Chapter 19

 

Es war schon relativ spät, als Megan das Büro verließ. Bein Hinausgehen entdeckte sie Colby und Theodor in einer Nische. Sie saßen dort vor einem Monitor und schienen etwas angestrengt zu beobachten. Beim Näherkommen fand sie heraus, dass es sich um einen roten Punkt handelte, der sich beständig über den Bildschirm bewegte. „Was treibt ihr zwei Hübschen denn da?“ fragte sie neugierig. „Wenn ich dir das sage, muss ich dich töten“, scherzte David, ohne aufzusehen. „Komm schon“, sie gab ich einen sanften Stoß zwischen die Schulterblätter, „ist das ein Spiel?“ Colby schwieg eisern. Theodor hingegen war ganz hibbelig und linste immer wieder verstohlen zu ihr hoch. „Er hat unserem Boss, nen Sender verpasst“, platzte er schließlich heraus. „Wie bitte?“ Megan wusste nicht, ob sie das gutheißen sollte. „Nicht ihm direkt“, korrigierte Colby den Neuen, „aber seinem Wagen.“ „Wenn Don das herausbekommt, kriegt er nen Anfall“, meinte Megan grinsend, „wann …?“ „Heute morgen, bevor ich zur Arbeit gefahren bin“, erriet er ihre Frage. „Ich dachte mir, es könnte nicht schaden, zu wissen, wo er sich so herumtreibt.“ Interessiert zog Megan einen Stuhl heran und gesellte sich zu den beiden, „und, wo fährt er gerade hin?“

 

„In ne ziemlich verlassene Gegend am Stadtrand“, Colbys Stimme verriet ein wenig von seiner Anspannung. „Meinst du er verfolgt eine Spur, die ihn zu seinem Bruder führen könnte?“ Theodor kaute aufgeregt am Nagel seines kleinen Fingers. „Unwahrscheinlich. Vielleicht fährt er einfach nur so durch die Stadt um einen klaren Kopf zu bekommen“, murmelte David. Sie hatten heute jede Menge Hinweise bekommen, doch kein einziger davon war wirklich „heiß“ gewesen, geschweige denn „lau“. Sie hatten sich alle als Falschmeldungen und Irrtümer entpuppt. Megan war immer noch hin- und hergerissen. Ein Teil von ihr fand es gar nicht gut, was Colby da tat. Der andere Teil war heilfroh darüber. „Seht mal“, rief Theodor und deutete aufgeregt auf den Schirm, er ist stehengeblieben.“ „du hast nicht zufällig auch Bild und Ton“, fragte Megan, ihr Puls hatte sich erheblich beschleunigt. „Klaro, ich hab nen Satelliten gehackt, gleich gibt’s ne Liveschaltung zu Don“, meinte Colby lakonisch. „Hätte ja sein können“, meinte Megan kleinlaut. Alle drei fixierten, wie hypnotisiert, den blinkenden roten Punkt.

 

Don parkte seinen Wagen direkt neben der Halle. Der Vollmond leuchtete vom Himmel herab und gab dem ganzen einen gespenstischen Touch. Zur Sicherheit griff er ins Handschuhfach und holte seine Maglite heraus. Er ging um den Wagen herum und nahm den Eingang genauer in Augenschein. Eine leichte Brise wehte salzhaltige Luft vom Meer in seine Richtung. Eine Tür quietschte in den Angeln. Don verstand dies als Aufforderung zum Eintreten. In der Halle roch es nach Maschinenöl. Er machte die Maglite an. Ihr Strahl schnitt durch die Dunkelheit wie ein Messer durch weiche Butter. Von der Deckte baumelten rostige Eisenketten. Soviel Don wusste, waren hier einst Gabelstapler erzeugt worden. Die Ketten waren sicher die Überreste von Kränen, die die schweren Teile aufs Fließband gehievt hatten. Vom selbigen war auch nur noch ein Haufen Schrott übrig. Vorsichtig ging Don weiter. Dabei fühlte er immer wieder Spinnweben, die er sich spuckend und fluchend aus dem Gesicht wischte. „Guten Abend Agent Eppes, hätten sie bitte die Freundlichkeit, das Licht auszumachen?“ sagte jemand unvermittelt. Die Stimme klang so tief, als würde man ein Tonband mit halber Geschwindigkeit laufen lassen.

 

„Ich bin eine lichtscheue Natur. Anders wäre es mir bis jetzt nicht gelungen, am Leben zu bleiben.“ Don versuchte die Stimme irgendjemandem zuzuordnen, was aber durch den Modulator unmöglich war. Er schaltete die Maglite ab. Einige Meter von ihm entfernt, nahm er eine Bewegung wahr. Seine Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. „Sind sie alleine gekommen?“ wollte der Unbekannte wissen. „Ja, so wie wir es vereinbart hatten.“ Langsam zeichnete sich eine Gestalt vor ihm ab. Er schätzte die ungefähre Größe auf 1,80 m. Der Fremde trug einen langen Mantel und einen Hut, jedenfalls sah es für Don so aus. „Ich weiß ihr vertrauen zu schätzen Agent Eppes“, meinte der Fremde mit der unheimlichen Stimme, „sie hätten ebenso gut jemandem vom FBI oder das LAPD im Schlepptau haben können.“ „Dann hätten sie mir aber sicher nichts verraten“, entgegnete Don. Nervös schob er den Kaugummi in seinem Mund hin und her. „Sie sind ein kluger Kopf. Eine Sache, die Craven auch sehr an ihnen schätzt.“ „Sind sie ein Freund von Craven?“ Dröhnendes Lachen, „so würde ich mich nicht gerade bezeichnen. Ich heiße absolut nichts von dem Gut, was er getan hat. Er ist ein Psychopath auf einem wundersamen Egotrip.“

 

„Wissen sie wo mein Bruder ist?“ diese Frage brannte Don auf der Zunge, seit er die Halle betreten hatte. „Leider nicht, ich wünschte ich könnte ihnen in dieser leidigen Angelegenheit weiterhelfen“, Bedauern schwang in der Stimme des Fremden mit. Don konnte nicht sagen, ob es echt oder geheuchelt war. „Alles was ich tun kann, ist, ihnen Hintergrundinformationen zu liefern.“ „Über was? Über Craven, ich denke, da hat das FBI bereits tief genug gegraben“, sagte Don. „Hahaha“, dröhnte es durch die Halle, „sie wissen nicht einmal ansatzweise um was es hier geht. Craven ist Bestandteil eines großen Ganzen, wenn sie wollen. Zugegeben ein sehr wichtiger, aber er ist nicht der Hauptakteur.“ „Immerhin ist er derjenige, der meinen Bruder entführt hat guter Mann“, schnappte Don, langsam wurde er ungeduldig. Er sah, wie sein Gegenüber den Kopf schüttelte, „das kann ich so nicht im Raum stehen lassen. Für Craven sind sie mehr als nur ein Bulle, der ihn zur Strecke gebracht hat, ebenso ihr Bruder; der ihnen, wie allgemein bekannt, dabei zur Seite gestanden hat. Für Craven sind sie ebenbürtige Gegner.“ „Toll, soll ich jetzt ein Freudenfeuer entzünden? Hören sie, entweder sie kommen zur Sache oder ich bin weg“, Don hatte die Schnauze voll von dem Gelaber. „Craven hatte vor, sie als Verbündeten ins Boot zu holen“, sprach der Fremde weiter, „deshalb hat er ihnen von den Morden, die er nicht begangen hat und von Raphael erzählt.“ Zum Glück befand sich der andere ein paar Meter entfernt. Dons Gesichtsausdruck war meilenweit von dem entfernt, was man intelligent nennen konnte. „Er weiß, wer Raphael ist, er kennt seine wahre Identität. Er dachte, er könnte mit ihnen einen Deal eingehen.“ „A) wieso hat er mir nichts davon erzählt, als ich bei ihm war und B) irgendeinen Deal muss er ja mittlerweile eingegangen sein, sonst würde er sich nicht in Mount Mitchell befinden“, Don sog hörbar Atem ein, sein Körper nahm eine abwartende Haltung an. „Denken sie, ihr Gespräch mit Craven wurde nicht mitgeschnitten? Ein falsches Wort von ihm und er wäre beim Duschen sicherlich unglücklich gestürzt und hätte sich das Genick gebrochen.“

 

„Und als nächstes kommen sie an und erzählen mir, mein Kollege und ich hätten dann auf der Heimfahrt nen tödlichen Autounfall gehabt“, meinte Don amüsiert, „ist das hier ne Schmierenkomödie aus den 50ern?“ „Sie liegen mit ihrer Vermutung gar nicht so falsch“, sprach der Fremde ungerührt weiter, „Craven hat erst einer Person die wahre Identität von Raphael verraten.“ „Ihnen?“ warf Don neugierig ein. „Oh Gott nein“, wieder dieses dröhnende Lachen, das von allen Seiten echote, „dem jungen, aufstrebenden und jetzt leider sehr toten Anwalt Chris Hersh.“ „Chris Hersh? Der ist doch erst kürzlich beim Klettern verunglückt. Es stand überall zu lesen, dass er sich bei dieser schwierigen Route selbst überschätzt hatte“, Dons Stimme war einen Tick lauter geworden. „Chris Hersh hatte Höhenangst. Die höchsten Berge, die er vorher je „bestiegen“ hat, waren die Hollywood Hills, um dort seiner reichen Klientel einen Besuch abzustatten. Das Ganze ist erstunken und erlogen.“

 

„Und weshalb haben sie Craven nicht schon längst kalt gestellt? Das wäre doch die Lösung schlechthin“, sagte Don. „Weil Craven sich doppelt und dreifach abgesichert hat. Wie sie wissen, hat er eine recht große Anhängerschaft, die ihm bedingungslos gehorcht. Einige dieser Leute haben Briefumschläge samt dazugehöriger Anleitung erhalten. Darin steht, was sie im Fall von Cravens Tod damit tun müssen.“ „Lassen sie mich raten, keiner weiß, wer die Leute sind, oder kennt ihren Aufenthaltsort? Craven ist gut, dass muss ich ihm lassen“, Don nickte anerkennend, „und wer hat dann Charlies Entführung in Auftrag gegeben?“ „Jemand der genug Macht hat, es als Cravens Rache an ihnen aussehen zu lassen. Jemand der imstande ist, die Ermittlungen im Fall Craven einfrieren zu lassen und ihm ein angenehmes Leben in einem Sanatorium beschert, damit er ja den Mund hält. Jemand der genug Macht hat, ihre Kündigung zu veranlassen. Jemand der keine Skrupel hat Menschen, die zu viel wissen, einfach so, sterben zu lassen.“

 

„Wenn das wahr ist, was sie mir hier erzählen, dann …..“ „Dann können wir uns alle warm anziehen Agent Eppes. Dann ist es auch sehr unwahrscheinlich, dass ihr Bruder die Entführung überleben wird. Sein analytisches Denkvermögen gepaart mit ihrem Instinkt, den sie seinerzeit als Zielfahnder sehr gut genutzt haben sowie ihre Erfahrungen beim FBI und last but not least ihre Sturheit, der Wahrheit auf den Grund zu gehen, stellt für Raphael und denjenigen der ihn deckt, eine große Gefahr da.“ Trotz der spätsommerlichen, lauen Luft, lief Don ein eiskalter Schauer den Rücken hinunter. „Ich werde zu Craven gehen und mit ihm reden, er soll mir alles erzählen, was er weiß, ich sorge dafür…“, „Er wird ihnen nichts sagen. Nicht nur ihre Familie wurde bedroht“, fiel ihm die dunkle Gestalt ins Wort. „Shit“, fluchte Don, „ich … ich kann doch nicht Nichts tun. Soll ich abwarten, bis sie mir Charlies Leiche vor die Haustür legen?“ seine Stimme klang gequält und verzweifelt. „Sie können eines tun: auf ein Wunder hoffen. Ab und an sollen ja welche geschehen“, der Fremde wandte sich zum Gehen. „Halt, wo wollen sie hin?“ „Ich habe all mein Wissen mit ihnen geteilt. Es obliegt ihnen, wie sie damit umgehen. Aber ich warne sie, seien sie auf der Hut.“

 

Plötzlich warf Don alle Vorsätze über Board und lief dem Fremden hinterher. Dieser hörte die sich nähernden Schritte und wandte sich blitzschnell um. Dabei hielt er etwas in der Hand, „ich hatte gehofft, ihnen das zu ersparen, Agent Eppes“, sagte er und drückte ab. Don hatte keine Chance mehr, auszuweichen. Zwei dünne Widerhaken bohrten sich in seinen rechten Oberschenkel. Augenblicklich fuhren 50.000 Volt durch seinen Körper. Er ging, wie ein gefällter Baum, zu Boden und zuckte noch ein paar Mal, ehe er das Bewusstsein verlor.

 

Colby war mit Theodor noch ein bisschen um die Häuser gezogen. Der „Kleine“ wuchs ihm immer mehr ans Herz. Gegensätze zogen sich eben an, ging es ihm durch den Kopf, als sie kurz nach Mitternacht eine Bar am Sunsetstrip verließen. Theodor hatte vom vielen Tequila Wett saufen ein wenig „Schlagseite“, also rief ihm Colby ein Taxi. Zehn Minuten später saß er in seinem Wagen, nahm den Laptop aus der Tasche, die unter dem Beifahrersitz lag und fuhr ihn hoch. Völlig überrascht und gleichzeitig besorgt, stellte er fest, dass der rote Punkt, der Dons Standort anzeigte, unverändert an der gleichen Stelle geblieben war. Da konnte was nicht stimmen, sagte ihm sein Bauchgefühl.

 

So schnell er konnte, raste Colby zu der stillgelegten Fabrik. Wie erwartet Stand Dons Wagen, vor einem der Eingänge. „Don? Hey Don, wo bist du, ich bin es Colby!“ Nichts. Er schnappte sich seine Taschenlampe und ging hinein. Mit der linken Hand hielt er die Maglite in Kopfhöhe, seine rechte Hand legte er auf seinen Holster und entsicherte dabei die Waffe. „Don! Hey Kumpel, wo steckst du?“ Er leuchtete jeden Winkel der Halle aus. Unvermittelt streifte der Lichtstrahl eine Gestalt, die reglos am Boden lag. „Don?“ schrie Colby und lief zu ihm hin. Er legte die Maglite zur Seite und drehte Don vorsichtig auf den Rücken. „Hey Don, komm schon, was ist mit dir los?“ er untersuchte ihn oberflächlich. Sein Freund trug die kugelsichere Kevlarweste des FBI unter seinem Shirt. Colby konnte keine äußeren Verletzungen erkennen. „Don, komm schon, was ist mit dir passiert?“ Ein leises Stöhnen kam als Antwort. Mehr nicht. Colby zog seine Jacke aus und bettete Dons Kopf darauf. Dann griff er zu seinem Mobile und wählte die 911.