Chapter 25

 

Megan ging hinter Amita nervös auf und ab. Charlies Freundin war gerade dabei sich Zugang zu den Militärakten von Andrew Pharel zu verschaffen. Als erstes mussten sie herausfinden, wo genau er in Deutschland stationiert gewesen war. „Seine Akte ist unter Verschluss, welch Wunder“, murmelte Amita mit einem Anflug von Sarkasmus. „Und kriegst du das hin?“ wollte Megan wissen. Amita verschränkte ihre Finger ineinander, drehte die Handflächen nach außen. Ein leises Knacken war zu hören. „Ich denk, dass wird wohl eine meiner leichteren Übungen“, antwortete Amita mit dem Brustton der Überzeugung. Larry stand noch immer grübelnd vor der Tafel, auf der das Anagramm zu lesen war. „Danke Larry, das war wirklich klasse“, Megan klopfte ihm anerkennend auf die Schulter und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. „Naja, weißt du, so genial war das nicht“, sein Gesicht glühte vor Verlegenheit, „ich hätte eher darauf kommen sollen. Ich hatte es die ganze Zeit über vor Augen, nur hatte ich so etwas wie eine mentale Blockade.“ Er schien betrübt.

 

„Larry, das ist doch kein Wunder. Wir stehen alle unter immensem Druck“, versuchte ihn Megan zu trösten. Er griff sich mit Daumen und Zeigefinger an die Nasenwurzel, „ich hoffe Charlie ist bald über den Berg. Der arme Kerl. Nicht auszudenken, was er durchmachen musste. Ich brauch dringend einen Schluck Wasser.“ Kopfschüttelnd ging er nach draußen. „Megan!“ rief Amita und winkte sie zu sich, „ich hab’s. Pharel war in Ramstein stationiert.“ „Wow, das ging ja schnell“, meinte Megan, „und jetzt sehen wir mal nach, ob es während seiner Dienstzeit in der näheren Umgebung Morde an jungen Frauen gab, die zu Pharels Vorgangsweise passen könnten.“ Megan warf einen Blick auf die Uhr. Wo blieb David nur so lange? Sie hatte ihn losgeschickt, um Theodor zu holen. Colby war mit Dt. Walker und einigen seiner Männer unterwegs ins Huntington. Sie würden sich dort persönlich um den Schutz der beiden Eppes Brüder kümmern. Zum jetzigen Zeitpunkt konnte niemand ahnen, welche Geschütze der Feind auffahren würde, um an sein Ziel zu kommen.

 

Amitas Suche nach etwaigen Opfern in Deutschland verlief weniger als gut. Deshalb entschloss sich Megan kurzerhand, persönlich mit den Behörden dort in Kontakt zu treten. Schon die Erwähnung der drei Buchstaben F B I öffnete ihr Tür und Tor. Der diensthabende Beamte am anderen Ende der Leitung gab ihr bereitwillig Auskunft. Bevor sie auflegte, fragte sie Larry noch nach einer Faxnummer, die gab sie an den Beamten in Deutschland weiter und beendete das Gespräch. Danach wandte sie sich wieder Amita und Larry zu, „es gab tatsächlich einige ungeklärte Mordfälle, während Pharels Aufenthalt auf der Airbase. Hätte mich auch gewundert, dass er erst jetzt mit dem Morden begonnen hat. Wir bekommen gleich ein paar Fotos und nähere Details übers Fax.“ Es waren knapp zehn Minuten vergangen, da fing das, auf dem neuesten Stand der Technik arbeitende Gerät, in Larry Büro an, Informationen auszuspucken. Insgesamt handelte es sich um fünfzehn, bis zum heutigen Tag, ungeklärte, Mordfälle.

 

„Es werden wohl nicht alle auf Pharels Konto gehen“, seufzte Megan und kehrte mit einem Stapel Papier an Larry Schreibtisch zurück, wo auch Amita bereits Platz genommen hatte. Zu dritt fingen sie an, sich durch den Stapel zu wühlen. Unterdessen war David mit Theodor auf dem Rückweg zur CalSci. „Mann, danke, dass du uns hilfst“, sagte er zu seinem jungen Kollegen, „aber anders sehen wir leider keine Möglichkeit an deinen Onkel ranzukommen.“ Theodor winkte grinsend ab, „keine Ursache Agent Sinclair.“ David hatte den jungen Mann kurz über den Stand der Dinge informiert und sich danach erkundigt, wie Direktor Vasquez eigentlich zu Chief Cornwell stand. Theodors lapidare Antwort, „für ihn ist dieser Kerl wie ein Pickel auf der Nase. Einfach nur lästig. Ich denke, es wird ihm ein Genuss sein, wenn er ihm ordentlich den Arsch aufreißen kann. Soviel ich weiß, wurde bereits einmal intern gegen ihn ermittelt. Aber das führte zu nichts und das Verfahren wurde nach drei Wochen wieder eingestellt. Er muss einen mächtigen Schutzengel haben.“

 

„Oh ja Kleiner, das kannst du laut sagen“, murmelte David, noch hatte er die Senatorin nicht ins Spiel gebracht. Er widmete seine ganze Aufmerksamkeit dem Verkehr, denn bei dem Höllentempo, mit dem er durch die Stadt jagte, hätte jeder, noch so kleine, Fahrfehler, fatale Folgen nach sich gezogen.

Bedauerlicher Weise kamen sie mit den Auswertungen der Mordfälle nicht so voran, wie sie gehofft hatten. Nur bei drei der insgesamt fünfzehn Fälle kamen sie zu dem Schluss, dass diese eindeutig Pharel zuzuordnen waren. Megan, Amita, Larry, David und Theodor arbeiteten die ganze Nacht durch, um alles so aufzubereiten, dass sie es Direktor Vasquez vorlegen konnten, ohne für verrückt gehalten zu werden. Was keiner von ihnen wusste, war, dass der Direktor dienstlich in Washington war und nicht vor dem Abend wieder zurück sein würde.

 

„So eine Kacke“, fluchte Theodor, „tut mir leid Leute, das hab ich nicht gewusst.“ „Mach dir keinen Vorwurf“, sagte Megan und gähnte, „ich denke wir haben uns alle eine kleine Pause verdient, wie wär’s mit Frühstück, die Rechnung geht auf mich.“ Obwohl alle buchstäblich auf dem Zahnfleisch krochen, nahmen sie Megans Einladung dankend an. Beim Essen, in einem kleinen Cofeshop nahe der CalSci, vereinbarten dann alle absolutes Stillschweigen über die Sache. „Hoffentlich ist es bald Abend“, Theodor zappelte herum, als hätte er Hummeln im Hintern. „Deine Energie hätte ich gern“, brummelte David mit vollem Mund, „brauchst du eigentlich keinen Schlaf, Kleiner?“ „Nicht, wenn es darum geht, jemandem der es verdient hat, gehörig in den Arsch zu treten. Agent Eppes und sein Bruder sind ein wirklich tolles Gespann und es ist eine Ehre für mich, dass ich in euer Team aufgenommen wurde. Am liebsten würde ich gleich ins Büro fahren und Cornwell eigenhändig ein Facelift verpassen.“ „Jugendlicher Enthusiasmus“, warf Larry müde ein, „du erinnerst mich an mich selbst, als ich noch so voller Tatendrang war, das manche meiner Kommilitonen dachten, ich hätte einen heimlichen Vorrat von Speed auf meinem Zimmer. In Wirklichkeit war es mein unbändiger Drang, meinen Kopf mit Wissen vollzustopfen. Ich nenne es meine Sturm und Drang Zeit.“

 

„Und wie lief es mit den Mädchen?“ fragte Theodor unvermittelt. Larry blieb das Sandwich beinahe im Hals stecken. Er räusperte sich, „nun ja, das weibliche Geschlecht. Man könnte es durchaus mit den unzähligen Mysterien der Antike vergleichen.“ Amita und Megan stöhnten scherzhaft auf. „Nein, wirklich. David hast du wirklich jemals ernsthaft versucht, Frauen zu begreifen?“ hakte Larry nach. David stopfte sich genüsslich den letzten Krümel in den Mund und antwortete, „Entschuldigung Doc, für ne Grundsatzdiskussion ist es mir eindeutig zu früh. Außerdem, wer will denn Frauen schon BEgreifen, wenn er sie genauso gut ANgreifen kann?“ Larry knallte die Kinnlade auf die Tischplatte, Theodor klopfte sich lachend auf die Schenkel und Amita und Megan prusteten ebenfalls los.

 

Cravens Freund Samuel hatte sich auf dem Parkplatz der Klinik in Pasadena postiert. Bisher schien alles seinen gewohnten Gang zu nehmen. Keine Auffälligkeiten. Doch er war sich sicher, dass dieser Eindruck täuschte. Gelangweilt nippte er an seinem Kaffeebecher aus Pappe und biss in einen Bagel, der mit einer dicken Zuckerglasur überzogen war. Ungeschickter Weise bekleckerte er sich mit der Konfitüre, die aus dem Bagel quoll. Fluchend beugte er sich hinüber zum Handschuhfach und suchte nach einem Taschentuch. Das rettete ihm das Leben. Eine ohrenbetäubende Explosion erschütterte die Gegend. Mehrere, auf dem Parkplatz abgestellte, Fahrzeuge waren gleichzeitig in die Luft geflogen. Trümmer fetzten durch die Gegend. Metallteile durschlugen die Windschutzscheibe von Samuels Wagen. Hätte er sich nicht zur Seite gelehnt, hätte es ihm zweifelsohne den Kopf abgerissen.

 

Wie gelähmt blieb er erstmal in Deckung. Die Alarmanlagen mehrerer Fahrzeuge gingen los. Es herrschte Chaos. Die Flammen schlugen meterhoch in den Himmel. Bis zur Unkenntlichkeit verstümmelte Leichen lagen verstreut auf dem Asphalt. Verletzte brüllten sich die Seele aus dem Leib. Colby und Walker stürzten nach draußen. Es sah aus, wie im Krieg. Walkers Leute leisteten, so gut es ging erste Hilfe. Von der Ferne hörte man schon das Sirenengeheul der Rettungskräfte. Colby wollte gerade etwas zu Walker sagen, als es eine erneute Detonation gab. Diesmal im hinteren Teil der Klinik. Durch die Wucht der Detonation wurden Colby und Walker von den Füßen gerissen. Colby stand als erster wieder und half Walker hoch. „Die Detonation kam aus der Richtung, in der sich Charlies Zimmer befindet“, schrie er. Als sie loslaufen wollten, kam ihnen jedoch ein Schwall von Leuten entgegen. Völlig panisch liefen sie in Richtung Ausgang. Ein Durchkommen war unmöglich. Im Gegenteil. Colby und Walker mussten sich der Fluchtrichtung der Leute anpassen, was bedeutete, dass sie sich immer weiter von Charlies Zimmer entfernten.

 

Der große Mann im weißen Arztkittel, der sich zielstrebig in Richtung Intensivstation bewegte, fiel in dem Chaos nicht weiter auf. Flüchtende Patienten und Krankenhauspersonal drängte an ihm vorbei, rempelten ihn unsanft an. Er ignorierte es. Seine Sinne waren geschärft, immer wieder lies er seine Blicke schweifen und hielt nach Cops Ausschau. Doch da waren keine. Der Plan hatte funktioniert. Jetzt galt es nur noch seine Mission erfolgreich zum Abschluss zu bringen. Eine gewisse Erregung erfasste ihn. Langsam lies er seine rechte Hand in die Tasche des Arztkittels gleiten und tastete nach der Spritze. Geschickt zog er die Schutzhülse von der Nadel. Sehr bald würde Professor Eppes Geschichte sein. Sein Bruder Don war es bereits. Die Bombe am Hintereingang war just in dem Moment gezündet worden, als sich der FBI-Agent dort am Kaffeeautomaten zu schaffen gemacht hatte. Das hatte er unmöglich überleben können. Ein martialisches Lächeln umspielte seine Lippen. Das Gift, das er dem Professor injizieren würde, konnte man später nicht mehr nachweisen. Es würde aussehen, als hätte das Herz des jungen Mannes einfach aufgehört zu schlagen.

 

Nur noch wenige Schritte. Ein paar Nachzügler, die hysterisch kreischend den Gang entlangliefen, passierten ihn. Nur noch ein Schritt. Jetzt hatte er die Hand an der Türklinke, drückte sie vorsichtig nach unten. Ein Blick nach links und rechts. Er war allein. Fantastisch. Das Adrenalin pumpte durch seinen Körper. Ein Schweißfilm hatte sich auf seiner Stirn gebildet. Vorsichtig schloss er die Tür hinter seinem Rücken. Sehr gut. Der Professor lag nach wie vor in seinem Bett, im Tiefschlaf. Der Attentäter zog die Spritze heraus, hielt sie hoch und drückte ganz kurz gegen den Kolben, sodass ein kleiner Strahl des Giftes herausschoss. Er war nur drei Schritte vom Bett entfernt, als er den eiskalten Stahl einer Pistole in seinem Nacken spürte. Er zuckte unvermittelt zusammen. Der Druck der Mündung auf sein Genick verstärkte sich, „wag es nicht einmal zu atmen du Arschloch“, zischte Don. Der Mann vor ihm erstarrte zur Salzsäule. „So ist es gut und nun, lass die Spritze einfach auf den Boden fallen.“

 

Der Mann rührte sich nicht. „Fallenlassen“, befahl Don. Der Attentäter war kein Laie. Blitzschnell duckte er sich unter Dons Waffe weg und drehte sich um. In einer fließenden Bewegung langte er nach Dons Hand, in der er die Waffe hielt und ruckte sie nach oben. Ein Schuss löste sich und ging in die Decke. Putz bröckelte herunter. Don war nur für den Bruchteil einer Sekunde perplex. Er trat dem Eindringling kräftig ans Schienbein, dessen Griff um Dons Hand lockerte sich. Don setzte nach und stellte seinem Gegner ein Bein. Er fiel und riss den FBI-Agenten mit sich. Nun rollten die beiden am Boden herum. Immer wieder versuchte der Attentäter mit der Spritze einen Treffer in Dons Körper zu landen. Egal wo. Der Mann besaß, zweifelsohne, eine Kampfausbildung. Don gelang es, in einem beinahe übermenschlichen Kraftakt, seine Pistole zwischen sich und dem Attentäter zu schieben. In diesem Moment stürzten Colby und Walker mit gezogenen Waffen ins Zimmer. Es war jedoch unmöglich sie abzufeuern, ohne dabei Dons Leben zu gefährden. Auf einmal ging alles blitzschnell und noch ehe irgendjemand reagieren konnte, löste sich ein Schuss aus Dons Waffe. Colby und Walker starrten ungläubig auf die beiden Männer, die reglos auf dem Boden lagen.

 

Es hatte Craven einiges Geschick gekostet, Raphael ausfindig zu machen. Aber dank seiner Anhänger hatte er überall in der Stadt Ohren und Augen. Dann hatte er sich an die Fersen des Mädchenmörders geheftet und auf eine günstige Gelegenheit gewartet. Die ergab sich, als Raphael auf Beutezug ging. Er hatte sich erneut eines hübschen blonden Mädchens bemächtigt, ihr auf dem Heimweg aufgelauert, sie betäubt und in den Kofferraum seines Wagens gelegt. Dann war er stadtauswärts gefahren, in sein Versteck. Raphael bemerkte seinen Verfolger nicht. Seine Gedanken kreisten darum, wie er das Mädchen wohl bestrafen würde. Craven wartete, bis der Mann sein Opfer aus dem Wagen hinein ins Haus getragen hatte. Dann stieg er aus. Und folgte ihm. Craven nahm den Taser zur Hand, der schon Don ausgeschaltet hatte und ging zur Tür. Er konnte hören, wie sich Raphael drinnen zu schaffen machte. Es war ein Kinderspiel, die Tür war nicht verschlossen. Die Luft roch abgestanden. Craven freute sich auf das, was jetzt kommen würde. Raphael war in einem der verlotterten Zimmer verschwunden. Craven trat die Tür mit dem rechten Fuß auf. Raphael war über das betäubte Mädchen gebeugt. Er erstarrte in dieser Haltung, als er Craven erkannte, der diabolisch grinste, „hallo Engel, hier ist DEIN GOTT!“ sagte er triumphierend und jagte eiskalt fünfzigtausend Volt durch Raphaels Körper.