös fuhr er sich mit der rechten Hand über den Mund, „ab sofort wird das Haus observiert und du und Dad, ihr bekommt zusätzlich Personenschutz. Falls es notwendig sein sollte, gilt das auch für dich Amita.“ Sie und Charlie tauschten alarmierte Blicke. Betretenes Schweigen folgt. „Weil?“ hakte Charlie, ein wenig später, nach, da Don noch immer stumm vor sich hinstarrte. „Weil ich heute eine Morddrohung erhalten habe, so jetzt ist es raus“, er schien erleichtert. „Um Himmels Willen, Don!“ jegliche Farbe war aus Amitas Gesicht gewichen, sie griff nach Charlies Hand. „Weißt du auch von wem?“ fragte er. Don nickte langsam, „ich denke, es war Craven, du weißt schon, der Aura Killer.“ Charlie schluckte. „Er hat mir heute ein nettes kleines Paket zukommen lassen, mit einer blutigen Botschaft darin. Zum Glück hat sich herausgestellt, dass das Herz von einem Schwein war.“ Amita verzog angewidert das Gesicht, „wie krank ist das denn?“ „Sowas in der Art hat Colby auch gesagt“, sprach Don angespannt weiter, „natürlich waren keine Fingerabdrücke zu finden und seine Notiz „Home is, where the heart is“, war mit Computer geschrieben. Trotzdem bin ich fest davon überzeugt, das Craven dahinter steckt. Ich hab dir doch erzählt, dass ich bei ihm war und er mir sagte, dass er nichts mit den letzten beiden Morden zu tun hat. Er nannte mir den Namen eines Typen, der sich Raphael nennt.“ „Denkst du das könnte möglich sein?“ fragte Amita mit einem unguten Gefühl in der Magengrube.

 

„Ich, ich … ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich hab die ganze Sache an die Staatsanwaltschaft herangetragen. Aber Novak mauert. Novak, den kennst du doch noch Charlie?“ Der nickte, nachdenklich an seiner Unterlippe nagend, „seine Freundin hat dich damals benutzt, um ihm eins auszuwischen. Ich erinnere mich, ihr seid nach Las Vegas gefahren, hattet dort ein heißes Wochenende und kurz darauf ist sie wieder reumütig zu ihm zurückgekehrt. Seither tut er alles was er kann, um dir eins auszuwischen. Keine guten Voraussetzungen für dein Anliegen in der Causa Craven.“ Don seufzte, „so ist es und heute hat mich zu allem Überfluss auch noch Direktor Vasquez ins Gebet genommen, um nebenbei zu erwähnen, dass Novak wieder mal an meinem Stuhl sägt, diesmal jedoch mit einer Motorsäge.“ Charlie schloss kurz die Augen, „kannst du mir, ohne dich dabei selbst ins Aus zu schießen, nochmal alle relevanten Daten im Fall Craven geben, vielleicht finde ich irgendeine Möglichkeit herauszufinden, ob seine Behauptung stimmt. Ich halte mich dabei an die Brute-Force-Methode.“ Don runzelte die Stirn. „Die Brute-Force-Methode“, erklärte Charlie und unterstützte seine Worte dabei mit Gestik und Mimik, „ist eine Lösungsmethode für Probleme aus den Bereichen Informatik, Kryptologie und Spieltheorie, die auf dem erschöpfenden Ausprobieren aller, oder zumindest vieler, möglicher Fälle beruht. Für viele Probleme in der Informatik gibt es keine effizienten Algorithmen. Der natürlichste und einfachste Ansatz zu einer algorithmischen Lösung eines Problems besteht darin, einfach alle potenziellen Lösungen durchzuprobieren, bis die richtige gefunden ist. Diese Methode nennt man „Brute-Force-Suche“. Die Brute-Force-Suche ist einfach zu implementieren und ist dazu bestimmt, die korrekte Lösung zu finden. Allerdings steigt der Aufwand an Rechenoperationen proportional zur Anzahl der zu probierenden, möglichen Lösungen, wobei die Anzahl dieser möglichen Lösungen mit steigendem Umfang der Probleme häufig exponentiell ansteigt.“ Don hob die Hand, „stopp, stopp Charlie, mein Schädel explodiert gleich, geht’s auch für Dumme?“

 

„Cravens „Spiel“, wenn du so willst, waren seine Morde. In seinem Fall haben wir aber bereits die Lösungen, sprich die Opfer, ich werd die Methode ein wenig abwandeln und auf unsere Bedürfnisse zuschneiden. Gut möglich, dass ich dabei auf etwas stoße, dass seine Aussage erhärtet.“ „Äh, ja“, ganz hatte Don es noch immer nicht kapiert, „wie lange brauchst du dafür?“ Charlie zuckte die Schultern, „keine Ahnung, ein paar Tage.“ „Ich helf dir“, warf Amita mit einem bezaubernden Lächeln ein. Dafür gab es einen äußerst vielversprechenden Kuss von Charlie. Don fuhr sich müde durchs Haar. „Ich kann nicht sagen, wie lange sie mir das genehmigen, die Observation mein ich. Deshalb ist es wichtig, dass du dich beeilst Charlie.“ „Keine Sorge, wir kümmern uns darum“, Charlie versuchte so gut es ging seine Besorgnis zu verbergen, „und ich sag’s auch Dad, wenn du willst.“ Don stand auf, „danke Charlie, David wird dir morgen die Unterlagen vorbeibringen. Passt bitte gut auf euch auf, sollte euch irgendetwas merkwürdig vorkommen, egal was, zögert nicht, mich anzurufen. Craven sitzt zwar in St. Quentin, das heißt aber nicht, dass er von der Außenwelt abgeschnitten ist. Seine Anhänger sind nach wie vor da draußen.“

 

Charlies Kiefer mahlten, „und wie schützt du dich?“ fragte er besorgt. „Ich trag meine kugelsichere Weste und ich hab meine Waffe“, Don klopfte auf seinen Holster. „Weißt du, im Gegensatz zu dir sind Dad und ich nicht ständig auf der Straße unterwegs und allen möglichen Gefahren ausgesetzt“, fuhr Charlie fort. Don hatte ihn schon lange nicht mehr so betroffen gesehen. Deshalb fühlte er sich bemüßigt, seinen kleinen Bruder zu umarmen, „wir kriegen das schon wieder hin. Versprochen. Vielleicht ist es auch nur falscher Alarm und in ein paar Tagen lachen wir darüber.“ Sie lösten sich voneinander, ganz überzeugen konnte er jedoch weder Charlie noch Amita. Als er den Türknauf in der Hand hielt, wandte er sich noch einmal um, „entschuldigt bitte die Störung. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich vorher angerufen.“ In Richtung Charlie meinte er dann noch mit einem Glitzern in den Augen, „wie schnell doch die Zeit vergeht Kleiner. Die Zeiten an denen ich dich an Weinachten mit Süßigkeiten vollgestopft und dir Märchen vorgelesen hab, sind wohl endgültig vorbei. In Zukunft werde ich dich mehr wie einen Mann behandeln, Pfadfinderehrenwort. Passt gut auf euch auf, bis bald Amita.“ Er musste schnell nach draußen, der Kloß in seinem Hals drohte ihn zu ersticken und die Tränen schossen ihm mit Schallgeschwindigkeit in die Augen. Auf dem Weg zum Wagen sah er sich ein paar Mal um, doch außer den Leuten vom FBI war niemand zu sehen, sie signalisierten ihm, das alles in Ordnung war.