Chapter 27

 

Don und Theodor sahen erwartungsvoll zu Vasquez. „Na gut ihr beiden, geht schon.“ Wie auf Kommando sprangen sie gleichzeitig auf. „Aber haltet euch aus der Sache raus. Nur zugucken hört ihr?“ Don wäre beinahe ein „ja, Dad“, über die Lippen gehuscht. „Darf ich ihnen vielleicht noch etwas zu trinken anbieten?“ fragte Vasquez Amita und Larry, die beide da saßen, wie ein Häufchen Elend. „Gerne“, meinte Amita lächelnd, „wenn sie wollen, können Larry und ich ihnen die Brute-Force-Methode näher erläutern.“ „Schaden kann es ja nicht“, meinte Vasquez, und setzte sich, nachdem er Amita nachgeschenkt hatte, kurzerhand zwischen die beiden.

 

Als Don und die anderen am vermeintlichen Tatort eintrafen, war dort bereits die Hölle los. Man hatte das Gebiet weiträumig abgeriegelt und die Sondereinheit wartete auf ihren Einsatz. Aufgeregt stopfte sich Don einen Kaugummi in den Mund und ging hinüber zu Dt. Walker, er hatte die Einsatzleitung. „Wie sieht’s aus?“ wollte er wissen. „Nicht gut“, brummte Walker. Seine Miene drückte tiefste Besorgnis aus. „Wir haben noch das hier erhalten“, er übergab Don ein Diktiergerät und stellte es an, „Ladies und Gentlemen, seien sie gewarnt. Bei einem Versuch das Haus zu stürmen, würden sie sinnlos Menschenleben opfern. Wir haben den gesamten Garten mit Stolperdraht und Sprengfallen versehen. Achten sie daher genau auf ihre Schritte, setzen sie diese mit Bedacht, dann kommen vielleicht alle Heil aus der Sache raus.“ „Craven“, meinte Don trocken. „Die Leute vom ATF müssten gleich hier sein“, sagte Walker und fuhr sich müde mit der Hand übers Gesicht. Fünf Minuten später war ein Team der Bombenentschärfungsspezialisten vor Ort und ging an die Arbeit. Megan, Colby und David gesellten sich zu Don und Walker. Theodor war dazu verdonnert worden, im Wagen zu warten. Zwar unter Protest, aber es hatte ihm nichts genützt.

 

Sie hatten schon genug am Hals. Würde dem Neffen des Direktors war zustoßen, könnten sie gleich alle miteinander den Hut nehmen. „Könnt ihr irgendwas erkennen?“ fragte Megan. Walker schüttelte den Kopf, „wir haben alles versucht. Wärmebildkameras, Infrarot, aber nichts funktioniert. Es ist schon beinahe übernatürlich.“ „Huhu, Craven geht um. Behaltet die Kinder zu Hause und schließt die Türen“, feixte Colby. „Na so abwegig ist das gar nicht“, murmelte David. Gespannt beobachteten die fünf, wie das Team der ATF einen Sprengsatz nach dem anderen zu Tage beförderte und entschärfte. „In deren Haut möchte ich nicht stecken. Ich hab diese Einsätze in Afghanistan schon gehasst“, ließ sich Colby aus dem Hintergrund vernehmen. „Weshalb hat uns Craven vorgewarnt? Hat er plötzlich seine soziale Ader entdeckt? Oder steht er immer noch unter dem Einfluss der Medikamente der Psychoklinik?“ fauchte Walker. „Nichts davon“, meinte Don, während er mit dem Fernglas das Treiben um das Haus der Senatorin beobachtete, „er möchte einfach keinen Krieg mit der Polizei anfangen.“ „Du meinst wohl eher, er will es sich nicht mit dir verscherzen“, korrigierte ihn Megan. „Ist der Kerl schwul oder was?“ Walker starrte Don von der Seite an. „Um Himmels Willen, nein“, Don musste grinsen, „er hält Charlie und mich für ebenbürtige „Gegner“, weil es uns gelungen ist, ihn zu schnappen.“ Don setzte das Fernglas ab. „Und wenn sie meine ehrliche Meinung hören wollen Gary, dann tut es mir leid ihnen mitzuteilen, dass sich Craven sicher nicht da drinnen aufhält. So dumm ist er nicht, auf eine kleine Armee zu warten, um sich dann vielleicht in Wildwestmanier den Weg freizuschießen.“

 

Ein Wagen von KTLB-News rollte um die Ecke. „Shit, die haben uns gerade noch gefehlt“, fluchte Walker und marschierte zu dem weißen Van mit den riesigen Lettern des Senders auf der Seite. „Also beinahe könnte man denken, das wäre hier alles inszeniert“, dachte Megan laut. Don nickte beipflichtend, „ist es auch. Ein medienwirksames Spektakel für eine mediengeile Zuschauergeneration.“ Wie auf Stichwort hörten sie aus der Ferne das Knattern von Rotoren und das war garantiert kein Helikopter der Specialforces. „Craven führt uns hier vor oder was?“ schnappte Colby und blickte suchen gen Himmel.

 

„Was immer wir da drinnen vorfinden, es wird uns nicht gefallen“, orakelte Don. Megan knuffte ihn in die Seite, „wenn es dir hilft, deine Reputation wiederherzustellen, nehm ich gern einiges in kauf.“ Walker kam mit hochrotem Gesicht zurück, „die haben einen anonymen Tipp bekommen und eine Kopie des Bandes. Bald wird es hier nur so von Reportern wimmeln. Ist mir ein Rätsel, wie die durch die Absperrung gekommen sind.“ Don hatte seine Hände vor der muskulösen Brust verschränkt, „Craven?“ „Wie lange brauchen die denn noch?“ David wurde langsam ungeduldig. „Mir ist lieber sie arbeiten langsam, dafür gründlich. Als das uns nachher Bäume und Sträucher um die Ohren fliegen“, entgegnete Walker. Colby wirkte ein wenig amüsiert, „mit dem Material könnte man glatt nen Aufstand anzetteln. Haben die ein Militärlager überfallen? Ich möchte mir gar nicht ausmalen, was die hätten ausrichten können, wenn die das Zeug gegen uns verwendet hätten.“ „Cravens Einfluss scheint weit größer zu sein, als wir gedacht haben“, seufzte Megan. „Genauso wird es auch den Leuten ergangen sein, die dachten, ihn in der Hand zu haben“, sinnierte Don, „jedenfalls so lange er noch im Gefängnis saß.“ „Wie viele Leute können sich eigentlich glücklich schätzen einen Serienkiller als „Freund“ zu haben“, raunte Megan in Dons Ohr. Er neigte seinen Kopf ein wenig zur Seite, „vielleicht eine Handvoll, was meinst du?“

 

Sie blieb ihm die Antwort schuldig, denn einer der Leute vom ATF lief zu ihnen, um Walker Bericht zu erstatten. „Der Garten und die Eingangstür sind sauber. Ich kann ihnen jedoch nicht sagen, was sich dahinter verbirgt. Gut möglich, dass das Haus eine einzige Sprengfalle ist. Ich würde ihnen empfehlen, mit dem Einsatz noch ein wenig zu warten, bis wir auch das geklärt haben.“ Walkers Gesichtsausdruck verdüsterte sich, sofern das überhaupt noch möglich war. Seine Kopfschmerzen hatte er, normalerweise, mit zwei Ibuprofen im Griff, heute reichte nicht einmal sein ganzer Monatsvorrat. „Fuck! Don, was meinst du?“ „Ich bin hier lediglich als Beobachter. Obwohl ich nicht daran glaube, dass Craven aus einem Busch springt, „Überraschung“ rufen und die Bude in die Luft jagen wird, schlage ich vor, du lässt die Leute der Bombsquad ihren Job zu Ende bringen.“ Walker wandte sich wieder an den ATF-Agenten, „sie haben’s gehört, Mann. Tun sie, was sie nicht lassen können.“ „In Ordnung Sir. Sobald wir mit dem Haus durch sind, geb ich ihnen ein Zeichen.“

 

„Ich seh mal nach Theodor“, sagte Megan. Der junge Mann lümmelte auf dem Beifahrersitz, hatte das Radio aufgedreht und hörte, leise, Musik. „Na, wie geht’s`“, Megan versuchte aufmunternd zu klingen. „Wie soll’s einem schon gehen, wenn man wie ein rohes Ei in Watte gepackt und zum Zuschauen verdonnert wurde?“ nölte er. „Im Moment tun wir auch nichts anderes“, entgegnete sie. „Wird das jetzt immer so sein, dass ich, weil ich der Neffe vom Direktor bin, bei gefährlichen Einsätzen im Wagen bleiben muss, dann kann ich mich auch gleich für den Innendienst melden“, er zog einen Flunsch. „Theodor, das hier ist eine absolute Ausnahmesituation. Sie haben gesehen wozu Craven und die anderen Leute fähig sind. Es gab auf unserer Seite bereits mehr als genug Verletzte und leider auch Tote, deshalb bat mich ihr Onkel ein besonderes Auge auf sie zu werfen.“ Ihre Blicke trafen sich, „ich weiß, dass sie nichts dafür können Agent Reeves. Und ich denke, ich werde es überleben, im wahrsten Sinne des Wortes.“ Bevor sie zu Don zurückkehrte, schenkte er ihr noch ein zuversichtliches Lächeln.

 

Don lehnte mittlerweile mit gesenktem Blick an einem Baum. „Alles klar Don?“ hakte Colby besorgt nach. Don schluckte und zog imaginäre Kreise mit seinem rechten Fuß, „ich musste gerade an Nicky Davis denken. Du weißt schon…“ „Die ATF-Agentin, die du gekannt hast und die sich vor ein paar Jahren das Leben genommen hat?“ brachte Colby den Satz zu Ende. Don nickte stumm. Eine eisige Faust hatte sein Herz fest umschlossen und wollte es anscheinend nicht mehr loslassen. Erst die hektischen Schreie der Leute vom ATF rissen ihn wieder in die Gegenwart zurück. Aufgeregt fuchtelten sie mit den Händen und riefen nach Walker. Don und seine Leute folgten ihm. „Was ist?“ der Detective blickte in einen Haufen verstörter Gesichter, von denen sich einige von ihm abwandten, um sich im Gebüsch zu übergeben. „Na toll!“ brüllte er angesäuert, „ihr versaut uns den Tatort!“ „Sorry, aber sowas wie da drinnen sieht man nicht alle Tage“, das Gesicht des Mannes, der vorhin kurz mit ihnen gesprochen hatte, war kalkweiß. Walker stakste an ihm vorbei. Ihm folgten die FBI-Agenten und ein Tross uniformierter Beamter. Gleich als Don das Haus betrat, schlug ihm der metallische Geruch von Blut entgegen. Das verhieß nichts Gutes.

 

Im Wohnzimmer angekommen stockte allen dann der Atem. Drei Leute saßen zum einem bizarren Dinner rund um den Esstisch. Man hatte ihnen die Haut bis zur Taille abgezogen. Dort hing sie, wie ein abgelegtes Kleidungsstück. Schätzungsweise handelte es sich dabei um die Senatorin und zwei Männer. „Du meine Güte“, stammelte Don und trat näher. Neben dem Mann, der zur rechten der Senatorin saß, handelte es sich um Chief Cornwell. Seine Marke lag vor ihm auf dem Teller. Ihm gegenüber saß Staatsanwalt Novak, auch sein Ausweis war vor ihm auf dem Teller drapiert. Von nebenan hörten sie plötzlich einen erstickten Schrei. Oberhalb des Kamins, wo man noch deutlich die Umrisse eines Gemäldes erkennen konnte, hatte jemand „umdekoriert“. Ein junger Mann hing dort, festgenagelt in Christusposition, jedoch mit dem Kopf nach unten. „Agent Eppes“, rief Walker aus dem Esszimmer, „das sollten sie sich ansehen.“ Nachdem Don neben ihm stand, drückte ihm der Detective einen Brief, fein säuberlich mit roter Tinte verfasst, in die Hand. Nein, das war keine Tinte, das war Blut! Mit spitzen Fingern hielt Don den Brief hoch und las ihn leise vor:

 

An Agent Don Eppes! Die Rache ist mein, sprach der Herr und so bin ich gekommen, um diejenigen zu richten, die falsches Zeugnis abgelegt haben. Sie werden unter jedem der drei Teller ein unterschriebenes Geständnis finden. Damit ist ihre Reputation wieder hergestellt. Ich bedauere zutiefst, die Leiden, die Ihnen und Ihrer Familie durch diese Heuchler zugefügt wurden. Während sie diesen Brief lesen, habe ich der Stadt der Engel bereits den Rücken gekehrt. Ich habe eine neue Aufgabe gefunden, an einem anderen, noch schlimmeren Ort, als diesen. Gehen sie mit Gott Agent Eppes und senden sie meine besten Empfehlungen an Ihren Bruder, der, so hoffe ich, bald wieder genesen sein wird.

 

P.S. Hier haben sie noch einen Lageplan jener Stelle, an der Ihr Bruder diese unsäglichen Qualen erleiden musste. Sie werden dort auf den Leichnam meiner „Tochter“ Delinda stoßen. Sie war diejenige, die Ihren Bruder zur Flucht verholfen hat. Zu meinem allergrößten Bedauern, hat sie dies mit ihrem Leben bezahlt. Bitte sorgen sie dafür, dass sie ein anständiges Begräbnis bekommt. Das ist alles worum ich Sie bitte.

 

Hochachtungsvoll

Adrian Craven

 

Walker wollte bereits ein paar seiner Leute dorthin schicken, doch Don hielt ihn zurück. „Ich denke, das übernehme ich.“ „Glauben sie nicht, dass ihnen Craven eine Falle …“ Don schüttelte den Kopf, „ich WEISS, dass es keine Falle ist.“ Während Walker im Haus der Senatorin die Spurensicherung veranlasste und sich auch um alles andere kümmerte, fuhren Don und sein Team an jenen Ort, den Craven ihm beschrieben hatte. Nachdem sie ungefähr zwei Drittel der Strecke nichts miteinander gesprochen hatten, brach Megan schließlich das Schweigen „als ich sagte, dass ich einiges in Kauf nehmen würde, wenn es darum ginge, deine Reputation wieder herzustellen, hab ich ganz bestimmt nicht an sowas gedacht“, geräuschvoll blies sie in ein Taschentuch, „du kannst sagen, was du willst, Craven ist ein krankes Arschloch.“ „Ich weiß Megan“, entgegnete Don, „ich werde jetzt bestimmt kein Freudenfeuer anzünden und nackt drum herum springen.“ „Obwohl … das hätte bestimmt seinen Reiz“, grinste Megan, „‘tschuldigung. Ich bin ein wenig durch den Wind.“ „Wenn du willst, kannst du ruhig im Wagen warten, während …“ „Nein, schon in Ordnung“, winkte sie ab, „ich pack das schon. Es ist nur, ich bin furchtbar müde. Wo nimmst du bloß die Energie für all das her, Don?“ „Ich, ich kann es dir beim besten Willen nicht sagen. Jetzt wo alles vorbei ist, sollte eigentlich eine riesige Last von meinen Schultern fallen, aber … da ist nichts. Mir geht es genauso beschissen wie vorher.“ Megan schätzte seine Offenheit ihr gegenüber. „Ich bin sicher, das kommt noch, wenn Charlie erst wieder …“ „Weißt du was? Genau das ist der Knackpunkt. Ich hab solchen Schiss davor, Charlie in die Augen zu sehen und mit ihm zu reden.“ Tränen glitzerten in seinen Augen.

 

„Du denkst doch nicht, dass er dich für das, was ihm zugestoßen ist, verantwortlich machen wird?“ Megan legte ihre Hand auf seinen Oberschenkel. „Ich weiß nicht, was ich denken soll, Megan. In meinem Kopf ist Jahrmarkt und ich habe eine Fahrt auf einem Pferdekarussell gebucht, von dem ich nicht mehr herunterkomme. Alles dreht sich ständig im Kreis, mein Leben zieht an mir vorbei und die Hälfte davon krieg ich nicht mit, weil ich viel zu sehr damit beschäftigt bin, mich auf diesem verdammten Gaul festzuhalten, damit ich nicht herunterfalle.“ „Es ist verdammt schwer, immer die Kontrolle über seine Gefühle zu behalten Don. Ich weiß nicht ob ich dich dafür beneiden soll?“ „Tu’s nicht Megan, tu’s nicht. Ich wünschte ich könnte Charlie einfach in meine Arme nehmen und es wäre alles wieder beim alten. Aber so wird das nicht funktionieren“, er wischte sich mit dem Handrücken übers Gesicht. „Don, du kannst nicht immer alles planen, damit du auf der sicheren Seite bist, das funktioniert vielleicht im Job, aber nicht im Privatleben. Lass die Dinge einfach auf dich zukommen.“ Er wusste, dass sie Recht hatte. Trotzdem blieb da diese Ungewissheit, die an ihm nagte und zehrte, wie Lungenkrebs im Endstadium. Und weil er sich irgendwie in die Enge getrieben fühlte, tat er, was er immer tat, wenn das passierte, er schwieg. Megan kannte diesen Wesenszug an ihm und er war dankbar, dass sie nicht weiter insistierte. Aufgrund der Wegbeschreibung Cravens, fanden sie das Grundstück auf Anhieb. Don setzte den Blinker und bog in die verwilderte Einfahrt.