Chapter 7

 

Der zuständige Staatsanwalt in der Causa „Craven“ war Peter Novak. Ein selbstgefälliges Arschloch, aalglatt, mit einem, so schien es, mit dem Lineal gezogenen, Scheitel, Armani Anzug und Schuhen. Seine Hemden waren dermaßen gestärkt, dass Don sich fragte, wie sich der Kerl darin überhaupt bewegen konnte. Die beiden waren alles andere als Freunde. Zwischen ihnen kam es immer wieder zu Spannungen, die auch schon das eine oder andere Mal in Handgreiflichkeiten geendet hatten. Don hatte so eine düstere Vorahnung, dass sein Ansuchen, um Wiederaufnahme der Ermittlungen schon von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Der feindselige Gesichtsausdruck von Novaks Sekretärin sprach Bände. „Hi Trish, ich hab ne Verabredung mit deinem Boss“, Don schenkte ihr trotzdem ein freundliches Lächeln, er kannte sie noch von früher, als sie noch Sekretärin eines der Ausbilder in Quantico gewesen war.

 

„Hallo Don, er wartet bereits auf dich, fass dich kurz, er hat anschließend eine Besprechung mit Leuten vom Obersten Gerichtshof, wir haben dich lediglich eingeschoben“, ebenso gut hätte sie ihm sagen können: Fick dich ins Knie. „Danke Trish, bezaubernd wie immer“, entgegnete er und betrat Novaks „geheiligte Hallen“. Die Einrichtung war spartanisch und in Schwarz und Grau gehalten. Das Zimmer hatte den Charme eines Gefrierfachs in der Gerichtsmedizin. „Agent Eppes, schön sie wieder zu sehen“, sagte Novak mit einem falschen Lächeln, das zwei Reihen makelloser Zähne entblößte. Als sie sich die Hände schüttelten, meinte Don in kalten Wackelpudding zu greifen. Ekelhaft. „Die Freude ist ganz meinerseits“, stieg Don in das Spiel ein. „Setzen sie sich doch bitte“, sagte Novak. Als Besucher saß man irgendwie eine Etage tiefer als der Staatsanwalt. Jedenfalls kam es Don so vor, als er gegenüber von Novak Platz nahm und dieser, von seinem sauteuren Chefsessel aus schwarzem Rindsleder, auf ihn herunterblickte.

 

„Sie sind also zu mir gekommen, um eine Neuaufnahme der Ermittlungen im Fall Craven zu erwirken?“ hakte Novak nach und zog seine linke Augenbraue in die Höhe, „begründet auf was?“ „Das wissen sie sicher, wenn sie meinen Bericht, den ich ihnen bereits am Vormittag gefaxt habe, durchgelesen haben.“ Don hatte absolut keine Lust, alles noch einmal zu erläutern. „Ach ja“, Novak zog das Stück Papier, mit spitzen Fingern, aus einem seiner Briefkörbe. Beinahe konnte man den Eindruck gewinnen, er hatte Angst sich Ebola oder sonst ein Virus damit einzufangen. Er überflog das Geschriebene kurz. „Denken sie wirklich, sie täten dem Steuerzahler damit einen Gefallent?“ abwartend blickte er zu Don. Der suchte gerade nach Worten. „Was, wenn etwas an der Story dran ist, dass sich noch ein Serienkiller in LA herumtreibt? Ist es dann nicht unsere Pflicht, den Steuerzahler zu beschützen?“ „Gut gekontert“, räumte Novak, ein wenig gelangweilt ein, „und bei dieser Annahme stützen sie sich einzig und allein auf die Aussage eines Irren, der sich dazu berufen fühlt, unsere Stadt vor „Dämonen“ zu beschützen und deshalb wahllos Menschen abgeschlachtet hat? Wann waren sie eigentlich das letzte Mal bei einem Psychologen?“ „Ich bin nach wie vor der Meinung, an der Sache könnte etwas dran sein“, sagte Don ungerührt.

 

„Irgendwelche Beweise? Inwieweit unterschied sich die Tötungsart der letzten beiden Opfer von den anderen, gibt es neue Opfer seit Craven in St. Quentin schmort?“ Novak trommelte ungehalten mit seinen Fingern auf die gläserne Schreibtischplatte. „Im Moment liegt uns nichts Konkretes vor Sir“, musste Don zugeben. „Dann ist es also wieder mal ihr Bauchgefühl Agent?“ „Nicht nur, die Art wie Craven von diesem Raphael gesprochen hat und mit welcher Vehemenz….“ Novak hob seine rechte Hand und gebot Don damit Einhalt, „nach Cravens Festnahme waren die Gazetten voll mit Bildern und Artikeln über ihn. Doch das ist schon wieder ein paar Monate her und es ist still um den „Aura-Killer“ geworden“, wieder dieses gönnerhafte Lächeln, „sein Prozess steht unmittelbar bevor Agent Eppes. Ich denke, alles was er mit dieser theatralischen Einlage bezwecken wollte, ist: Aufmerksamkeit um jeden Preis. Und den Gefallen werde ICH ihm bestimmt nicht machen. Stellen sie sich vor, was los wäre, wenn durchsickern würde, dass Craven aus dem Knast heraus mit seinem Fingern auf ein wirkliches Monster zeigt. Denn dieses Mal dreht es sich nicht um Unschuldige, sondern er würde seinesgleichen verraten. Die Medien würden sich förmlich überschlagen und womöglich noch einen Helden aus dem Irren machen. Ganz zu schweigen, von der Panik, die die Bevölkerung befallen würde. Das kann es ihnen doch nicht wert sein Agent Eppes?“

 

„Was, wenn SIE daneben liegen, es noch einen Killer gibt und wir einfach nur zusehen? Was würde die Bevölkerung davon halten, dass das FBI und andere Instanzen, sich zurücklehnen und einfach die Hände in den Schoß legen? Eine Woche Novak ist alles worum ich sie bitte. Das ist doch nichts Unmögliches!“ Novak blickte genervt auf seine Breitling-Armbanduhr. „In meinen Augen ist das genau eine Woche zuviel. Vielleicht hat ja einer von Cravens Anhängern die Mädchen auf dem Gewissen. Auch dann wäre er indirekt dafür verantwortlich. Er hat schon genug Einfluss auf seine „Heerscharen“ von fehlgeleiteten Individuen, die ihm bedingungslos gehorchen. Es sollte ihm auf keinen Fall gelingen unsere Institutionen auch noch in seinen Bannkreis zu ziehen. Wissen sie was los sein wird, wenn der Prozess erst mal begonnen hat? Seine „Jünger“ werden das Gericht Tag und Nacht belagern.“

 

„Es ist toll mit ihnen zu plaudern“, Dons Tonfall troff vor Sarkasmus, „sie haben so eine offene Sichtweise von den Dingen. Ich freu mich bereits darauf, auf sie zurückzukommen, wenn wir demnächst anfangen, die Leichen von jungen blonden Mädchen in der Gerichtsmedizin zu stapeln, die dann augenscheinlich wohl kaum auf Cravens Konto gehen können.“ „Drohen sie mir etwa?“ Novak zog zur Abwechslung mal die rechte Augenbraue in die Höhe. „Gut möglich. Vielleicht will ich ihnen aber nur verdeutlichen, was wir zu erwarten haben, falls mir Craven kein Lügenmärchen aufgetischt hat“, sagte Don lauter als notwendig, sein Geduldsfaden stand kurz davor zu reißen. „Sie haben ihre Emotionen noch immer nicht im Griff, sie sollten weiter daran arbeiten. Eine Anti-Aggressions-Therapie könnte Wunder wirken. Die wievielte wäre es dann gleich?“

 

Dons Kiefer mahlten, Novak würde ihn nicht aus der Reserve locken, nicht dieses Mal. „Zusammengefasst heißt das für mich, sie lehnen die Wiederaufnahme der Ermittlungen im Fall „Craven“ ab?“ Novak nickte, ein wenig irritiert, kaum eine Reaktion bei Don hervorgerufen zu haben. „Und zwar definitiv. Und wenn ich auch nur im Ansatz davon höre, dass sie oder ihre Mitarbeiter sich nicht daran halten, haben sie mit disziplinarischen Maßnahmen zu rechnen.“ „In Ordnung Sir, ich habe es zur Kenntnis genommen“, Don spuckte die Worte förmlich aus und stand auf. Novak kam auf ihn zu und streckte ihm die Hand entgegen, „schön, das wir mal einer Meinung sind, nicht wahr?“ Don verzichtete auf ein Shakehands. Wortlos wandte er sich um und verließ das Büro.

 

Draußen stach ihm das grelle Sonnenlicht in die Augen, er setzte sich seine dunkle Sonnenbrille auf und stieg in den Wagen. Seine Befürchtungen hatten sich bewahrheitet und das deprimierte ihn umso mehr. Vielleicht wäre es besser gewesen, noch einen Tag abzuwarten? Vielleicht hätten seine Leute ja stichhaltigere Beweise zusammentragen können? Und vielleicht war Novak nur ein ignorantes Arschloch auf einem Feldzug gegen Agent Don Eppes? Er zog sein Mobile aus der Tasche und schaltete es ein. Keine neuen Nachrichten. Er starrte auf das Display, bis dieses dunkel wurde. Er sollte Craven von der Unterredung mit dem Staatsanwalt berichten, immerhin hatte er, Don, damit seinen guten Willen bewiesen. Er rief in der Zentrale an und ließ sich mit dem Direktor von St. Quentin verbinden.

 

„Agent Reeves, Agent Reeves!“ Theodor Vasquez wirkte wie ein Hamster auf Speed, als er zu Megans Tisch gelaufen kam. „Ich glaube, ich habe den Auslöser für Cravens irrationales Verhalten gefunden. Megan sah von ihrem Bildschirm hoch, nahm die Brille ab und rieb sich die Augen, immer wieder war sie Cravens Akte durchgegangen und hatte die einzelnen Morde miteinander verglichen. Auch sie beschlich dabei ein leiser Verdacht, dass die letzten beiden eventuell doch nicht Cravens Werk gewesen waren. Aber sicher war das nicht. „Hier Ma’am, sehen sie?“ Vasquez knallte ihr seine Notizen auf den Tisch. Megan setzte ihre Brille wieder auf, „also mit der Schrift hätten sie Arzt werden sollen junger Mann, das kann ja kein Schwein lesen.“ „Verzeihung, so schreib ich immer, wenn ich aufgeregt bin.“ „Solange sie selbst noch wissen, was auf ihrem Block steht, brauchen sie sich keine Sorgen machen“, grinste Colby, der sich neugierig zu ihnen gesellte, ebenso wie Sinclair.

 

Es wurde still an Megans Tisch, „dann erzählen sie mal“, forderte sie Vasquez auf. „Ungefähr ein knappes Jahr BEVOR Craven nach Los Angeles kam, hatte er in San Diego einen Autounfall. Nicht selbstverschuldet. Jemand hat ihm die Vorfahrt genommen und ist seitlich in ihn reingeknallt. Dabei erlitt Craven offensichtlich eine äußerst schwere Gehirnerschütterung und auch sein Sehnerv wurde in Mitleidenschaft gezogen. Hier hab ich einen Auszug von seiner Krankenakte.“ Er legte Megan ein paar Faxnachrichten vor. Colby schüttelte den Kopf, „und da kommt erst unser Junior drauf? Wie geht denn so was? Haben unsere Leute bis jetzt geschlafen?“

 

Megan kaute nachdenklich am Nagel ihres Zeigefingers, „nein, keineswegs. Junior ist nur einen anderen Weg gegangen. Einen, zugegeben etwas unkonventionellen, aber der hat’s gebracht. Seht euch mal den Namen auf dem Formular an.“ „Thomas A. Kuszinski“, las Sinclair laut vor, „kann auch Zufall sein.“ Megan schüttelte den Kopf, das glaub ich nicht, „wir kennen ihn als Adrian Thomas Craven. Auch die Geburtsdaten sind vollkommen ident.“ „Zufall“, beharrte Sinclair. Megan schüttelte noch energischer den Kopf, legte das Fax aus der Hand und rief einige Daten von Cravens Familienangehörigen auf, „seht her, Kuszinski ist der Mädchenname von Cravens Mutter. Super Vasquez, das haben sie hervorragend gemacht“, lobte sie ihren neuen Kollegen. Auch Colby klopfte ihm anerkennend auf die Schulter, „sehen sie zu, dass sie sämtliche Unterlagen vom Krankenhaus bekommen.“ „Ja, Sir!“ Vasquez Ohren glühten vor Aufregung. „Wenn mal der Strom ausfällt, können wir ihn doch glatt als Notbeleuchtung nehmen“, ulkte Sinclair. Noch ahnte keiner von ihnen, was Dons Gespräch mit dem Staatsanwalt, zusammen mit Vasquez Entdeckung für Konsequenzen haben würde.