Chapter 15

 

Als Don und Colby zurück ins Büro des FBI kamen, ging es dort zu, wie im Hühnerstall, nachdem der Fuchs auf Beutezug gewesen war. Die Nachricht von Charlies Verschwinden hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Doch niemand wagte Don direkt auf die Sache anzusprechen, das war auch nicht notwendig. Die betroffenen Gesichter sprachen Bände und erneut kostete es Don enorme Anstrengung, sich kaum etwas anmerken zu lassen. Er fragte sich, wie lange er die Fassade noch aufrechterhalten würde können, ehe sie zu bröckeln begann. „Ich, ich weiß nicht was ich sagen soll“, meinte David und drückte Don die Hand. Megan hatte sich in die Küche verkrümelt und werkelte an der Kaffeemaschine herum. Don ging zu ihr. „Mist. Was sind das nur für Kollegen, ist es denn zu viel verlangt, Wasser und Kaffee nachzufüllen? Manchmal komme ich mir vor ….“ Sie stieß an einen Teller, den jemand viel zu knapp an den Rand der Spüle gestellt hatte. Er zerbarst, als er auf dem Boden aufschlug. „Ach nein, nicht auch noch das“, ihre Stimme hatte einen weinerlichen Ton angenommen. „Lass gut sein Megan, ich kümmere mich darum“, sagte Don mit sanfter Stimme. „Was bin ich denn heute wieder ungeschickt“, jammerte sie. Er nahm Besen und Schaufel aus dem Unterbau der Spüle, fegte die Scherben zusammen und warf sie anschließend in den Müll. Dann räumte er alles wieder weg. Megan lehnte an der Tür des Kühlschranks und hatte die Augen hinter ihrer rechten Hand verborgen.

 

„Alles in Ordnung?“ fragte Don. „Scheiße nein“, kam ihre ehrliche Antwort, „eigentlich sollte ich diejenige sein, die das fragt.“ Sie wischte sich mit dem Ärmel ihrer Bluse die Tränen aus den Augen, „es tut mir so leid Don. Ich versteh nicht, warum Charlie? Warum nicht einer von uns?“ „Warum nicht ich?“ führte Don ihren Gedankengang fort, „warum hab ich nicht besser auf ihn aufgepasst?“ Sie schüttelte den Kopf, „bitte Don, hör auf dir Vorwürfe zu machen. Was hättest du tun sollen?“ „Cravens Warnungen ernst nehmen?“ er schluckte hart, „ich hab den Scheißkerl nicht für voll genommen Megan. Ich hab wirklich gedacht ….“ „Nein, hast du nicht“, widersprach sie heftig, „du hast alles getan, was in deiner Macht stand.“ „Und warum ist Charlie dann entführt worden?“ beharrte Don und starrte weiter auf den Fußboden. „Sieh mich an Don“, bat Megan, „bitte Don, sieh mich an.“ Langsam hob er seinen Kopf. Sie legte ihm die Hände auf die Schultern, „ES IST NICHT DEINE SCHULD“, betonte sie jedes einzelne Wort. „Ich wünschte ich könnte es glauben“, flüsterte er. Sie zog ihn in ihre Arme und strich zärtlich über seinen Rücken. Er blieb steif, als hätte er einen Stock verschluckt und wartete darauf, das Megan ihn wieder los lies.

 

Sie tat es nicht und so entzog er sich ihrer Umarmung und wandte sich zum gehen. „Don, du kannst es nicht ewig in dich hineinfressen“, meinte sie ernst. „Was soll ich deiner Meinung nach tun? Zusammenbrechen und losheulen?“ schnappte er, „wem würde das helfen? Charlie bestimmt nicht.“ „Es würde dir helfen“, sprach sie mit sanfter Stimme weiter, „du gehst kaputt, wenn du alles in die rein frisst.“ „Ich muss noch so viele Dinge erledigen, ich habe keine Zeit für Gefühlsduseleien“, er machte eine wegwerfende Handbewegung und ging erhobenen Hauptes zurück ins Büro. Wenn hier auch nur einer gedacht hätte, er würde Don Eppes in Tränen aufgelöst sehen, dann hatte der sich gewaltig geschnitten. „Was steht ihr hier rum und haltet Maulaffen feil?“ fuhr er die Leute an, die sich inzwischen in seiner Abteilung versammelt hatten, „geht schleunigst an die Arbeit, los, wir haben viel zu tun.“ Dann bat er Colby ihn zu fahren, er wollte zur Uni. Er wollte es Amita und Milly nicht am Telefon erzählen. Auf halber Strecke brach Colby das Schweigen, „wie sieht’s aus Don, sollen wir Craven nen kleinen Freundschaftsbesuch abstatten, bin dabei.“ „Daran hab ich auch schon gedacht“, gab er nachdenklich zurück. „Haben sie ihn nicht schon nach Mount Mitchell verlegt?“ Colby nickte, „und unter strengste Bewachung gestellt. Die Jungs, die ein Auge auf ihn haben, sind gute Freunde von Dt. Walker, wir sind jederzeit willkommen.“ Er zwinkerte Don aufmunternd zu. „Danke Colby, für deine Unterstützung.“

 

„Ehrensache Don, nach dem Fiasko mit der Janusliste, bin ich froh, dass ihr mich überhaupt wieder in euren Kreis aufgenommen habt. Ihr hättet mich ebenso zum Teufel jagen können.“ Colby dachte kurz an die wohl schrecklichste Zeit seines Lebens zurück. Und konnte sich in etwa vorstellen, durch welche Hölle sein Freund gerade ging. Don zog sein Mobile aus der Tasche, klappte es auf und starrte auf das Display. Sein Daumen schwebte über den Tasten und er überlegte, was er seinem Vater sagen sollte. Seine Kiefer mahlten, Colby konnte die Anspannung die von Don ausging beinahe körperlich fühlen. „Hi Dad, hier ist Don“, sagte er, „wir haben Charlies Auto auf einem Schrottplatz in Pasadena gefunden.“ Schweigen. „Nein, ich kann dir noch nichts Genaues sagen, im Moment wissen wir nicht, wo er ist.“ Schweigen. „Ich weiß, ich tu ja was ich kann Dad. Bitte, ich fahr jetzt zur Uni und komm nachher zu dir, bis dann.“ Er klappte das Mobile zu und schloss die Augen. Wieder verspürte er diesen immensen Drang einfach loszubrüllen und irgendetwas zu Klump zu schlagen. Stattdessen atmete er ein paar Mal tief durch.

 

Es fühlte sich merkwürdig an, als Don das Unigelände betrat. Er hoffe, Charlie würde jeden Moment um die Ecke kommen und ihn in Grund und Boden schwafeln, dass alles nur eine Verkettung von unglücklichen Zufällen gewesen war, bei denen die Chancen eins zu einer Million standen und er ihm dann mit jeder Menge mathematischer Formeln auf den Geist ging. Nichts dergleichen passierte. Gott, nie zuvor war ihm der Gedanke gekommen, wie sehr er das wohl vermissen könnte. Auf dem Weg zu Millys Büro, kam er auch an Charlies vorbei. Er warf einen Blick hinein, es wirkte leer und verwaist. Auch wenn sich dutzende von Büchern auf den Tischen stapelten und diverse Unterlagen herumlagen. Hier hatte Don das gleiche Gefühl wie zuvor auf dem Unigelände. Sein Blick wanderte zur Tafel, Charlies Schrift. Eine klamme Hand fasste nach seinem Herz, er ertrug den Anblick nicht länger und ging weiter. Colby folgte ihm, er war ein guter Freund, er wusste, wann er zu schweigen hatte. Bevor Don an Millys Tür klopfte, bat er Colby hier zu warten. Der nickte und postierte sich ein wenig abseits vom Büro. Don trat ein, zu seinem Erstaunen war Amita bereits da. Ihre geröteten Augen sagten ihm, dass sie geweint hatte. Als sie ihn erblickte sprang sie von ihrem Stuhl auf. Er zuckte ein wenig zusammen.

 

Vielleicht weil er erwartet hatte, dass sie ihm eine schallende Ohrfeige geben würde. Das tat sie nicht, sie umarmte und drückte ihn und fing leise an zu Schluchzen. Ein wenig hilflos stand er in der Gegend herum und nur zögerlich erwiderte er ihre Umarmung. Deutlich konnte er Millys Blicke in seinem Rücken spüren. Shit, er war eben nicht der Mann der großen Gefühle. War er nie gewesen, würde er nie sein. Jungs weinen nicht, basta! „Es, es tut mir so leid“, Mann, wie Don diesen Satz hasste. Er hatte ihn heute schon mindestens ein dutzend Mal gehört und selbst gesagt. Amita löste sich von ihm und zog ein Taschentuch aus ihrem linken Ärmel. Sie schnäuzte sich, „dein Dad hat vorhin angerufen“, schniefte sie, „es ist so furchtbar. Kannst du uns schon mehr sagen?“ Er hätte Colby jetzt lieber doch an seiner Seite gehabt. Der Ex-Marine hatte so eine gewisse Ausstrahlung, so wie ein Fels in der Brandung. Pah, als hätte Don so etwas nötig gehabt. Einen Fels in der Brandung? Unsinn! Er schalt sich selbst einen Narren. Dann erzählte der den beiden Frauen, was sie bisher in Erfahrung gebracht hatten. Viel war es nicht. „Ich hätte ihn nicht nach Pasadena schicken dürfen“, sagte Milly unvermittelt, „nicht unter diesen Umständen. Ich hab den Entführern quasi in die Hände gespielt und ich hoffe, ihr könnt mir das jemals verzeihen.“ Sie war gerade dabei ihre Brille zu putzen und Don befürchtete, wenn sie so weitermachte, wäre das Glas bald durch. „So ein Quatsch Milly“, entgegnete er barsch, „sie hätten überall zuschlagen können.“ „Aber sie haben es auf einer Landstraße getan, als Charlie auf dem Weg zu einem Vortrag war, zu dem ich ihn geschickt habe.“ Sie besah sich ihre Brillengläser genauer und war noch immer nicht mit dem Ergebnis zufrieden.

 

„Bitte Milly. Don hat recht, keiner von uns kann sagen, was geschehen wäre, wäre Charlie hier geblieben. Sie hätten ihn auch auf dem Uniparkplatz entführen können“, meinte Amita, „oder sogar vor der eigenen Haustür. Diese Kerle kennen keine Skrupel und ich denke, nach allem, was ich über diesen Fall weiß, verfolgt Craven ein Ziel so lange, bis er es erreicht hat. Es war alles nur eine Frage der Zeit.“ „Milly“, sagte Don, „wenn sich einer Vorwürfe machen muss, dann bin ich das. Ich bin FBI-Agent, ich hätte die Mittel gehabt, das zu verhindern und habe versagt.“ Seine Stimme wurde immer leiser. Amita schüttelte heftig den Kopf, „um Himmels Willen Don, niemand kann das von dir verlangen. Du konntest unmöglich wissen, auf wen von Euch die Kerle es abgesehen hatten. Es hätte genauso gut dein Vater oder du selbst sein können, oder ich. So oft wie ich in letzter Zeit bei euch ein- und ausgegangen bin, haben die mich sicher auch gesehen. Verlang nicht das Unmögliche von dir. Du bist auch nur ein Mensch.“ „ICH BIN FBI-AGENT“, widersprach er hartnäckig, „ICH BIN FÜR SOLCHE FÄLLE AUSGEBILDET. Wenn ich es nicht einmal schaffe, meine eigene Familie zu beschützen, was gibt mir dann das Recht, mich um andere, fremde, Menschen zu kümmern?“

 

„Don, sie stellen doch hier nicht ernsthaft ihre Qualifikation in Frage?“ hakte Milly nach, „das ist nämlich kein guter Ansatz, um Charlie aus der Bredouille zu helfen. Ich kann mir weiß Gott keinen besseren Mann als sie für diese Sache vorstellen.“ „Ihr Vertrauen in Ehren“, sagte Don, „aber Charlie ist erst DURCH MICH in diesen ganzen Wahnsinn hineingeraten.“ „Ihr Vater ist übrigens auch meiner Meinung“, sprach Milly ungestört weiter, „er vertraut auf sie und ihre Fähigkeiten.“ Don klappte die Kinnlade herunter. Damit hatte er absolut nicht gerechnet. Er warf einen gehetzten Blick auf seine Uhr. „Entschuldigt mich bitte, ich muss noch zu Dad und dann wieder zurück ins Büro, ich halte euch auf dem laufendem.“ Er knallte die Tür zu. Amita und Milly tauschten ihre Blicke, „Don hat es nicht gerade leicht mit Don“, sagte die Ältere der beiden, „denken sie er geht zum Lachen in den Keller?“ Amita stand auf und ging zum Fenster, „Don ist mit Leib und Seele FBI-Agent, was auf der einen Seite gut für Charlie ist, weil ich darauf vertraue, dass er ihn rettet, aber auf der anderen Seite bringt es ihn eines Tages noch um.“

 

Seinem eigenen Vater gegenüberzutreten, war so ziemlich das Schwierigste, was Don an diesem Tag tun musste. Auch wenn Milly ihm zuvor Alans Standpunkt mitgeteilt hatte. Die Begrüßung fiel nicht überschwänglich aus. Don vermied jeglichen körperlichen Kontakt zu seinem Vater, ja, er konnte ihm nicht einmal in die Augen sehen. „Willst du Colby nicht auch hereinbitten?“ fragte Alan, als er sah, dass Dons Kollege draußen im Wagen wartete. Don schüttelte den Kopf und ließ sich in den Fernsehsessel fallen. Er drückte seine Nasenwurzel mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand zusammen, um so gegen die aufsteigenden Tränen anzukämpfen. „Du siehst nicht gut aus mein Junge, gar nicht gut“, murmelte Alan, „möchtest du was trinken? Oder hast du Hunger?“ „Dad“, brüllte Don, „hör endlich auf, so zu tun, als sei nichts geschehen. Charlie ist entführt worden, weil ich Scheiße gebaut habe.“ Alan setzte sich neben ihn auf die Couch, „denkst du das wirklich?“ „Ja, verdammt noch mal das tue ich.“ „Keiner kann seinem Schicksal entgehen Don, dass weißt du so gut wie ich. Seit dem Tod deiner Mutter ….“ „Dad, lass das. Ich brauche keinen seelischen Beistand. Mir wäre lieber du schreist mich an, sagst mir, wie wütend du auf mich bist, dass ich auf der ganzen Linie versagt habe. Dann kann ich wieder beruhigt zurück an meinen Schreibtisch gehen.“ Alan lachte verbittert auf, „den Gefallen werde ich dir bestimmt nicht tun mein Sohn. Ich gebe dir nicht die Schuld an Charlies Verschwinden und auch Charlie würde das nicht tun. Glaub mir.“ Er redete noch eine ganze Weile auf seinen Sohn ein. Doch nur ein Bruchteil davon blieb Don im Gedächtnis hängen. Irgendwann hielt er es auch hier nicht mehr aus und ging. Sein Magen knurrte, seine Kehle war ausgedörrt, alles was ihn noch aufrechthielt, war blanker Hass und ohnmächtige Wut. Colby genügte ein Blick, um zu wissen, wohin er jetzt fahren musste.

 

Das Mount Mitchell war eine renommierte Nervenheilanstalt in Los Angeles. Don stürmte regelrecht zum Counter und knallte seinen Ausweis auf das Pult, „FBI, wo finden wir Adrian Craven?“ Die Schwester musterte ihn abfällig, „könnten sie sich bitte etwas mäßigen Sir? Wir sind hier sehr auf das Wohl unserer Patienten bedacht.“ „Ach wie nett“, entgegnete er lakonisch, „könnten sie mir dann BITTE sagen, wo wir Adrian Craven finden?“ „Einen Moment“, demonstrativ drehte sie den FBI-Agents den Rücken zu, griff zum Telefon und wählte eine Nummer, „Dr. Hall? Hier ist Andrea, könnten sie bitte kurz runterkommen. Hier sind zwei Gentlemen vom FBI, die gerne Mr. Craven sprechen würden.“ „Hören sie schlecht Miss?“ fauchte Don, „ich möchte keinen Arzt sprechen, ich möchte zu Adrian Craven.“ „Dr. Hall ist Mr. Cravens behandelnder Arzt, sie können gerne über alles mit ihm reden.“ Don stand kurz davor auszuflippen, sein Kopf wurde hochrot und die Adern an seinem Hals traten hervor. Colby klappte sein Handy zu, „Don, er liegt im vierten Stock, Zimmer 409.“ „Danke“, Don warf der Schwester einen vernichtenden Blick zu und ging mit Colby zum Lift. „Sie dürfen nicht ohne Begleitung …“ „Lecken sie mich am Arsch Andrea“, rief er, dann stiegen sie ein und fuhren nach oben.

 

Sie mussten nicht lange nach besagtem Zimmer suchen, zwei uniformierte Beamte des LAPD standen davor und unterhielten sich leise. „Hey Leute, Agent Eppes und Agent Colby vom FBI“, sagte Don, während er und Colby ihre Ausweise hochhielten. „Dt. Walker hat uns ihren Besuch bereits angekündigt. Leider kommen sie zu einem denkbar ungünstigen Augenblick. Craven hat randaliert und zwar mächtig. Sie haben ihn vorerst ruhig gestellt. Den können sie nicht mal mit ner Atomexplosion wecken.“ „Das werden wir noch sehen“, knurrte Don, der bereits den Arzt erblickt hatte, der in ihre Richtung lief. „Wecken sie ihn auf“, fuhr er den Mann an. „Das ist unmöglich und würde der Gesundheit des Patienten schaden.“ Der Arzt war ungefähr einen Kopf kleiner als Don. Wütend sah er auf ihn hinunter, „das ist mir sowas von scheißegal. Ich will mit Craven sprechen, jetzt, sofort. Er ist der einzige, der weiß wo mein Bruder steckt.“ Der Arzt schob sich die Brille auf seiner Adlernase zurecht, „das bezweifle ich, Mr. Craven hatte keinerlei Besuch und steht die ganze Zeit unter schweren Medikamenten.“ Noch ehe einer der umstehenden Polizisten reagieren konnte, schossen Dons Arme nach vor. Er packte den Arzt am Kragen seines Kittels und drückte ihn brutal gegen die Wand, „damit eines klar ist, ich gehöre nicht zu Cravens Fanclub. Cravens „Befinden“ geht mir am Arsch vorbei. Er hat siebzehn Menschen brutal abgeschlachtet und er hat die Entführung meines Bruders veranlasst. Wecken sie ihn auf, oder ich gehe rein und kümmere ich höchstpersönlich darum.“