Chapter 17

 

Gegenwart

 

Nachdenklich blickte Dr. Mirren den Pflegern hinterher, die Charlies Bett auf die Intensivstation schoben. „Können sie mir bitte den Aufnahmebogen geben?“ bat er die Schwester hinter dem Counter. „Das würd ich gern tun Sir, aber er ist leer. Die junge Dame ist einfach davongelaufen. Kann es sein, dass sie ihn vielleicht angefahren hat und aus schlechtem Gewissen …“ „Nein, seine Verletzungen sind anderer Natur“, wurde sie von Mirren unterbrochen, „er wurde misshandelt und seine Körper ist voll mit Crystal.“ Die Schwester zuckte die Schultern, „wahrscheinlich ist er ein Junkie, er sah ja nicht gerade gepflegt aus. Das Mädchen ist sicher ne Freundin von ihm, die ihn nicht vor die Hunde gehen lassen wollte. Mirren schüttelte den Kopf, „seine Arme weisen keine Einstiche auf. Sein verwahrloster Eindruck muss auf etwas anderes zurückzuführen sein. Irgendwas stinkt hier gewaltig zum Himmel. Falls mich jemand sucht, ich bin kurz in meinem Büro.“

 

Mirren durchforstete einen Stapel Visitkarten in der untersten Schreibtischschublade. Irgendwo musste er die Visitkarte eines Police-Officers haben, den er vor ein paar Monaten wegen einer Schussverletzung behandelt hatte. Bingo! Mit einen nervösen Kribbeln im Nacken setzte er sich ans Telefon und wählte die Nummer. „LAPD, was können wir für sie tun?“ sagte eine sympathische Frauenstimme. „Hallo, mein Name ist Andrew Mirren. Ich bin Arzt im Huntigton Medical Centre, könnte ich bitte mit Officer Browdy sprechen?“ „Einen Moment bitte“, eine leise Melodie dudelte in sein Ohr. „Browdy?!“ „Hallo Officer, hier spricht Dr. Mirren vom Huntigton ….“ „Hey Doc!“ Browdy war offensichtlich erfreut ihn zu hören, „sie haben Glück, ich bin gerade ins Büro gekommen.“ Mirren räusperte sich ein wenig verlegen, „entschuldigen sie bitte die Störung Officer, aber ich habe hier ein kleines Problem.“ „Um was geht’s“ Browdys Stimme nahm augenblicklich einen dienstlichen Tonfall an.

 

„Vor ca. 2 Stunden war eine junge Frau hier und hat verzweifelt um Hilfe gebeten. Ein Mann, den sie am Straßenrand aufgelesen haben will, brauchte dringend Hilfe. Während wir uns um ihn gekümmert haben, hat sie aber die Mücke gemacht. Meiner Einschätzung nach, wurde der Mann schwer misshandelt, er hat Fesselspuren an beiden Arm- und Fußgelenken. Außerdem ist er vollgepumpt mit Chrystal Meth.“ „Denken sie nicht, es könnte ein Junkie sein?“ warf Browdy kurz ein. „Das ist es ja eben, was mich stutzig macht. Ich kenne diese Typen. Ich hab mal in der Notaufnahme des Presbyterian Hospitals in New York City gearbeitet. Er sieht überhaupt nicht so aus wie diese Typen. Klar macht er einen verwahrlosten Eindruck, aber anders eben. Hach, ich weiß nicht wie ich es ihnen beschreiben soll.“ Ungeduldig trommelte er mit den Fingern auf seiner Schreibtischunterlage herum. Wäre jemand anders als Browdy am Apparat gewesen, hätte er wahrscheinlich schon längst aufgelegt.

 

„Sie meinen, ihr Unbekannter könnte möglicherweise Opfer eines Verbrechens geworden sein“, schlussfolgerte der Officer. „Genau! Deshalb wollte ich sie bitten, ob sie mir vielleicht die aktuellsten Vermisstenmeldungen zukommen lassen könnten.“ Kurze Pause. „Wenn sie nichts dagegen haben, komme ich persönlich bei Ihnen vorbei. So in einer halben Stunde, wenn’s recht ist. Hatte der Mann denn absolut nichts bei sich, das uns auf seine Herkunft würde schließen lassen?“ „Nein, Officer Browdy, sonst hätte ich sie nicht bemüht.“ „Schon in Ordnung, ich seh mal, was ich an Informationen auftreiben kann und bin dann demnächst bei ihnen.“ „Danke Officer, sie wissen ja, wo sie mich finden können.“ Sie verabschiedeten sich noch kurz voneinander. Dann ging Browdy wieder zurück in die Notaufnahme und instruierte die Schwester entsprechend. Danach ging er in Charlies Zimmer und überprüfte dessen Vitalfunktionen. Sie waren zufriedenstellend, jedenfalls für den Moment. Die nächsten zweiundsiebzig Stunden würden die Entscheidung bringen. Seine körperlichen Wunden waren nicht das eigentliche Problem. Es war die Droge, die sich im Blutkreislauf des Patienten befand, die ihm Kopfzerbrechen bereitete.

 

Delinda fuhr auf direktem Weg in ihr Apartment. Stickler und Xavier würden schon merken, dass sie und Charlie verschwunden waren. Stickler würde sicher eins und eins zusammenzählen. Außerdem, verliefe alles nach Plan, würde sie Adrian bald persönlich gegenüberstehen und ihm alles erklären. Er hätte einem Mord nie zugestimmt, dessen war sie sich sicher. Die Fahrt nach LA dauerte länger als geplant. Auf dem Highway war ein Unfall geschehen und die Einsatzkräfte waren immer noch mit den Räumungsarbeiten beschäftigt. Völlig am Ende ihrer Kräfte stieg sie aus dem Wagen. Sie meinte jeden einzelnen Muskel, ja jeden Knochen in ihrem Körper zu spüren. Ihr Kopf dröhnte wie ein Heavy Metal Konzert. Sie sah sich bereits ausgestreckt in ihrer heißen Badewanne liegen. Sie bemerkte die dunkle Gestalt nicht, die mit einem Präzisionsgewehr, ausgerüstet mit Schalldämpfer, auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf der Lauer lag. Der Tod erwischte sie eiskalt. Die Kugel, ein Hochgeschwindigkeitsgeschoß, drang problemlos in ihren Hinterkopf ein und zerfetzte beim Austritt den Großteil ihres wunderschönen Gesichtes. Ihr lebloser Körper fiel vornüber. Niemand hatte etwas gesehen oder gehört. Zufrieden lächelnd zog sich der Schütze in die Dunkelheit zurück. Um das Verschwinden der Leiche brauchte er sich keine Sorgen machen, die „Männer fürs Grobe“ waren bereits im Anmarsch.

 

Fünf Tage zuvor, kurz nach 20 Uhr im Haus der Familie Eppes

 

„Du meine Güte, was riecht denn hier so“, sagte Amita, die in Begleitung von Charlies Dad, gerade die Garage betrat. „Hier stinkt’s wie inner Brauerei“, stellte Alan trocken fest. Dann stach beiden auch schon der Fleck an der Wand in die Augen. Auf dem Boden lagen überall Glassplitter verstreut. Augenblicklich waren sie auf der Hut. „Meinen Sie, hier hat jemand eingebrochen?“ flüsterte Amita. „Keine Ahnung“, entgegnete Alan nervös. Dann schob er sich an ihr vorbei, „sie warten hier Amita, ich geh mal nachsehen.“ Er nahm die Garage gründlich in Augenschein und fand nichts weiter Auffälliges. „Die Luft ist rein“, rief er ihr zu. „Ich denke nicht, dass es ein Einbruch war“, meinte er und zupfte nachdenklich an seiner Unterlippe. Amita nickte zustimmend, „der Laptop ist noch da und das Chaos ist typisch Charlie.“ Sie setzte sich an den Tisch und fuhr den Laptop hoch. „Merkwürdig murmelte Alan. Kurzerhand griff er zu seinem Mobile und rief Don an. Er kam jedoch nur auf dessen Mailbox. „Ich hab keine Lust, mit ner Maschine zu sprechen“, sagte er verärgert und rief in Dons Büro an. „Megan Reeves?!“ „Hi Megan, hier ist Alan, Dons Vater, könnte ich bitte mit meinem Sohn sprechen.“

 

Stille. „Hallo Megan, sind sie noch dran?“ „Ja, klar Alan, es ist nur“, sie zögerte, „hat er ihnen denn nichts erzählt?“ „Nein, ich hab ihn seit heute Morgen nicht mehr gesehen, was ist denn passiert?“ Amita sah besorgt zu ihm hoch. Sein Tonfall alarmierte sie aufs Höchste. „Don wurde von Charlies Fall abgezogen und … er wurde mit sofortiger Wirkung suspendiert. Ich leite jetzt die Ermittlungen.“ Alans Knie drohten nachzugeben, rasch setzte er sich auf die Couch. Amitas Sorge um Alan wuchs mit jeder Sekunde. „Danke Megan, ich versuch’s noch mal auf seinem Handy.“ Er räusperte sich, weil er befürchtete, seine Stimme würde ihm nicht gehorchen. „Habt ihr schon was …“ „Nein leider Alan“, bedauerte Megan, „im Moment tappen wir, ehrlich gesagt, im Dunkeln. Sobald ich was weiß, melde ich mich umgehend bei ihnen. Versprochen.“ „Danke Megan, ich weiß, dass sie alles für meinen Sohn tun. Man hört sich.“ Amita kam es so vor, als wäre Charlies Vater während des Gesprächs um Jahre gealtert. „Alan, alles in Ordnung?“ hakte sie vorsichtig nach. „Das war Megan, sie haben Don von Charlies Fall abgezogen.“ „Wahrscheinlich wegen Befangenheit, oder wie das heißt“, konstatierte sie. „Aber nicht nur das, sie haben ihn auch noch suspendiert.“ Amita sog hörbar Luft in ihre Lungen, „wow, das hätte ich nun nicht erwartet. Hat sie ihnen auch gesagt weshalb?“ Alan schüttelte den Kopf.

 

„Ich denke, damit hätten wir wohl auch die Erklärung für die Sauerei hier gefunden.“ Amita starrte ihn ungläubig an, „denken sie etwa Don hat das gemacht?“ „Gut möglich. Als Kind war er manchmal sehr jähzornig. Das hat er aber mittlerweile gut in den Griff bekommen. Anscheinend ist es ihm heute zuviel geworden. Kein Wunder.“ Amita stand auf, sie hatte noch genug Zeit sich um Charlies Berechnungen zu kümmern. „Wohin gehen sie?“ fragte Alan. „Ich hol was, damit wir hier sauber machen können.“ „Das kommt überhaupt nicht in Frage. Setzen sie sich ganz schnell wieder hin, ich mach das schon“, sagte er. Langsam kam wieder der „alte“ Alan zum Vorschein. „Ich hab noch einen Makkaroni Auflauf im Kühlschrank, Lust darauf?“ Zuerst wollte Amita dankend ablehnen, aber das Knurren ihres Magens belehrte sie dann doch eines Besseren, „sehr gerne Alan, sehr gerne.“

 

Während des Essens unterhielten sich Amita und Alan angeregt. Beide waren froh, nicht alleine sein zu müssen. Nur ab und an wurde es ein wenig still, wenn die Sprache auf Charlie kam. Alan gab einige Anekdoten aus Don und Charlies Kindheit zum Besten und sprach auch ein wenig über seine verstorbene Frau Margaret. Anschließend half sie ihm, trotz seines Protestes, beim Abwasch. „Wissen sie Amita“, sagte er, „ich bin froh, dass Charlie und sie sich so prima verstehen. Er ist ein komplizierter Kerl, aber sie wissen, wie sie ihn anpacken müssen. Ich wünschte Don würde endlich einmal die Frau fürs Leben finden.“ „Ich denke, dass es als FBI-Agent nicht gerade einfach ist, Job und Familie unter einen Hut zu bringen. Oft muss er mitten in der Nacht zu einem Einsatz, oder …“

 

„Das mag ja sein“, unterbrach Alan sie, „aber es muss doch eine Frau auf diesen Planeten geben, die das akzeptiert und versteht. Wie sieht es eigentlich mit dieser Ivy aus? Charlie hat da mal was erwähnt.“ Amita grinste verschmitzt, „die gute Ivy ist so sprunghaft wie eine Gazelle auf der Flucht vor dem Geparden, sie liebt Männer mit gefährlichen Berufen. Ihr Ex war Stuntman.“ „Und wie lange waren sie zusammen?“ „Ich glaub ein paar Monate oder so.“ „Finden sie, dass sie zu Don passen würde?“ Langsam fühlte sich Amita in die Ecke gedrängt. „Mr. Eppes, nicht böse sein, aber ich denke nicht, dass mich das etwas angeht.“ „Oh, natürlich. Entschuldigung, ich wollte nicht lästig sein“, er nahm ein frisches Geschirrtuch aus dem Hochschrank und trocknete sich die Hände. „Es ist nur, ich weiß so wenig über Don. Manchmal kommt es mir vor, als würde er in einer eigenen Welt leben und nicht Charlie.“ „Das liegt sicher daran, dass er in seinem Beruf Dinge sieht, die wir uns nicht einmal in unseren schlimmsten Albträumen ausmalen könnten. Er will das nicht mit nach Hause bringen, ganz einfach“, versuchte sie Dons Verhalten zu interpretieren.

 

Alan seufzte, „da haben sie wohl recht.“ Seine Augen bekamen einen wehmütigen Blick, „wissen sie Amita, manchmal erinnern sie mich an Margeret. Sie war auch eine Frau, die wusste, was sie wollte, eine Frau mit einer starken Persönlichkeit. Genau das richtige, um mich wieder auf den Boden zu holen.“ Amita schenkte ihm ein Lächeln, „sie und abgehoben? Kann ich mir gar nicht vorstellen.“ „Doch, doch glauben sie es mir ruhig. Ich war sehr bestürzt, als sie mir offenbarte, sie würde Charlie nach Princeton begleiten. Wir hatten damals eine Krise in unserer Beziehung, es ging wieder mal ums liebe Geld und andere Dinge.“ Er fasste sich, „aber genug davon, ich möchte ihre Geduld nicht länger als notwendig strapazieren.“ „Aber das tun sie nicht“, winkte sie ab, „das ist schon in Ordnung.“ Er warf einen Blick auf die Uhr über der Tür, „wenn sie sich nicht bald an die Arbeit machen ….“ Sie seufzte, „ich weiß.“ Sie schwieg einen Moment, dann sagte sie, „Alan, siie würden mir einen großen Gefallen tun, wenn ich hier schlafen dürfte.“ Seine düstere Miene erhellte sich, „das ist doch selbstverständlich. Wo wollen sie ihr Lager für die Nacht aufschlagen? In Charlies oder im Gästezimmer.“ „Lieber im Gästezimmer. Danke.“ Während Alan voller Tatendrang nach oben ging, zog sich Amita in die Garage zurück. Auf dem Weg dorthin, kullerten ein paar Tränen über ihr bildhübsches Gesicht. Ihr Kummer verflog jedoch so bald sie sich den Berechnungen der Brute-Force-Methode widmete.