Chapter 14

 

Als Charlie den Blinker setzte, um die Autobahn zu verlassen, dachte er schon lange nicht mehr an sein Versprechen, zu Hause anzurufen. Seine Gedanken kreisten unaufhörlich um seine Berechnungen, ob er tatsächlich alles in Betracht gezogen und Amita wirklich alle relevanten Daten gegebem hatte. Er bemerkte die Frau, die mit wedelnden Armen auf der Fahrbahn stand, erst im allerletzten Moment. Dank ABS kam er knapp vor ihr zu stehen. „Bitte, sie müssen mir helfen!“ rief sie und lief zu ihm. Ein dünnes Rinnsal Blut lief über ihre linke Wange, „bitte kommen sie, mein Mann sitzt noch im Wagen, er rührt sich nicht. Ich weiß nicht, was ich tun soll.“ Charlies erste Reaktion war, nach seinem Mobile zu greifen und Hilfe zu rufen. Doch er konnte es nirgendwo finden. Charlie kurbelte das Fenster herunter, „haben sie ein Handy?“ Die Frau schien ihm nicht zuzuhören, sie war nur noch am Jammern und Schluchzen. Eigentlich war es Dons Part, den Helden zu geben, aber der war gerade nicht da. Widerwillig stieg Charlie aus dem Wagen und ging zu der Frau, die mittlerweile wieder zu dem Wagen gelaufen war, der offensichtlich an der Fahrerseite mit einem Baum kollidiert war. Es sah gar nicht gut aus. Charlie schnupperte, roch es hier nach Benzin? Ein wenig verzweifelt blickte er sich um, weit und breit war niemand anders zu sehen. Kaum stand er neben der Frau und redete beruhigend auf sie ein, raschelte es im Gestrüpp. Er nahm die Bewegung nur noch aus dem Augenwinkel wahr, dann fühlte er einen dumpfen Schlag auf seinem Kopf, alles um ihn herum wurde dunkel.

 

Es war kurz nach sieben, als jemand an Dons Apartmenttür Sturm läutete. Zuerst dachte er, das nervige Geräusch wäre Teil seines wirren Traums, indem er Verbrecher jagte, nur um dann selbst zum Gejagten zu werden. Es war schrecklich, wenn er im Traum davonlaufen wollte und nicht von der Stelle kam. Dazu noch das merkwürdige Geräusch. Langsam tauchte Don aus dem Tiefschlaf auf. Er fühlte sich wie hundert, als er seine langen Beine aus dem Bett schwang und lediglich mit einer Boxershort bekleidet zur Tür tapste. „Ich komm ja schon“, rief er mit krächzender Stimme. „Dad?!“ meinte er verblüfft nach einem Blick durch den Türspion. Rasch entriegelte er das Sicherheitsschloss. „Hi Donnie“, sein Vater drängte sich an ihm vorbei ins Vorzimmer, „ich hab dich doch nicht geweckt, oder?“ „Nein Dad, draußen isses so heiß, da dachte ich, ich geh heute mal nur in Shorts in die Arbeit. Wollte mir grad noch den Schlips umbinden. Was tust du hier so früh am Morgen? Hast du Frühstück dabei? Spiegeleiner in der Innentasche, Toast ….“ „Donnie, ich mach mir ernsthafte Sorgen um Charlie!“

 

„Das darf ja nicht wahr sein“, stöhnte Don und ging zurück ins Schlafzimmer. „Warte, du kannst dich doch nicht einfach wieder hinlegen.“ „Doch ich kann Dad“, schnappte Don und vergrub sein Gesicht in eines seiner Kissen, „ich brauch heute nicht vor elf im Büro sein und ich war bis 4 Uhr morgens wach, um mir ein Spiel anzusehen. Über Charlie können wir später reden. Ich fass es nicht.“ „Don, mir ist nicht nach scherzen zumute. Als Charlie heute früh weggefahren ist, hat er sein Handy zu Hause vergessen. Er hat nicht in seinem Hotel eingecheckt und mir ist es auch sonst nicht möglich ihn ausfindig zu machen. Ich brauch deine Hilfe.“ Don setzte sich seufzend auf und wuselte durch sein Haar, das nun erst recht in alle Himmelsrichtungen vom Kopf abstand. „Okay Dad, immer schön der Reihe nach. Ich brauch erst mal nen Kaffee, möchtest du auch einen?“ „Danke nein, ich bin viel zu nervös.“ Alan setzte sich zu Don in die Küche und erzählte ihm von letzter Nacht. „Du kennst doch unseren kleinen Wirrkopf“, lächelte Don und nippte vorsichtig an dem heißen Kaffee, „wahrscheinlich hat er sich verfahren und das letzte an das Charlie denkt, ist dich anzurufen.“

 

„Mag ja sein“, Alan schüttelte den Kopf, „trotzdem mache ich mir Sorgen. Wäre ich sonst hier? Donnie ich weiß nicht, wenn ich an die Sache mit Craven denke…“ Don stellte den Kaffee zur Seite, er war ohnehin noch zu heiß, um ihn zu trinken, „und was soll ich deiner Meinung nach tun, Dad? Die Kavallerie rufen?“ sein Tonfall war leicht gereizt, „ich stehe am Rande einer Suspendierung. Alles was ich, oder meine Leute über Craven in den letzten Tagen herausgefunden haben, wird unter Verschluss gehalten, beinahe könnte man meinen, es ginge hier um die nationale Sicherheit.“ „Es kann doch nicht zu viel verlangt sein, wenn du dich mal umhörst“, entgegnete sein Vater, „du hast Mittel und Wege ….“ „Dad ich kann nicht einfach das LAPD für meine privaten Probleme einspannen, soll ich Charlie zur Fahndung ausschreiben lassen, nur damit sich nachher herausstellt, er hat sich bloß verfahren?“

 

Alan stand auf, „schön, wenn du nichts unternehmen willst, dann werde ich die Sache eben selbst in die Hand nehmen. Ich kenn seine ungefähre Route.“ „Toll Dad, setz dich doch in deinen Wagen und fahr Charlie hinterher. Ich kapier das nicht. Er hat sein Handy daheim vergessen und er ist seit, wie lange?“ Don warf einen Blick auf die Küchenuhr, „eineinhalb Stunden überfällig? Mach dich doch nicht selbst verrückt.“ Als sein Vater sich in Richtung Tür marschierte, ging ihm Don mit raschen Schritten hinterher. „Also schön, ich mach dir einen Vorschlag“, lenkte er ein, „wenn wir bis neun Uhr nichts von Charlie gehört haben, dann werde ich alles tun ….“ Alan hielt inne, die Hand am Türknauf, „in Ordnung. Vielleicht hab ich doch ein wenig überreagiert. Ich werde jetzt zu „Kline und Söhne“ fahren und ihnen die Abzüge vorbeibringen.“ „Mach das Dad. Ich melde mich bei dir.“ Zum Zeichen, dass ihr kleiner Disput beigelegt war, umarmten sich die beiden kurz.

 

Schlafmangel, weil man ne heiße Professorin im Bett hatte, war eine Sache. Aber Schlafmangel weil man zu lange fern geguckt und einem der eigene Vater aus dem Bett gezerrt hatte, weil er sich Sorgen um den jüngsten Spross der Familie machte, war etwas ganz anderes. Deshalb war Dons Gesichtsausdruck auch nicht gerade der freundlichste, als er im Büro auf Megan stieß, die vor ihrem Bildschirm lümmelte und nachdenklich an einem Bleistift kaute. „Du hast wohl auch kein zu Hause, wie?“ neckte er sie. „Ach weißt du, Larry muss den Jungs von der NASA wieder mal auf die Sprünge helfen und ich denke, ich hab vor lauter Frust darüber, gestern Abend zu viel in mich reingestopft. Ich lag die halbe Nacht lang wach. Schließlich hab ich beschlossen, mir den Sonnenaufgang von den Hills aus anzusehen und gedacht, wie schön doch eine Welt ohne Leute wie Craven wäre. Danach bin ich gleich ins Büro gefahren und seh mir Akten an, die ich eigentlich gar nicht einsehen dürfte und vergleiche sie mit denen im Mordfall Lydia Wise. Und was ist deine Ausrede?“

 

„Mein Dad hat mir um sieben Uhr früh nen Besuch abgestattet“, seufzte Don und setzte sich auf die Kante von Megans Schreibtisch. „Charlie ist nach Pasadena zu einem Vortrag gefahren. Er hat sein Handy zu Hause vergessen und hat sich bis jetzt noch nicht bei ihm gemeldet. Jetzt macht sich Dad natürlich große Sorgen, ihm könnte etwas zugestoßen sein.“ Megan setzte sich abrupt auf, „und bist du der Sache nachgegangen?“ „Ich hab mich nach etwaigen Unfällen erkundigt“, sagte Don mit einem Achselzucken, „nichts. Wahrscheinlich hat er sich wieder mal verfahren, kurvt irgendwo in der Pampa herum und verflucht sein neues Navi, mit dem er absolut nicht klarkommt.“ Er konnte sich ein Grinsen nicht verbeißen. „Und was gedenkst du zu unternehmen?“ hakte Megan nach. „Ich hab Dad gesagt, dass ich so bis neun Uhr abwarten möchte, hab ich Charlie bis dahin nicht erreicht ….“ Er verstummte. Megan legte ihre Hand auf seine, „es wird schon alles gut werden.“

 

Aber das wurde es eben nicht. Entgegen allen Hoffnungen blieb Charlie wie vom Erdboden verschwunden. Um eine Vermißtenmeldung aufgeben zu können, musste jemand erst Mal achtundvierzig Stunden abgängig sein. Über seine zahlreichen Kanäle zum LAPD veranlasste Don jedoch bereits jetzt eine Suche. Dt. Walker stand ihm dabei, wie immer, hilfreich und diskret zur Seite. Einem der Streifenbeamten, die die Landstraßen rund um Pasadena abfuhren, fiel dabei etwas auf, das sich einen Tag zuvor noch nicht auf diesem Straßenabschnitt befunden hatte: Bremsspuren und jede Menge Glassplitter. Er informierte Dt. Walker. „Und die Spuren sind frisch“, Don sprang von seinem Sessel auf. „Laut Aussagen des Beamten ja. Auch die Glassplitter waren gestern am späten Abend noch nicht dort. Sieht so aus, als wäre dort etwas vorgefallen und jemand hat versucht, die Spuren zu verwischen.“ „Danke Walker, ich seh zu, dass ich so schnell wie möglich vor Ort sein kann.“ Colby bemerkte als erster die plötzliche Hektik, von der Don bereits während des Gesprächs erfasst worden war. „Brauchst du Hilfe?“ rief er ihm zu. Don überlegte kurz, „wär nett, wenn du mich begleiten könntest.“ „Ich auch Sir?“ fragte Theodor. „Danke Junior, ich denke, sie sind bei Megan besser aufgehoben. Richten sie ihr bitte nur aus, ich melde mich später.“ „Ja, Sir“, der Newbie strahlte wie eine tausend Watt Lampe. „Schön, wie er sich noch in seine Arbeit hineinsteigert“, feixte Colby.

 

Don dachte kurz darüber nach, seinen Vater zu informieren. Doch noch wusste er nichts genaues, es hatte daher keinen Sinn seinen alten Herrn unnötig zu beunruhigen. Alles konnte nur purer Zufall sein, auch wenn ihm sein Instinkt das Gegenteil sagte. Angespannt berichtete Don seinem Kollegen von Walkers Anruf. Er jagte den SUV beinahe mit Höchstgeschwindigkeit über den Highway und wenn es mal wo staute, scheute er nicht davor zurück Sirene und Warnlichter einzuschalten. Den Großteil der Fahrt verbrachten sie schweigend. Nach knapp eineinhalb Stunden kamen sie zu besagter Stelle, die bereits von der Polizei abgeriegelt worden war. Einer von Walkers Leuten kam auf sie zu, „Agent Eppes?“ Don zeigte ihm kurz seinen Ausweis. „Alles klar Sir. Ich bin Lt. Formosa und vertrete Dt. Walker, der leider wegen einer Gangschießerei verhindert ist.“ „Hast du nicht neulich gesagt, die bösen Jungs wären auf Urlaub?“ wandte sich Don nervös an Colby, dann machte er ihn mit Formosa bekannt. Er wusste nicht, warum er ihm diese belanglose, dumme Frage stellte. Vielleicht, weil er nicht hören wollte, was Formosa ihm zu sagen hatte.

 

Sein Herz schlug Don bis zum Hals, als er die alles entscheidende Frage stellte: „Was haben sie herausgefunden?“ Formosa schluckte, „die Bremsspuren sind ziemlich deutlich und stimmen mit dem von ihnen angegebenen Wagentyp überein. Ebenso wie die Lacksplitter, die wir gefunden haben.“ Don konnte nur mit Mühe ein Aufstöhnen unterdrücken. „Das Glas haben wir ins Labor zur Analyse geschickt“, fuhr Formosa fort, „der Wagen ihres Bruder hat GPS, nicht wahr?“ Don nickte kaum merklich. „Auch das ist ausgefallen, wir können den Wagen nicht orten.“ „Da war jemand sehr gründlich“, murrte Colby, „zu gründlich, als dass es ein Zufall sein könnte.“ Formosas Funkgerät, dass er an seiner Schulter befestigt hatte, knackte, „Zentrale an Foxtrott Geronimo Delta.“ „Entschuldigen sie Sir“, sagte Formosa, „hier Foxtrott Geronimo Delta, was gibt’s Lizzy?“ „Bernie vom Schrottplatz hat gerade angerufen, er meint, ein Wagen auf den eure Beschreibung passt, sei heute bei ihm abgeliefert worden.“ „Danke Lizzy verstanden.“ „Wo finden wir Bernie und seinen Schrottplatz?“ fauchte Don. „Kein Problem, steigen sie in ihren Wagen, ich fahre voraus“, Formosa gab schnell einem seiner Kollegen ein paar Anweisungen.

 

Die Fahrt zu dem Schrottplatz kam Don wie eine Ewigkeit vor, dabei dauerte sie kaum fünfzehn Minuten. Bernie war ein dürres, von Arthritis geplagtes Männchen, dessen Haut aussah, wie gegerbtes Leder. Er begrüßte die drei mit einem zahnlosen Lächeln und führte sie umgehend zu dem Wagen. Die Frontscheibe und die Seitenscheiben waren geborsten, dass Dach total zerdrückt, das Auto war von einem Kran hochgehoben worden. Tief betroffen sah Colby zu Don, „das ist Charlies Wagen, nicht wahr.“ Augenblicklich schossen Tränen in Dons Augen und er begann zu zittern, „ja“, war alles was er sagen konnte, dann brach seine Stimme. „Wann wurde der Wagen hergebracht und von wem?“ übernahm Colby. „Ich hab alles in meinen Unterlagen, einen Moment“, der Alte wuselte, trotz seines Handicaps, flink wie ein Wiesel, über den Platz. „Agent Eppes es tut mir sehr leid“, bedauerte Formosa, dann setzte er einen entsprechenden Funkspruch an Dt. Walker ab. „So da bin ich wieder“, krächzte der Alte fröhlich, schließlich hatte ihm niemand erzählt, welche Tragödie sich hier gerade abspielte.

 

Er hielt Colby das Klemmbrett mit den entsprechenden Einträgen unter die Nase, „da sehen sie“, fuchtelte Bernie aufgeregt mit seinen arthritischen Fingern herum, „Miller’s Wrecking Service hat ihn hergebracht. Komisch war nur ….“ „Was?“ schnappte Don unfreundlich, während Colby sich Latexhandschuhe überstreifte und anfing, den Wagen auf etwaige Spuren zu untersuchen. „Das ich den Fahrer nicht gekannt hab, ich kenn nämlich alle Jungs von Miller.“ Erneut griff Formosa zum Funkgerät. Knapp zwei Minuten später, wurde der Verdacht bestätigt, bei Miller war in der Nacht eingebrochen worden. Eines seiner Fahrzeuge war verschwunden. „Das hier, ist ab sofort ein Fall des FBI“, erklärte Don, mühsam um Fassung ringend. Am liebsten hätte er mit der bloßen Faust in eines der Wracks geschlagen und sich seinen Schmerz von der Seele gebrüllt. Aber das war hier weder der richtige Zeitpunkt, noch der richtige Ort für persönliche Gefühle. Er musste versuchen einen kühlen, klaren Kopf zu bewahren, dass war die einzige Chance, seinen Bruder zu retten. „In Ordnung Sir, ich werde alles Notwendige veranlassen“, versprach ihm Formosa, „sie erhalten von uns volle Unterstützung.“ Plötzlich fühlte Don, wie sich sein Magen zusammenzog, er lief um einen Stapel Wracks herum und übergab sich.

 

Dann fiel er auf die Knie in den Staub. Er musste jetzt stark sein, er durfte sich auf keinen Fall gehen lassen, geschweige denn Schwäche zeigen. „Don, alles in Ordnung“, Colby eilte zum ihm und half ihm hoch. „Geht’s wieder?“ Don nickte stumm und klopfte sich den Staub von der Kleidung. Dann zog er die Autoschlüssel aus seiner Jackentasche und drückte sie Colby in die Hand. „Hast du“, Don räusperte sich, seine Stimme wollte ihm nicht recht gehorchen, „hast du irgendwas in Charlies Auto gefunden? Blut …“ „Nein, nichts dergleichen Don. Auch nichts von Charlies persönlichen Dingen, keinen Laptop, keine Reisetasche. Ich verwette meine Marke, dass wir nicht einmal Fingerabdrücke finden werden.“ Sie gingen zurück zu Bernie, um sich noch kurz für seine Aufmerksamkeit zu bedanken. Formosa wartete bereits bei seinem Streifenwagen auf sie. Don nahm auf der Beifahrerseite des SUV Platz, lehnte seinen Kopf an die Nackenstütze und schloss die Augen. Er verfluchte sich, dass er dem Drängen seines Vaters nicht eher nachgegeben hatte. Er kam sich vor wie ein Verräter. Es wäre seine verdammte Pflicht gewesen, Charlie zu beschützen und er hatte jämmerlich versagt. Wenn das alles vorüber wäre, würde er ernsthaft darüber nachdenken, seinen Job an den Nagel zu hängen.