Chapter 2

 

„Sie müssen Charlies Bruder Don sein“, Don bekam eine Gänsehaut, als er diese rauchige Stimme hinter sich vernahm. Er wandte sich um. Jetzt war er derjenige dem die Kinnlade herunterklappte. Vor ihm stand das bezaubernste Wesen auf Gottes Erdboden. Jedenfalls empfand er es in diesem Moment. „Hat es ihnen die Sprache verschlagen“, neckte sie ihn und streckte ihm die Hand entgegen, „hi, ich bin Ivy und eine Kollegin von Charlie.“ „Mich kennen sie ja bereits“, sagte Don, ergriff ihre Hand und hielt sie ein wenig zu lang. Er hatte das Gefühl in ihren meerblauen Augen ertrinken zu müssen. Das schulterlange, schwarze Haar war fransig geschnitten und verlieh ihr einen frechen Look, ihre Haut hatte einen leichten Teint. Sie trug das berühmte „kleine Schwarze“. „Möchten sie vielleicht was trinken?“ endlich hatte er seine Sprache wieder gefunden. Sie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln, „aber gerne.“ Er bot ihr seinen Arm und sie nahm dankend an. Vielleicht würde sich der Abend doch noch in eine andere Richtung entwickeln. Sein Anflug von „Midlifecrisis“ war jedenfalls wie weggeblasen.

 

Charlie und Amita shakerten noch immer miteinander auf der Tanzfläche. Am liebsten hätte er sie gefragt, ob sie sich nicht mit ihm aus dem Staub machen wollte. Aber da sie zum Organisationskomitee gehörten, blieb das Wunschdenken. Der DJ dimmte das Licht und stellte die Glitzerkugel an, die ihre funkelnden Strahlen in alle Richtungen sandte. „Little Wonders“ von Rob Thomas kam aus den Lautsprechern. Amita schmiegte sich noch enger an Charlie. Auch Don und Ivy tanzten engumschlungen, als Amita die beiden entdeckte, tippte sie Charlie auf die Schulter, „guck dir das an dein Bruder in den Fängen von Poison Ivy.“ Ohne hinzugucken und mit einem breiten Grinsen meinte er, „so ein Zufall aber auch.“ Amita warf ihm einen entrüsteten Blick zu, „sag bloß, du …“ Er nickte, „schuldig in allen Punkten. Ich hab ein wenig nachgeholfen, weißt du, er tat mir leid, als er so verloren da stand.“ „Und was hast du ihr erzählt?“ Charlie stupste Amitas Nase mit dem Zeigefinger, „was wohl, das der gute Don ein gefööööhrlicher Mann ist. War Ivys letzter Freund nicht Stuntman?“

 

Amita bekam beinahe einen Lachanfall, „du bist mir einer.“ Charlie wackelte mit seinen Augenbrauen, „ich hab so manches zu bieten, von dem du noch gar nichts weißt. Aber du könntest es herausfinden, wenn du bei mir einziehen würdest.“ Kaum hatte er zu Ende gesprochen, hätte er sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Er spürte deutlich, wie Amita sich in seinen Armen versteifte. „Sorry, es tut mir leid“, sagte er mit seinem süßesten Dackelblick. Doch der Schaden war bereits angerichtet, „müssen wir das schon wieder durchkauen?“ meinte sie leicht genervt. „Nein, natürlich nicht, ich … vergiss es Amita, okay?“ Sie gab ihm keine Antwort. Kurz darauf entzog sie sich seiner Umarmung, „entschuldige ich brauch frische Luft.“ Als Amita ihm den Rücken zuwandte, schloss Charlie kurz die Augen und stieß einen leisen Fluch aus. Kein Wunder, dass sie überreagierte. Sie hatten diese Diskussion erst vor zwei Tagen geführt und sie hatte ihm klargemacht, dass sie noch nicht wirklich bereit dafür war. Sicher, sie liebte ihn, aber sie wollte auch ihre Freiheiten. Nicht um sich mit anderen Jungs zu treffen oder so. Den genauen Grund konnte sie ihm aber auch nicht nennen.

 

Vielleicht versuchte er deswegen immer noch, sie davon zu überzeugen, dass ihm wirklich sehr viel daran lag und machte damit alles nur noch schlimmer. Als das Licht wieder anging, kam er sich richtig blöd vor, so alleine auf der Tanzfläche, also folgte er Amita. Er musste sich zwingen nicht zu laufen. Am Gang standen einige Pärchen und übten sich im Full-Body-Contact. Amita war nirgends zu sehen. Ein leiser Lufthauch und das Geräusch einer, sich schließenden, Tür, verrieten ihm jedoch wo sie hingegangen war. Er fasste all seinen Mut zusammen. Tatsächlich stand sie auf der großen Terrasse, hielt sich an der Brüstung fest und blickte hinauf zum Himmel. Sie waren alleine, die Musik war kaum noch zu hören. Er räusperte sich, „wenn du möchtest, kannst du mir hier auf der Stelle einen Vortrag über Astrophysik halten. Ich werd auch nicht drein plappern und deine Thesen in Frage stellen.“ „Du kannst nicht immer so tun, als wär nichts gewesen Charlie“, antwortete sie, ohne sich umzudrehen. „Ich weiß, ich hab mich doch dafür entschuldigt.“ Er ging zu ihr hin und umfasste ihren Oberarm, da bemerkte er, dass sie zitterte.

 

Er zog sein Jackett aus und legte es ihr um die Schultern. Endlich sah sie ihn an, „danke.“ „Hör zu Charlie, ich hab ein Angebot als Gastdozentin in Übersee bekommen.“ Als sie seinen entsetzten Blick sah, fügte sie rasch hinzu, „es ist nur für ein oder zwei Monate, nichts besonderes.“ Nachdenklich nagte er an seiner Unterlippe, dann nickte er, „egal was du tust und wie du dich entscheidest, ich steh hinter dir.“ Sie nahm seine Hand, „danke Charlie, ich weiß, dass ich mich auf die verlassen kann. Ich meine, das ist eine einmalige Chance und …“ „Du solltest es wirklich tun“, bestärkte er sie, auch wenn ihm das eine Menge Überwindung kostete, „wohin geht es denn?“ „Frankreich, Lyon. Ich muss mich bis übermorgen entschieden haben.“ Er seufzte, „du fehlst mir jetzt schon“, dann zog er sie in seine Arme und gab ihr einen zärtlichen Kuss. „Ich weiß, du mir auch“, flüsterte sie mit erstickter Stimme. Aber wenn ich dann wieder da bin, dann können wir …“ Er legte ihr den Zeigefinger auf den Mund, „schhhhhhhhhhhhhhhhhhh, schon gut. Ich kann warten.“ Als sie gemeinsam zum Himmel aufsahen, huschte eine Sternschnuppe vorbei. „Jetzt können wir uns was wünschen.“ Sie schlossen kurz die Augen.

 

„Und“, Charlie nickte ihr auffordernd zu. „Was?“ „Was hast du dir gewünscht?“ “Na, das werd ich dir sicher nicht auf die Nase binden Mr. Eppes.“ Er tat beleidigt, „will’s sowieso nicht wissen.“ „Ja, sicher.“ Charlies Mobile klingelte. „Ja?“ „Stör ich?“ es war Don. „Gut möglich“, entgegnete Charlie grinsend. „Komm schon, ihr seid doch nicht etwa in einem dunklen Kämmerlein und tut, was ich nicht auch tun würde?“ bohrte Don weiter. „Wie der Schelm denkt, so ist er, nicht wahr. Außerdem warst du derjenige der auf dem Abschlussball mit der Ballkönigin in der Besenkammer verschwunden ist.“ Amita riss die Augen auf und schüttelte ungläubig den Kopf. „Wo denkst du wohl, wo ich jetzt gerade bin?“ kam Dons geheimnisvolle Antwort. Bevor Charlie antworten konnte, gesellten sich Don und Ivy zu ihnen. „Sieh dir bloß sein Gesicht an“, lachte Don und steckte sein Mobile weg, „er hat’s wirklich gefressen.“ Charlie fühlte sich ertappt und ging in die Offensive, „nö, hab ich nicht. Ich kenn deinen abartigen Humor.“ Don wandte sich an Amita, „was denkst du, hat Charlie es gefressen oder nicht?“ „Ehrlich?“ sie zuckte die Schultern und warf einen bedauernden Blick in die Richtung ihres Freundes, „ich denk schon.“

 

„Das ist eindeutig eine Verschwörung, zu dumm, dass Larry nicht hier ist“, feixte Charlie. „Ach ja“, Don kratzte sich an der Stirn, „Megan und er sind schon gegangen. Er hat sich irgendwie nicht ganz wohl gefühlt.“ Sie warfen sich wissende Blicke zu. „Und wie gefällt dir mein Bruder“, platzte Charlie unvermittelt heraus, an Ivy gewandt. „Bis jetzt ist er ganz nach meinem Geschmack“, sie kuschelte sich eng an ihn und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. „Don?“ „Ja, Charlie?“ „Du kannst wirklich doof grinsen.“ „Ich weiß“, dann drehte Don seinen Kopf und gab Ivy einen verheißungsvollen Kuss. Zu viert gingen sie, ein wenig später wieder zurück in den Ballsaal.

 

Ungefähr zur gleichen Zeit, fuhr ein Mann in ein Waldstück in Encino, einem Bezirk, der zum San Fernando Valley gehört. Er hielt seinen Wagen, ging nach hinten und öffnete seinen Kofferraum, dann hob er etwas heraus, dass eingewickelt in eine Plane war und trug es ein Stück weiter in den Wald hinein. Vorsichtig legte er die Last auf den Boden. „Keine Angst meine Kleine, hier werden sie dich bald finden“, flüsterte er, schlug ein Eck der Plane zurück. Gebannt starrte er in das Gesicht eines jungen Mädchens von vielleicht sechzehn Jahren. „Verzeih mir, wenn ich dich jetzt alleine lassen muss, aber es gibt noch viel zu tun.“ Behutsam strich er über ihre blutleeren Wangen, dann beugte er sich hinunter und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Eigentlich solltest du mein Meisterstück werden, aber dann hab ich ihn mit dir gesehen und ich hab gewusst, dass du nicht mehr rein bist.“ Rasch bedeckte er wieder ihr Gesicht. Dann stand er auf, er musste hier weg, unbändige Wut machte sich in ihm breit. Wie sollte er jemals seinen Frieden finden?