Chapter 28

 

Das Gelände war weitläufig, Craven hatte Mutter Natur keinen Einhalt geboten und so wucherte Unkraut vergnügt neben Magnolien und anderem undefinierbaren Grünzeugs. Als erstes fiel Don ein großes Loch ins Auge, das sich ungefähr in der Mitte des, mit einem Maschendrahtzaun umgebenen, Grundstückes befand. Es war der Brunnen, in dem sie Sticklers Leiche versenkt hatten. Doch das konnte Don nicht wissen. Colby ging in die Hocke und betrachtete sich die Stelle genauer. „Das ist ganz frisch“, rief er Don zu, der in einiger Entfernung stand, „ich denke hier wollte jemand was verbergen.“ Don ging zu ihm. „Und das ist ihm durchaus gelungen“, stellte er trocken fest. Neben der aufgewühlten Erde befanden sich jede Menge Steine in dem Loch. „Hier würde selbst ein Bautrupp mit schwerem Gerät monatelang schuften, um das freizulegen, was sich einst darunter befunden hatte. Aber möglicherweise ist es jemand den Aufwand wert. Wer weiß?“ Er seufzte. „Agent Eppes, Agent Eppes, kommen sie schnell, hier ist ein Eingang. Sieht aus wie eine Art Bunker oder so“, Theodor hüpfte aufgeregt herum. Ein Vergleich mit Rumpelstilzchen war dabei nicht einmal so abwegig. Schon waren alle zur Stelle und zückten ihre Waffen. Wieder einmal griff Don ins Leere und stieß einen leisen Fluch aus. Er fühlte sich irgendwie nackt. Deshalb entschloss er sich, den anderen den Vortritt zu lassen. Sie knipsten ihre Taschenlampen an und sicherten sich gegenseitig auf dem Weg nach unten. Eine steile Eisentreppe führte in die Tiefe. Auch hier war der metallische Geruch von Blut allgegenwärtig, nur um einiges intensiver, als im Hause der Senatorin Schwartz. Dons Magen verknotete sich bereits jetzt und er war sicher nicht der einzige, dem er so erging.

 

„Was riecht denn hier so streng“, Theodor verzog angewidert das Gesicht. „Das ist Blut Kleiner. Jede Menge Blut“, entgegnete Colby. Er stand als erster ganz unten auf dem Treppenabsatz. Der Lichtkegel seiner Maglite zerschnitt die Dunkelheit und ließ das ganze Ausmaß des Grauens nur erahnen. Als er von der untersten Stufe herunterstieg, gab es ein platschendes Geräusch. Er suchte die Wände nach einem Lichtschalter ab und wurde hinten rechts fündig. Zweimal hätte es ihm dabei fast auf die Schnauze gehauen. Was zum Teufel war hier so rutschig? Er drückte den Lichtschalter. Neonröhren begannen an der Decke zu flackern. Kurz darauf war der Raum in kaltes, leicht bläuliches Licht getaucht. „Passt auf, hier ist es verdammt rutschig“, warnte Colby die anderen. Ein heiserer Aufschrei entrang sich Theodors Kehle. Don, Megan und David waren wie gelähmt. Der Boden war über und über mit Blut besudelt. „Jetzt weiß ich, was mir im Haus der Senatorin gefehlt hat“, krächzte Don. „Blut“, antwortete Megan und schluckte mehrmals hintereinander. Theodor stand stocksteif da, klammerte sich so fest an das Geländer, dass das Weiß seiner Knöchel hervortrat und kämpfte tapfer gegen das immer wiederkehrende Würgegefühl. „Sowas ähnliches hab ich schon einmal gesehen, in einem Rebellenversteck in Afghanistan“, murmelte Colby, „doch das hier übertrifft es um Längen.“ Sie machten sich daran, den Bunker näher zu erkunden. Da gab es eine Zellentür, die halb angelehnt war und schräg gegenüber befand sich noch ein weiterer Raum. Don schickte Colby und David dorthin, während er, zusammen mit Megan und Theodor, die Zelle betrat. Eine nackte Glühbirne baumelte von der Decke und verbreitete etwas Licht. Der Raum hatte kein Fenster. Rechts von ihnen befand sich ein Bett aus Eisen, darauf lag eine seltsam verkrümmte Gestalt. Don war mit zwei Sätzen bei ihr.

 

Allem Anschein nach war es der Körper einer jungen Frau, sie trug schwarze Jeans und einen schwarzen Rolli. „Delinda“, ging es ihm durch den Kopf. Langsam drehte er den leblosen Körper zu sich. „Verdammte Scheiße“, entfuhr es ihm, als er sah, dass ihr zirka die Hälfte ihres, einst wunderschönen, Gesichtes fehlte. Das war nun endgültig zu viel für Theodor. Wie von wilden Hunden gehetzt stolperte er nach draußen, die Treppe hinauf. Oben angekommen kotzte er sich die Seele aus dem Leib. „Wer verdammt nochmal tut sowas?“ zischte Don. Megan schob ihn ein wenig zur Seite und betrachtete die Eintrittswunde, „ein präziser Schuss in den Hinterkopf. Die Waffe war nicht aufgesetzt. Ich nehme an der Schütze befand sich in einiger Entfernung.“ David stand plötzlich in der Tür, „Don, Megan, das solltet ihr euch unbedingt ansehen.“ Wortlos folgten sie ihm in den anderen Raum. Dort befanden sich in einer Nische drei Monitore und ein Schaltpult, an dem sich Colby jetzt zu schaffen machte. Er wandte sich um und sah Don direkt in die Augen, „ich wünschte, ich könnte dir diese Bilder ersparen, aber es geht um Charlie.“ Willst du sie wirklich sehen? Diese Frage hing, unausgesprochen, zwischen ihnen in der Luft. „Zeig sie mir“, quetschte Don mühsam zwischen den Zähnen hervor. Die Aufnahmen waren allesamt mit Datum und Uhrzeit versehen, es gab sogar den Ton dazu. Emotionslos starrte Don auf den Monitor. Während Colby dazwischen immer wieder vorspulte, insgesamt mussten das einige Stunden an Videomaterial sein. Don hörte Laute aus Charlies Mund, die er noch nie zuvor gehört hatte. Er sah, wie Charlie, in voller Absicht, mit der linken Faust gegen die Wand schlug, er hörte seine Knochen knacken. Colby spulte weiter. Charlie als ein wimmerndes Häufchen Elend. Sein Kopf war auf die Knie jener jungen Frau gebettet, die nun tot auf eben diesem Bett lag. Sie sprach mit sanfter Stimme auf Charlie ein, strich ihm zärtlich durch die dunklen Locken. „Stell es ab“, kam es nach einiger Zeit heiser aus Dons Mund. Er schloss die Augen und lehnte sich an die kalte Betonwand. Dann atmete er ein paar Mal tief ein und aus. Keiner der drei anderen wagte auch nur ein Wort zu sagen. „Nehmt diese verdammten Bänder mit. Ich will nicht, dass sie noch jemand sieht. Ich will nicht, das noch jemand CHARLIE SO SIEHT“, er kämpfte verbissen gegen die aufsteigenden Tränen.

 

David eilte nach oben, erstens um nach Theodor zu sehen und zweitens um seine schwarze Sporttasche zu holen, die er immer im Kofferraum des Wagens mitführte. Es war ihm zwar nicht ganz wohl dabei, Beweismaterial verschwinden zu lassen, doch er konnte Don gut verstehen. Würden die Bänder in die Hände des FBI gelangen, würden sie Charlie stundenlangen Verhören unterziehen und versuchen, alles was er wusste, aus ihm herauszuholen. Dass er eigentlich das Opfer war, würde niemanden mehr interessieren. Theodor nahm gerade einen Zug aus einer Wasserflasche, die er sich bei ihrem Zwischenstopp an der Tankstelle, gekauft hatte. „Sorry Agent Sinclair. Wir werden zwar mit Filmmaterial auf solche Dinge vorbereitet und manche Sachen stellten wir auf der Akademie auch nach, aber die Realität ist wesentlich brutaler.“ David klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter, „denke nicht, dass es mir nicht genauso ergangen wäre und ich kann dir sagen, mir geht die Sache auch wahnsinnig an die Nieren. Ich hab nur irgendwie gelernt, damit umzugehen. Und das wirst du auch.“ Theodor nickte dankbar und sah seinem Kollegen hinterher, als dieser wieder in den Bunker verschwand. Colby räumte alle Videobänder in die Tasche und versicherte sich, dass der Zwischenspeicher, der sich in der Konsole befand, ebenfalls gelöscht war. „Lasst mich bitte ein paar Minuten allein“, bat Don kaum hörbar. Megan drückte ihm beim Hinausgehen kurz die Schulter. Auch sie hatte ihre liebe Not mit den Tränen. Und sie dankte Craven im Stillen dafür, dass er den Leuten das gegeben hatte, was sie verdienten: einen langen qualvollen Tod. Rachsüchtig zu sein lag weiß Gott nicht in ihrer Natur, doch das, was man Charlie angetan hatte, schrie geradezu nach Vergeltung. Wenigstens hatten sie sich nicht selbst die Hände schmutzig machen müssen.

 

Don lehnte nach wie vor mit geschlossen Augen an der gleichen Stelle. Immer wieder schlug er mit dem Hinterkopf gegen die Wand. Ob ihm das helfen würde, seine Schuldgefühle, die ihn umkreisten wie Geier ein Haufen Aas, zu verdrängen, war zu bezweifeln. Es half ihm auch nicht den Wahnsinn der ihn und Charlie in den letzten Tagen heimgesucht hatte zu verstehen. Es tat einfach nur weh. Und das war gut so. Damit wusste er, dass er noch keine leere, gefühllose Hülle war. Er schwor sich, dass Charlie diese Bänder nie zu Gesicht bekommen sollte. Er würde sie eigenhändig vernichten, aber erst nachdem er, Don, sie sich angesehen hatte. Er musste es einfach tun. Keine Ahnung, wie lange er letztendlich da unten gestanden und sich mit Vorwürfen überhäuft hatte. Schließlich stieß er sich von der Mauer ab und ging ebenfalls nach oben. Er sah hinauf zu den Sternen und füllte seine Lungen mit klarer frischer Nachtluft. Hier draußen war das, im Gegensatz zu Los Angeles, noch möglich. Er warf noch einen letzten Blick zurück zum Bunker, dann schob er sich einen Kaugummi in den Mund und ging hinüber zu seinen Freunden. Wie Craven es gewollt hatte, würde er sich um Delindas Leichnam kümmern. Das was dann noch übrig war, das konnten andere erledigen.

 

Vier Wochen später

 

Als Amita Charlies Zimmer betrat und es leer vorfand, geriet sie in Panik. Sie lief zum Schwesternzimmer. „Wo ist Professor Eppes?“ sie war völlig aufgelöst. Eine der älteren Schwestern erkannte die sofort. „Beruhigen sie sich junge Dame“, sagte sie mit einem freundlichen Lächeln, „heute ist ein so wunderschöner, sonniger Tag. Ihr Freund wollte einfach nach draußen.“ Erleichtert atmete Amita auf. Die Schwester beschrieb ihr den Weg. Amitas Herz schlug bis zum Hals, als die Glastüren vor ihr auseinanderglitten. Suchend sah sie sich in dem wunderschönen Park der Klinik um und entdeckte Charlie unter einer riesigen, alten Eiche. Er trug den Schlafrock, den sie ihm geschenkt hatte und saß, leicht zusammengesunken, in einem Rollstuhl. Wahrscheinlich war er eingeschlafen. Sie ging zu ihm hinüber. Tatsächlich, sein Kopf ruhte auf seiner Brust, die sich in regelmäßigen Zügen hob und senkte und seine Augen waren geschlossen. Tränen der Rührung stiegen in ihr auf und ein kleiner Kloß steckte in ihrem Hals. Sie hätte ihn am liebsten zärtlich gestreichelt und geküsst, aber sie wollte ihn nicht wecken. Er sah so friedlich aus. Stattdessen setzte sie sich in den Rasen, zog ihre Beine an und lehnte sich mit dem Rücken an den Stamm der alten Eiche. Sie schlang ihre Arme um ihre Beine, legte den Kopf auf die Knie und beobachtete Charlie beim Schlafen. Ein leichter Wind spielte mit seinen dunklen Locken. Es war schön einfach nur dazusitzen und ihn anzusehen. Seine Wangen hatten hier draußen sogar etwas Farbe bekommen. Warme Sonnenstrahlen tanzten auf seinem Gesicht und weckten ihn schließlich. Seine Verwunderung war ihm anzusehen, als er die Augen öffnete und Amita vor sich sitzen sah. „Hi“, sagte er und räusperte sich, seine Stimme wollte ihm nicht so recht gehorchen. „Hi Charlie.“ „Wie lange sitzt du schon hier?“ wollte er wissen und sah ihr dabei tief in die Augen. „Keine Ahnung, ich hab nicht auf die Uhr gesehen“, antwortete sie lächelnd und räkelte sich genüsslich. „Warum hast du mich nicht geweckt?“ der Hauch eines Vorwurfs lag in schwang in seinem Tonfall mit. „Weil du wirklich niedlich ausgesehen hast“, sie stand auf, schlang ihre Arme um seinen Hals und gab ihm einen sanften Kuss. Er erwiderte ihn nur schwach.

 

Er hatte seine Emotionen noch nicht wieder im Griff, das hatte er Amita auch erklärt. Außerdem fühlte sich seine linke Körperhälfte an, als gehöre sie nicht zum ihm. Eine Nachwirkung der Droge auf sein Gehirn. Doch der Arzt hatte ihm versichert, dass dies nur vorrübergehend sein würde. Mit etwas Geduld und Physiotherapie, würde sich das bald wieder geben. Bald, ein dehnbarer Begriff. Auch hatte er das Gefühl, man hätte ihm sein ganzes Gehirn und den Rest von ihm in Watte gepackt. Das letzte woran er sich erinnern konnte, war, dass er seine Koffer gepackt und zum Wagen getragen hatte. Danach totaler Filmriss. Und obwohl er seinen Bruder, Amita, Larry und auch die anderen mit Fragen gelöchtert hatte, waren nichts weiter als vage Andeutungen von ihnen gekommen. Er hatte viel durchmachen müssen und er wäre beinahe gestorben, war sogar klinisch tot gewesen. Und die Leute, die ihm das angetan hatten, hatten bitter dafür bezahlt. Toll! Alles nur vage Andeutungen, so als wäre er ein Weichei oder geistig behindert. Wenn er erst mal hier raus war, würde er eben auf eigene Faust Nachforschungen anstellen und keinem davon was erzählen. Ab und an blitzten undeutliche Bilder vor seinem inneren Auge auf, oder er bekam aus unerfindlichen Gründen Platzangst. So wie vorhin in seinem Zimmer. Es war ihm plötzlich alles zu eng geworden und er meinte ersticken zu müssen. Beinahe panisch hatte er nach der Schwester geklingelt und sie gebeten, ihn nach draußen zu bringen.

 

Amita bemerkte sofort, die Veränderung, die mit Charlie vor sich ging. Seine Augen hatten einen eigenartigen Glanz bekommen und sein Kinn war energisch nach vor gereckt. Sie kniete sich neben ihm ins Gras. „Alles in Ordnung?“ „Klar, ich hab meine Körperfunktionen wieder unter Kontrolle, die meisten jedenfalls, fühl mich heute weniger durch den Wolf gedreht als sonst und hab keine Ahnung, was in den letzten Wochen mit mir passiert ist. Und meine Freunde lassen mich ebenfalls darüber im Dunkeln. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen“, sagte er schnippisch. Sie legte ihre Hand auf seine rechte. Er entzog sie ihr und warf ihr einen undefinierbaren Blick zu. Nervös leckte er sich die Lippen und kniff seine Augen zusammen, „es ist etwas Schreckliches mit mir passiert nicht wahr? Vielleicht habe ich auch jemanden getötet. Ist es das, was ihr mir verheimlicht?“ Sie stand auf, „das ist doch völliger Quatsch Charlie. Du hast eine wirklich schlimme Zeit hinter dir und du wärst beinahe gestorben. Schön, dein Gedächtnis hat dich im Stich gelassen, aber sei froh darüber.“ Er lachte verbittert auf, „ich soll darüber froh sein, dass mir einige Wochen meines Lebens fehlen? Wer hat dir das eingebläut, etwa mein kluger Bruder vom FBI?“ Er hatte ins Schwarze getroffen, das konnte er ihr ansehen. Die ganze Sache mit der Schweigenummer war auf Dons Mist gewachsen. „Himmel, ich bin dreißig Jahre und er hat sich noch immer nicht daran gewöhnt, sich aus meinem Leben rauszuhalten.“ „Charlie, er will nur, dass es dir gut geht und dass du dich so schnell als möglich erholst.“ „Mich deswegen wie ein rohes Ei zu behandeln finde ich total fies von ihm. Von euch allen. Der Klinikpsychologe hat gesagt, ich soll meine Probleme aufarbeiten. Wie soll das bitteschön funktionieren, wenn ihr euch alle gegen mich verschworen habt? Ich weiß ja nicht mal welche Probleme das sind. Ich habe nur manchmal diese schrecklichen Albträume, die ich nirgends zuordnen kann.“ Hätte er gekonnt, wäre er aufgesprungen und davon gelaufen. „Und ich habe Empfindungen, die ich so vorher nicht gekannt habe. Ich fühle mich innerlich zerrissen Amita. Es ist so, als würde es da drinnen“, er deutete auf sein Herz, „noch einen anderen Charlie geben, der einfach nur darauf wartet, herausgelassen zu werden.“ Sie legte ihren Kopf in seinen Schoß. „Wenn du erst einmal von hier raus bist, fahren wir beide gemeinsam in den Urlaub, was hältst du davon? Einfach weg von hier. Nur du und ich.“ Ungelenk strich er durch ihr seidiges Haar, „was ist mit Europa?“ Sie sah zu ihm auf, „was soll damit sein? Das werde ich natürlich sausen lassen“, sie klang wild entschlossen.

 

Er schüttelte den Kopf, „weder halte ich es für eine gute Idee, all dem hier den Rücken zu kehren und einfach so zu tun, als wäre nie etwas passiert, noch halte ich deine Absicht, Europa zu streichen, für sinnvoll. Amita, es gibt noch so vieles da draußen in der Welt und du hast dich wirklich so sehr auf diese Reise gefreut, fahr bitte, mir zu liebe.“ Sie war völlig vor den Kopf gestoßen, „aber Charlie, du kannst mich doch nicht einfach wegschicken, jetzt, wo du mich am meisten brauchst?“ „Wer sagt, dass ich dich oder sonst jemanden brauche, um das hier durchzustehen? Ich bin soviel stärker, als ihr alle glaubt. Ich habe es satt ständig verhätschelt zu werden. Hör auf damit, die Verantwortung für mein Wohlbefinden in deine Hände zu legen Amita.“ Sie fuhr hoch, Tränen in den Augen, „Charlie ich dachte wir lieben uns?“ „Das tun wir auch“, er klang dabei so neutral, als würde er vom Wetter sprechen, „aber erst jetzt habe ich begriffen, wie sehr ich dich bedrängt habe bei mir einzuziehen, obwohl du noch gar nicht bereit dafür bist.“ Sie starrte ihn ungläubig an, „Charlie das hatten wir doch schon durch, ich meine, ich hab doch zugestimmt, oder?“ „Das schon, aber ist es das, was du wirklich willst? Wie viel Überwindung hat es dich gekostet, zuzustimmen?“ Sie schwieg. Er seufzte, „ich wusste es. Das heißt, jetzt weiß ich es. Weil ich zum ersten Mal in meinem Leben selbst das Gefühl habe, dass mir alles zu eng wird. Nimm die Gastdozenten-Stelle in Europa an Amita. Und wenn du wieder zurück bist, reden wir darüber, wie es mit uns weitergeht.“ „Ich kann nicht glauben, was du da sagst Charlie“, ihre Stimme wurde zum flüstern. Er sah ihr nicht in die Augen, „geh jetzt bitte, ich möchte allein sein.“ Ohne ein weiteres Wort lief sie in Richtung Ausgang und wäre dort beinahe mit Don zusammengestoßen. „Hallo Amita, schön dich zu sehen“, begrüßte er sie freudestrahlend. Aber sein Lächeln gefror auf seinen Lippen, als er ihren schmerzlichen Gesichtsausdruck bemerkte.

 

„Was ist los?“ hakte er zutiefst besorgt nach. „Charlie hat, glaube ich, gerade mit mir Schluss gemacht. Du findest ihm im Garten unter der Eiche“, stammelte sie, lief an ihm vorbei und hielt Ausschau nach einem Taxi. Ihm wäre beinahe der Geschenkkorb aus der Hand gefallen. Mit langen Schritten eilte er zu seinem Bruder. „Sag einmal hast du sie nicht mehr alle?!“ begrüßte er ihn äußerst unfreundlich, „du kannst doch Amita nicht einfach in die Wüste schicken, nach allem, was sie für dich getan hat.“ Charlie hob langsam den Kopf. Er musste mit der Hand seine Augen beschatten, Don stand genau in der Sonne. „Erstens habe ich sie lediglich nach Europa geschickt und zweitens geht dich das gar nichts an.“ Ohne ein Wort packte Don den Geschenkkorb auf Charlies Schoß, stellte sich hinter den Rollstuhl und schob ihn energisch vor sich her. „Was soll das? Wo bringst du mich hin?“ rief Charlie aufgeregt. „Zu dem Brunnen dort drüben. Ich schmeiß dich eigenhändig ins eiskalte Wasser. Vielleicht kommst du dann wieder zur Besinnung.“ „Don hör auf, lass das, halt sofort an!“ protestierte sein Bruder lautstark. „Denkst du, du bist der einzige, dem es Scheiße geht? Glaubst du, du hättest ein Anrecht darauf dich wie eine Diva zu benehmen, nur weil du dem Tod von der Schippe gesprungen bist?“ Don sprach so laut, dass sich die anderen Leute bereits nach ihnen umdrehten. „Ich habe alles versucht, was in meiner Macht stand, hab mir den Arsch aufgerissen, um dich aus diesem Loch zu holen. Aber alles hatte sich gegen mich verschworen. Sie haben mich von deinem Fall abgezogen, sie hatten mir die Dienstmarke, meinen Ausweis und meine Pistole weggenommen und mich auf unbestimmte Zeit suspendiert. Wenn du denkst, du wärst der einzige, der durch die Hölle gehen musste, dann hast du dich gewaltig geschnitten.“ Er hielt den Rollstuhl rüde vor einem Tisch und knallte den Geschenkkorb darauf. Dann setzte er sich gegenüber von Charlie auf die Steinbank.

 

Sein kleiner Bruder starrte ihn mit offenem Mund an, „das wusste ich nicht. Du hattest es mir nicht erzählt.“ „Warum auch? Warum sollte ich dich mit meinem Scheiß belasten? Es war eine dunkle Zeit Charlie und eines Tages, wenn wir in Ruhe darüber reden können, werde ich es dir auch erzählen.“ „Typisch“, schnappte der jüngere, „du bestimmst sicher, wann die Zeit dafür reif ist, nicht wahr?“ „Charlie, ich, wir, hätten dich um ein Haar verloren, warum willst du nicht ein wenig Gras über die Sache wachsen lassen? Gib dir Zeit gesund zu werden und …“ „Don“, Charlie funkelte ihn böse an, „ich hab es auch schon Amita gesagt: HÖRT AUF, ÜBER MEIN WOHLBEFINDEN ZU ENTSCHEIDEN. Es ist verdammt noch mal mein Leben, das hier auf dem Spiel stand.“ „Das streitet auch niemand ab“, ungerührt räumte Don Essen und Trinken aus dem Korb und stellte es auf dem Tisch, „aber ich weiß, was ich dir zumuten kann und was nicht.“ „Ach so? Denkst du das wirklich?“ fuhr Charlie ihn an, „du weißt einen Dreck über mich Don. Was tust du da eigentlich?“ „Wonach sieht`s denn aus? Ich bin hierher gekommen, um meine Mittagspause mit dir zu verbringen. Stattdessen platze ich mitten in ein Drama, aber ich lass mir dadurch nicht den Appetit verderben.“ Er nam eine Box aus dem Korb und öffnete sie, „Pancakes herrlich.“ „Ich hasse Pancakes“, schnappte Charlie. „Stell dir vor das weiß ich, du hast es Mom nur nie gesagt“, grinste Don und langte ordentlich zu. Er mampfte genüsslich ein Stück nach dem anderen und schlürfte eine Cola dazu. Charlie saß mit einem verkniffenen Gesichtsausdruck da und beobachtete ihn. „Don, du bist einfach widerlich.“ Der große Bruder schenkte ihm ein breites Grinsen, „ich weiß Charlie, ich weiß.“

 

THE END