Chapter 24

 

Mrs. More wischte sich mit dem Ärmel ihres Trainingsanzuges über den Mund, äußerst appetitlich. Dann schraubte sie die Flasche wieder zu und nahm ihre Zigarette in die Hand. Sie inhalierte den Rauch tief in ihre Lungen, bevor sie ihn wieder ausatmete. „Meine kleine Sylvie war unser ein und alles“, begann sie, dann wurde sie kurz von einem heftigen Hustenanfall durchgebeutelt. Megan und David tauschten Blicke, so nach dem Motto: ob das wohl heute noch was wird? „Sie müssen wissen, bevor sie geboren wurde, hatte ich drei Fehlgeburten.“ Sie deutete Davids vorwurfsvollen Blick richtig, „nicht wegen den Zigaretten und dem Alkohol, Sir“, sie lallte bereits ein wenig. „Es war so ne typische Frauensache. Haben sie Kinder, Agent Reeves.“ „Nein hab ich nicht. Der Beruf ….“ „Ja, ja schon klar“, winkte Mrs. More ab, „jedenfalls kam uns Sylvie damals wie ein Geschenk Gottes vor und so haben wir sie auch behandelt. Mit viel Liebe und Sorgfalt.“ Sie drückte die eine Zigarette im Aschenbecher aus, nur um sich gleich wieder die nächste anzuzünden. Als das Licht der Flamme über ihr Gesicht huschte, erahnte Megan ansatzweise, dass Sylvias Mutter einst eine Schönheit gewesen sein musste. Heute erkannte man davon nur noch Fragmente.

 

„Sie war immer eine gute Schülerin, obwohl sie keine Streberin war. Sie schien das Lernen im Blut zu haben. Das kam aber sicher von Freddys Seite, mein Mann, nicht von mir“, sie lachte verbittert. „Ich kann ihnen nicht genau sagen, weshalb sie sich für ein Theologie-Studium entschlossen hat, wir waren nie besonders religiös. Aber sie hatte schon immer ein Faible für ausgefallene Dinge.“ Sie zog an der Zigarette, als hinge ihr Leben davon ab. „Die Biola ist keine billige Uni müssen sie wissen. Aber Freddys Eltern haben uns unterstützt, wo sie nur konnten. Freddy hat in der Firma seines Vaters gearbeitet, einer Steuerberatungskanzlei. Er sollte sie eines Tages übernehmen. Freddy hatte nie gewollt, dass ich arbeiten gehe, deshalb hab ich mich ausschließlich um Sylivas Erziehung und den Haushalt gekümmert. Manchmal hab ich einige ältere Damen am Nachmittag betreut, nichts Großartiges.“ Ihre Augen bekamen plötzlich einen lebhaften Ausdruck, der jedoch gleich wieder verschwand, als sie weitersprach. „Das ganze Unglück fing an, als sie diesen verwöhnten Bengel kennenlernte. Andy. Seine Mutter hatte irgendwelche politischen Verbindungen, ich weiß nicht mehr. Interessiert mich auch nicht.“ Megan und David horchten auf. „Sie und Andy gingen einige Zeit miteinander. Dazwischen trennten sie sich immer wieder. Er war derjenige, der nach ein paar Tagen stets mit einem großen Blumenstrauß vor der Tür stand und sich entschuldigte.“

 

„Wissen sie vielleicht worüber die beiden gestritten haben?“ hakte Megan nach. „Es ging darum, dass Sylvie sich total eingeengt fühlte. Er folgte ihr wie ein Schoßhündchen. Immer wollte er wissen, wo sie war und was sie gerade tat. Heute nennt man sowas glaube ich Stalking. Damals gab es den Begriff noch nicht. Ich zeig ihnen mal was.“ Schwerfällig hievte sich Mrs. More aus ihrem Fauteuil und verschwand für ein paar Minuten im Nebenzimmer. „Eine einflussreiche Mutter, meinst du wir sind hier vielleicht auf ne heiße Spur gestoßen?“ raunte David Megan zu. „Vielleicht, warten wir’s mal ab.“ Schnaufend wie ein Dampfross, kehrte Sylvias Mutter wieder auf ihren Platz zurück. Sie hielt zwei Bilderrahmen in der Hand. „Das hier war mein kleiner Engel“, sagte sie zärtlich, mit tränenerstickter Stimme. Als die beiden FBI-Agents das Bild sahen, stockte ihnen der Atem. Sylvia More fügte sich, dem Aussehen nach, nahtlos in die Reihe jener fünf Mädchen ein, die einen grausamen Tod erfahren hatten. Langes blondes Haar, engelsgleiches Gesicht, ein hübsches Lächeln. „Aber im Jahrbuch sieht ihre Tochter völlig anders aus“, meinte Megan verblüfft. Mrs. More reichte ihr den zweiten Rahmen, „sie meinen so, nicht wahr?“ Tatsächlich, das Mädchen auf diesem Bild trug die Haare raspelkurz und schwarz. Ihre Gesichtszüge waren härter, sie wirkte erwachsener. „Das Bild ist drei Tage vor ihrem Tod entstanden. Sie hat alles getan, damit sie Andy endlich in Ruhe lässt.“ Mrs. More nahm ein Kleenex aus der Packung, die neben dem Fauteuil am Boden stand und schnäuzte sich geräuschvoll.

 

„Sie hat mir damals erzählt, dass Andy völlig ausgetickt sei, als er sie so sah. Er hat geschrien und getobt. Sie hat ihn einfach stehen gelassen. Zwei Tage später war sie tot.“ Sie machte eine Pause. „Und sie denken, es war dieser Andy?“ fragte David. „Sylvia hatte noch ihr ganzes Leben vor sich“, Tränen rannen unaufhörlich über das Gesicht von Mrs. More. „Sie wollte nach dem Studium nach Europa, sie wollte nach Paris und Rom. Sie hatte noch soviel vor, weshalb um alles in der Welt hätte sie sich in jener Nacht von dieser Autobahnbrücke stürzen sollen? Können sie mir das erklären? Wir haben nicht einmal einen Abschiedsbrief gefunden, nichts.“ Die Frau schien um Jahrzehnte gealtert zu sein, „aber das war noch nicht alles.“ Verzweifelt griff sie wieder zur Flasche, als könne der Alkohol ihre seelische Pein lindern und nahm erneut einen kräftigen Schluck. Diesmal stellte sie sie jedoch nicht zurück auf den Tisch, sondern behielt sie gleich in der Hand. „Nach dem Tod unserer Tochter war Freddy nicht mehr wiederzuerkennen. Er hat sich tagelang in ihr Zimmer eingesperrt, sich auf ihr Bett gelegt und geweint. Ich kam einfach nicht an ihn ran. Denken sie jetzt nicht ich wäre kaltschnäuzig. Natürlich hab ich auch um meine Tochter getrauert, aber ich wollte alles tun, damit ihr Selbstmord nicht als solcher anerkannt wurde.“

 

Noch ein Schluck. „Ich habe gekämpft wie eine Löwin. Umsonst. Niemand wollte etwas davon wissen, nicht die Polizei, nicht das FBI – sorry nichts gegen sie Agents – überall stieß ich auf taube Ohren.“ Die Parallelen zu Dons derzeitiger Situation waren schockierend. „Alle haben sie gemauert. Nach einer Woche haben sie uns unsere Tochter übergeben. Offizielle Todesursache: Tod durch Suizid. Freddy hat sich einen Monat nach ihrer Beerdigung auf dem Dachboden unseres ehemaligen Hauses erhängt.“ Noch ein Schluck, mittlerweile war die Flasche beinahe leer. Dass Mrs. More noch immer verständlich sprach, war entweder ein Wunder oder der exorbitanten Leistung ihrer Leber zu verdanken. „Dann ging es erst richtig los“, ihre Stimme wurde lauter, wütend. „Sie kamen wie die Geier, von überall her, die Schmierfinken von der Presse. Jemand hatte ihnen Informationen zugespielt, die total an den Haaren herbeigezogen waren. Freddy hätte unsere Tochter über Jahre hin missbraucht. Einen größeren Schwachsinn hab ich nie im Leben gehört. Aber es passte perfekt. Sylvia und mein Mann waren tot, wer konnte widersprechen, ich? Ich gab ein einziges Interview. Im darauffolgenden Artikel haben sie mir die Worte im Mund umgedreht und Dinge völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Es war der reinste Horror. Die Firma meines Schwiegervaters ging Pleite, keiner wollte Kunde bei einem Mann sein, dessen Sohn öffentlich als Kinderschänder bezeichnet wurde. Aber eines hatten sie damit erreicht: kein Hahn krähte mehr nach dem guten Andy. Dem durchgeknallten Ex meiner Tochter. Im Gegenteil, seine Mutter hat ihn sogar nach Europa geschickt, zur Army, irgendwo nach Deutschland. Ist es nicht eine Ironie, Sylvia wollte immer nach Europa, stattdessen ist sie sechs Fuß tief unter der Erde gelandet. Und der Mann, der das zu verantworten hatte, flog seelenruhig, an ihrer Stelle, noch dazu auf Mamas Kosten.“

 

Sie leerte die Flasche mit einem Zug. Dann starrte sie nur noch vor sich hin, ohne ein Wort zu sagen. „Mrs. More“, sagte Megan nach ein paar Minuten, doch die Frau war mit ihren Gedanken ganz weit weg. Megan stand auf und berührte leicht ihre Schulter. Sylvias Mutter zuckte zusammen, „entschuldigen sie, es kommt alles wieder hoch, die Erinnerungen, der Schmerz.“ Als sie zu Megan aufsah, fielen ihr immer wieder die Augen zu. Sie hatte ihr „Level“ erreicht. Megan bedeutete David aufzustehen, „Mrs. More, wir gehen jetzt. Danke für ihre Hilfe.“ Sie zog eine Karte aus ihrer Jackentasche und drückte sie der betrunkenen Frau in die Hand, „hier, falls ihnen noch etwas einfallen sollte, oder falls sie noch fragen haben. Ich werde sie auf dem Laufenden halten.“ Sie wollte sich gerade zum gehen wenden, „hätte ich fast vergessen, wie hieß denn Andy mit Familiennamen? „Pharel, Andrew Pharel.“ „Danke Mrs. More, auf Wiedersehen.“ Auch David verabschiedete sich noch kurz, doch Sylvias Mutter war bereits wieder weit weg. „Andrew Pharel“, sinnierte Megan, während David auf die Hauptstraße bog. „Hieß Senatorin Schwartz nicht vor ihrer neuerlichen Heirat Pharel?“ Ihr Kollege trat unvermittelt hart auf die Bremse, zum Glück befand sich niemand hinter ihnen. „Weißt du was du da sagst? Wir müssen ganz vorsichtig agieren. Chief Cornwell ist ihr Bruder.“ „Kein Wunder, das Don auf Granit gebissen hat. Wie die More auch. Wir müssen ihn unbedingt informieren. Und wir müssen uns einen ausgeklügelten Schlachtplan zurechtlegen. Lass uns zu Larry und Amita fahren, ich hab ne Idee.“

 

Mal saß Don neben Charlies Bett, dann lehnte er wieder an der Fensterbank oder lief hin und her. Das FBI suchte bundesweit nach Craven. Er bezweifelte jedoch, dass man damit Erfolg haben würde. Wenn Craven nicht gefunden werden wollte …. Er zuckte mit den Achseln. Merkwürdig er empfand nicht einmal Furcht vor diesem Mann. Das was in den eigenen Reihen vor sich ging, bereitete ihm weit mehr Kopfzerbrechen. Die Leute, die Charlie in diese Situation gebracht hatten, machten ihm Angst, denn sie waren mächtig, sehr mächtig. Er stellte den Fernseher aus, das Eishockey Spiel hatte er sowieso nur am Rande verfolgt. Er wandte sich lieber wieder seinem kleinen Bruder zu. Langsam lernte er mit der Situation umzugehen. Er hatte sogar begonnen mit Charlie zu reden. Anfangs war er sich wie ein Idiot vorgekommen, weil er keine Antwort bekam. Aber immer öfter, gab er sich selbst die Antworten oder er erzählte Charlie Dinge aus ihrer Kindheit. Er erzählte Charlie von Margaret und wie sehr sie ihm auch noch heute fehlte. Er erzählte Charlie sogar von den Bindungsängsten, die schuld daran waren, dass er immer noch alleine war. Je länger er redete, umso besser fühlte er sich. Charlie war ein echt guter Zuhörer, Kunststück, schließlich lag er ja auch im künstlichen Tiefschlaf. Hätte sein kleiner Bruder gekonnt, wäre er schon längst schreiend aus dem Zimmer gelaufen. „Hey Charlie“, sagte Don, „weißt du noch, wie wir immer gemeinsam von der Schule nach Hause gegangen sind, damit dich dieses Ekelpaket nicht verhaut?“ Er machte eine kurze Pause, „du hast es gehasst nicht wahr? Du hast es gehasst, dass ich immer um dich war, um dich zu beschützen. Du bist dir schwach und elend vorgekommen. Ich verrate dir was Charlie, ich hab es auch gehasst.“ Er lachte kurz auf, „siehst du, wieder eine Gemeinsamkeit.“

 

Er stellte sich neben das Bett, nahm Charlies Hand und senkte die Stimme. Dann beugte er sich ein wenig hinunter zu ihm. „Manchmal gehst du mir mit deinem Mathekauderwelsch gehörig auf den Senkel. Ich komm mir dann echt blöd vor und das ganze auch noch vor meinem Team.“ Don Stimme versagte beinahe, „Charlie, bitte komm zurück, werd wieder gesund, wir brauchen dich, ich brauche dich. Du kannst dich nicht einfach klammheimlich davonstehlen. Bitte lass mich nicht im Stich! Bitte.“ Eine einsame Träne lief über seine Wange, genauso einsam, wie er sich im Moment fühlte.

 

Ganz langsam tauchte er aus der tiefen Dunkelheit auf. Er befand sich auf seiner Reise zurück ins Leben. Charlie konnte es deutlich fühlen. Noch wehrte er sich dagegen, es war doch so schön gewesen, dort wo er seine Mom getroffen hatte. Aber da war noch etwas. Er konnte deutlich spüren, dass jemand bei ihm war. War es Don? War es sein Vater? Es war tröstlich zu wissen, dass jemand da sein würde, um ihn willkommen zu heißen. Die Person, die bei ihm war, strahlte soviel Liebe aus. Wie gerne hätte er sich noch länger in sein Innerstes zurückgezogen, in sein eigenes kleines Schneckenhaus. Da wo es warm und sicher war. Oh Gott, er hatte panische Angst davor, was ihm noch bevorstand. Und er dachte an Margaret und dass er sie hatte alleine zurücklassen müssen. Einmal mehr musste er sie gehen lassen und das tat unendlich weh…. Don meinte er müsse es sich einbilden, als er sah, dass sich eine Träne aus Charlies Augenwinkel stahl.

 

„Charlie?! Charlie?!“ rief er und läutete nach der Schwester. Kurz darauf betrat Dr. Mirren das Zimmer, „was ist Agent Eppes?“ „Charlie weint“, meinte Don fassunglos, „Charlie weint!“ Fasziniert sah er auf die Träne, die seitlich über Charlies Schläfe rann. „Wir haben angefangen die Dosis des Narkosemittels zu reduzieren“, erklärte der Arzt und überprüfte sogleich Charlies Vitalwerte. „Sie sehen es an seinen Hirnströmen“, er deutete auf die unterste Zeile am Monitor, „das ist ein sehr gutes Zeichen. Vielleicht können wir ihn in ein paar Tagen vom Beatmungsgerät nehmen. Wenn er erst einmal selbständig atmet, ist das schon die halbe Miete.“ Der Arzt klopfte Don zuversichtlich auf die Schulter und verabschiedete sich für den Moment.

 

Megan, Larry, Amita und David saßen zusammen in Larrys Büro. Megan beendete gerade ihre Schilderung vom Besuch bei Mrs. More, als Larry tatsächlich eine Erleuchtung hatte und wie immer bei solchen Anlässen „Heureka!“ schrie. Die drei anderen fuhren zusammen. Er sprang über die Bücherstapel, wie ein Hürdenläufer auf der Rennbahn, kam dabei ins Straucheln. Schwupps, schon war er hinter seinem Schreibtisch verschwunden, als hätte dort jemand ein tiefes Loch gegraben. „Larry“, entfuhr es Megan und Amita, wie aus einem Mund. David starrte nur auf die Stelle, wo Larry gerade noch zu sehen gewesen war. Als erstes tauchte seine Hand aus der Versenkung auf, die auf dem Schreibtisch herumtastete und nach Halt suchte. „Ich bin okay, alles in Ordnung“, klang es dumpf zu ihnen rüber. „Das Gesetz der Schwerkraft hat mich lediglich in die Knie gezwungen.“ Es dauerte eine Weile, ehe er wieder auf den Beinen war. Sein Gesicht und seine Ohren waren leicht gerötet. „ist er nicht einfach zum anbeißen?“ flüsterte Megan in Amitas Ohr. Die schenkte ihr ein breites Grinsen und nickte. Larry nahm ein Stück Kreide zur Hand und schrieb in Blockbuchstaben:

 

ANDREW PHAREL, dann löschte er NDREW. Jetzt stand nur noch A PHAREL an der Tafel. „Das klassische Beispiel eines Anagrammes“, analysierte er und schrieb darunter RAPHAEL. „Ich möchte niemanden beunruhigen Leute, aber ich denke, wir haben euren Serienkiller gefunden.“ Megan und David tauschten besorgte Blicke. „Larry, Amita bitte sagt kein Wort zu niemandem. Am besten ihr vergesst es.“ „Aber …“, protestierte Larry. „Megan hat recht“, schaltete dich David ein, „Andrew Pharel ist der Sohn von Senatorin Schwartz. Unser Boss, ist ihr Bruder.“ Als Larry die Tragweite seiner Entdeckung bewusst wurde, meinte er einen Schlag in die Magengrube bekommen zu haben. Amita fuhr sich entsetzt mit der Hand an den Mund, „dann sind das die Drahtzieher hinter der ganzen Geschichte? Mein Gott, ihr müsst Don warnen, unbedingt.“