Chapter 3

 

Kurz nach zwei Uhr morgens fuhren Don und Ivy vor ihrem Apartment vor. Sie hatten auch während der Fahrt nicht die Finger voneinander lassen können. Kaum waren sie ausgestiegen, fielen sie, wie hungrige Raubtiere, über einander her. Ivy meinte Don wäre zum Kraken mutiert, seine Hände waren einfach überall. „Hör auf“, sagte sie, meinte es aber nicht so. Zweimal fiel ihr der Hausschlüssel aus der Hand. „Don bitte, ich finde das Schlüsselloch nicht.“ Zärtlich knabberte er an ihrem Ohrläppchen. Sein heißer Atem auf ihrer Haut lies sie vor Leidenschaft vergehen. „Kein Problem“, raunte er ihr ins Ohr, „ich kann die Tür auch auftreten, darin hab ich Übung.“ „Oh ja, das glaub ich dir aufs Wort, aber was würden die Nachbarn denken?“ „Ich zeig ihnen einfach meine Marke und fertig.“ Endlich war die verdammte Tür offen. Auf dem Weg ins Wohnzimmer blieb kein Kleidungsstück mehr wo es war. Die Flammen der Leidenschaft schlugen hoch und würden sie zweifelsohne mit Haut und Haar verschlingen.

 

Sie visierten die Couch an, doch dann landeten sie auf dem flauschigen, cremefarbigen Teppich. Es sah nicht danach aus, als würden sie Liebe machen, man hätte eher meinen können, es würde sich um einen Ringkampf handeln. Am Ende hatte dann doch Don die Oberhand und kam keuchend auf Ivy zu liegen. Die dankte es ihm, indem sie mit ihren langen Fingernägeln seinen Rücken entlang fuhr. Das bliebe nicht ohne Folgen, das konnte er jetzt schon fühlen. Mehr als einmal stand er knapp davor die Beherrschung zu verlieren, aber er ließ es nicht zu. Zuerst war Ivy an der Reihe. Seine Lippen bedeckten jeden Zentimeter ihres Körpers. Sie wollte alles von ihm und er würde es ihr geben. Immer und immer wieder rief sie seinen Namen, vergrub ihre Finger in seinen dunklen Haaren. Als er meinte, das Blut würde in seinen Adern zu kochen beginnen, verlor er endgültig die Kontrolle. Gemeinsam mit Ivy raste er mit Lichtgeschwindigkeit zum Höhepunkt. Völlig außer Atem blieb er auf ihr liegen, stütze sich dabei jedoch mit den Händen ab. Aufmerksam beobachtete er ihr Gesicht. Es schien zu glühen. „Nicht schlecht für den Anfang“, lächelte sie selig. „Wenn du denkst, dass ich schon fertig mit dir bin, irrst du dich“, griente er, „ich brauch nur eine Minute.“ „Angeber“, sagte sie halblaut, dann griff sie mit ihrer Hand in seinen Nacken und zog seinen Kopf nach unten.

 

Amita und Charlie lagen eng aneinander gekuschelt im Bett. An ihren regelmäßigen Atemzügen konnte er hören, dass sie bereits tief und fest schlief. Er lag auf dem Rücken, hatte seine linke Hand beschützend um ihre Schulter geschlungen. Die rechte lag mit dem Handrücken auf seiner Stirn. Einmal mehr starrte er Löcher in die Dunkelheit. Immer wieder ließ er die letzten Tage und auch den gestrigen Abend revuepassieren. „In these small hours, these little wonders, these twists and turns of faith“, der Song ging ihm auch nicht mehr aus dem Kopf. Es war zum schreien. Seine Gedanken verselbstständigten sich. Schon jetzt wusste er, dass er in dieser Nacht kein Auge mehr zu bekommen würde. Als es schließlich zu dämmern begann, stand er vorsichtig auf, um Amita nicht zu wecken, zog sich an und fuhr in die Uni. Dort hatte er die nächste Nuss zu knacken. Milly wollte von ihm eine kleine Abhandlung über „Perspektiven für einen zeitgemäßen Matheunterricht“. Er hasste solche Sachen, jedes mathematische Problem und wäre es noch so verzwickt, wäre ihm tausendmal lieber gewesen, als Wörter auf Papier zu kritzeln. Hätte er das gewollt, hätte er wohl Anglistik studiert, aber dass schien die gute irgendwie nicht zu behirnen.

 

Und jetzt hatte er auch noch das zweifelhafte Vergnügen sie beinahe tagtäglich bei sich zu Hause begrüßen zu dürfen. Warum hatte sich Alan ausgerechnet Milly „eingetreten“? Es gab doch jede Menge anderer Frauen in seinem Alter. Mittlerweile hatte Charlie es aufgegeben, seinen Vater in Beziehungsdingen drein zu quatschen. Das Unigelände war gespenstisch leer, kein Wunder um diese nachtschlafende Zeit. Beinahe hätte man denken können, Außerirdische wären gekommen und hätten alle entführt. Vielleicht sollte er weniger Science Fiction Filme gucken. Seit Larrys Flug ins All, schien auch er von den „unendlichen Weiten“ des Weltalls fasziniert zu sein. Konnte sowas ansteckend sein? Charlie schüttelte seinen Kopf, als könne er damit diese unsinnigen Gedanken vertreiben. Das Geräusch, das sein Aktenkoffer machte, als er ihn auf den Schreibtisch knallte, ließ ihn zusammenfahren. Himmel, sein Nervenkostüm war wirklich hauchdünn geworden. Vielleicht war es sogar gut, wenn er Amita einige Zeit nicht sah. Dann konnte er sich wenigstens wieder auf die wesentlichen Dinge in seinem Leben konzentrieren. Als da wären? Ihm wollte partout nichts einfallen, bis auf diese blöde Abhandlung. Vielleicht wäre es einfacher im Internet zu recherchieren und irgendein Plagiat zu verfassen. Wenn Milly dahinterkäme, würde sie ihm sicher den Kopf abreißen.

 

Also setzte er sich hin, stützte seinen Kopf in die Hand und begann zu schreiben. Kaum hatte er ein paar Zeilen geschrieben, riss er das Blatt herunter, zerknüllte es und warf es in Richtung Papierkorb. Auch eine Art, sich die Zeit zu vertreiben, dachte er und begann zu schmollen. „Weiß, weiß, immer nur weiß“, hörte er plötzlich jemand murmeln, der sich verdammt nach Larry Fleinheart anhörte. „Ich hätte daran denken müssen, aber nein.“ Neugierig ging Charlie zur Tür, „Larry?“ Sein Freund stieß einen erstickten Schrei aus und hob abwehrend die Hände. „Hast du einen Knall Charlie? Was tust du hier schon so früh?“ Charlie grinste, „das gleiche könnte ich dich fragen.“ „Ich? Ich bin schon um einiges Älter als du, da braucht man nicht mehr so viel Schlaf.“ „Wenn du willst kannst du mir ja Gesellschaft leisten“, sagte Charlie, nicht ganz ohne Hintergedanken. Vielleicht konnte ihm Larry bei der Lösung seines Problems zur Hand gehen? „Ich denke ich hab sogar noch Milch im Kühlschrank.“ Larry nickte, „das klingt richtig verlockend. Trotzdem hättest du mich gestern davon abhalten können, mich mit Punsch volllaufen zu lassen. Das Gesöff war ROT, ROT Charlie und ich mag doch nur weiße Sachen.“ Charlie lachte, „oh nein, mich trifft keine Schuld. Ich hab dich gewarnt Larry. Du wolltest ja nicht hören. Du und Megan, ihr seid ja ziemlich schnell verschwunden. Wie lief denn der Rest des Abends?“ wollte Charlie wissen und stellte zwei Gläser Milch und einen Teller mit Keksen auf den Tisch.

 

Larry machte eine wegwerfende Handbewegung, „frag mich lieber nicht. Ich denke es war weit nach Mitternacht, als ich aufgehört hab zum Porzellangott zu beten.“ Larry biss genüsslich in den Keks und nahm einen Schluck Milch dazu. „Megan war ein wahrer Engel, sie hat mir die ganze Zeit über den Kopf gehalten und mich keine Minute allein gelassen.“ „Unter einem heißen Date hab ich zwar ne andere Vorstellung, aber bitte“, warf Charlie lakonisch ein. Sein Abend war auch nicht gerade DER Knaller gewesen. Dann nahm er Millys Mail zur Hand und drückte es Larry in die Hand, „ich will ja nicht unverschämt sein Larry, aber weil du gerade da bist, könntest du mir dabei vielleicht behilflich sein? Du weißt ich steh auf Kriegsfuß mit dem Zeug.“ Erwartungsvoll sah er zu seinem Freund und schob sich einen Keks in den Mund. „Perspektiven für einen zeitgemäßen Matheunterricht“, las Larry laut vor, „hört sich nach einer richtigen Herausforderung an. Bis wann muss das fertig sein?“ „Och weißt du, das eilt nicht so, nur bis heute Nachmittag oder so?“ er bemühte sich gleichgültig zu klingen. „Wenn du Wunder erwartest, solltest du dich vielleicht an die Kirche wenden“, meinte Larry mit einem Augenzwinkern.

 

„Aus welchem Mülleimer bist du denn gekrochen?“ ulkte Megan, als Don, sichtlich mitgenommen, zum Dienst erschien. „Danke, dir auch einen wunderschönen guten Morgen“, grummelte er. Er hatte gerade noch Zeit gehabt, sich zu duschen und umzuziehen. Beim Anblick der Kratzer auf seinem Rücken, war ein breites Grinsen auf seinem Gesicht erschienen. Das war aber schon das einzig amüsante an diesem Morgen. L.A. in der Rush Hour war der reinste Horror. Weshalb stand ihm eigentlich kein Hubschrauber zur Verfügung? „Träum weiter Don“, dacht er und ging in die Küche, Megan folgte ihm. Sie platzte geradezu vor Neugier. „Wer war denn die Glückliche? Könnte ich sie gesehen haben?“ Don nahm einen Becher in die Hand und wollte sich Kaffee eingießen. Nach einem Blick in die Kanne, stellte er angeekelt die Kanne zurück, „damit kann man höchstens noch unseren Parkplatz asphaltieren.“ Megan war mit zwei Schritten neben ihn, „wenn du mir sagst, mit wem du gestern, du weißt schon was…., dann mach ich dir einen frischen. Ich hab sogar echten brasilianischen im Kasten, nicht das Instantzeug aus dem Supermarkt.“ „Da bin ich doch auch gleich dabei“, ließ sich Colby vernehmen, „was muss ich dafür tun.“ Don packte die Gelegenheit beim Schopf, „och gar nicht viel, du musst ihr nur erzählen, mit wem du gestern Abend geschlafen hast.“ „Bitte was?“ Colby fielen beinahe die Augen aus dem Kopf. „Ist doch so Megan oder?“ hakte Don boshaft nach. Sie verpasste ihm einen Tritt ins Schienbein. „Autsch.“ Megan stellte die gewaschene Kanne zurück an ihren Platz, „macht euch doch den Kaffee selber“, murmelte sie und marschierte an Don vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.“ Colby zuckte die Schultern, „vielleicht hat sie ja gerade ihre Tage.“ „365 Tage im Jahr?“ gab Don zweifelnd zurück, „ übrigens, du bist heute dran mit Kaffeekochen.“

 

Ein wenig übertrieben humpelte er zu seinem Schreibtisch, das rote Licht auf seinem Telefon bedeutete, jemand hatte ihm eine Nachricht auf seinen AB hinterlassen. Nachdem er sie abgehört hatte, legte er fluchend auf. Er hätte gedacht, es könnte nicht mehr schlimmer kommen. Megan sah von ihren Akten auf, „was ist?“ „Es war der Direktor von St. Quentin. Adrian Crane verlangt nach mir.“ Megan runzelte die Stirn, „der Serienkiller, den wir vor kurzem zur Strecke gebracht haben?“ Don nickte. Ein schwerer Stein schien plötzlich in seinem Magen zu liegen, „genau der.“ „Und was will er?“ „Keine Ahnung, der Direktor hat mir nur erzählt, dass Crane beim Hofgang von irgendjemand ein Messer bekommen und sich damit die Pulsadern aufgeschnitten hat. Seine Forderung: ein Vieraugengespräch mit Agent Eppes. Er wollte sich erst behandeln lassen, nachdem ihm der Direktor genau das zugesagt hatte. „Trotzdem solltest du nicht alleine zu ihm gehen“, sagte Megan besorgt. „Du kannst gerne mitkommen“, entgegnete Don. Sie schüttelte den Kopf, „geht nicht, ich muss mich um unser Kücken kümmern.“ Don atmete kurz durch, „das hab ich völlig verdrängt. Ich hab gehört, er soll der Neffe eines unserer Direktoren sein.“ Megan verzog das Gesicht und nickte, „genau, deshalb müssen wir ihn in Watte packen und ihn hüten wie unseren Augapfel.“ „Tz“, stieß Don frustriert hervor, als hätten wir nicht schon genug um die Ohren.“ „Der Kaffe ist fertig“, rief Colby aus der Küche. Don ging zu ihm, „keine Zeit, Lust auf einen kleinen Ausflug nach St. Quentin?“