Chapter 18

 

Am nächsten Morgen wachte Don gegen neun Uhr auf und fühlte sich trotzdem wie von der Eisenbahn überrollt. Er hatte gestern Abend noch kurz bei seinem Dad angerufen und sich für die Sauerei, die er hinterlassen hatte, entschuldigt. Er war momentan einfach neben der Spur. Alan hatte sich verständnisvoll darüber geäußert, dennoch hatte Don ihm angeboten, für die Kosten eines neuen Anstrichs aufzukommen. Das Thema „Suspendierung“ wollte er eigentlich außen vor lassen. Doch Alan war auch bereits darüber informiert. Väter, sie wussten einfach alles. Nach dem Telefonat mit seinem Vater, hatte Don, entgegen sonstiger Gewohnheiten, dann noch zwei Schlaftabletten eingeworfen. Gut möglich, dass dies auch ein Grund für das dumpfe Gefühl in seinen Kopf war. Na ja, immerhin besser als die ganze Nacht vor der Glotze zu verbringen. Mann, wann hatte er eigentlich zuletzt 10 Stunden am Stück durchgeschlafen?

 

Er konnte sich echt nicht daran erinnern. Das heiße Wasser, das aus dem Duschkopf auf ihn niederprasselte, weckte seine Lebensgeister wenigstens zum Teil. Wie es Charlie wohl gehen mochte? War er überhaupt …. Nein, diese Möglichkeit durfte er gar nicht in Betracht ziehen. Er schüttelte seinen Kopf, als könne er damit die düsteren Gedanken verbannen und stieg aus der Dusche. Er rubbelte sich sein Haar trocken und band sich ein Handtuch um die Hüften. Er hatte gerade seine erste Tasse Kaffee intus, als es klingelte. Plötzlich war er hellwach, vielleicht würde man ihm mitteilen, Charlie sei wieder aufgetaucht. Erwartungsvoll riss er die Tür auf. „Ivy?!“ seine Mundwinkel zogen sich enttäuscht nach unten. „Ich freu mich auch, dich zu sehen Don. Aber wenn du willst, kann ich ja gleich wieder gehen“, meinte sie achselzuckend. „Nein, nein, schon in Ordnung, komm rein.“ Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass das einzige Stück Stoff, dass er am Leib trug, das Handtuch war, „setz dich derweil ins Wohnzimmer, ich zieh mir nur schnell was an.“

 

Er hatte gedacht, sie würde dagegen protestieren, doch da hatte er sich anscheinend getäuscht. Im Schlafzimmer schlüpfte er rasch in Jeans und ein schwarzes Sweatshirt mit V-Ausschnitt. „Jetzt bin ich ganz dein“, grinste er, „darf ich dir vielleicht etwas anbieten?“ „Nein, danke.“ „Täusch ich mich, oder bedrückt dich was?“ der Agent in ihm hatte die Gesprächsführung übernommen. „Ich hab vorhin mit Amita telefoniert. Die Sache mit Charlie … ich weiß nicht, was ich sagen soll, schrecklich.“ Er nickte stumm, Don, der Mann der vielen Worte. „Sie hat mir auch erzählt, was mit dir passiert ist. Warum tun die das?“ „Anscheinend hab ich jemanden ans Bein gepinkelt“, Don, der Diplomat. „Dumme Sache.“ Nachdenklich nagte sie an ihrer Unterlippe, „ wirst du …“ „Weswegen bist du …“ begannen beide gleichzeitig. „Sorry, du zuerst“, entschuldigte sie sich. „Nein, du“, er schenkte ihr ein schiefes Grinsen. „Ach es ist nichts“, ohne jede Vorwarnung brach sie in Tränen aus.

 

Er saß da, als hätte man seinen Hintern an den Hocker getackert. Regungslos, unbeholfen. Immerhin könnte es kein Fehler sein, zu ihr hinüberzugehen und sie zu trösten, ganz egal, weswegen sie jetzt hier saß und zur Heulboje mutierte. „Ivy, ich wusste nicht, dass dich die Sache so mitgenommen …“ Sie zog ein völlig verknittertes Taschentuch aus der Handtasche, „es ist nicht wegen Charlie, oder doch, vielleicht ein wenig. Aber eigentlich geht es um ganz was anderes.“ Sie schnäuzte sich geräuschvoll. Ungelenk setzte er sich neben sie. Die Entscheidung, ob er sie denn jetzt umarmen oder einfach nur da sitzen sollte, nahm sie ihm ab, als sie ihren Kopf an seine Schulter legte. Don, ein Mann der Tat. Er hasste solche Szenen. Schließlich überwand er sich und strich sanft über ihr Haar. „Erzähls mir einfach“, seine Stimme klang so gar nicht wie seine eigene. „Es, es ist … wegen meiner Schwester“, sie schluchzte erneut laut auf, „sie hat Lungenkrebs. Sie geben ihr noch ein paar Monate oder weniger. Der Tumor hat bereits gestreut und ist inoperabel.“ Don, der Schweigsame. Er schluckte und sah kurz zur Decke, die konnte auch mal wieder einen neuen Anstrich vertragen.

 

„Ich muss unbedingt sofort zu ihr. Sie hat einen kleinen Sohn. Jeremiah, er ist erst fünf. Der arme Kleine. Wer wird sich um ihn kümmern, wenn sie nicht mehr da ist?“ „Hat sie denn keinen Mann?“ Don, der Beziehungsexperte. Ivy schüttelte den Kopf, „sie ist geschieden, der Vater des Jungen ist im Irak gefallen, wir haben auch keine Eltern mehr. Ich bin die einzige Verwandte, die sie noch hat. Ich hab keine Ahnung, ob ich überhaupt schon bereit bin, für so eine Aufgabe“, sie vergrub ihr Gesicht in Dons Schulter. „Du wirst das schon in den Griff bekommen Ivy, schließlich hast du jeden Tag mit Kids zu tun“, Don, der Weise. Sie schüttelte den Kopf, „die Kids mit denen ich es zu tun hab, sind beinahe schon erwachsen. Das ist etwas ganz anderes. Oh Gott, ich weiß nicht, was ich tun soll.“ „Ich bin in solchen Dingen nicht gerade die ideale Ansprechperson“, Don, der Einsichtige, „ich hatte noch keine Beziehung, die lang genug gedauert hätte, um das Thema „Kind“ überhaupt aufs Tapet zu bringen.“ „Ich wollte auch keinen Rat von dir, ich wollte einfach nur jemandem zum Reden“, schniefte sie und setzte sich wieder auf. Ja Donnie, es gibt auch Frauen, die nicht immer nur an das EINE denken, wenn sie dir gegenüberstehen, schoss es ihm durch den Kopf.

 

Reden, das war ja mal ne ganz neue Perspektive in ihrer kurzen Beziehung. Die bereits – wie lange – acht oder neun Tage bestand? Normalerweise gab es in diesem Stadium seiner Beziehungen nur eine Sprache: Stöhnen und Keuchen. „Dann reden wir eben“, Don, der Einfühlsame. Sie sah ihn an und schüttelte unmerklich den Kopf, „du bist echt süß Don.“ Ihre Tränen schienen getrocknet. Sie umarmte ihn spontan. Kurz darauf sah sie ihm in die Augen, ohne loszulassen. Sie war ihm so nahe, er spürte ihren Atem auf seinem Gesicht. Er konnte nicht anders, gab ihr einen Kuss und drückte sie, langsam, mit seinem Gewicht auf die Couch. Don, der Draufgänger. Das war doch viel besser als reden. „Eigentlich bin ich nicht hierher gekommen um mit dir zu schlafen“, murmelte sie mit glasigen Augen. „Eigentlich“, entgegnete er neckisch. Doch er konnte deutlich ihren Widerstand fühlen und gab sich geschlagen. „Sei mir bitte nicht böse“, sagte sie, als sich beide wieder in aufrechter Sitzposition befanden.

 

„In meinem Kopf herrscht Chaos. Ich muss noch soviel erledigen und packen.“ „Packen?“ Don, der Entsetzte. „Kim wohnt in San Francisco“, antwortete sie, „ich war heute morgen bei Milly, in der Uni, ich hab mir für unbestimmte Zeit freigenommen.“ Und was wird aus uns? Don, der Ratlose. Sie schien seine Gedanken erraten zu haben, kein Wunder bei dem Blick, den er ihr zuwarf. „Du weißt doch, was man über Long-Distance- Relations sagt, sie sind früher oder später zum scheitern verurteilt.“ „Hast du nicht vor, wiederzukommen?“ „Ich hab keine Ahnung Don, ich weiß eigentlich noch gar nichts. Außer, dass ich bei meiner Schwester sein und ihr beistehen will. Es wird nicht einfach.“ „Ich weiß, meine Mutter ist an Krebs gestorben, vor ungefähr zweieinhalb Jahren“, nuschelte er. Sie erhob sich, „dann weißt du nur allzu gut, was mir bevorsteht.“ Er sah zu ihr hoch. Oh Gott, sie war wunderschön, wie sie so da stand. Ihre dunklen Augen wirkten auf ihn, wie ein schwarzes Loch, das alles anzog, ihn anzog. Wie in Trance stand er auf und folgte ihr zur Tür. Bevor sie nach draußen verschwand, hielt er sie kurz zurück, „ich hoffe, es ist nicht das letzte Mal, dass wir uns sehen.“ Sie zuckte nur kurz die Schultern. Dann war sie fort. Sie wollte ihm nicht zeigen, wie weh ihr dieser Abschied tat, aber das brauchte sie nicht, er wusste es ohnehin.

 

Bei Colby ging der Anruf eines Informanten ein, dass jemand, auf dessen Charlies Beschreibung passte, in einer Seitengasse in Downtown gesehen worden war. Zusammen mit Megan, David und Theodor machten sie sich auf den Weg. Sie jagten ihre Wägen quer durch LA, zehn Minuten später befanden sie sich am angegebenen Ort. Es war ein Abbruchhaus, das bis zum Abriss Obdachlosen als Unterschlupf diente. „Mann, ist das hier dreckig und stinkig“, stellte Theodor angewidert fest. „Willkommen auf der Kehrseite von „Reich und schön“, entgegnete Colby. Megan ging derweil mit einem Bild von Charlie von einem zum anderen. Jeder schüttelte den Kopf. Als sie es schon aufgeben wollte, kam ein Junge, von ungefähr sechzehn Jahren, aufgeregt angelaufen und deutete mit dreckverkrustetem Zeigefinger in den ersten Stock. „Ich hab ihn dort oben gesehen Ma’am. Ehrlich, ganz bestimmt. Was krieg ich dafür?“ Er war offensichtlich ein Junkie. „Eine heiße Suppe, frische Kleidung und was zu Essen“, sagte David. „Was keine Kohle?“ der Junge war am Boden zerstört. „Die würdest du ohnehin gleich dem nächsten Dealer in die Tasche stecken“, David aus der Bronx, kein anderer von ihnen wusste wohl besser über dieses Milieu Bescheid. „Aber ich dachte, es gibt eine Belohnung.“ „Warte hier, wir sehen nach, ob er es überhaupt ist“, meinte Colby und schob den Jungen beiseite. Er und die anderen drei betraten das, was einst einmal eine Empfangshalle gewesen sein musste.

 

Er kam sich vor wie in einem Endzeitmovie. Die Drähte hingen lose aus der Decke, der Putz war schon längst von den Wänden gebröckelt und gab den Blick auf das nackte, vor sich hinrostende, Stahlgerüst der Pfeiler frei. Außerdem gab es keine einzige Scheibe, die noch heil geblieben war. „Nettes Plätzchen, richtig einladend“, meinte Megan sarkastisch. Sie kamen nur schlecht voran, weil sie ständig irgendwelchen Schutthaufen oder losen Kabeln ausweichen mussten.“ „Fast könnte man meinen, die hätten hier Resident Evil gedreht“, sagte Theodor. Die Stufen waren zwar aus Beton. Trotzdem prüften die Agenten jede einzelne. Hier war niemand vor einem Absturz gefeit. Wohlbehalten gelangten sie in den ersten Stock. Hier musste einmal ein Großraumbüro gewesen sein. Die Trennwände und einige Möbel lagen einfach im Raum verteilt. Fast so, als wäre ein Wirbelsturm durch ein Puppenhaus gefegt. „Hallo, ist hier jemand, Charlie?“ rief Colby. Nichts. „FBI, ist hier jemand“, versuchte es Megan erneut. Ein Poltern. Es war aus dem letzten Büro am Ende des Ganges gekommen. David und Colby liefen hin. Eine frische Blutlache blitzte ihnen als Begrüßung entgegen. Hinter einem umgestürzten Schreibtisch bewegte sich was. Mit einem Riesensatz war Colby dort.

 

Ein Mann, halb unter einer Trennwand begraben, lag dort. Seine Beine und ein dunkler Lockenschopf lugten gerade noch hervor. „Charlie!“ brüllte Colby und hob die Trennwand mit einem Ruck hoch. Seine Kollegen kamen angelaufen. „Das ist nicht Professor Eppes“, Theodors Stimme war die Enttäuschung anzuhören. Der Mann hatte nur auf den ersten, undeutlichen Blick, wie Charlie ausgesehen. Er war älter und offensichtlich ein Obdachloser, auf dessen rechtem Oberschenkel eine scheußliche Wunde klaffte. „Ich ruf trotzdem einen Krankenwagen, wenn wir ihn liegenlassen, verblutet er“, sagte Megan. „Ich hoffe, wir bekommen nicht mehr solcher Falschmeldungen“, schnaubte David, „gut, dass wir Don nicht verständigt haben.“ Colby nickte während er dem Obdachlosen das Bein, oberhalb der Wunde, mit einem Kabel abband, um die Blutung zu stoppen, „solange Charlie nicht eindeutig von jemandem identifiziert wurde, bleibt das auch so. Er hat schon genug Dinge, um die er sich Sorgen machen muss.“

 

Unterdessen saß Don in seinem Apartment und überlegte, ob er jemandem von seinem Treffen heute Abend unterrichten sollte. Er zog Colby in Betracht, andererseits hatte der Unbekannte geschrieben, er solle alleine kommen. Schön naiv, wenn er sich an diese Forderungen hielt, meldete sich sein Instinkt. Was, wenn der Unbekannte bemerkte, dass Don nicht alleine war? Er würde verduften, keine Frage. Aber würde er sich dann erneut bei ihm melden? Er bezweifelte es. Don begann, nervös hin und her zu laufen. Wie sollte er sich entscheiden?