Chapter 1

 

Zwei Wochen früher

 

Die Studenten und Professoren der CalSci hatten an einem landesweiten Wettbewerb in den Fächern Mathematik, Astrophysik und Quantenmechanik teilgenommen und tatsächlich den ersten Platz belegt. Das gehörte natürlich entsprechend gefeiert und für die Party hatte man kurzerhand den Ballsaal der Uni adaptiert. Als Charlie zu der Erkenntnis gelangte, dass er wohl gehörig einen an der Waffel haben musste, war es schon zu spät. Da stand er schon auf einer Leiter, in, für ihn, schwindelerregender Höhe und versuchte Girlanden und Luftballons unter Amitas Anleitung gezielt zu platzieren. Welcher Teufel hatte ihn bloß geritten, als sie heute Vormittag zu ihm gekommen war und ihn mit ihren großen Rehaugen und ihrer sanften Stimme gebeten hatte, sie doch tatkräftig zu unterstützen. Amita hatte so etwas an sich, dass ihn daran hinderte „nein“ zu sagen. Umgekehrt funktionierte das noch nicht ganz so, im Grunde genommen, gar nicht. Daran würde er noch arbeiten müssen.

 

Nach wie vor widersetzte sie sich seinem Wunsch bei ihm einzuziehen. Er hatte alles Mögliche versucht, mit Engelszungen auf sie eingeredet, aber: no chance. „Du machst das echt super Charlie!“ rief Amita und streckte ihm beide Daumen nach oben entgegen. „Du machst das echt super Charlie!“ äffte er sie stumm nach und schnitt dabei Grimassen. „Den blauen Ballon würd ich noch ein Stück nach links geben. Nach links Charlie, dass ist rechts.“ Kunststück von da unten konnte sie leicht reden. Hier oben war die Luft viel dünner und seine Beine fühlten sich an, als wären sie aus Gummi. Er war eben nicht zu „höherem“ berufen. Er war mehr der bodenständige Kerl. Neben ihn übte gerade die Rollschuh-Gruppe ihre Showeinlage. Die Jungs und Mädchen waren klasse. Und die Musik die sie dazu spielten, machte echt Laune.

 

Sie fuhren Formation, machten Sprünge usw. Während Charlie sich vorkam, wie bei einem Eiertanz, alberte Amita mit den Studenten herum, die am Boden Helium in die Ballons füllten. „Schön, dass du es da unten so lustig hast“, schnappte Charlie. Amita nahm einen Zug aus dem Ballon und antwortete mit Micky Mouse Stimme, „selber schuld, du hattest die Wahl, zwischen Aufblasen und Aufhängen.“ Charlie hatte Mühe ernst zu bleiben, „ich dachte, ich müsste sie selbst aufblasen, du hast kein Wort von dem Ding da erwähnt.“ Einer der Studenten war zu übereifrig. Es gab einen ohrenbetäubenden Knall im Saal. Daraufhin erschraken wiederum ein paar Leute der Rollschuh-Gruppe und gerieten aus dem Konzept. „Na, alles im grünen Bereich?“ rief Larry, um sich bemerkbar zu machen. „Aber klar doch“, meinte Amita und hielt ihm einen Ballon hin, „magst du auch einmal.“ Larry besah sich das Ganze, als hätte er irgendeine außerirdische Spezies vor sich. „Ich weiß nicht, ich denke ich bin schon zu alt für sowas.“ Plötzlich riefen alle im Chor: „Larry, Larry, Larry!“ Da konnte er unmöglich kneifen.

 

Die Rollschuh-Gruppe kriegte die Situation einfach nicht mehr in den Griff. Und so kam es, dass eines der Mädchen direkt Kurs auf jene Leiter hielt, auf der Charlie gerade stand. Sie war so panisch, dass sie völlig vergaß zu bremsen. Charlie, der mit Akribie dabei war, eine Girlande irgendwie um ein hässliches Rohr zu Wickeln, bekam von all dem nichts mit. Zuerst wusste er nicht, wie ihm geschah, als die Leiter bedenklich ins Schwanken geriet. Ausgerechnet zum Song „Here I go again on my own“ von Whitesnake, ging es mit Charlie abwärts. Mit einem lauten Aufschrei sprang er von der Leiter, ehe die noch den Boden berührte. Instinktiv rollte er sich ab und landete gekonnt. Die Leute bekundeten ihre Anerkennung mit frenetischem Applaus und lautem Johlen. Besorgt liefen Amita und Larry zu ihm. „Alles okay?“ fragten die beiden unisono im Micky Mouse Sound. Charlie konnte nicht anders und bekam einen Lachanfall und steckte alle anderen damit an.

 

Kurz vor zwanzig Uhr war Einlass. Die Leute drängten sich an den Eingängen. Jeder schien der erste sein zu wollen. Binnen Minuten füllte sich der Saal mit gutgelaunten Menschen. Der DJ tat mit schwungvollen Songs sein übriges. Der Bass wummerte aus den großen Lautsprechern. Manche stürmten gleich auf die Tanzfläche, andere mussten sich noch Mut antrinken. Larry war einer von ihnen. „Das ist jetzt schon dein dritter Punsch“, ermahnte ihn Charlie, „ich denke du solltest Megan nüchtern gegenüber treten.“ Schuldbewusst stellte Larry den Becher zurück, „so nervös war ich nicht einmal vor meinem Flug ins All.“ „Was, wieso ist er nervös?“ fragte Don, der gerade gekommen war. „Warum wohl?“ meinte Charlie und hob vielsagend die Augenbrauen. „Ah so, natürlich“, meinte Don und bediente sich am Punsch. „Megan hat sich für heute Abend extra ein neues Kleid gekauft. Meint ihr, meine Klamotten können da mithalten?“ Charlie und Don musterten ihn eindringlich, dann sahen sie sich an und schüttelten ihre Köpfe, „hoffnungslos.“

 

Larry wurde noch ein wenig blasser, „ich brauch dringend einen Punsch.“ Als Amita den Saal betrat, schien sie die ganze Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie trug ein bordeauxrotes Cocktailkleid aus Satin, das sich perfekt an ihre Figur schmiegte. Charlie klappte die Kinnlade herunter. „Du, du, siehst einfach … äh … wirklich … fantastisch aus“, stammelte er. Don zwinkerte ihr anerkennend zu. Larry nickte nervös und verrenkte sich den Hals, als ein neuer Schwall Leute hereinkam. Es genügte ein einziger Blick, um Megan in der Menge zu erkennen. Sie hatte ihr Haar hochgesteckt und ein paar einzelne Locken umspielten ihr Gesicht. Sie stand Amita in nichts nach. Sie trug ein dunkelblaues Etuikleid und hätte damit jederzeit problemlos Audrey Hepburn, in „Frühstück bei Tiffany“, Konkurrenz machen können. „Also wenn ich der Boss wäre, wäre das ab sofort deine neue Dienstkleidung“, feixte Don und umarmte sie. „Hände weg von der Dame, die gehört mir“, sagte Larry entschlossen. „Aber hallo“, meinte Megan amüsiert. Charlie beugte sich zu ihr hinüber, „das kommt sicher von dem Punsch.“ Um Megan ganz für sich allein zu haben hakte Larry sich bei ihr unter und zog sie von den anderen fort. „So rabiat kenn ich ihn gar nicht“, griente Don.

 

„Aufgrund deines Berufsstandes müsstest du eigentlich wissen, was Alkohol so alles aus den Menschen macht“, neckte ihn Charlie. „Ich weiß auch was er aus dir macht“, gab Don schlagfertig zurück, „ich könnte Amita ein paar wirklich interessante Storys….“ „Die erzähl ich ihr lieber selbst Bruderherz.“ Dann wandte er sich an Amita, „tut mir leid, ich konnte dich noch gar nicht richtig begrüßen.“ „Meinst du etwa so“, hauchte sie, legte ihm die Arme um den Hals. „Ja, genau, ich…“ „Halt den Mund Charlie“, murmelte sie. Charlie meinte den Boden unter den Füßen zu verlieren, als sich ihre Lippen trafen. Anfangs küssten sie sich noch ein wenig verhalten. Aber als Charlies Ohren zu glühen begannen und er die Reaktion ihres Körpers durch das hauchdünne Satin spürte, wäre er am liebsten mit ihr im nächsten Labor verschwunden. Don wandte sich, ein wenig peinlich berührt, ab. Er war im Moment, wie schon so oft, auf Solopfaden unterwegs. Hier würde sich wohl auch nichts ergeben, konnte es sein, dass er sich mit knapp Ende dreißig ein wenig deplatziert vorkam?

 

Andererseits, was sollte dann Larry sagen. Egal, der hatte ja Megan. Ein leiser Verdacht schlich sich in seine Gedanken, kam er jetzt etwa in die berühmte Midlifecrisis, in der Männer anfingen merkwürdige Dinge zu tun? Wie zum Beispiel sich teure Autos kauften oder Golfspielen lernten? Wie war das noch: wenn zu Hause nix mehr läuft, dann geht ein Mann auf den Golfplatz. Er zog seine Stirn kraus. Vielleicht sollte er einmal mit seinem Dad darüber reden. Der kam in seinem Alter von einem Frühling in den anderen. Und die resolute Milly tat ihm sichtlich gut. Sie waren erst gestern von Ihrer Venedig Reise heimgekehrt. Der gute Alan hatte ihr, als ehemaliger Stadtplaner, sicher die Vorzüge der Lagunenstadt und die dafür benötigte Bauweise haarklein geschildert. Vielleicht bei einer Gondelfahrt und anschließend im Hotel… Don rief sich zur Räson, jetzt wurde es ihm nämlich zu abartig.

 

Fast wie auf Stichwort stießen die beiden zu ihnen. „Hallo Jungs, hallo Amita, freut mich dich zu sehen“, meinte er freundlich. Milly grinste von einem Ohr zu anderen und sah … befriedigt aus. „Hör endlich auf mit dem Scheiß, Don“, dachte er im Stillen. „Hi Dad, hi Milly, du siehst be.. ich meine toll aus.“ Don sah auf den Becher mit Punsch, „was tut ihr bloß alles da rein.“ „Studentengeheimnis“, lachte Amita. Dann sah sie zu Charlie, „was ist, wollen wir tanzen gehen?“ Der DJ schwamm gerade auf der 80er-Jahre Welle. Da war er wieder dieser Blick, der ihn in ein willenloses Etwas verwandelte. „Bei den beiden ist zweifelsohne klar, wer die Hosen anhat“, sagte Milly amüsiert und blickte den beiden hinterher. „Und wie ist das bei Euch?“ hakte Don nach. „Wir?“ sein Vater machte große Augen, „wir sind beide gleichberechtigt. Nicht wahr?“ Milly zeigte keine Reaktion, „jedenfalls meistens. Und jetzt entschuldige uns Don, Milly hat Hunger und da kann sie echt unausstehlich werden.“ Für diese Bemerkung kassierte Alan einen Knuff in die Seite. „Soviel zum Thema Gleichberechtigung“, dachte Don und mischte sich unter die Leute.