Chapter 16

 

Fünf Minuten später standen Don, Colby, der Arzt und ein Uniformierter des LAPD bei Craven im Zimmer. „Ihr Handeln wird Konsequenzen haben“, murmelte der Arzt, „denken sie nicht, dass sie so einfach davonkommen.“ „Hören sie auf zu labern und wecken sie dieses Dreckschwein endlich auf“, schnappte Don. Der Arzt zog eine Spritze auf, dann injizierte er Craven das Medikament. „Das dauert jetzt ein paar Minuten“, sagte der Arzt. Schweigend standen sie da und warteten auf eine Reaktion. Am liebsten hätte Don Craven gepackt und ihn wachgerüttelt. Die Augenlider des Serienkillers begannen nach ungefähr drei Minuten zu flattern. „Craven, hören sie mich“, rief Don ungeduldig, „wachen sie auf, ihr Schönheitsschlaf ist vorbei.“ Der Arzt wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn, „geben sie dem Mann doch noch etwas Zeit. Sein Körper ….“ „Schnauze Doc“, fauchte Don, „Craven aufwachen, wir haben etwas zu bereden.“ Langsam, beinahe wie in Zeitlupe öffnete Craven die Augen, er versuchte seine Hände zu bewegen, doch die waren mit gepolsterten Lederschlaufen am Bett fixiert. Er fokussierte seinen Blick. Als er Don erkannte, erhellte ein süffisantes Grinsen sein Gesicht, „hallo Agent Eppes. Es wäre nicht notwendig gewesen, mir einen Besuch abzustatten, trotzdem, danke“, seine Stimme klang matt.

 

„Wenn du mir nicht sofort sagst, was mit meinem Bruder passiert ist, brauchst du kein Medikament mehr, das dich ruhigstellt“, schrie Don ihn an. Craven schluckte, „Könnte ich vielleicht ein Glas Wasser haben, meine Kehle …“ Er hustete. „DU kannst gar nichts haben“, unterbrach ihn Don, „zuerst sagst du mir, was ich wissen will.“ „Sie hatten ihre Chance Eppes und sie haben sie nicht genutzt. Ich werde, ups, ich meine, ich kann ihnen nicht helfen, denn ich weiß nicht wovon sie sprechen.“ Mit einem Aufschrei fuhr Don Craven an die Gurgel und begann ihn zu würgen, „du selbstherrliches Arschloch, denkst du, dass mich irgendjemand daran hindern könnte, dir ernsthaft weh zu tun.“ „Um Himmels Willen“, kreischte der Arzt, lief verstört aus dem Zimmer und rief nach der Security. Cravens Gesicht wurde dunkelrot, „tun sie’s und ihr Bruder ist für immer verloren“, keuchte er. Don war hin- und hergerissen. Doch weder Colby noch der Polizist griffen ein. Sie wussten, worum es hier ging. Dons Atem ging in kurzen Stößen, am liebsten hätte er dem Killer das Genick gebrochen. Er entschied sich anders und ließ von ihm ab. „Das war sehr dumm von ihnen Agent, sehr dumm“, krächzte Craven, auf dessen Hals sich deutlich Dons Fingerabdrücke abzeichneten.

 

Ehe Don erneut etwas erwidern konnte, rauschte der Arzt in Begleitung von zwei menschlichen Bulldoggen ins Zimmer, „FBI oder nicht, verschwinden sie umgehend aus diesem Zimmer und aus dieser Klinik, sie sind hier nicht länger willkommen“, keifte er und deutete mit der ausgestreckten Hand zur Tür, „raus hier, sofort.“ Noch zögerte Don. „Butch, Skip eskortieren sie die beiden Herren bitte hinaus“, Colby sah die Sache weniger emotionslos. Ihm kam der Mann im weißen Kittel eher wie Rumpelstilzchen für Arme vor und nicht wie ein Arzt. „Wir gehen schon“, sagte er gedehnt, „die Gentlemen brauchen sie nicht zu bemühen.“ Mit sanftem Druck schob er Don aus dem Zimmer. „Du weißt, dass du Scheiße gebaut hast“, sagte er tonlos zu seinem Freund, als sie wieder im Wagen saßen und er den Schlüssel ins Zündschloss steckte, „aber ich verstehe dich, denn ich hätte wahrscheinlich genauso gehandelt.“ Dons starrer Blick ging durch die Windschutzscheibe hindurch ins Nirgendwo. Er hatte schlichtweg „abgeschaltet“.

 

Wieder zurück im Büro, zog er sich seine Jacke aus, ließ sich erschöpft auf seinen Stuhl fallen, verschränkte die Arme auf der Schreibtischplatte und legte seinen Kopf darauf. Er fühlte sich total zerschlagen. Megan nahm Colby zur Seite und ging mit ihm in die Küche. „Wieso bist du nicht dazwischen gegangen?“ zischte sie. „Was meinst du?“ „Als Don die Hände um den Hals des Arztes gelegt hat.“ Er war verblüfft, „das weißt du schon?“ „Was denkst du denn? Auch dass er den Mann genötigt hat Craven zu wecken. Der Chief ist stinksauer auf Don, er hat mir die Leitung der Ermittlungen übertragen.“ „Und was ist mit Don?“ „Er will ihn suspendieren“, Megan griff sich an den Magen, ihr war Elend zumute. „Er kann ihn doch nicht einfach von dem Fall abziehen, das glaub ich nicht“, Colby schüttelte den Kopf, „was läuft hier eigentlich? Don wird zur Schnecke gemacht, während man Craven wie ein rohes Ei behandelt, spinnen die total?“ David gesellte sich zu ihnen, „Megan, ich war gerade im Waschraum, es wird gemunkelt, sie wollen Don suspendieren.“ Sie verschränkte nervös ihre Finger, „das stimmt, sie haben mich mit den weiteren Ermittlungen beauftragt.“ „Shit“, fluchte David. Alle drei sahen besorgt nach draußen. Don hatte nach wie vor seinen Kopf auf die Arme gelegt und rührte sich nicht.

 

„Wieso ziehen sie ihn nicht einfach von dem Fall ab, wegen Befangenheit? Wieso müssen sie ihn gleich suspendieren?“ David schüttelte den Kopf. „Ihr wisst doch noch, die Sache mit dem Psychologen vor einiger Zeit.“ „Sag nicht, das haben sie auch noch ausgegraben?“ meinte Colby ungläubig, „sein kleiner Bruder wurde entführt, was erwarten sie von ihm? Dass er fröhlich pfeifend seinem Job nachgeht und ihm alles egal ist?“ „So in etwa“, gab Megan trocken zurück, „vor allem jedoch, dass er sich von Craven fernhält.“ Colby sah Megan in die Augen, „du weißt, dass wir ihn unmöglich aus diesem Fall ausschließen können. Suspendierung hin oder her. Er hat ein Recht darauf zu erfahren, was ….“ „Colby, entspann dich“, sie legte eine Hand auf seinen Arm, „ich hab nicht vor Don Informationen vorzuenthalten. Sie sehen uns nur verdammt genau auf die Finger, wir müssen sehr vorsichtig sein.“ Ihre Stimme hatte einen verschwörerischen Ton angenommen, „egal was kommt Jungs, wir lassen und nicht unterkriegen und wir werden Charlie finden!“ Einig nickten sie einander zu.

 

Das Klingeln des Telefons riss Don aus seiner Lethargie. „Eppes?“ „Der Chief verlangt sie zu sehen, sofort“, tönte die freundliche Stimme von Dotty in sein Ohr. „Ich bin gleich da“, nuschelte Don. Mühsam stand er auf, machte einen kurzen Zwischenstopp im Waschraum und spritzte sich eiskaltes Wasser ins Gesicht. Er fühlte sich wie ausgekotzt und genau das, zeigte ihm auch sein Spiegelbild. Das ansonsten so freundliche Lächeln von Dotty, erstarb auf ihren Lippen, als sie Don erblickte. „Ich hab das von Charlie gehört. Es …“ Er hob die Hand, „schon gut. Kann ich gleich rein?“ Sie nickte. Zu Dons Überraschung befand sich Direktor Vasquez ebenfalls im Büro des Chief. Ein Stuhl war noch frei. Auf dem nahm Don, unaufgefordert, Platz. „Ich denke, wir wissen, weshalb sie hier sind.“ „Sicher nicht um meine Beförderung zu besprechen“, entgegnete Don mit Galgenhumor und verbittertem Tonfall.

 

„Wir haben vorhin einen äußerst beunruhigenden Anruf aus Mount Mitchell erhalten. Mussten sie dort unbedingt zu Rambo mutieren, Agent Eppes?“ Don kratzte sich nachdenklich am Kopf, „was soll ich sagen Sir, ich steh derzeit ein wenig unter Strom. Die Gründe dafür dürften hinlänglich bekannt sein.“ „Trotzdem können sie sich nicht zum Rächer aufschwingen und eine Nervenheilanstalt aufmischen, sind sie von allen guten Geistern verlassen?“ Der Chief schüttelte den Kopf. Vasquez ergriff das Wort, „wir sind zu der Überzeugung gekommen, dass es das Beste für sie ist, wenn wir sie vorübergehend suspendieren. Die Sache mit ihrem Bruder ist äußerst bedauerlich, doch ist dies keine Entschuldigung für ihr Benehmen.“ Don schluckte mehrmals hintereinander, unter anderem, um sich nicht zu einer weiteren unbedachten Äußerung hinreißen zu lassen. „Ich interpretiere ihr Schweigen als Zustimmung, würden sie mir dann bitte ihre Marke, ihre Waffe und ihren Ausweis aushändigen“, sagte der Chief, dabei zuckte sein linker Mundwinkel ein wenig.

 

„Ich bezweifle, dass dies eine geeignete Maßnahme darstellt, mich von der Suche nach meinem Bruder abzuhalten“, murmelte Don, während er die Sachen auf den gläsernen Schreibtisch seines Vorgesetzten packte. „Don, wir schätzen Charles Eppes als außerordentliche Unterstützung wirklich sehr und wir sind bemüht, alles in unserer Macht stehende zu tun ….“ „Und da suspendieren sie den einzigen Menschen, der weiß woher der Wind weht, nämlich mich, seinen Bruder, wirklich toll.“ Don stand auf und applaudierte. „Der Fisch fängt am Kopf an zu stinken“, meinte Don kryptisch, „was hat Novak noch in der Hand, das ihr alle vor ihm kuscht?“ Verständnislose Blicke streiften ihn. „Lieg ich vielleicht falsch?“ Don zuckte die Achseln, „ich bin nur ein einfacher FBI-Agent, was weiß ich denn schon von der großen weiten Welt oder denen die hier das sagen haben?“ „Ich ignoriere ihre Anspielungen Agent Eppes“, murmelte der Chief und wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Oberlippe, „danke, wir sind fertig sie können gehen.“ Don hatte schon längst die Tür hinter sich geschlossen.

 

Er ging zurück zu seinem Tisch und klaubte seine Sachen zusammen. Megan kam auf ihn zu. Er schloss für den Bruchteil einer Sekunde die Augen, „sag es nicht Megan. Mir kommt es schon zu den Ohren raus.“ „Was?“ fragte sie verwundert. „Dass es dir leid tut.“ „Ich hatte nicht vor das zu sagen, ich wollte dich nur darüber in Kenntnis setzen, dass Colby, David und ich nicht vorhaben, dich aus den Ermittlungen auszuschließen. Du wirst immer auf dem neuesten Stand sein.“ Er presste die Lippen fest zusammen und sah ihr in die Augen, „was anderes hab ich, ehrlich gesagt, auch nicht von euch erwartet.“ „Und was hast du jetzt vor?“ das war Colby. „Ich werde erst mal meinen Dad besuchen, dann werde ich nach Hause fahren und versuchen zu schlafen.“ Er nahm noch eine Packung Kaugummi aus der obersten Schublade, „macht’s gut Leute, wir sehen uns.“ Er nickte ihnen zum Abschied kurz zu und verließ mit hängendem Kopf das Gebäude. „Hoffentlich stellt er keine Dummheiten an“, murmelte Megan.

 

„Hi Dad, ich bin’s!“ rief Don, nachdem er das Haus betreten hatte, wider erwarten bekam er keine Antwort. Er zog sich die Jacke aus und hängte sie auf einen der Haken, gleich neben der Tür. Seltsam und irgendwie bedrückend diese Stille. Er konnte sogar das Ticken der Standuhr hören. Da er Lust auf ein Bier verspürte, ging er zum Kühlschrank und nahm sich eines heraus. Er knackte den Kronkorken am Küchentisch, sein Vater hätte in dafür gelyncht, aber er war ja nicht da. Don schlenderte durchs Haus. Beinahe magisch zog es ihn in die Garage, Charlies Refugium. Charlie war allgegenwärtig. Durch die Tafeln, die Kreide, seine Schrift, dem unaufgeräumten Tisch in der Mitte, einfach alles. Im ersten Moment fühlte sich Don von diesem Eindruck erschlagen. Aber er ließ sich davon nicht abschrecken. Gedankenverloren strich er den Rahmen der Tafel entlang, „wo bist du Charlie? Was haben sie mit dir gemacht?“ flüsterte er. Die angestaute Wut entlud sich unvermittelt. Mit einem lauten Aufschrei schleuderte die halb leere Bierflasche quer durch den Raum. Das Glas splitterte und die Flüssigkeit hinterließ einen scheußlichen Fleck an der gegenüberliegenden Wand. Noch nie zuvor hatte er dermaßen die Kontrolle über sich und sein Leben verloren. Er glitt mit dem Rücken zur Wand zu Boden, bis er auf dem kalten Betonboden saß, den rechten Fuß angezogen, den linken ausgestreckt.

 

Immer wieder schlug er mit dem Hinterkopf gegen die Wand und gab dabei unartikulierte Laute von sich. Hilflos hob er eine Hand um, er hatte keine Ahnung was er mit ihr wollte und ließ sie kraftlos wieder sinken. Der Kloß, der sich in seinem Hals bildete, schien die Größe eines Fußballes zu haben. Die Tränen kamen einfach von selbst, er konnte nichts dagegen tun. Er saß einfach nur da und wurde von einem Weinkrampf geschüttelt. Bilder aus der Vergangenheit schoben sich vor sein inneres Auge. Er sah sich zusammen mit Charlie bei diversen Feiern, in der Schule und daheim. Es waren glückliche Erinnerungen, aber auch weniger glückliche dabei. Wie lange das dauerte wusste er später nicht mehr zu sagen. Jedenfalls war es das Signal einer eingehenden SMS auf seinem Handy, das ihn zurück in die Realität beförderte. Mit dem Handrücken wischte er die Tränen fort. Es dauerte eine Weile, bis sein Gehirn die Botschaft, die ihm ein Unbekannter geschickt hatte, aufnahm und ihn zum Handeln veranlasste: Wenn sie wissen wollen, was hinter den Kulissen in Sachen Craven vor sich geht, dann kommen sie morgen Abend um 22 Uhr in das verfallene Fabrikgebäude an der Fortuna/Ecke Crest, alleine! Jemand der es gut mit ihnen meint. Augenblicklich waren Dons Instinkte geweckt. Das Erste, dass er veranlasste, war eine Rückverfolgung der Rufnummer, was sich als Dead-End herausstellte. Die Message war von einem nicht registrierten Prepaid-Handy geschickt worden.