Chapter 5

 

Gegenwart

 

PENG! Mit einem Schlag war Charlie hellwach. Seine Klamotten waren noch nass, also war er wahrscheinlich nur kurz eingenickt. Jemand hatte das Licht angemacht und laute Musik dröhnte durch die geschlossene Tür. Doch das waren nicht die Gründe, weshalb er aus dem Schlaf hochgeschreckt war. Er konnte fühlen, dass sich etwas in seinem Körper veränderte. Das Blut rauschte in seinen Ohren wie ein Wildbach und sein Herz raste, als hätte er soeben einen Marathonlauf beendet. Er suchte an dem eisernen Bett Halt und richtete sich auf. Seine Bewegungen waren fahrig, er zitterte am ganzen Körper und doch war ihm nicht kalt. Die Gedanken schossen kreuz und quer durch sein Gehirn. Er stand in der Mitte seines Gefängnisses. Trotz der lauten Musik meinte er ein nagendes Geräusch zu vernehmen. Ratten! Ein Schatten huschte hinter ihm vorbei, er machte auf dem Stand kehrt. Ein Quieken, ein Schaben, das Trippeln von kleinen Füßchen. Er begann sich wirr im Kreis zu drehen, hatte die Arme weit von sich gestreckt. Er hatte eine Panikattacke, es war ihm unmöglich sich zu beruhigen. Sein Pulsschlag hatte sich beinahe verdreifacht. „Charlie! Charlieeeeeeeee!“ eine Frauenstimme rief seinen Namen. Er sah zum Bett hinüber.

 

Da saß sie, sie sah furchtbar aus. Das Haar zerwühlt, die Augen eingefallen in dunklen Höhlen. Sie trug das Kleid, dass ihr Mann für ihre Beerdigung ausgesucht hatte. Alan wusste nicht, dass Charlie es damals gesehen hatte. Charlie neigte seinen Kopf zur Seite und versuchte seinen Blick zu fokussieren, keine leichte Aufgabe. „Mom?“ presste er atemlos hervor, „Mom, bist du es?“ Plötzlich stand sie vor ihm. Er konnte ihren fauligen Atem riechen. „Charlie mein Junge“, ihre Stimme klang seltsam verzerrt, „du wirst hier nicht mehr herauskommen, weißt du. Don wird dich nicht finden, niemand wird dich finden, denn du bist bei mir.“ Sie hob die Arme und fuhr ihm mit ihren, zum Teil, verwesten Fingern durchs Haar. „Ich bin alles was du noch hast.“ „Nein“, brüllte Charlie und wich zurück, „du lügst, das ist nicht wahr. Don, Don hat …“ „Hat was? Keine anderen Sorgen, als dich zu suchen?“ sie lachte abschätzig, „du dummer kleiner Junge. Denkst du wirklich, du seist der Mittelpunkt des Universums und alle müssten nach deiner Pfeife tanzen?“ „Geh weg!“ brüllte er, „verschwinde.“ Sie schüttelte den Kopf, Haarbüschel fielen zu Boden, „das kann ich nicht, du wolltest doch, dass ich mich um dich kümmere und jetzt bin ich hier.“ Charlie fühlte den kalten Beton in seinem Rücken. Sein Brustkorb hob und senkte sich mit rasender Geschwindigkeit. Er fing an zu hyperventilieren.

 

„Charlie!“ die Stimme seiner Mutter echote unzählige Male in seinem Kopf. So musste es sich anfühlen, wenn man dabei war, seinen Verstand zu verlieren. „Nein, bitte ich will nicht, dass du mit mir sprichst“, seine Stimme versagte. Erneut griff sie nach ihm, berührte sein Gesicht. Er schüttelte den Kopf, „nein, bitte hör auf.“ Er schlug die Hände vor die Augen und rutschte die raue Wand entlang zu Boden. Er zog sich dabei tiefe Schürfwunden am Rücken zu, doch er fühlte keinen Schmerz. Er fühlte gar nichts, jedenfalls für den Bruchteil einer Sekunde. Dann verwandelte sich seine Hilflosigkeit in unbändige Wut. Er sprang auf, „warum hast du mich verlassen Mom? Warum warst du nie für mich da? Du warst für Don da, aber nie für mich. Ich hasse dich! Ich hasse dich dafür, dass du gestorben bist und mich alleine gelassen hast! Du hast kein Recht hier zu sein.“ „Doch, du hast mich gerufen Charlie. Weißt du das nicht mehr? Du hast doch damals einen Brief an den lieben Gott geschrieben und ihn gebeten, mich wieder zu dir zurückzuschicken“, widersprach seine Mutter.“

 

Tränen strömten unaufhörlich über Charlies Wangen, er schüttelte ungläubig den Kopf, „davon kannst du unmöglich wissen, ich schrieb den Brief vier Monate nach deinem Tod und ich hab in anschließend im Garten verbrannt. Ich hätte dabei fast den Geräteschuppen abgefackelt, niemand weiß davon.“ „Ich schon“, sprach seine Mutter weiter, „weißt du nicht mehr, was Donnie dir erzählt hat? Das Mom da oben ist und alles sieht?!“ Erneut stieß er einen animalischen Schrei aus. Die Musik verstummte. „Was geht da drinnen vor?“ fauchte die schlanke Gestalt, die plötzlich hinter dem Mann mit dem Kampfanzug erschien. Er wandte seinen Kopf vom Türschlitz ab, das Lächeln gefror auf seinen Lippen. „Ich hab keine Ahnung Delinda“, antwortete er erschrocken. „Lass mich mal sehen“, sie stieß ihn zur Seite und warf selbst einen Blick durch den schmalen Schlitz. „Er ist völlig von der Rolle“, sagte der Mann, „er spricht andauernd von seiner Mom.“

 

„Wie hoch war die Dosis?“ ihre Stimme hatte einen gefährlichen Unterton angenommen. „Frag Patrick, der hat ihm das Zeug ins Wasser getan.“ „Dann hol ihn her.“ „Das geht nicht, er ist in die Stadt gefahren, um Vorräte zu holen.“ Charlie schrie noch immer wie von Sinnen. Plötzlich ballte er seine linke Hand zur Faust und schlug damit gegen die Wand. Knochen knackten. Wieder fühlte er keinen Schmerz. „Sperr die Tür auf, sofort!“ befahl Delinda dem Mann neben ihr. „Aber …“ „Sperr sofort die verdammte Tür auf, Eppes ist auf dem besten Weg, sich umzubringen.“ Sie verzichteten auf eine Maskierung, Charlie stand sowieso unter Drogen, er würde sich ganz sicher nicht an ihre Gesichter erinnern. Zu zweit stürmten sie hinein. Es entspann sich ein wilder Kampf. Schließlich behielten Charlies Peiniger die Oberhand, drückten ihn aufs Bett und fesselten ihn mit Handschellen ans Bettgestell. „Bring mir Verbandszeug“, schnauzte die Frau, rittlings auf Charlie sitzend. Sein Blick war starr auf sie gerichtet und doch schien es, als würde er durch sie hindurch sehen. Verärgert warf der Mann den Erste Hilfe Kasten aufs Bett, „hier! Strickler hat nichts davon gesagt, dass wir ihm helfen sollen.“

 

Delinda warf ihm einen vernichtenden Blick zu, „Strickler hatte auch nicht die offizielle Erlaubnis von Adrian Phase zwei zu starten.“ „Soviel ich weiß, hat er ihm echt nur ein paar Kristalle ins Wasser getan. Er hat gesagt, dass es ihn sicher nicht gleich umbringen wird“, versuchte der Mann eine Erklärung. „Und wie nennst du dann das da, Xavier?“ Delinda hielt ihm Charlies blutende Hand unter die Nase. „Es hätte ebenso gut sein Kopf sein können. Nur weil Strickler selbst ab und zu Meth raucht, heißt es noch lange nicht, dass er ein Experte dafür ist. Dieses Scheißzeug ist so unberechenbar, wie eine Packung Nitroglyzerin.“ Sie schwiegen eine Weile. Jemand betrat das unterirdische Verlies, es war Patrick Strickler. Er packte die Einkaufstüten auf den Tisch. Da bemerkte er die offene Tür zu Charlies Gefängnis. Mit drei großen Schritten stand er im Türrahmen und sah Delinda, die noch immer auf Charlie saß und seine Hand versorgte. „Delinda Schätzchen, treibst du’s jetzt etwa schon mit dem Professor?“ höhnte er. Sie wandte sich kurz um, „Schnauze Strickler. Dein „Experiment“ ist gehörig außer Kontrolle geraten. Wir hätten ihn beinahe verloren.“ Strickler lehnte sich lässig an den Rahmen und verschränkte die Hände, „na wenn schon, wen stört’s? Adrian hat sowieso nicht vor, den Jungen gehen zu lassen.“

 

Delinda stieg von Charlie herunter und packte das Verbandszeug weg, „da liegst du aber gewaltig daneben. Adrian hat noch nie einen Unschuldigen getötet.“ Strickler warf den Kopf in den Nacken und stöhnte, „oh nein, jetzt kommt wieder der Vortrag über Gut und Böse. Ich hasse das. Ich verstehe bis heute nicht, weshalb du Craven diesen Mist abkaufst. Es gibt keine Dämonen Delinda. Das sind Hirngespinste.“ „Du hast meinen Bruder Michael nicht gekannt, du weißt nicht, wie es war, als der Dämon von ihm Besitz ergriffen und ihn ein eine böse Kreatur verwandelt hat.“ Strickler betrachtete gelangweilt seine Nägel, „ich würde eher sagen, dein Bruder hat die kleinen Spielchen, die dein Vater mit euch beiden veranstaltet hat, nicht verkraftet und ist zu einem Psycho mutiert.“ Delinda verpasste ihm eine saftige Ohrfeige. „Halt den Mund, bevor ich mich vergesse. Adrian hat Michael erfolgreich exorziert und auch mich geheilt.“ Sie riss den oberen Teil ihrer Bluse auf, ihre feine Haut war mit Brandnarben, die aus lauter kleinen Kreuzen bestanden, übersät. „Ohne ihn wäre ich genauso verloren gewesen.“

 

Strickler sog hörbar Atem ein, „du hast nur eines vergessen zu erwähnen Prinzessin, Michael hat diese „Austreibung“ das Leben gekostet und nach dem was ich hier vor mir sehe, bist du dadurch auch nicht gerade attraktiver geworden.“ Sie spuckte ihm ins Gesicht, „wäre Adrian noch in Freiheit, würde er dich auf der Stelle in eine Feuersäule verwandeln und dich zur Hölle schicken.“ Er zog ein Taschentuch aus seiner Jackentasche und wischte sich damit das Gesicht, „aber Adrian ist nicht hier und soviel ich weiß, hab ich hier das Kommando. Du bist lediglich Beobachter, dann verhalte dich auch so.“ Charlie stöhnte laut auf. Delinda wollte wieder nach ihm sehen. Strickler hielt sie am Handgelenk fest. „Wag es ja nicht mehr, ihm zu helfen.“ Dann wandte er sich an Xavier, der die ganze Zeit über regungslos neben Charlie gestanden hatte. „Und jetzt zeig mir doch, was ich vorhin verpasst habe. Die besten Aufnahmen werde ich später ans FBI schicken. Vielleicht kommen diese Trantüten dann endlich in die Gänge. Delinda leistete nur noch schwachen Widerstand, als Strickler sie mit sich zog. Xavier schloss die Tür zu Charlies Gefängnis und löschte das Licht. Oberhalb der Tür blinkte das kleine rote Licht der Videokamera.

 

Die beiden Männer verschwanden nebenan. Delinda zog es vor in Charlies Nähe zu bleiben. Sie drehte sich um und lehnte ihren Kopf an die kühle Stahltür. Sie wusste, dass es Unrecht war, was sie hier taten. Aber sie war es gewohnt Adrian zu dienen und das schon, seit ihrem zwölften Lebensjahr. Er hatte sie ebenfalls zu einer Dämonenjägerin ausgebildet. Obwohl sie nicht seine Fähigkeiten besaß, so war es ihm doch gelungen, ihre Instinkte zu schärfen. Sie hatte Adrian stets beim Aufspüren des Bösen geholfen. Die schmutzige Arbeit hatte ihr Mentor aber stets selbst erledigt. Michael hatte damals auch die Wahl gehabt, sich ihnen anzuschließen, aber er hatte sich dagegen entschieden. Der Dämon in ihm war wohl schon zu stark. Charlie erinnerte sie in vieler Hinsicht an Michael. Ihr Bruder hatte auch solche Locken gehabt, allerdings waren die blond gewesen. Und er hatte auch diese Sanftheit ausgestrahlt und diese Unschuld. Jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, als der Dämon von ihm Besitz ergriff. Michael hatte sie nicht retten können. Aber vielleicht könnte sie Charlie retten. Obwohl das bedeuten würde, dass sie sich dann gegen Adrian stellte. Tränen traten in ihre Augen, es konnte nicht Gottes Wille sein, dass sie sich zwischen Adrian und Charlie würde entscheiden müssen. Auf keinen Fall.