Chapter 20

 

Gegenwart

 

Charlie fühlte sich seltsam losgelöst, beinahe schwerelos. Er stand mitten in seinem sonnendurchfluteten Arbeitszimmer. Fasziniert beobachtete er die Staubpartikel, die im Licht flirrten. „Charlie?“ sagte eine sanfte Stimme hinter ihm. „Mom?“ Er wagte kaum, sich umzudrehen. Tatsächlich, da stand sie vor ihm und lächelte ihn an. „Mom, was …. Was machst du hier?“ Sie zuckte die Schultern, „ich bin nur kurz vorbeigekommen, weil ich wissen wollte, wie es dir geht.“ „Das kann nicht sein, du bist doch …“ „Tot?“ sprach sie jenes Wort aus, dass er nicht über seine Lippen brachte. „Glaub mir Charlie, mir geht es besser denn je. Ich habe keine Schmerzen mehr und ich bin glücklich.“ „Warst du denn nicht glücklich, als du noch bei uns warst?“ fragte er neugierig. Sie machte einen Schritt in seine Richtung und nahm seine Hand. „Ich bin noch immer bei Euch. Nur eben nicht mehr so wie früher.“ Er schluckte. „Es ist schön hier, Mom. So friedlich.“ „Ich weiß, aber du musst wieder zurück zu Don und Alan. Sie brauchen dich.“ Er grinste verlegen, „och die kommen sicher prima ohne mich zurecht. Wenigstens kann Don aufhören, sich andauernd Sorgen um mich zu machen.“ „Und was ist mit Amita? Ich dachte du liebst sie?“ fragte seine Mutter. „Amita“, flüsterte er, „das hab ich irgendwie verdrängt. Ich meine, klar liebe ich sie, aber ….“, er verstummte.

 

„Machst du es dir nicht ein bisschen einfach, Charlie?“ tadelte Margaret, „du hast noch dein ganzes Leben vor dir. Du hast soviel, was du anderen Menschen geben kannst.“ „Ha“, lachte er verbittert auf, „ich stürz mich regelmäßig in meine Arbeit und vergess alles um mich herum. Manchmal denke ich, ich bin mehr in meine Arbeit verliebt, als sonst was.“ „Dummerchen, wenn du älter wirst, bekommst du auch das in den Griff“, sie schenkte ihm ein gütiges Lächeln. „Was ist, wenn ich nicht älter werden will? Ich hatte ein schönes Leben. Für mein Alter hab ich wirklich viel erreicht, ich hab bereits einige Bücher publiziert, ich habe Don geholfen, Menschenleben zu retten.“ „Dann ist es jetzt an der Zeit, dich selbst zu retten.“ Er warf ihr einen wehmütigen Blick zu, „du meinst das ernst, nicht wahr?“ Sie nickte. „Aber Mom, da ist noch soviel, dass ich dir sagen möchte“, begehrte er auf. „Das hat Zeit Charlie, glaube mir, das hat Zeit.“ Sie wandte sich zum gehen. Mit Tränenverhangenem Blick sah er ihr nach. „Mom, warte!“ rief er plötzlich. Sie hielt inne. „Kannst du mir noch einen Gefallen tun?“ „Was denn?“ „Kannst du bitte besonders gut auf Don aufpassen. Ich hasse das was er tut. Er begibt sich jeden Tag in Lebensgefahr. Das macht mich verrückt und Dad auch, auch wenn er nichts sagt.“ Sie hob ihre Hand und berührte seine Wange, ein Gefühl unendlicher Geborgenheit und Wärme erfüllte seinen Körper. „Ich werde mein bestes tun. Versprochen. Aber jetzt sieh zu, dass du wieder auf die Beine kommst. Es wird ein steiniger Weg, Charlie. Aber diese Erfahrung wird dich stärker und auch reifer machen.“ Sie ließ von ihm ab. Er sah ihr noch lange nach, bis sie am Ende des Ganges verschwand. Seltsam, er fühlte sich nicht mehr so verloren wie zuvor.

 

 

3 Tage zuvor im Cedars Sinai Hospital, kurz vor ein Uhr morgens

 

Colby stand zusammen mit Megan und David am Gang der Notaufnahme. Sie unterhielten sich leise, als Alan und Amita zu ihnen stießen. „Wo ist er und wie geht es ihm?“ fragte Alan atemlos. „Sie untersuchen ihn noch“, antwortete Colby, „ich hab ihn bewusstlos in einer Lagerhalle an der Crest gefunden. Keine Ahnung, was mit ihm passiert ist.“ Plötzlich hörten sie eine lautstarke Diskussion, die offensichtlich aus dem Behandlungszimmer kam, in das Don fünfzehn Minuten zuvor geschoben worden war. „Hören sie Doktor, ich weiß selbst, wann es mir gut geht. Ich will sofort hier raus!“ „Das ist Don“, rief Megan aufgeregt. Sie stürzten zur Tür. Don befand sich im Clinch mit zwei Krankenschwestern und einem Arzt. „Geh rein Colby“, drängte Megan, „vielleicht kannst du ihn ja zur Vernunft bringen. Colby ließ sich nicht zweimal bitten. „Was ist denn hier los?“ polterte er los, „Don, so lass doch den netten Doktor seine Arbeit erledigen.“ „Den Teufel werd ich tun“, protestierte sein Freund lautstark, „wie komm ich überhaupt hierher?“ Zornig setzte er sich auf und wollte sich die Elektroden von der nackten Brust reißen. „Sir, die lassen sie bitte schön oben“, sagte die Schwester rechts von ihm. „Don ich würd auf sie hören, guck dir mal ihre Oberarme an“, feixte Colby. „Ich will hier raus und zwar sofort“, ein dünner Schweißfilm bildete sich auf Dons Stirn und signalisierte allen, dass es ihm bei weitem nicht so gut ging, wie er alle glauben machen wollte.

 

„Agent Eppes, sie wurden von einem Taser getroffen, geschätzte Voltanzahl fünfzigtausend“, mischte sich der Arzt ein, „ihr Körper muss diese Belastung erst einmal verkraften. Im Moment spielt ihr EKG noch ein wenig verrückt und wenn sie sich weiter gebärden, sehe ich mich gezwungen …“ „Scheren sie sich zum Teufel Doc. Ich kenne meinen Körper besser, als irgendjemand sonst“, fauchte Don. „Wenn du dich nicht auf der Stelle hinlegst und den Anweisungen des Arztes Folge leistest, sind wir geschiedene Leute“, sagte Alan entschieden, er hatte soeben das Zimmer betreten. „Dad?“ Don fiel vor Verblüffung beinahe von der Bahre, „wie kommst du …“ „Das tut nichts zur Sache, halt den Mund und lass dich behandeln. Du bist noch nicht zu alt, als dass ich dir nicht eine Backpfeife verpassen könnte.“ Alans Augen blickten wild entschlossen drein. Don schien zu überlegen. Nach ein paar Sekunden meinte er, „also gut. Irgendwie ist mir kotzübel und ich hab keinen Nerv für Diskussionen. Die ganze Meute hier gegen einen, ganz schön unfair.“ Stöhnend ließ er sich nach hinten kippen. „Bringen sie ihn auf Zimmer vier zur Beobachtung“, ordnete der Arzt an. Ein Pfleger schob die Bahre nach draußen. „Länger als eine Nacht bleib ich aber garantiert nicht hier“, rief Don.

 

„Was ist denn in ihn gefahren?“ Amita konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. „Fünfzigtausend Volt“, entgegnete Colby trocken. „Kein Wunder, dass er so unter Strom steht“, witzelte David. Megan atmete erleichtert auf, sie hatte schon das Schlimmste befürchtet. „Zum Glück ist ihm nicht mehr passiert. Hat jemand von euch vielleicht eine Ahnung, was er in dieser Gottverlassenen Gegend wollte?“ Kollektives, ratloses Kopfschütteln. „Ich hab nur herausgefunden, dass er heute Nachmittag die Ausforschung einer mobilen Rufnummer in Auftrag gegeben hat. Ohne Ergebnis. Sie konnten die Nummer nicht zurückverfolgen“, erklärte Colby. „Dann gehen wir am besten zu ihm und fragen ihn danach“, schlug Alan vor. „Aber erst in ein paar Stunden. Ich hab ihn nämlich ruhig gestellt“, der Arzt war soeben aus Dons Zimmer zurückgekehrt, „sie sollten besser nach Hause gehen. Hier können sie sowieso nichts mehr tun.“ „Ich bleibe“, sagte Colby. „Ich auch“, meldete sich Alan ebenfalls zu Wort, „nach der ganzen Aufregung, finde ich sowieso keinen Schlaf mehr.“ Er sah zu Amita, „wie kommst du nach Hause?“ „Ich kann sie gerne mitnehmen“, bot sich Megan an. „Danke, das wäre echt nett“, freute sich Amita. Während Colby und Alan in Richtung Dons Zimmer gingen, marschierte der Rest von ihnen hinaus in die laue Sommernacht.

 

„Alles in Ordnung mit dir?“ fragte Megan besorgt. Amita sah schrecklich blass aus. „Es geht so, ich hab nur schon eine Nacht durchgemacht, um Charlies Berechnungen zu Ende zu bringen“, ihre Stimme zitterte. „Und kommst du voran?“ Amita nickte, „ich denke, ich kann euch bald ein Ergebnis liefern.“ „Das ist toll. Du machst deine Arbeit echt gut. Wir sind mächtig stolz auf dich“, versuchte sie Amita aufzubauen. Diese blickte demonstrativ aus dem Seitenfenster und wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Auge. „Wenn du nicht allein sein willst, ich hab ne richtig bequeme Couch. Ich schlaf regelmäßig darauf ein, wenn ich mir einen dieser alten Filme spätnachts angucke“, bot Megan ihr an. „Danke, ich … ich möchte lieber alleine sein. Bis jetzt hab ich es erfolgreich geschafft, die Sache mit Charlie zu verdrängen. Aber als Colby bei Alan angerufen hat und das von Don erzählte …“ Verzweifelt rang sie um das letzte bisschen Fassung. Megan fuhr rechts ran und stellte den Motor ab. „Hey, es ist okay, wenn du weinst. Keiner braucht hier den Helden markieren, außer vielleicht Don, naja, das liegt wahrscheinlich in seiner Natur.“

 

Amita fing hemmungslos an zu schluchzen. Megan zog sie in ihre Arme und hielt sie fest. Am liebsten hätte sie mit ihr mit geheult. Wenn ihr die Sache mit Charlie schon an die Nieren ging, was musste Amita erst durchmachen? „Lass alles raus Amita. So ist es gut.“ Sie fühlte, wie sich Charlies Freundin langsam entspannte. Ein Wagen fuhr an ihnen vorbei und hupte, „na ihr zwei Lesben, habt ihr keine Wohnung?“ brüllte ein Mann aus dem Beifahrerfenster. Megan zeigte ihm den Mittelfinger. Nach ein paar Minuten war das Schlimmste überstanden. Sie drückte Amita ein Taschentuch in die Hand und startete den Wagen. „Das Angebot mit der Couch steht noch“, meinte sie und warf einen prüfenden Blick auf die junge Frau neben ihr. „Vielleicht wär das doch keine schlechte Idee“, gab Amita zurück, „ich komm mir schon vor wie eine Obdachlose. Ständig schlaf ich bei irgendwelchen Leuten, anstatt daheim.“ „Immerhin kannst du dadurch mit Larry eine angeregte Diskussion über das Wohnen bei Fremden betreiben. Er wird sich freuen, seine Erlebnisse mit einer Gleichgesinnten teilen zu können“, Megan setzte den Blinker und fädelte den Wagen wieder in den Verkehr ein. „Aprops Larry. Konntest du ihn erreichen?“ hakte Amita nach. „Die NASA scheint ihn wie einen Schatz zu hüten. Aber ich war hartnäckig. Er kommt morgen Abend heim und schickt dir liebe Grüße. Leider ist es ihm unmöglich sein Projekt eher abzuschließen, obwohl er meinte, dass er sich kaum noch auf etwas konzentrieren kann.“ „Das kann ich mir gut vorstellen. Er und Charlie kennen sich schon eine halbe Ewigkeit“, schniefte Amita.

 

Colby hing irgendwie auf seinem Stuhl und schnarchte leise vor sich hin, während Alan neben dem Bett seines Sohnes stand und ihn beobachtete. Der Mond und das Leuchten des Monitors erhellten die Umgebung ein wenig. Es musste Äonen her sein, als er das zuletzt gemacht hatte. Dons Brustkorb hob und senkte sich in regelmäßigen Zügen. Das EKG, an das er noch immer angeschlossen war, zeigte auch keine Auffälligkeiten. Im Stillen dankte Alan dem lieben Gott dafür, dass Margaret das alles nicht mehr mitmachen musste und er sandte ein Stoßgebet nach „oben“ und bat sie, gut auf Charlie aufzupassen. Er fühlte einen leichten Stich in seiner Brust. Dons Stirn legte sich in Falten und er murmelte etwas, das Alan aber nicht verstand. Wahrscheinlich träumte er. Colby ruckte hoch, „was ist? Alles in Ordnung? Sorry, ich muss eingeschlafen sein.“ Müde fuhr er sich mit der Hand übers Gesicht. „Du kannst ruhig nach Hause gehen. Ich bleib bei Donnie“, sagte Alan leise, „du hast heut schon genug für ihn getan. Übrigens, wie konntest du wissen, wo er sich gerade aufhielt?“ Colby stand auf und drückte sein Kreuz durch. „Ich hab seinem Wagen einen Sender verpasst“, grinste er, „ich bin noch am überlegen, wie ich ihm das beibringen soll, ohne dass er mich anschließend gleich aus dem geschlossenen Fenster unseres Büros schmeißt.“ „Ich könnte es ihm sagen, wenn du nicht dabei bist. Dann ist sein Ärger längst verraucht, wenn er dich sieht.“ „Der Vorschlag ist eine Überlegung wert Alan.“ Colby zwinkerte ihm zu und verließ das Zimmer auf leisen Sohlen. Alan ging auf die andere Seite des Bettes und setzte sich auf den Plastikstuhl, ohne Don dabei aus den Augen zu lassen.