Chapter 26

 

„Don“, rief Colby entsetzt. Mittlerweile breitete sich eine Blutlache unter den beiden Männern aus. Don öffnete die Augen, „Mann ist der Kerl schwer“, er wuchtete den leblosen Körper zur Seite. „Das viele Blut?“ hakte Walker nach. „Ist nicht von mir“, meinte Don, nicht ganz ohne Zynismus, er sah zu Colby, „sei so nett und hilf einem alten Mann auf die Beine. Mathers, sie können auch wieder aus dem Bett kriechen“, sagte Don grinsend. Nie im Leben hätte er Charlie dieser bewussten Gefahr ausgesetzt, schon gar nicht in seinem jetzigen kritischen Zustand. Mathers schlug die Decke zurück, legte die Atemmaske zur Seite und stand auf. „Am liebsten wäre ich aufgesprungen Sir und ….“ „Ja, ja schon gut“, nickte Don grinsend. Er ging in die Hocke und drehte den Mann, der mit dem Gesicht nach unten lag, herum. „Kennt den einer von Euch?“ Colby und Walker schüttelten die Köpfe. Seufzend stand Don auf, „wie viele Opfer gab es insgesamt?“ Walker trat vor die Tür, wo sich ein Beamter in Uniform mit einem Funkgerät befand. „Wie geht’s Charlie?“ wollte Colby wissen. „Sie werden ihn übermorgen überstellen. Der Arzt meint, er hätte das schlimmste hinter sich“, entgegnete Don. Colby nickte zufrieden.

 

Die Tür ging auf und Walker kam zurück, „vier Tote, drei Zivilisten und einer unserer Männer, Jarvis. Er war derjenige, der am Hintereingang postiert war. „Der, der mir ein wenig ähnlich sah?“ Don schluckte. „Yepp, mach dir keinen Vorwurf Don. Es hätte wesentlich mehr Opfer gegeben, wenn wir nicht vorgewarnt gewesen wären“, da musste der FBI-Agent dem Mann vom LAPD rechtgeben. Megans Anruf war genau zur richtigen Zeit gekommen. Zwar konnten sie den Tod von vier Menschen nicht verhindern, dafür waren die Informationen zu vage gewesen, aber immerhin hatten sie „Schadensbegrenzung“ betreiben können. Don hob die Spritze vom Boden auf und drückte sie Colby in die Hand, „lass das analysieren, ich will wissen, was da drinnen ist.“ „Okay Don, wie geht es jetzt weiter?“ „Mein Dad wird in ungefähr einer Stunde hier sein. Ich würde gerne mit euch beiden zurück nach Los Angeles fahren, damit mich Megan für das Gespräch mit Direktor Vasquez, in seinem Haus, briefen kann. Ich seh noch kurz nach Charlie.“ „In dem Aufzug?“ Walker schüttelte den Kopf, „haben sie etwa vor ihrem Bruder den Rest zu geben?“ Don runzelte fragend die Stirn.

 

„Ihr Hemd Eppes?! Charlie überlebt seine Entführung, dann erwacht er aus dem Koma und das erste was er sieht, ist sein großer Bruder vom FBI über und über mit Blut besudelt. Ich würd da glatt nen Herzinfarkt bekommen“, grinste Walker. „Da ist was wahres dran“, stimmte Colby zu. „Ich besorg mir unterwegs nen Arztkittel oder so“, rief Don und war schon den Gang hinunter zum Treppenhaus gelaufen. Die Aufzüge waren nach wie vor außer Betrieb. Als Colby zusammen mit Walker und Mathers hinausging, kam ihnen der uniformierte Officer entgegen, „Detective, wir haben eines der flüchtigen Fahrzeuge gestellt. Es befanden sich zwei Leute in dem Van. Sie trugen keine Ausweise bei sich und „seltsamerweise“ hat es ihnen die Sprache verschlagen. Aber, ich bin sicher, wir können sie ziemlich rasch identifizieren. Die sind nicht erst heute zu Attentätern mutiert. Außerdem haben sie Semtex benutzt. Was auf einen militärischen Hintergrund hindeutet. „Danke Chris“, sagte Walker, „habt ihr sonst alles im Griff? Der Uniformierte nickte, „ja, Sir. Die sind draußen schon am Aufräumen.“

 

Es war Don deutlich anzumerken, dass es mit Charlie bergauf ging. Er wirkte sichtlich entspannter und dass, obwohl er und sein Team noch einen steinigen Weg vor sich hatten. Megan hatte, mit Hilfe von Amita und Larry, eine wahre Glanzleistung vollbracht. Sie hatten eine Art Portfolio erarbeitet. Es umfasste ein Täterprofil, die einzelnen Tathergänge sowohl der damaligen, als auch der heutigen Morde, wobei Megan sich nur auf jene berief, die eindeutig Pharels Handschrift trugen und die anderen derweil außer acht ließ. Der zweite Teil befasste sich mit Pharel, dem vermeintlichen Selbstmord seiner Freundin und seiner Zeit beim Militär. Immer wieder fanden sich Querverweise zu den verschiedenen Opfern. Auch die „Verbindung“ zwischen Craven und Raphael wurde erläutert und wie es dazu kommen konnte, dass Don und Charlie in die „Schusslinie“ gerieten und die Situation so plötzlich eskalierte.

 

Don war echt stolz auf sein Team und alle anderen die sie tatkräftig unterstützten. Einmal mehr hatten sie ihm bewiesen, dass es nicht immer „einen Don“ braucht, um alles in den Griff zu bekommen. Vielleicht sollte er sich das endlich mal hinter die Ohren schreiben, am besten mit einem Eddingstift, den man nicht mehr abwaschen konnte. Vielleicht wäre es wieder mal an der Zeit an Urlaub zu denken bzw. an ein Privatleben im Allgemeinen. Don, der Zuversichtliche, der sicher gleich beim nächsten Fall, alle guten Vorsätze über Bord werfen und in sein altes Schema zurückfallen würde. Das Leben könnte so schön sein, nur leider hatte sich das noch nicht bis zu FBI-Special-Agent Don Eppes durchgesprochen. Er lebte meist nach dem Motto ganz oder gar nicht. Daher widmete er sich GANZ seinem Job und seinem Liebes- und Privatleben eben GAR NICHT. Ob er das jemals auf die Reihe kriegen würde? In welchem Alter hatte er aufgehört an Wunder zu glauben? Es war schon so lange her, dass er sich nicht mehr daran erinnern konnte. Don, der Meister der Verdrängung. Den meisten Bammel hatte er jedoch davor, mit Charlie zu reden. Das konnte zwar noch eine Weile dauern, aber … was würde passieren, wenn er seinem Bruder nach all den Dingen, die der hatte durchmachen müssen, wieder Auge in Auge gegenüberstand? Würde er ihm am Ende gar vorwerfen, ihm in Stich gelassen zu haben? Hatte er das nicht auch getan? Don, der große Zweifler. Schließlich hatte Charlie nicht ihm sein Leben zu verdanken, sondern irgendeiner Fremden. „Wo war ich, als er mich am meisten gebraucht hat?“ ging es Don durch den Kopf. „Hey, alles in Ordnung?“ fragte Megan, die mit ihm auf der Rückbank des SUV’s saß und riss ihn damit wieder zurück in die Wirklichkeit. Dafür hätte er sie am liebsten geküsst. Und Larry hätte ihn dafür sicher erwürgt. „Ich hab nur nachgedacht“, entgegnete er und schluckte. Sie schenkte ihm ein zuversichtliches Lächeln, „mit Charlie geht es bergauf und das ist doch die Hauptsache.“

 

Proportional dazu, ging Dons Hintern dabei jedoch auf Grundeis. „Da vorne ist es“, rief Theodor aufgeregt und deutete auf eine von Thujen gesäumte Zufahrtsstraße. Colby lenkte den SUV souverän die Einfahrt hinauf. „Wer hat der hat“, murmelte er. Amita und Larry parkten mit Larrys Oldtimer neben ihnen. Alleine der Anblick der Villa im Viktorianischen Stil, ließ, außer Theodor, jedem den Atem stocken. Der junge Nachwuchsagent drückte beherzt die goldene Türklingel. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Eine freundliche, etwas rundliche, Haushälterin öffnete die Tür und als sie Theodor sah fiel sie ihm gleich um den Hals und knuddelte ihn, was das Zeug hielt. „Das ich Juanita“, erklärte er ein wenig verlegen, „für sie werd ich immer sechs Jahre oder so bleiben.“ Als Don an ihr vorbei ging, warf sie ihm einen kessen Blick zu, der kurz darauf zu seinem wohlgeformten Hinterteil hinunterrutschte. Sie sagte etwas auf Spanisch, was Don aber leider nicht verstand. Dafür grinste Colby umso mehr, auch ihm warf sie flammende Blicke zu. Er amüsierte sich köstlich. Und David bekam beim Betreten des Hauses ebenfalls sein „Fett weg“. „Dios Mios“, verstand er gerade noch. Den Rest wollte er nicht wirklich hören. „Denkst du, die lassen sie als Abschreckung auf die Gäste los?“ raunte David in Colbys Ohr. Der schüttelte lachend den Kopf, „ich find sie witzig.“ „Du hast wohl schon sehr, sehr lange enthaltsam gelebt“, meinte David und zog die linke Augenbraue dabei hoch.

 

Nicht sehr erbaut war Juanita, als Larry zusammen mit Amita die Vorhalle betrat. Sie sagte so etwas Ähnliches wie Kinderschänder. Und als dann Megan auch noch hinterherkam, fragte sie sich ernsthaft, wie SO ein Mann wie Larry, zu solchen Frauen kam. Während die drei anderen alleine hier waren. Sie folgten also alle der Haushälterin, die wild gestikulierend und unaufhörlich vor sich hin brabbelte, ob Larrys vermeintlichem Glück bei den Frauen, nach oben in den Salon. Dort wartete Direktor Vasquez bereits auf sie. Er trug legere Kleidung, keinen Anzug, keine Krawatte. Was seiner Autorität jedoch nicht abträglich war. Er begrüßte zuerst seinen Neffen und dann den Rest der Truppe. Don drückte er besonders lange die Hand und bekundete immer und immer wieder seine Betroffenheit über das, was Charlie zugestoßen war. Über den heutigen Anschlag vor und im Krankenhaus von Pasadena, war er bereits bestens informiert. Er sicherte Don jegliche Unterstützung zu und bedauerte, zum ersten Mal übrigens, Dons Suspendierung. Währenddessen servierte Juanita Getränke und Snacks.

 

Nachdem sich alle bedient hatten und auf ihren Plätzen saßen, übernahm Megan das Reden, das hatten Don und sie so vereinbart. Der Direktor war ein aufmerksamer Zuhörer. Nur selten hakte er nach, um mehr ins Detail zu gehen. Alles in allem dauerte Megans „Vortrag“ beinahe zwei Stunden, die jedoch wie im Flug vergingen. Vasquez Miene war undefinierbar. Sie spiegelte rein gar nichts von dem wider, was jetzt in ihm vorgehen mochte. Schließlich stand er auf. „Das was sie hier vorbringen, sind äußerst schwerwiegende Anschuldigungen und wenn das alles zutrifft, ich sage „wenn“, dann haben wir es hier mit einer Verschwörung ungeheuren Ausmaßes zu tun.“ Er sah zu Megan, „sie haben wirklich erstklassige Arbeit geleistet und ich bin auch den Herrschaften von der CalSci für ihre tatkräftige Unterstützung dankbar, nur …“, er zögerte einen Moment. „Was?“ Theodor hasste diese Art. Er kannte sie von seinem Vater. Dieses „NUR“ das war immer so, als würde jemand daherkommen und mit einem überdimensionalen Zeigefinger winken, um dir mitzuteilen, du mögest doch bitte deine Finger davon lassen.

 

„Onkel, du kannst uns doch jetzt nicht hängen lassen. Wir haben alle auf dich gezählt, wir ….“ „Na na na“, tadelte ihn der ältere Mann augenzwinkernd, „ich hab kein Wort davon gesagt, dass ich euch nicht helfen will. Die Frage ob ich es kann, ist allerdings eine andere. Wir müssen uns alle im Klaren sein, dass wir jemanden gegenübertreten, der sehr einflussreich und hoch angesehen in der Gesellschaft ist.“ „Aber“, protestierte Theodor. Sein Onkel hob die Hand und gebot ihm damit Einhalt, „die Beweislage gegen Andrew Pharel ist erdrückend. Doch handelt es sich hierbei lediglich um Indizien. Mir wäre nicht aufgefallen, dass hier jemand etwas von DNA-Spuren oder sonstigen Dingen erwähnt hat, die ihn tatsächlich mit den Morden in Verbindung bringen.“ „Das ist korrekt Sir“, stimmte Megan, ein wenig niedergeschlagen, zu. Er nickte, „und sie wissen ebenso gut wie ich, wie leicht sich derartige Beweise vor Gericht zerpflücken lassen. Insbesondere wenn man an den richtigen Schalthebeln sitzt und die Puppen tanzen lassen kann.“ „Wir könnten uns sämtliche Fälle noch einmal vornehmen und sie erneut auf irgendwelche Spuren überprüfen“, warf Colby ein. „Das hätte nur dann Sinn, wenn die Mädchen nicht bereits zum Teil eingeäschert worden beziehungsweise aus der Leichenhalle verschwunden wären“, gab der Direktor zu bedenken.

 

„Egal, wie wir es drehen und wenden, wir werden den kürzeren ziehen“, seufzte Don, der ewige Pessimist. „Das würde ich so nicht sagen“, widersprach ihm Vasquez, „jetzt, da wir vermutlich dem wirklichen Täter auf der Spur sind, können wir ihn auch überwachen. Dazu benötige ich keine Sondererlaubnis.“ „Das Problem ist nur, wir kennen Pharels momentanen Aufenthaltsort nicht und wir wissen auch nicht, wie er jetzt aussieht. Gut möglich, dass ihm seine Mutter ein neues Gesicht zum Geburtstag oder sonst einem Anlass geschenkt hat“, sagte Megan. „Dann reden sie mit Craven“, er wandte sich an Don, „sie haben ihn schon einmal aufgespürt Agent Eppes, ich zweifle nicht daran, dass sie es auch ein weiteres Mal schaffen könnten.“ „Craven wird mich meiden, wie der Teufel das Weihwasser Herr Direktor, „der genießt seine wiedergewonnene Freiheit und kehrt sicher nicht wieder nach St. Quentin zurück. Auch wenn sie ihm lebenslänglich anstatt der Todesstrafe anbieten.“ Larry stöhnte leise auf, „ich komm mir vor, wie bei Minesweeper, wir sind von Minen umgeben. Ein falscher Schritt und BUMM.“ „Der Vergleich hat zweifellos einiges für sich Doktor Fleinhardt“, sagte Vasquez, „sie sind ein kluger und sehr weitgereister Mann. Aber hier zu sitzen und die Hände in den Schoss zu legen, bringt uns auch nichts.“ Plötzlich gingen bei Megan, Colby und David die Pieper los. Megan hatte ihr Mobile als erste zur Hand, „Agent Reeves. Ja, verstanden, wir kommen sofort.“ „Was ist passiert?“ fragte Don. „ Es war Walker“, antwortete Megan mit einem verkniffenen Gesichtsausdruck, „Senatorin Schwartz scheint ungebetenen Besuch zu haben. In ihrem Haus wurde soeben stiller Alarm ausgelöst.“