Chapter 6

 

13 Tage zuvor

 

Na, toll! Hätte Don kein Schnurlostelefon in der Hand gehalten, hätte er wahrscheinlich den Hörer auf die Gabel geknallt. Nach diesem vertrackten Tag in St. Quentin, war ihm so richtig nach ein wenig Entspannung gewesen und wo hätte er die wohl besser gefunden, als in den Armen von Ivy? Zu blöd nur, dass sie gerade dabei war, eine Freundin zu trösten, deren Verlobter anscheinend kurz vor der Hochzeit kalte Füße bekommen hatte. Für einen kurzen Augenblick dachte Don daran: er mit zwei Frauen …. „Vergiß es“, murmelte er. „Wie meinen?“ hakte Megan nach, die gerade ins Büro gekommen war. „Ach nichts.“ „Wie war dein Tag?“ sie gähnte herzhaft und streckte den Rücken durch, „der Neue nervt, irgendwie. Manchmal hab ich das Gefühl, ich sitz in einem Verhörraum.“ „Waren wir nicht alle übereifrig, am Anfang?“ meinte Don beinahe melancholisch, „da weißt du noch nicht mit was für Mist du es zu tun bekommst und denkst noch in Schwarz und Weiß. Es gibt keine Grauzonen und du stellst nicht ständig alles in Frage.“ „Don?“ Megan schien sichtlich verblüfft, „was ist denn mit dir passiert? Hat dir Craven so zugesetzt?”

 

Er stand auf und zog sich sein Jackett über, „ich hab für morgen früh eine Besprechung anberaumt. Mir reicht’s für heute, sei mir bitte nicht böse.“ Er tätschelte ihr freundschaftlich die Schulter und ging. Megan blickte ihm stirnrunzelnd hinterher. Es war gerade mal kurz nach 19 Uhr und Don hatte keine Lust in sein leeres Apartment zu fahren, sich allein ein Menü in der Mikrowelle „zu zaubern“ und sich dann, auch wieder allein, mit ner Flasche Bier und einer Tüte Chips vor den Fernseher zu hocken. Der Anblick, von Charlie, der mit hängenden Schultern und einer Flasche Bier in der Hand, am Treppenansatz der Veranda saß, diente allerdings auch nicht gerade dazu, ihn in Hochstimmung zu versetzen. „Hallo Klei… äh Charlie“, sagte er freundlich, „was ist denn mit dir los? Hat Dad dir für den Rest deines Lebens Hausarrest erteilt?“ Charlie grummelte etwas unverständliches, was wohl die Begrüßung sein sollte und nahm einen Schluck von seinem Bier. Don setzte sich neben ihn. Er konnte es nicht sehen, wenn Charlie offensichtlich Kummer hatte. Da stellte er seine eigenen Probleme schon mal hinten an. Er gab ihm einen leichten Schubser, „alles in Ordnung?“

 

„Sieht’s danach aus?“ antwortete Charlie mit einem Seufzer. „Keine Ahnung“, entgegnete Don. Charlie schluckte. „Bewältigst du deine Probleme nicht normalerweise damit, dich in der Garage zu verkriechen und eine Lösung für unlösbare mathematische Probleme zu finden, anstatt dich mit Bier volllaufen zu lassen?“ Endlich sah ihm Charlie in die Augen, „das ist mein erstes Bier Don und ich war bis gerade eben in der Garage“, es klang beinahe nach einer Entschuldigung. „Du hast noch nie viel vertragen. Ist noch eines für mich im Kühlschrank?“ Charlie nickte, „aber sieh dich vor, Milly sitzt da drinnen mit Dad.“ „Und, ist ja nichts Neues.“ „Und sie spielen Schach“, setzte Charlie nach. „Du lieber Himmel, da braucht er sicher wieder eine Woche, um sich von seiner Niederlage zu erholen“, feixte Don und verschwand kurz im Haus. Kaum saß er wieder neben Charlie, meinte dieser mit einem schelmischen Grinsen, „was tust du eigentlich hier?“ „Wieso?“ „Ich meine, solltest du nicht zusammen mit Ivy … ein romantisches Dinner … bei Kerzenschein …“ „Woher …?“ „Sie hat heut den ganzen Tag von dir gesprochen, du musst sie schwer beeindruckt haben“, Charlie grinste von einem Ohr zum anderen.

 

„Was hat sie dir erzählt?“ hakte Don nach. Charlie zuckte die Schultern. „Charlie?!“ „Ja bin ich denn hier bei einem Verhör“, tat er auf unschuldig. „Vergiss es.“ Sie schwiegen eine Weile. „Und sie hat wirklich von mir gesprochen?“ platzte es plötzlich aus Don heraus. Charlie nickte heftig. „Sag mal, ich hab gehört, dass du und Amita sie „Poison Ivy“ genannt habt. Was hat es damit auf sich?“ „Sie war bereits zweimal verheiratet und beide Männer sind gestorben“, antwortete Charlie total ernst, obwohl er innerlich vor Lachen brüllte. Don bekam Stielaugen, „und woran sind sie gestorben?“ „Och, das weiß niemand so genau.“ Don nahm einen tiefen Zug aus der Flasche. Seine Mimik sprach Bände, jetzt hatte wohl der FBI-Agent in ihm die Führung übernommen. Charlie konnte nicht mehr, er schlug sich mit der flachen Hand auf den Schenkel und kringelte sich vor Lachen. „Das ist nicht komisch“, wandte Don ein. „Doch, du solltest mal dein Gesicht sehen“, brüllte Charlie, „das war doch nur ein Scherz. Meine Revanche für gestern.“ „Du kleiner Mistkerl“, Don stellte seine Flasche zur Seite und die beiden begannen sich zu balgen. Alan kam auf die Veranda, „braucht ihr nen Schiedsrichter?“ Don schüttelte den Kopf, „danke Dad, ich hab alles im Griff.“ „Das seh ich“, meinte Alan mit einem Blick auf Charlie, der verzweifelt versuchte, sich aus Dons Umklammerung zu befreien. „Dann geh ich mal wieder. Noch ist nicht alles verloren. Meine Jungs, schon so groß und immer noch …“, murmelte er beim reingehen. „Aufhören, ich ergebe mich!“ rief Charlie nach einer Weile, er bekam keine Luft mehr, vor lauter Lachen. „Wärst du nicht schon so groß, würd ich dich glatt übers Knie legen und dir den Hintern versohlen“, sagte Don mit gespieltem Ernst, „und jetzt erzähl mir, was es wirklich mit dem Namen auf sich hat.“

 

Charlie atmete tief durch, „Ivy ist wahnsinnig engagiert in Sachen Umweltschutz. Während ihres Studiums war sie aktives Mitglied bei Greenpeace. Sie hat gegen den Transport von Giftmüll demonstriert und sich sogar einmal an Eisenbahnschienen gekettet.“ Don schien beeindruckt, „dann liegt das wahrscheinlich in ihrer Natur. Sie hilft einer Freundin, deren Verlobter es sich anscheinend anders überlegt hat.“ „Typisch Ivy“, kommentierte Charlie, „Amita hat mir gestern gesagt, dass sie eine Einladung als Gastdozentin nach Frankreich hat.“ „Wow, das ist ja fantastisch“, sagte Don, dann bemerkte er jedoch Charlies zermürbten Gesichtsausdruck, „es ist nicht fantastisch. Jedenfalls nicht für dich.“ Er legte tröstend eine Hand auf die Schulter seines Bruders. „Sie wird zwei Monate weg sein. Gerade jetzt, wo … Egal, so eine Chance bekommt man nicht allzu oft, sie soll es machen“, Charlie versuchte ein Lächeln. „Hey, wir schaffen das schon“, meinte Don aufmunternd, „ich werde jeden Tag vorbeikommen und dir auf die Nerven gehen.“ „Gott bewahre“, Charlie warf einen hilfesuchenden Blick gen Himmel.

 

Am nächsten Morgen kam Don, zur Abwechslung einmal ausgeruht und gut gelaunt, ins Büro. Er traf auf Megan und den neuen, sie machte sie miteinander bekannt. „Don, das ist Theodor Vasquez jun., der Neffe von Eduardo Vasquez. Und das Agent Vasquez, ist Special Agent Eppes.“ Die beiden schüttelten sich die Hände. „Konnten sie sich schon einen ersten Überblick verschaffen“, fragte Don höflichkeitshalber. „Es geht Sir, ich habe mich gestern Abend noch hingesetzt und mir einige Fragen notiert …“ „Später Vasquez, später“, wimmelte Don ihn ab, dann wandte er sich an Megan, „sobald Colby und Sinclair hier sind, will ich euch alle drei im Besprechungszimmer sehen.“ „Und was ist mit mir Sir?“ begehrte Vasquez auf, „ich gehör doch jetzt auch zum Team.“ „Natürlich, jemand von uns wird sie anschließend über die wichtigsten Punkte in Kenntnis setzen, es ist nicht notwendig, dass sie die ganze Zeit über anwesend sind. Waren sie denn schon in der Waffenkammer und am Schießstand?“ Der neue bekam feuchte Augen, „nein, Sir!“ „Sehr schön, dann wenden sie sich bitte an Agent Strauss, gleich da vorne links, er kümmert sich darum.“ Vasquez nickte knapp und war dahin. „Kalter Stahl und Pulvergeruch, das zieht doch immer bei euch Jungs“, meinte Megan amüsiert.

 

Eine halbe Stunde später saßen alle vier zusammen und Don brachte Megan und Sinclair auf den neuesten Stand der Dinge. „Das ist doch Mumpitz“, meinte Sinclair entrüstet, „Craven landet so oder so auf dem Stuhl. Was macht es da für einen Sinn, zu behaupten zwei der Leichen gingen nicht auf sein Konto.“ „Ich weiß“, seufzte Don, „das müssen wir eben rausfinden.“ „Müssen wir das?“ warf Colby verdrossen ein, „ich meine der Typ hat mindestens fünfzehn Leute auf dem Gewissen, wenn nicht sogar mehr.“ „Was meinst du Megan?“ fragte Don. „Craven hat auf verschiedene Arten getötet und sich nie an ein bestimmtes Muster gehalten. Bis er anfing, diese Zettel mit Versen aus Chorälen zu hinterlassen. Bei den letzten beiden Leichen steht darüber nichts im Bericht“, sie blätterte in der Akte, die vor ihr auf dem Tisch lag. „Dann hat er es eben wieder auf die alte Tour gemacht, na und?“ Colby war sauer, „der Typ hat sie doch nicht mehr alle. Dämonen, tz?!“

 

„Wo könnte man besser Dämonen jagen, als in der Stadt der Engel?“ sinnierte Don, „lasst uns den Fall doch noch einmal rekapitulieren.“ „Dabei fing der Morgen so gut an“, murmelte Sinclair. „Megan, übernimm du das“, forderte Don sie auf. „Craven kam irgendwann Anfang der 90er Jahre nach Los Angeles. Damals hatte er schon diesen Wahn, von dem wir immer noch nicht wissen, wodurch er ausgelöst wurde.“ „Vielleicht waren es Drogen?“ Colby spielte mit seinem Kugelschreiber. Megan schüttelte den Kopf, „es gab nie Hinweise auf eine Sucht, außerdem waren seine Morde nicht spontan, sondern allesamt geplant. Ich kenne keine gutorganisierten Junkies. Du?“ „Ein Punkt für dich“, räumte Colby ein. „Außerdem hat er es geschafft eine beträchtliche Anzahl von Anhängern um sich zu scharen“, sprach sie weiter. „In Zeiten wie diesen, kein Wunder“, meldete sich Sinclair zu Wort, „es gibt jede Menge Armut und die Jugend hat kaum Perspektiven, bei der hohen Arbeitslosenquote.“ „Man könnte ihn beinahe als den neuen Charles Manson bezeichnen“, sagte Don, „er versteht es Leute zu manipulieren, zu dominieren und sie sogar zu kontrollieren. Sonst wären wir schon eher auf ihn aufmerksam geworden. Manson hat das auch perfekt beherrscht und wir wissen ja, was da am Ende rausgekommen ist.“ Alle nickten. „Und warum ist er jetzt so erpicht darauf, dass die beiden letzten Leichen nicht auf seinem Konto gutgeschrieben werden?“ fragte Colby. Don zuckte die Schultern, „was weiß ich. Jedenfalls hat er quasi sein Leben riskiert, um mich darüber zu informieren. Es ist krank, er ist krank, aber vielleicht sollte man die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass er in diesem Fall die Wahrheit sagt.“

 

„Du kannst den Fall aber nicht so einfach wieder aufrollen“, gab Megan zu bedenken. Don nagte an seiner Unterlippe, „ich weiß, deshalb hab ich heute Nachmittag einen Termin beim Staatsanwalt.“ „Vielleicht hat einer seiner „Jünger“ die Mädchen auf dem Gewissen“, sagte Sinclair. „Soviel wir wissen, war Craven stets darauf bedacht, sie vor den „Dämonen“ zu schützen. Das heißt, sie hatten nie direkten Kontakt zu den Opfern“, erklärte Megan, „die Morde gingen einzig und allein auf Craven. Er hat seinen Leuten beigebracht, sich vor dem „Bösen“ zu schützen, aber ihnen auch eingebläut, direkte Konfrontationen zu vermeiden. Er liebt es, sich in Szene zu setzen und ich bin sicher, einige seine Opfer starben im Beisein seiner Jünger, aber Hand angelegt hat nur er.“ „Das ist doch alles Schwachsinn. Dämonen, Gut und Böse, das hört sich an, wie eine Folge von Buffy“, schnappte Colby. „Du guckst Buffy?“ Megan war verblüfft. „Ich war auch einmal ein Teenie.“ „Sorry, das hätte ich beinahe vergessen Colby“, griente Megan. Es hatte schon einen gewissen Reiz sich ihren toughen Kollegen als Teenager vorzustellen, wie er vor dem Fernseher hockt und einer Vampirjägerin bewundernd bei der Arbeit zusieht. Dons Stimme brachte sie wieder zurück in die Realität, „hört euch bei den Kollegen vom LAPD um, ob es vielleicht in letzter Zeit Morde an jungen Frauen gab, die große Ähnlichkeit mit den beiden letzten von Craven haben. Wenn ja, dann haben wir eindeutig ein neues Problem am Hals.“ Damit war die Besprechung zu Ende.

 

Er saß in seinem kleinen Motelzimmer und zappte sich durch sämtliche Nachrichtensender. Nirgends gab es einen Bericht darüber, dass man die Leiche eines jungen Mädchens in einem Waldstück bei Encino gefunden hatte. Auch gut, er hatte bereits eine neue Prinzessin für sich gefunden. Sie war wunderschön, hatte lange blonde Haare, hellblaue Augen und ein strahlendes Lächeln. Einfach perfekt. Er hatte ihre Fotos vor sich auf dem Bett ausgebreitet. Strich zärtlich darüber und fühlte die Erregung, die ihm ihr Anblick bescherte, deutlich zwischen den Beinen. Später würde er die Fotos verbrennen, aber jetzt noch nicht, jetzt noch nicht.