Chapter 4

 

Don holte seine Waffe, die er bei der Ankunft im Büro in seiner Schreibtischschublade verstaut hatte, wieder hervor und steckte sie in den Holster. Als er an Megan vorbeiging, hielt sie ihn kurz fest, „lass ihn nicht in deinen Kopf kriechen“, sagte sie mit einem besorgten Stirnrunzeln. Er nickte knapp und ging in Richtung Ausgang. Don und Colby fuhren eine Weile schweigend durch die Gegend. Aber irgendwas schien Colby zu beschäftigen. „Spuck’s aus“, forderte ihn Don auf. „Was?“ „Na so, wie du auf deinem Sitz herum zappelst, hast du doch was auf dem Herzen. „Naja, ich … Ich weiß es ist ne bescheuerte Frage, aber was hat Megan gemeint als sie zu dir sagte „lass ihn nicht in deinen Kopf kriechen?“ „Hast du etwa schiss?“ gab Don grinsend zurück, „du kannst gerne vor der Tür warten, während ich…“ „Nein, ist schon okay“, meinte Colby. „Megan hat seit seiner Inhaftierung schon mehrmals mit Craven gesprochen“, sagte Don, „er hat so etwas an sich, wie soll ich’s erklären?“ Er dachte kurz nach, dann schnippte er mit den Fingern, „genau, ich würde ihn als ein manipulatives Arschloch bezeichnen, das trifft es wohl am besten.“ Colby nickte, das ungute Gefühl blieb.

 

Das Prozedere beim Betreten eines Hochsicherheitstraktes, war immer das gleiche, Waffen und andere „gefährliche“ Gegenstände waren beim Wachposten zu hinterlegen. Dann wurde man durch zahlreiche vergitterte Stahltüren geschleust, bis man schließlich in einem ungefähr 5 x 5 m großem Raum angelangt war, in dem sich ein Tisch und zwei Stühle befanden, alles mit Spezialhalterungen im Boden verankert. Sonst käme der Verbrecher vielleicht noch auf die Idee, seinem Anwalt eines mit dem Stuhl überzubraten oder so, obwohl Wachmänner vor den Türen postiert waren. Einem, der nichts mehr zu verlieren hatte, war auch das egal. Colby stellte sich also in die linke Ecke neben der Tür, während Don auf der einen Seite des Tisches Platz nahm. Kurz darauf wurde Craven zu ihnen gebracht. Er trug den üblichen orangefarbenen Gefängnisoverall. Er hatte Fesseln an Händen und Füßen. Unter den Handschellen konnte Don deutlich den weißen Verband sehen. Nachdem der Wachmann Craven recht unsanft auf den Stuhl gedrückt hatte, fixierte er noch die Handschellen, in den, dafür vorgesehenen und an den Tisch geschweißten, Ösen.

 

Eine reine Vorsichtsmaßnahme. Der Beamte nickte den beiden FBI-Agenten kurz zu und verließ den Raum. „Hier bin ich Craven. Was wollen sie?“ schnappte Don. Anstatt zu Antworten grinste Craven amüsiert und musterte erst mal Colby. Die durchdringenden Blicke aus seinen kleinen Vogelaugen verstärkten Colbys Unwohlsein. Trotzdem versuchte er ihnen standzuhalten. Craven war nichts besonderes, wenn man jetzt mal von seinen Gräueltaten absah. Er war ungefähr eins fünfundachtzig groß, hatte schütteres angegrautes Haar, kleine Augen, mit besagtem stechenden Blick, eine große Nase und schmale Lippen. Er sah eigentlich aus, wie der Mann von nebenan, oder der Verkäufer aus dem Supermarkt. Seine Nachbarn hatten ihn als ein wenig eigenbrötlerisch, aber dennoch freundlich, ja sogar hilfsbereit beschrieben. Das einzig Auffällige an seiner Person waren die Tätowierungen an beiden Unterarmen. Sie waren eine exakte Nachbildung jener, die Keanu Reeves in dem Streifen „Constantine“ getragen hatte. Insgeheim fragte sich Colby wie oft Craven seine beiden Unterarme schon zusammengetan hatte, in der Hoffnung, er könne damit der grauen Zelle und dem Gefängnisalltag entfliehen. Es war nicht einfach gewesen ihn dingfest zu machen.

 

Craven gehörte nämlich zu den Schlimmsten seiner Spezies. Serienmörder im Allgemeinen töten kaum bis nie rassenübergreifend. Sie töten auch nicht quer durch jede Altersgruppe. Sie haben meist ein festgelegtes Muster, nach dem sie vorgehen. Sie planen alles akribisch, verfolgen ihre Opfer oft über Wochen hindurch. Craven war ein Weißer, doch auf seiner Todesliste befanden sich auch Schwarze, Hispanos, Chinesen usw. Er hatte Junge, Alte, ja sogar Kinder auf seinem Gewissen, und genau das war der Grund, weshalb er so schwer zu fassen gewesen war. Das FBI hatte bei den Morden kein Muster, geschweige denn einen Zusammenhang finden können, anfangs. Solange nämlich, bis Craven dazu überging, Verse von Chorälen bei seinen Opfern zu hinterlassen. Jetzt sprachen die Ausbilder der Profiler in Quantico nur noch vom „Aura-Killer“. Die Zeitungen hatten Craven nach seiner Verhaftung beinahe glorifiziert, indem sie ihm den Spitznamen „Dämonenjäger“ gegeben hatten.

 

Craven meinte eine besondere Gabe zu besitzen. Er hatte ausgesagt, er wäre von Gott dazu auserkoren worden, die Erde von den Dämonen, die unter uns weilten zu säubern. Er konnte, ohne technische Hilfsmittel, die Aura eines Menschen erkennen, behauptete er jedenfalls. So war es ihm möglich, die Bösen von den Guten zu unterscheiden, wieder seine Worte. Dämonen hatten keine Aura, sie strahlten nur Kälte aus. Nach wie vor rätselten die Profiler darüber, woher Cravens Wahn stammte. Auch Megan war bei ihren Sitzungen mit dem Mörder nicht weiter gekommen. Normale Kindheit, katholische Erziehung in einem Internat, keinerlei Vorstrafen. Aber irgendwas musste in Cravens Leben vorgefallen sein, dass ihn hatte austicken lassen. „Ihr nehmt jetzt also auch schon Gorillas in euren Verein auf“, gluckste Craven und fixierte Colby weiterhin. „So sieht er jedenfalls aus, ihr Partner, wie ein Gorilla in einem Anzug.“

 

Colbys Kiefer mahlten. „Er ist ein Alphamännchen Agent Eppes. Sie sollten sich vorsehen. Er ist einer von der Sorte, die auch gerne mal ihre eigene Art tötet, um zu überleben, wenn sie verstehen was ich meine. Nicht wahr?“ er neigte seinen Kopf ein wenig zur Seite, „du warst bestimmt bei den Marines Äffchen. Wie viele deiner Kameraden sind durch deine eigene Hand gestorben.“ Cravens Taktik zeigte Wirkung, Colby tickte aus, stürmte auf ihn zu und packte ihn am Kragen. „Hör sofort auf damit, oder ich prügel die Scheiße aus dir raus“, schrie er mit hochrotem Kopf. Craven blieb vollkommen gelassen, obwohl seine Luftzufuhr erheblich eingeschränkt war, „ihr Versuchstier hat eine niedere Reizschwelle“, quetschte er grinsend zwischen den Zähnen hervor, „wie bezeichnend für seinen Intellekt.“ Bevor Colby noch eine Dummheit begehen konnte, ging Don dazwischen. Nur mir höchster Anstrengung gelang es ihm, seinen Partner von Craven weg zu ziehen. Er packte ihn zuerst am Genick, dann drehte er ihm den linken Arm auf den Rücken und schob ihn gerade soweit nach oben, dass Colby einen höllischen Schmerz empfand, Don ihm dabei aber nichts brach.

 

Dann drückte er ihn an die Wand, „komm wieder runter Colby“, befahl ihm Don, „jetzt weißt du, was Megan gemeint hat. Er hat dich genau dort, wo er dich haben will.“ Colby wand sich unter Dons Griff, „lass mich ihm nur einmal die Fresse polieren!“ „Damit ich nachher deine Marke einkassieren und dich suspendieren lassen muss?“ zischte Don, „du hast zwei Möglichkeiten: entweder du beruhigst dich und bleibst weiter hier drinnen, oder ich befördere dich eigenhändig vor die Tür und du bekommst eine Abmahnung wegen ungebührlichen Verhaltens.“ Colbys Atem hatte sich beruhigt. Er dachte kurz über Dons Worte nach und sah ein, dass er sich wirklich daneben benommen hatte. Er schlug mit der flachen Hand zweimal gegen die Wand, „okay, ich bin okay Don, du kannst mich loslassen.“ Don trat einen Schritt zurück und richtete sich seinen Anzug. Colby zog sich wieder in die dunkle Ecke neben der Tür zurück. Der Wachmann steckte kurz den Kopf zur Tür herein. „Alles in Ordnung Officer“, rief Don ihm zu. Der Mann nickte, schloss die Tür und bezog wieder seinen Posten. Craven warf einen bedauernden Blick auf seine Handschellen, „wenn ich könnte, würde ich jetzt applaudieren, doch leider …“ er zuckte die Schultern, „noch haben sie ihren Untertan im Griff. Aber glauben sie mir…“

 

Unvermittelt schoss Dons Hand nach vor, direkt an Cravens Gurgel, „ich denke, sie haben jetzt lange genug Regie geführt. Warum bin ich hier? Was wollen sie von mir.“ Das Überraschungsmoment hatte eindeutig bei ihm gelegen. Nachdem er seine Hand zurückgezogen hatte, schnappte Craven nach Luft. „Reden sie oder ich stehe auf und gehe und dann können sie sich von mir aus die Eier abschneiden und sie werden mich nicht mehr zu Gesicht bekommen“, sagte Don wütend. „Mein Anwalt war gestern bei mir, mit der Anklageschrift. Aber die letzten beiden, das war nicht ich, das können sie mir nicht anhängen.“ Don stutzte, „welche letzten beiden?“ „Diese Mädchen mit den Engelsgesichtern. Das war nicht ich, das war der andere.“ Es wurde immer kurioser, „welcher andere?“ „Unsere Wege haben sich einmal gekreuzt. Er nannte sich Raphael. Genauso wie der Erzengel. Ich habe ihn einen Blasphemiker genannt. Raphael war ausgesandt von Gott die Menschen zu heilen und nicht sie zu zerstören.“ Don zog seine Stirn kraus, „wollen sie mir etwa weiß machen, dass jetzt in diesem Moment noch einer von ihrem Schlag in LA herum läuft und Leute abschlachtet?“ Craven leckte sich nervös die Lippen, „nein, sie verstehen nicht. Er ist absolut nicht wie ich, ich könnte nie einen Menschen töten. Ich habe DÄMONEN getötet, ich hab die Menschen dieser Stadt beschützt.“

 

„Ich bin sicher die Mutter des vierjährigen Jamie Tavern wird es ihnen danken“, Dons Stimme troff vor Sarkasmus.“ „Sie müssen meinen Anwalt davon in Kenntnis setzen, dass sie mich nicht auch noch wegen dem Mord an den beiden Mädchen …“ „Den Teufel werd ich tun Craven. Sie labern nichts als Scheiße. Sie zitieren mich hierher, um mir eine haarsträubende Story von einem Erzengel zu erzählen? Sie haben sie wirklich nicht mehr alle. Als würde es einen Unterschied machen. Sie enden so oder so im Todeszelle.“ „Aber ich büße nicht, für etwas das ich nicht getan habe. Die Mädchen waren Engel … Ich habe nur Teufel getötet.“ Don stand auf, wäre der Stuhl nicht im Boden verankert gewesen, wäre er nach hinten geflogen. „Schluss damit, ich hör mir diesen Unsinn nicht mehr länger an. Mir reicht’s.“ „Ich hätte sie für Klüger gehalten Agent Eppes“, die Kälte in Cravens Stimme ließ Don innehalten. „Wenn sie mir jetzt nicht zuhören, dann werde ich dafür sorgen, dass sie es ein andermal tun. Jeder Mensch hat einen Wunden Punkt. Denken sie nicht ich hätte keinen Plan B.“ „Drohen sie mir etwa Craven?“ Dons Stimme war genau so eiskalt, wie die seines Opponenten. Ihre Blicke verhakten sich ineinander.

 

Craven senkte seine Stimme soweit, dass Don sie gerade noch hören konnte, „machen sie nicht den Fehler mich zu unterschätzen. Ich hatte Respekt vor ihnen, weil es ihnen gelungen war, mich aufzuspüren. Ich sah sie als ebenbürtig an. Diesen Vorteil haben sie soeben verspielt Agent Eppes. Ich gebe ihnen Zeit bis Ende der Woche. Lassen sie sich alles noch einmal durch den Kopf gehen. Mein Anwalt wird sie …“ „Ich habe es nicht nötig, dass sie mir eine Bedenkzeit einräumen, ich kann ihnen schon jetzt sagen, dass ich keinen Finger in der Angelegenheit rühren werde.“ „Eine Woche Agent. Dann wird ihr Leben zu einem Albtraum werden, der jenseits ihrer Vorstellungskraft liegt. Denken sie daran, wenn sie nachts wach liegen und sich fragen, weshalb sie mir keinen Glauben geschenkt haben. Denn dann werde auch ich für immer schweigen.“ Don musste zugeben, dass Craven eine durchaus beeindruckende Vorstellung abgeliefert hatte, während er mit Colby zum Wagen zurückkehrte. „Soll ich fahren?“ fragte Colby, dem Dons Gesichtsausdruck gar nicht gefiel. Er warf ihm die Wagenschlüssel zu, „danke.“ „Vielleicht sollten wir besser mit Megan reden, wenn wir wieder im Büro sind“, schlug Colby vor, bevor er den Motor anließ.

 

Kurz nach sieben Uhr abends kam Charlie, fröhlich pfeifend, durch die Eingangstür seines Hauses. Die Abhandlung war pünktlich auf Millys Schreibtisch gelandet. Larry war einfach der Beste. Der herrliche Duft von Schmorbraten stieg ihm in die Nase. Er fand drei Gedecke am Esstisch vor, „hi Dad! Kommt Don heut zum Essen?“, rief Charlie in die Küche. Alan kam gerade mit einer Flasche Rotwein ins Esszimmer und sah alles andere als erfreut drein. „Hallo mein Junge. Nein, Don kommt heute nicht, er hat anscheinend andere Pläne.“ Charlie grinste wissend von einem Ohr zum anderen und rieb sich die Hände, „Milly ist heute unser Gast. Zuvor möchte sie aber noch mit dir reden unter vier Augen.“ Charlies gute Laune war gerade dabei den Bach runter zu gehen. „Um was geht’s?“ Alan knallte die Flasche auf den Tisch, „was fragst du mich? Ich bin lediglich dein Vater, ich bin nicht allwissend.“ Seine Reaktion verriet jedoch genau das Gegenteil. „Sie wartet auf dich, in meinem Arbeitszimmer.“ Die Hände tief in den Taschen seiner Jeans vergraben und mit hängendem Kopf ging Charlie nach nebenan. „Guten Abend Charlie“, sagte Milly tonlos.

 

Zu seinem Entsetzen hielt sie „seine“ Abhandlung in der Hand. Lässig warf sie ihm die Unterlagen über den Schreibtisch zu, „wenn ich gewollt hätte, dass Prof. Fleinheart sich mit der Thematik auseinandersetzt, hätte ich IHN darum gebeten und nicht sie.“ Charlie starrte weiter auf den Boden. „Für wie dämlich halten sie mich Charlie? Ich will, dass sie mir mit ihren eigenen Worten schildern …“ „Ich, ich kann das nicht okay“, Charlie machte eine verzweifelte Geste mit seiner rechten Hand, dann sah er zu Milly, „ich bin ein Genie was Zahlen betrifft, aber eine Niete, wenn es darum geht, etwas in Worten auszudrücken. Fragen sie Amita, oder meinen Vater, oder Don. Die haben auch immer den Eindruck, dass ich nicht mit ihnen, sondern an ihnen vorbei rede.“ „Das ist doch Schwachsinn“, gab Milly, ein wenig freundlicher, zurück, „und sie wissen das. In ihrem Oberstübchen stecken nicht nur hohle Zahlen. Geben sie sich einen Ruck. Verblüffen sie mich.“ Jetzt konnte sie nicht mehr länger und fing an zu lachen. Charlie konnte nicht anders und tat es ihr gleich, „obwohl sie lachen, meinen sie das Ernst, nicht wahr?“ Sie nickte, „und wie.“ Er gab sich geschlagen, „in Ordnung. Ich tu’s aber geben sie mir noch eine Woche oder so.“ „Schön“, willigte sie ein, „ich will mal nicht so sein.“ Dann hakte sie sich bei ihm unter und gemeinsam gingen sie zurück zum Esstisch, auf dem bereits das Essen stand. „Aber erwarten sie keine Wunder Milly. Ein Shakespeare wird sicher nicht aus mir.“ Alan fiel sichtlich ein Stein vom Herzen, als er die beiden lachen sah. Milly war wirklich wütend darüber gewesen, dass Charlie sie „angeschmiert“ hatte. Diplomatisch hatte er versucht zu vermitteln und wie man sehen konnte, war ihm das auch gelungen.