Chapter 22

 

Die nächsten drei Tage vergingen nur zäh. Megan erstellte ein neues Profil für die Morde an den jungen Mädchen aus der Upper Class und Amita und Larry besorgten sich Jahrbücher der Biola University, um eventuell Hinweise auf den Täter zu finden. Am Abend des dritten Tages brütete Don gerade über Megans Profil, als sein Mobile läutete. Es war Megan. „Eppes!“ „Hi Don …. Charlie … funden …“, die Verbindung war äußerst schlecht. Dons Pulsschlag beschleunigte sich, hatte Megan eben gesagt, sie hätten Charlie gefunden?“ „Megan, hallo? Was ist mit Charlie?“ „….Weg zu dir … alles … Gut.“ Die Verbindung war weg. Augenblicklich krampfte sich Dons Magen zusammen, seine Kehle wurde trocken wie die Wüste Sahara und als er schluckte, fühlte es sich an, als würde er Schmirgelpapier herunterwürgen. Zum Glück saß er, denn er konnte nicht mit Sicherheit sagen, ob ihn seine Beine würden tragen können. Sie hatten Charlie gefunden, saß er am Ende gar bei Megan im Wagen? Er versuchte erneut eine Verbindung zu Megan zu bekommen. Mobilbox. Lange könnte es sowieso nicht dauern, bis sie hier war. Langsam stand er auf. In seinem Kopf eine Kakophonie von Bildern der letzten Tage. Ihm wurde übel. Er rannte auf die Toilette. Fehlalarm. Er wusch sich das Gesicht und die Hände mit eiskaltem Wasser.

 

„Megan, wo bleibst du?“ sagte er halblaut. Die Zeit kam ihm vor, wie Kaugummi, der an einer Schuhsohle klebt. Er stellte den Fernseher aus und begann auf und ab zu laufen, wie eine gereizte Raubkatze im Käfig. Weitere Minuten bangen Wartens vergingen. Es klingelte, das Geräusch fuhr ihm durch Mark und Bein. Es fühlte sich an, als würde er neben einer Turmglocke stehen. Er ging nicht zur Tür, er stürzte hin und riss sie auf. Ohne, dass er ein Wort sagte, konnte Megan Dons Enttäuschung deutlich erkennen. „Wo ist er?“ seine Stimme war brüchig. „In einem Krankenhaus in Pasadena. Colby holt gerade deinen Vater. Direktor Vasquez hat uns nen Hubschrauber genehmigt. Komm!“ Don agierte wie in Trance, er schnappte seine Jacke und wenn ihn Megan nicht darauf aufmerksam gemacht hätte, hätte er sogar vergessen, sein Apartment abzuschließen. Tausende Fragen gingen ihm durch den Kopf, keine fand zu seinem Mund. „Leider weiß ich nichts genaues über seinen Zustand“, sagte Megan, als sie auf dem Weg zum Heliport des FBI waren. Don nickte kaum merklich, seine Gefühle fuhren Achterbahn. „Danke“, brachte er gerade noch über seine Lippen. Zehn Minuten später parkte Megan ihren Wagen. Dann lief sie zusammen mit Don zum Landeplatz. Colby und Dons Vater saßen bereits angeschnallt im Hubschrauber. Als sich die Blicke von Don und Alan trafen, lag Zuversicht in den Augen seines Vaters, „alles wird gut!“ hörte er ihn sagen, obwohl sich seine Lippen nicht bewegten. Don schloss kurz die Augen, „ja Dad, alles wird gut.“

 

Der Pilot drückte ein paar Schalter und legte ein paar Kipphebel um. Die Turbinen starteten, die Rotorblätter begannen sich immer schneller zu drehen. Schließlich hob der Black Hawk ab. Um sich während des Fluges verständigen zu können, setzten sich alle Kopfhörer, die mit Mikrofonen ausgestattet waren, auf. „Alles in Ordnung Donnie?“ fragte Alan besorgt. Don nickte und starrte aus dem Fenster. Der Flug dauerte eine knappe halbe Stunde. Gekonnt landete der Pilot auf dem Dach des Krankenhauses. Alle stiegen aus und liefen geduckt in Richtung Eingang. Ein Mann in einem weißen Kittel wartete dort bereits auf sie. Automatisch griff Don nach seinem Ausweis. Er stieß einen leisen Fluch aus. Megan und Colby zückten ebenfalls ihre Ausweise und stellten Don und Alan vor. „Mein Name ist Dr. Mirren“, er reichte ihnen freundlich seine Hand. „Wo ist mein Bruder“, fragte Don ungeduldig. „Er befindet sich auf der Intensivstation, bitte folgen sie mir.“ Das Krankenhaus roch wie alle Krankenhäuser, die Gänge wirkten steril und unpersönlich, trotz der Wände, die in zartem grün und altrosa gestrichen waren.

 

Sie stiegen in einen ebenso sterilen Aufzug aus gebürstetem Edelstahl und fuhren hinunter ins Erdgeschoß. Don zuckte unwillkürlich zusammen, als er einen uniformierten Polizeibeamten vor einem der Zimmer sah. „Wer ist das?“ fauchte er. „Das ist Officer Browdy vom Pasadena Polizeirevier“, erklärte Mirren und blieb stehen. „Bevor sie hineingehen, muss ich ihnen noch etwas sagen.“ Don verlagerte sein Gewicht auf das linke Bein, seine Verletzung machte ihm zu schaffen. „Professor Eppes hat mehrere Frakturen und Prellungen im Bereich der Rippen. Seine linke Hand weist einen Trümmerbruch im Bereich des Handgelenkes auf. Die Finger sind auch betroffen. Soweit zu den äußeren Verletzungen.“ Mirren sah in die Runde, es war offensichtlich, dass er etwas zurückhielt. „Was noch?“ fuhr Don ihn an. „Er hatte eine Ruptur der Milz, wir mussten sie entfernen, seine linke Niere ist gequetscht.“ Am liebsten hätte Don ganz laut STOP geschrien. Die Verletzungen sprachen für sich, sie hatten Charlie schwer misshandelt.

 

„Hatte ihr Sohn jemals Probleme mit Drogen?“ wandte sich Mirren an Alan. „Himmel, nein!“ sagte dieser entsetzt. „Was soll die Scheiße. Wie kommen sie darauf?“ Don ballte seine Hände zu Fäusten, um zu verhindern, dass sich seine Finger um den Hals des Arztes legten. „Sein Körper weist eine hohe Dosis von Methamphetamin auf.“ „Wie hoch?“ hakte Megan nach. „Lebensbedrohlich. Ich kann ihnen noch nicht sagen, ob er es schaffen wird. Im Moment ist er stabil, aber…“ „Was ist Methamphetamin?“ unterbrach Alan den Arzt. „Chrystal Meth Dad, eine äußerst gefährliche Droge. Sie haben Charlies Körper damit vergiftet“, Don warf seinen Kopf in den Nacken und starrte an die Decke, dann sah er zur Wand, dann auf den Boden. Gab es denn hier nichts, dass er in Stücke reißen konnte? Sein Brustkorb hob und senkte sich immer schneller, „kann ich zu ihm?“ stieß er hervor. „Natürlich. Aber höchstens zwei Leute“, sagte der Arzt. Megan und Colby setzten sich auf die grünen Plastikstühle, während Alan und Don das Zimmer betraten.

 

Die ganze Zeit über hatte Don versucht, die Erinnerung zu verdrängen, aber kaum hatte er den ersten Schritt in Charlies Richtung getan, war sie wieder da. Er sah seine Mutter vor sich, wie sie unter Einfluss von Morphium im Krankenbett lag. Bereits zu schwach, um zu sitzen. Sie hatte so zerbrechlich gewirkt, in ihrem, vom Krebs zerfressenen Körper. Ihre Haut hatte beinahe durchsichtig ausgesehen. Ihre Wangen waren eingefallen gewesen und dennoch hatte sie ihm zum Abschied noch ein letztes Lächeln geschenkt. Don brachte sich selbst wieder in die Realität zurück. Er musste jetzt stark sein, stärker denn je, für Charlie. Alan hielt sich mit der linken Hand am Kopfende des Bettes fest. Mit der rechten strich er zärtlich durch Charlies Locken. „Alles wird gut mein Junge, Donnie und ich sind hier. Du schaffst das. Ganz bestimmt“, er beugte sich hinunter und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. Wie viel Leid konnte sein Vater eigentlich ertragen? – fragte sich Don. „Ich lass dich mit ihm allein“, flüsterte Alan, beim hinausgehen wischte er sich verstohlen eine Träne aus den Augen. „Nein, tu das nicht?“ rief eine innere Stimme panisch, „ich … ich weiß doch gar nicht was ich tun soll.“ Don stand da wie betäubt. Die Ärzte hatten Charlie intubiert und an ein Beatmungsgerät angeschlossen. Seine linke Hand war dick bandagiert. Überall Schläuche und Drähte. Don fixierte den Monitor, der Charlies Pulsfrequenz, den Blutdruck und seine Hirnströme anzeigte. Die Zahlen schwankten leicht.

 

Würde er sich jetzt die Blöße geben, wenn er heulend zusammenbrechen würde? Er sah sich um, außer ihm und Charlie befand sich niemand sonst im Zimmer. Zögerlich trat er neben das Bett. „Hey Kumpel“, ein Krächzen, er räusperte sich, „hey kleiner Bruder. Schön, dass du wieder …“ er brach ab. Was zum Geier tat er da? Charlie konnte ihn sowieso nicht hören. Was, wenn doch? Weshalb war sein Vater nur gegangen? Don startete einen erneuten Versuch. Vorsichtig nahm er Charlies Hand. „Wenn du mich hören kannst Kleiner, dann drück meine Hand“, flüsterte er, „komm schon Charlie, lass mich nicht hängen“, drängte er, „bitte.“ Anstatt der erwünschten Reaktion, begannen die Geräte plötzlich verrückt zu spielen. Erschrocken trat Don einen Schritt zurück. Der Arzt kam ins Zimmer gerannt. „Ich hab keine Ahnung, ich hab nichts gemacht“, sagte Don hastig. „Keine Sorge, alles in Ordnung, hier hat sich nur eine Elektrode gelöst“, erklärte der Arzt. Don hatte plötzlich das Gefühl, die Wände würden näher kommen, Charlie saß auf einmal aufrecht im Bett und schrie ihn mit blutunterlaufenen Augen an, „du bist schuld, du hast mich verraten.“ Dons Lungen rangen nach Luft, er musste weg von hier, sofort. Er stürmte, wie von Furien gehetzt, aus dem Zimmer, vorbei an Alan, Megan und Colby in Richtung Ausgang. Die drei warfen sich fragende Blicke zu. „Soll ich ihm nachgehen?“ Colby machte Anstalten aufzustehen. „Lass nur, ich mach das“, sagte Megan und folgte Don nach draußen.

 

„Alles okay Don?“ Er lehnte an einem Fahrradständer, hatte die Hände verschränkt. „Gar nichts ist in Ordnung“, schnappte er, ohne sie eins Blickes zu würdigen, „ich kann damit nicht umgehen, ich komm mir vor, wie ein Vollidiot. Ich hab da drinnen seine Hand genommen und wollte, dass er sie drückt. Und was passiert? Die Geräte fingen an verrückt zu spielen, wegen irgendeiner Scheißelektrode. Ich bin ein schlechter Freund Megan und ein noch schlechterer Bruder. Als mein Dad neben Charlie stand und ihn gestreichelt und ihm einen Kuss auf die Stirn gab, war ich eifersüchtig. Kannst du dir das vorstellen? Charlie kämpft da drinnen um sein Leben und ich bin eifersüchtig, weil unser Dad …“, seine Stimme brach. So fest es ging drückte er seine Handballen auf seine Augen. „Ich sollte an seiner Stelle in diesem Bett liegen. Und nicht er. Er hat das nicht verdient.“ Seine Worte kamen stoßweise. Megan wollte ihm eine Hand herunterziehen, er ließ es nicht zu. „Don, kein Mensch hat das verdient. Solche Dinge passieren nun mal. Niemand von uns hat darauf einen Einfluss.“ Er schüttelte den Kopf, „ich … ich kann nicht mehr Megan. Charlie so zu sehen, ist … schrecklich. Es reißt mir das Herz aus der Brust. Wenn er stirbt …“ Entschlossen stellte sie sich vor ihn hin, „sieh mich an Don.“ Keine Reaktion. „Sieh mich an Don“, sagte sie im Befehlston, „sofort.“ Sie sah das Glitzern seiner Tränen in seinen Augen, als er die Arme fallen ließ. „Das wird nicht geschehen Don, Charlie wird nicht sterben.“ „Woher willst du das wissen?“ flüsterte er. „Das kann ich fühlen. Er ist stark und er hat eine tolle Familie, die zu ihm steht. Gemeinsam werdet ihr es schaffen. Alles, was du tun musst, ist daran glauben Don.“ „Ich weiß nicht, ob ich das kann.“ Er blickte hoch zu den Sternen, als wüssten sie die Lösung für seine Probleme.

 

Mit Brachialgewalt verschafften sich, kurz nach drei Uhr morgens, die Männer, sechs an der Zahl, Zutritt zum Sanatorium Mount Mitchell. Ihr Ziel: Adrian Cravens Zimmer. Sie zogen ihre Steyr MPs. Mit kurzen gezielten Feuerstößen streckten sie die Wachen, vor seinem Zimmer, nieder. Dann rissen sie die Tür auf. Craven war bereits fixfertig angezogen. „Hallo Jungs, na das hat aber lange gedauert. Ich dachte ihr wolltet mich hier versauern lassen.“ Ein triumphierendes Grinsen huschte über sein Gesicht. Die Männer und mit ihnen Craven, waren genauso schnell wieder aus dem Sanatorium draußen. „Delinda hat Eppes freigelassen“, sagte Stickler und zog sich die Sturmmaske vom Gesicht. „Gut so. Ich hatte damit gerechnet.“ „Aber …?“ „Die Anweisung, Agent Eppes Bruder zu entführen kam nicht von mir Sticky“, Cravens Stimme nahm einen gefährlichen Unterton an, „deshalb bat ich Xavier darum, Delinda mitzunehmen.“ Jegliche Farbe wich aus Sticklers Gesicht. „Von wem hast du die Nachricht bekommen?“ Craven neigte seinen Kopf leicht zur Seite und wartete auf eine Antwort. „Ich … ich … ich.“ „Ich … ich … ich“, äffte er Stickler nach. „Wo ist Delinda?“ „Das, das weiß ich nicht?“ Kam es Craven nur so vor, oder schrumpfte sein Gesprächspartner tatsächlich immer mehr in sich zusammen? „Xavier, bleib ein wenig außerhalb stehen, ich hab nicht vor, den Wagen einzusauen“, meinte Craven gelangweilt. „Aber Adrian, ich …“, wimmerte Stickler. „Schnauze“, unterbrach ihn der Serienkiller eiskalt. „Du wolltest doch schon immer wissen, wie ich die Dämonen aus den Menschen raus bekomme. Du wirst es sehr bald erfahren, am eigenen Leib Sticky. Und dann, werde ich noch jemandem einen Besuch abstatten. Darauf freue ich mich besonders. Vielleicht statuiere ich ja ein Exempel an ihm.“ Cravens Gesicht mutierte zu einer teuflischen Fratze, die jeder Halloween-Maske anstandslos Paroli bot.