Chapter 23

 

Als Craven mit Stickler fertig war, war dessen Körper nur noch ein blutiger Klumpen Fleisch. Wenigstens hatte er ihm jene Informationen gegeben, die er gebraucht hatte. Ja, Stickler hatte gesungen wie eine Nachtigall und hätten sie sich nicht in jenem Bunker befunden, indem auch Charlie festgehalten worden war, hätte man seine Schreie noch meilenweit weg hören können. Mit Bedauern hatte Craven erfahren müssen, dass auch Delinda, nachdem sie Charlie befreit hatte, Opfer dieses Komplotts geworden war. Und, dass die Brüder Eppes nach wie vor in Lebensgefahr schwebten. Er, Craven, würde seinen nächsten Schritte zwar sorgfältig planen, jedoch zügig in die Tat umsetzen müssen. Leider hatte er seinen Freund Samuel nur ansatzweise über die Verschwörung informieren können, um ihn nicht in Lebensgefahr zu bringen. Deshalb waren seine Informationen an Don auch so dürftig ausgefallen. Bis jetzt war ausnahmslos jeder, der sich zu weit in diesen Sumpf vorgewagt hatte, stecken geblieben und nach unten gezogen worden. Als erstes musste Craven jetzt, nachdem er in Freiheit war, danach trachten, seine Familie zu schützen. Anschließend konnte er reinen Tisch machen. Das was Stickler Professor Eppes auf Geheiß desjenigen angetan hatte, der im Hintergrund die Fäden zog, konnte er allerdings nicht mehr rückgängig machen.

 

Er bedauerte dies zutiefst. Zumal die ganze Sache unter seinem Namen gelaufen war. Bei Zeiten würde er Agent Eppes einen Brief schreiben, aber das musste noch warten. Xavier, war gerade dabei Sticklers Leiche in einem zehn Meter tiefen Brunnenschacht verschwinden zu lassen, als Craven aus dem Bunker kam. „Ich weiß, wo sie Delindas Leiche vergraben haben. Hier ist die Adresse“, er drückte seinem Helfer ein zerknülltes Stück Papier in die Hand, „buddelt sie aus und bringt sie dann hierher. Und macht ein bisschen sauber, wir wollen ja nicht, dass unsere nachfolgenden Gäste, einen Schock bekommen.” Platsch! Sticklers Körper hatte soeben Bekanntschaft mit der Wasseroberfläche gemacht und sank nun, beschwert mit Bleigewichten, auf den Grund des Brunnens. Er würde dort nicht einsam sein. Jene, die die Polizei nicht gefunden hatte, befanden sich da unten. Grässliches Dämonenpack. „Schick jemanden zum Krankenhaus, indem sich Professor Eppes befindet. Laut Aussage unseres verblichenen Freundes, wird dort sehr bald jemand auftauchen, um ihm endgültig das Licht auszupusten. Ich will über sämtliche Dinge, die dort vor sich gehen, informiert werden, klar?“ Xavier nickte stumm. Er war noch nie ein Mann von vielen Worten gewesen. Cravens Anweisungen waren immer klar und präzise, da gab es nichts in Frage zu stellen oder nachzuhaken. Sein Boss wandte ihm den Rücken zu und verschwand wieder im Bunker. Das Grundstück hatte einem seiner Opfer gehört. Der Mann, war, so wie viele andere auch, nach LA gekommen, um nach dem großen Glück zu suchen. Stattdessen hatte er den Tod gefunden.

 

Einer von Cravens Anhängern, der dem Mann ziemlich ähnlich sah, bekanntlich hat ja jeder von uns irgendwo einen Doppelgänger, hatte daraufhin dessen Identität angenommen und das Haus über dem Bunker abreißen lassen. Selbst aus der Luft war es schwer den Eingang auszumachen, vom Boden war es nahezu unmöglich. Raphaels „Freunde“ hätten es wohl gerne gesehen, wenn Charlie für immer dort unten geblieben wäre. Was für ein schrecklicher Gedanke! Außer den Brüdern Eppes war keiner imstande gewesen, ihn zur Strecke zu bringen. Jetzt, wo er seine wiedergewonnene Freiheit genoss, freute sich Craven schon auf das erneute Katz und Maus Spiel mit den beiden. Don würde derlei Gedanken sicher als krank bezeichnen. Jeder normale Mensch würde das. Nur, Craven war eben nicht normal, er tickte anders.

 

Amita und Larry brüteten über den Jahrbüchern der Biola University. Es kam ihnen so vor, als würden sie sich im Kreis drehen, Vielleicht lag es auch daran, dass sie wussten, das Charlie nach wie vor um sein Leben kämpfte und sie deswegen keinen klaren Gedanken fassen konnten, Milly hatte ihnen zwar versprochen zu helfen, musste aber kurzfristig zu einer Vorstandssitzung. Gedankenverloren nagte Larry an seiner Unterlippe. Er saß in einem großen Ohrensessel in seinem Büro, ein Relikt, dass ihm eine der Professorinnen bei ihrem Abgang hinterlassen hatte. Sie meinte Larry würde großartig darin aussehen, wie einer dieser berühmten Philosophen. Mary Fisher hatte schon immer einen an der Klatsche gehabt, das fanden auch ihre Studenten, die ihren Abgang wie einen Jahreswechsel gefeiert hatten. Larry versank also ihn diesem furchtbar kitschigen, mit rotem Samt bezogenen Ohrensessel, dessen Armlehnen mit Goldfarbe lackiert waren und fragte sich was ihm gerade an der Abschlussklasse von 1988 so faszinierte. Das eine war offensichtlich gewesen, nämlich ein kleines schwarzes Kreuz neben dem Namen von Sylvia More. Amita googelte bereits nach Hinweisen. Auch zwei Jahre zuvor hatte es mehrere Todesfälle gegeben, die jedoch, wie Amita herausgefunden hatte, auf einem schrecklichen Busunfall zurückzuführen waren. Damals war eine Gruppe von achtzehn Studenten auf dem Weg zum Schi fahren in die Berge gewesen. Der Bus war wegen Glatteis von der Fahrbahn abgekommen und mehrere Meter eine Böschung hinuntergestürzt. Von den achtzehn Studenten der Biola, starben damals zwölf.

 

Larry klappte das Jahrbuch zu, rieb sich müde seine Augen und sah zu Amita hinüber, die konzentriert auf den Tasten herumklopfte, „schon was gefunden?“ Sie schüttelte den Kopf, „deshalb hab ich mich in die Datenbank der Biola gehackt, mal gucken, was in ihrer Akte vermerkt ist.“ Larry hatte sich die Namen samt dazugehörigen Bilder des Jahrgangs 1988 eingeprägt und ging sie im Geiste immer wieder durch. Da war noch was, ein weiteres Teil dieses Puzzles, doch es wollte sich ihm nicht so recht offenbaren. „Ich hab‘s“, rief Amita aufgeregt. Larry fuhr hoch, als hätte sich soeben eine Sprungfeder in seinen Hintern gebohrt. Die Müdigkeit war verflogen. Er stellte sich hinter Amita und sah über ihre Schulter. Gemeinsam lasen sie, was da stand. Sylvia More, studierte Theologie:

 

1. Studienabschnitt: Philosophie, Gesellschaftslehre (Ethik), Religionswissenschaften, Altes und Neues Testament, Liturgie, Heilsmysterium.

 

2. Studienabschnitt: Dogmatik, Kirchengeschichte, Fundamentaltheologie, Kirchenrecht, Pastoraltheologie, Katechetik, Moral. Differenzierungen bei selbständiger und Kombinierter Religionspädagogik.

 

Sie hatte in allen Fächern mit Auszeichnung bestanden und war, bis zu ihrem Tod immer Jahrgangsbeste gewesen. Auch hatte sie sich immer wieder für die Kinder der sozialen Unterschicht eingesetzt. Amita sah zu Larry, „also für mich ist das eindeutig keine Selbstmordkandidatin. Was meinst du?“ Larry verzog ratlos das Gesicht und zuckte die Achseln, „vielleicht war sie dem ständigen Druck, immer Beste zu sein, einfach nicht mehr gewachsen? Vielleicht hatte sie Probleme anderer Art?“ Amita suchte nach weitern Hinweisen, vergebens. „Jemand sollte mit ihren Eltern reden“, schlug Amita vor. „Sieh mich dabei nicht so an“, meinte er entsetzt. „Du bist auch nur meine zweite Wahl“, sagte sie augenzwinkernd, „ich hätte eher an Megan gedacht.“ „Achso, ja, natürlich, ich Dummerchen, ich rufe sie gleich mal an.“ Sie stand auf und drückte ihr Kreuz durch, „und ich ruf Don an und frag ihn wie’s Charlie geht.“ Sie war erst gestern bei ihm gewesen und es hatte ihr viel Kraft gekostet nicht einfach loszuheulen. Er hatte ihr so leid getan. So lange sein Zustand so kritisch war, konnte man ihn auch nicht in ein Krankenhaus in der Nähe verlegen. Don, der noch immer suspendiert war, hatte sich ein Hotelzimmer in der Nähe des Huntington genommen. Alan musste sich um das Haus und seine Tätigkeit als Konsulent kümmern, im Moment kam ein großes Projekt gerade in die Endphase. Wenn er das erfolgreich hinter sich bringen konnte, würde es ihm jede Menge Geld und neue Kundschaft bringen.

 

Nach dem dritten Klingeln hob Don ab, „Eppes?“ „Hi Don, hier ist Amita. Wie geht es Charlie?“ „Hallo Amita, schön, dass du anrufst.“ Er klang richtig aufgekratzt. „Er hält sich tapfer. Der Arzt meinte, dass sich seine Werte weiter stabilisiert haben. Obwohl, ich muss zugeben, für mich sieht das Zeug am Monitor immer gleich aus. Aber deswegen bin ich ja zum FBI gegangen und hab nicht Medizin studiert.“ „Denkst du, dass sie ihn bald hierher verlegen werden“, fragte Amita vorsichtig. „Dr. Mirren sagt, wenn alles so wie bisher verläuft, können sie ihn nächste Woche ins Cedars Sinai fliegen.“ Sie überlegte kurz, ob sie Don etwas über Sylvia More erzählen sollte. Entschied sich aber dagegen. Abwarten, was Megan herausfand. „Und wie läuft es so bei euch?“ wollte Don wissen, beinahe könnte man glauben, er hätte ihre Gedanken erraten. „Larry und ich haben uns, was sonst, in die Jahrbücher vergraben. Bis jetzt haben wir nicht wirklich was gefunden“, log sie. „Okay, ich muss Schluss machen, ich park irgendwie mitten auf der Straße, die hupen mich hier schon in Grund und Boden, bis später.“ „Okay, bye.“

 

„Wie geht’s ihm?“ Larry war soeben von draußen zurückgekommen. „Don sagt es geht aufwärts, langsam aber doch“, sie wirkte erleichtert, „der Arzt meint, sofern sich keine Komplikationen ergeben, überstellen sie ihn nächste Woche ins Cedars Sinai.“ Er legte seine Hand auf ihre Schulter und drückte sie sanft. „Das tut gut zu hören“, es kam ihr so vor, als hätte Larry Tränen in den Augen. „Hast du Megan erreicht?“ „Ja, sie und David fahren später zu Sylvia Mores Mutter.“ Larry ging wieder zurück zum wohl kitschigsten Einrichtungsgegenstand an der CalSci und nahm sich erneut das Jahrbuch zur Hand. Vielleicht hatte er ja eine „Erleuchtung“.

 

Wie vereinbart, fuhren Megan und David am späten Nachmittag zu den Mores. Der einstige Reichtum der Familie schien verflogen. Mittlerweile wohnten sie in einem heruntergekommenen Haus im Valley. Das Valley, ein Schmelztiegel für viele verkrachte Existenzen. „Durban Road einhundert zwei“, murmelte David. „Da ist es“, rief Megan. Sie parkten ihren Wagen auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Zwei Hunde rauften auf dem Nachbargrundstück, das ebenso wenig gepflegt war, wie das Haus der Mores. Der Ausdruck „verwahrlost“ war hier durchaus passend. Die Dachrinne hing windschief am Vordach und die Farbe blätterte vom Putz. David testete vorsichtig die Holzstiegen, die hinauf zur Veranda führten. Sehr vertrauenswürdig sahen sie nämlich nicht aus.

 

„Pass bloß auf, dass du dir bei der Klingel keinen elektrischen Schlag holst“, er meinte das durchaus ernst. Erst nach dem fünften Klingeln schlurfte jemand zur Tür. Eine Frau, ungefähr Ende Vierzig, gekleidet in einen schweinchenrosa Trainingsanzug öffnete. Ihr Haar sah aus, als diene es schutzlosen Jungvögeln als Zuflucht und eine Zigarette hing schief in ihrem linken Mundwinkel. „Mrs. More?“ fragte Megan und wies sich aus. Die Frau nahm die Zigarette aus dem Mund, „FBI? Hat Sexy wieder auf das Grundstück von Mrs. Hammer geschissen?“ ihr Atem roch stark nach Alkohol. Megan hielt dem tapfer stand. David konnte sich ein Grinsen nur mit größter Anstrengung verkneifen. „Nein, wir sind nicht hier wegen Sexy, ihr Hund nehm ich an“, sagte Megan höflich. „Nein, mein Mann“, ein derbes Lachen kam aus ihrem Mund. Ihr Gebiss erinnerte an die Akropolis: an jeder Ecke ein Pfosten. „Eigentlich sind wir wegen ihrer Tochter hier“, ergriff David das Wort. Mrs. Morse verschluckte daraufhin beinahe ihre Zigarette. „Kommen sie da nicht ein bisschen spät? Immerhin liegt sie schon seit mehr als zwanzig Jahren unter der Erde. Damals hab ich keinen einzigen FBI-Agent hier gesehen.“

 

Ihre Haltung verriet Skepsis und Abwehr. Ihr glasiger Blick wanderte unstet zwischen Megan und David hin und her. „Dürften wir bitte reinkommen?“ fragte Megan. More machte den Weg frei, „entschuldigen sie die Unordnung, aber meine Putze hat das Handtuch geworfen“, wieder lachte sie lauthals heraus, „Putze hat das Handtuch geworfen, der ist doch gut oder?“ Sie knallte David eine auf die Schulter, dass er meinte, die Knochen würden ihm vorne wieder rauskommen. Mrs. More hatte eine sehr „rustikale Art“. Im Wohnzimmer sah es aus, als hätte jemand einen Stapel Zeitschriften in die Luft geworfen und sie dann einfach dort liegengelassen, wo sie gerade hingefallen waren. Eine Flasche Vodka stand, halbvoll oder halbleer auf dem Tisch und der Aschenbecher quoll über. Mrs. More fegte mit einer lässigen Handbewegung ein paar Zeitschriften vom Sofa und bot Megan und David Platz an. Sie nahmen nur widerwillig an. „Wollen sie vielleicht was trinken?“ „Nein, danke Ma’am, wir sind im Dienst“, beeilte sich David zu sagen. „Ich meinte auch nicht das Zeug da“, sie deutete mit dem Kopf auf die Vodka Flasche, „ich meinte Kaffee oder Limonade?“ „Nein danke, wir wollen uns keine Lebensmittelvergiftung einfangen“, dachte Megan, raus kam, „danke, wir hatten gerade Kaffee.“ Mrs. More zündete sich erneut eine Zigarette an, die andere hatte sie eh erst ausgedämpft. „Mrs. More“, im Zuge einer Ermittlung in einem aktuellen Fall, sind wir auf ihre Tochter gestoßen, oder viel mehr auf ihren tragischen Selbstmord. Was können sie uns dazu sagen?“ Ungeniert langte die Frau zur Flasche, machte den Schraubverschluss ab und nahm erst einmal einen kräftigen Zug. „Das kann ja heiter werden“, raunte David in Megans Ohr, „bis wir hier raus sind, ist die sternhagelvoll.“