Chapter 8

 

Gegenwart

 

Es war schlimm, wie Charlie unter der Droge litt. Entgegen Sticklers Aufforderung, sich gefälligst von dem Gefangenen fernzuhalten, blieb Delinda die ganze Zeit über jedoch bei ihm. Sein Zustand verschlechterte sich zusehends. „Du verdammtes Arschloch“, schrie Delinda, „so wie es aussieht, hast du ihm ne Überdosis verpasst.“ „Ach tatsächlich?“ kam Sticklers lakonische Antwort, „woher wollen „Frau Doktor“ das denn wissen?“ „Dazu brauch ich kein Arzt zu sein“, fauchte sie, „er kommt einfach nicht mehr von dem Trip runter. Sieh ihn dir an, er ist am Ende.“ „Und was sollen wir deiner Meinung nach tun“, fragte Xavier, „ins Krankenhaus können wir ihn ja schlecht bringen.“ „Er bleibt hier, der schafft das schon“, Stickler begutachtete einmal mehr seine manikürten Fingernägel. „Und wenn nicht? Adrian hat nichts davon gesagt, dass wir jemanden töten sollen.“ „Shit happens“, lächelte Stickler eiskalt. Dafür kassierte er von Delinda eine kräftige Ohrfeige. „Wenn Adrian nicht so einen Narren an dir gefressen hätte Püppi, würdest du schon längst, zusammen mit diesem Eppes, irgendwo verrotten.“ Er fühlte eine unbändige Wut in sich aufsteigen. Xavier kaute nervös an seinen Fingernägeln. Stickler zu reizen war äußerst gefährlich. Der letzte Typ, der es gewagt hatte, war kurz darauf spurlos verschwunden.

 

„Wie spät ist es?“ fragte Stickler. Xavier fuhr zusammen, als hätte ihn ein Peitschenhieb getroffen, „kurz vor neun?“ „Mist verdammter, wir müssen nochmal in die Stadt, um die letzten Vorbereitungen zu treffen“, sagte Stickler, sah Delinda dabei tief in die Augen und strich mit seinem Zeigefinger über ihre Wange, „lass dir ja keinen Unsinn einfallen Püppi. Es würde mir leid tun, wenn ich dieses hübsche Gesicht entstellen müsste.“ Sie machte zwei Schritte zurück und spuckte vor ihm auf den Boden. Er bedeutete Xavier mit dem Kopf ihm nach oben zu folgen. Zum Glück ließ er die Schlüssel von Charlies Gefängnis auf dem Tisch liegen. Mit zittrigen Fingern sperrte Delinda die Stahltür auf und machte Licht. Charlie lag zusammengerollt, wie ein Embryo, auf dem Bett. Sie ging zum ihm hinüber. Sie konnte den kalten Schweiß auf seinem Arm fühlen, als sie ihn berührte. Wenigstens hatte Charlie aufgehört zu zittern. Sie fühlte seinen Puls an der Halsschlagader. Er war schwächer geworden. Was sollte sie nur tun? Wie hatte sich Adrian mit jemandem wie Stickler einlassen können? Der Mann war von Grund auf böse. Er hatte keine Skrupel und tat alles, wenn er nur genug dafür bezahlt bekam.

 

Adrian benutzte Stickler für jene Aufgaben, die „unter seinem Niveau“ waren, also nichts mit der Jagd nach Dämonen zu tun hatten. Für Dinge wie Erpressungen, Einschüchterungen, Entführungen usw. Delinda lief nervös auf und ab. Es war unmöglich für sie, Adrian zu kontaktieren und um Rat zu fragen. Zum ersten Mal, seit langer Zeit, war sie ganz auf sich allein gestellt. Eine schreckliche Situation. Würde sie Charlie helfen, würde sie sich nicht nur Sticklers Zorn zuziehen, auch Adrian wäre sicherlich nicht sehr erbaut darüber, wenn sie ihm in den Rücken fallen würde. Wie hypnotisiert starrte sie auf das hilflose Bündel Mensch vor ihr. Und dann geschah etwas Gespenstisches, Charlie verwandelte sich vor ihren Augen in Michael. Verzweifelt wandte er sich um und streckte ihr seine Hand entgegen, „bitte hilf mir Delinda, bitteeeeeeeeee“, flehte er verzweifelt, „ich brauche dich. Ich will noch nicht sterben, bitte Delinda, ich habe solche Angst, es tut so weh.“ „Michael“, schluchzte sie auf, nur um gleich darauf zu erkennen, dass es eine Sinnestäuschung gewesen war. Es war Charlie, der die Hand nach ihr ausstreckte und um Hilfe flehte, „du musst mir helfen.“ Er fing an zu hyperventilieren. Entschlossen wischte sie sich mit dem Handrücken die Tränen aus dem Gesicht. Dann ging sie zu ihm, „keine Angst Charlie, ich bin hier. Aber du musst mir helfen, hörst du.“ Sie erschrak beinahe über ihre eigene Courage. Zärtlich strich sie durch seine dichten Locken und fühlte sich gleich wieder an ihren Bruder erinnert. Vorsichtig zog sie Charlie auf die Beine. Seine Knie gaben augenblicklich nach, doch Delinda stützte ihn, so gut es ging. Wie in Zeitlupe setzte er einen Fuß vor den anderen. Es kostete ihm unglaublich viel Kraft, immer wieder verschwamm alles vor seinen Augen, das Blut rauschte in seinen Ohren und er stand knapp davor, das Bewusstsein zu verlieren. Delinda fühlte, wie seine Kräfte schwanden, „mach jetzt bloß nicht schlapp Charlie Eppes“, sagte sie. Er strauchelte, „komm schon, wir haben es gleich geschafft“, mühsam schleppte sie ihn zur Treppe. Dann nahm sie seine linke Hand und drückte sie auf das Geländer.

 

Er hob seinen Kopf. Die Treppe erschien ihm endlos, „das, das kann doch nicht dein ernst sein?!“ er schüttelte seinen Kopf, keine gute Idee. Alles um ihn herum begann sich zu drehen. In seinem Inneren tobte ein Hurrikan. „Gott, ist mir schlecht“, murmelte er, dann musste er sich heftig übergeben. Ihm wurde Schwarz vor Augen und Delindas Stimme schien von ganz weit weg zu kommen, „bleib bei mir Charlie, bleib bei mir, hörst du.“ Aber er wollte nicht auf sie hören. Er wollte sich einfach nur hinlegen und schlafen. Delinda zog und zerrte an ihm. Vergebens. „Charlie, hör auf, dich so gehen zu lassen“, befahl ihm eine Stimme, doch es war nicht Delindas. Jemand kam durch die Dunkelheit auf ihn zu. Die Gestalt war verschwommen, aber er kannte die Stimme. „Beweg deinen faulen Arsch gefälligst die Treppe hinauf.“ „Don? Wie …?“ „Ich bin nicht wirklich hier, aber irgendjemand muss dir doch Beine machen. Das Mädchen riskiert hier Kopf und Kragen für dich, also kann sie auch ein wenig Unterstützung von dir verlangen.“ „Aber ich bin so müde Don, ich …“ „Bla, bla, bla, verschon mich mit dem Quatsch, komm endlich in die Gänge.“ Dons Gesicht verblasste, Delinda rückte in sein Blickfeld, sie wischte ihm gerade mit einem Tuch den Mund ab. „Wir schaffen das Charlie, du und ich. Okay?“ Er schloss kurz seine Augen, um ihr zu signalisieren, dass er sie verstanden hatte. Der Gang die Treppe hinauf, kam ihm vor, wie die Besteigung des Mount Everest ohne Sauerstoffmaske. Immer wieder sackte er in sich zusammen, aber Delinda schaffte es irgendwie, ihn nach draußen zu bringen, dann bugsierte sie ihn in ihren Wagen. Sie überlegte kurz, wohin sie Charlie bringen sollte. Das Huntigton Memorial Hospital war am nächsten, nur ungefähr zwanzig Minuten Fahrzeit. Nun wollte ihr Wagen nicht anspringen, „nicht jetzt“, rief sie und schlug wütend auf das Lenkrad.

 

Besorgt sah sie hinüber zu Charlie. Er rührte sich nicht. „Spring an, komm schon.“ Zwei Scheinwerfer tauchten in der Ferne auf. Delinda schickte ein Stoßgebet zum Himmel und versuchte weiter, den Motor zum Laufen zu bringen. Die beiden Lichter kamen näher. Delinda hielt die Luft an. Kurz bevor der Wagen auf gleicher Höhe mit ihrem war, startete der Motor. „Danke!“ sagte sie mit einem Blick gen Himmel. Sie passierte den anderen Wagen und warf einen Blick in den Rückspiegel. Anscheinend hatte sich die Leute nur verfahren. Während sie das Gaspedal fast bis zum Anschlag durchdrückte, hoffte sie, dass es für Charlie nicht zu spät sein würde. Sie hatte sich auch schon eine Geschichte zurechtgelegt und wäre verschwunden, ehe die Polizei ihr unangenehme Fragen stellen konnte. Was Stickler und Adrian anbelangte, war sie im Moment noch ratlos, aber sie war zuversichtlich, dass sich auch das finden würde. Die Fahrt ins Krankenhaus kam ihr schier endlos vor. Immer wieder strich sie zärtlich über Charlies Wange, „wir sind gleich da, versprochen.“ Als sie die Auffahrt zur Klinik erreichten, fühlte sie sich, als hätte ihr jemand eine unsägliche Last von den Schultern genommen.

 

10 Tage zuvor

 

„Was zum Teufel haben sie sich denn dabei gedacht Special Agent Eppes?“ dröhnte die Stimme von Direktor Vasquez, Theodors Onkel, viel zu laut, durchs Besprechungszimmer der Criminal Division des FBI-LA-Field-Office am Wilshire Boulevard. „Staatsanwalt Novak setzt gerade Himmel und Hölle in Bewegung, um sie suspendieren zu lassen. Er hat ihnen ausdrücklich jegliche Wiederaufnahme der Ermittlungen im Fall „Craven“ untersagt.“ „Aber ich …“ „Welchen Teil von untersagter Wiederaufnahme haben sie denn nicht geschnallt Eppes?“ unterbrach ihn der stämmige Mann, im maßgeschneiderten Anzug. „Und dann noch diese unglückselige Entdeckung meines Neffen. Typisch Anfängerglück“, er konnte seinen Stolz kaum verhehlen, aber es war ein denkbar schlechter Zeitpunkt dafür. „Cravens Verteidiger haben sich bereits in die Hände gespuckt. Verminderte Zurechnungsfähigkeit. Der Unfall und die daraus resultierenden Verletzungen sind die Ursache für Cravens „asoziales“ Verhalten seinen Mitmenschen gegenüber. Der Kerl kommt davon. Keine Todesstrafe, dafür Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher, was das bedeutet, brauche ich ihnen ja wohl nicht erklären.“ Die Stimme des Direktors überschlug sich beinahe.

 

„Ja, Sir“, sagte Don knapp. „Das ist alles?“ der Direktor warf ihm einen zweifelnden Blick zu, „ja, Sir? Das ist ihr ganzer Kommentar? Und wie um alles in der Welt, kamen sie auf die Schnapsidee, Craven über den negativen Bescheid der Staatsanwaltschaft hinsichtlich des Wiederaufnahmeverfahrens zu informieren? Wer sind sie denn, sein Hampelmann?“ Don atmete tief durch, es kostete ihn enorme Selbstbeherrschung, nicht einfach aufzuspringen und davon zu laufen. „Falls sie noch einmal vor haben, Craven zu besuchen oder anzurufen, dann haben sie mich umgehend darüber zu informieren. Am besten wäre es jedoch, sie lassen das von vornherein bleiben. Haben sie verstanden?“ Don nickte. Der Direktor hatte ihm den Rücken zugewandt und sah von der getönten Glasfront hinunter auf die Straße, wo die Leute auf Miniaturgröße geschrumpft waren. Von hier oben, im zwanzigsten Stock, hatte man einen imposanten Überblick über Los Angeles. „Ich gebe nach wie vor zu bedenken Sir, dass es durchaus im Bereich des Möglichen liegt, dass sich noch ein Serienmörder im Großraum Los Angeles aufhält“, sagte Don bestimmt. Vasquez wandte sich um und verzog das Gesicht, „ich weiß, was sie in ihrem letzten Bericht verzapft haben Eppes. Und ich weiß auch, dass sie mit Dt. Gary Walker vom LAPD in engen Kontakt stehen und gemeinsam ein Auge auf die letzten Mordfälle, hier in der Gegend, geworfen haben. Allerdings sind sie nicht wirklich zu einem schlüssigen Ergebnis gekommen, oder?“

 

„Nein, Sir“, es fiel Don sehr schwer, das zuzugeben. „Also Eppes, schalten sie in Sachen Craven ein paar Gänge zurück. Ich denke, es gibt genug andere Fälle, um die sie und ihr Team sich kümmern können. Mein Neffe ist voll des Lobes für sie Eppes, ich fände es schade, wenn ich sie Zwangsbeurlauben müsste“, lenkte Vasquez ein. Damit war das Gespräch beendet. Don ging zurück in sein Büro. „Und wie ist es gelaufen?“ wollte Megan wissen. „Lassen wir das“, antwortete er etwas gereizt, „was gibt’s neues bei euch?“ Colby zuckte die Schultern, „kein Mord- und Totschlag, anscheinend machen die bösen Jungs Ferien. Auf deinem Tisch steht ein kleines Paket, ohne Absender. Die Sprengstoffabteilung hat’s gecheckt, es ist sauber.“ Don ging hinüber zu seinem Schreibtisch. Das Paket war ungefähr fünfundzwanzig mal fünfundzwanzig Zentimeter groß und hübsch verpackt, sogar mit Schleife. Er öffnete es, vielleicht kam es ja von Ivy, diese Frau steckte noch immer voller Überraschungen. Zumindest war ihm sein vorgestriger Besuch noch recht lebhaft in Erinnerung. Candlelight Dinner for two in ihrem Apartment. Danach heißer Sex, diesmal jedoch im Bett und ach ja auch auf dem Küchentisch, das Dessert hatte er liebevoll von ihrem Körper geleckt.

 

Er musste noch immer darüber lächeln. Das änderte sich jedoch schlagartig, als er das Päckchen vollständig geöffnet hatte und ihm ein furchtbarer Gestank entgegenschlug. „Verdammte Scheiße“, zischte er und warf es zurück auf den Tisch. Megan eilte zu ihm, ihr verschlug es regelrecht die Sprache. Colby, David und Theodor ließen sich davon jedoch nicht abhalten und warfen ebenfalls einen Blick hinein. Theodor wünschte sich, er hätte es lieber gelassen. Der Gestank verursachte ihm Übelkeit. „Wer macht denn sowas krankes?“ war Colbys erste Reaktion. Megan hatte sich wieder gefasst und besah sich den Inhalt näher. Jemand hatte Don ein blutiges Herz gesandt, das aufgrund der hohen Außentemperaturen bereits anfing, den Weg alles Irdischen zu gehen. Megan entdeckte noch was. Sie ging zu ihrem Schreibtisch und holte ein Paar Einweghandschuhe heraus. „Du wirst doch nicht …“, meinte Don bestürzt. „Keine Sorge, ich lass das gute Stück schon, wo es ist, aber hier ist noch eine Botschaft für dich.“ Sie brachte einen blutverschmierten Umschlag zum Vorschein und nahm den Brief, der sich darin befand, mit spitzen Fingern heraus. „Home is, where the heart is“, las sie laut vor, „keine Unterschrift.“ Das brauchte es auch nicht, Don wusste nur allzu gut, wer ihm diese Botschaft hatte zukommen lassen. Willkommen in Cravens kranker Welt, schoss es ihm durch den Kopf.