Chapter 13

 

Gegenwart

 

Delinda angelte sich das Baseballcap der New York Yankees vom Rücksitz und zog es sich tief ins Gesicht. So war sichergestellt, dass ihr Gesicht den Überwachungskameras verborgen blieb. Auch versuchte sie den Wagen im toten Winkel der Kameras zu parken. Damit, dass sie Charlie aus der Geiselhaft befreit hatte, hatte sie sich bereits genug Schwierigkeiten eingehandelt. Dann sprintete sie in die Notaufnahme und rief dort verzweifelt um Hilfe. „Was ist denn Miss? Beruhigen sie sich erst einmal, ja?“ „Ich kann nicht, sie müssen kommen, bitte schnell. Da draußen in meinem Wagen liegt ein junger Mann, ich hab ihn vor ein paar Meilen am Straßenrand aufgelesen. Ich weiß nicht was mit ihm los ist. Bitteeeeeeeee.“ Tränen rannen über ihre bleichen Wangen. Dabei achtete sie stets darauf, der Schwester nicht direkt ins Gesicht zu sehen. Schon kamen ein paar Helfer mit einer Bahre um die Ecke geschossen, „wo ist ihr Wagen Ma’am?“ „Da, da draußen links neben dem Haupteingang.“ Die Leute stürmten los. Sie folgte ihnen. Behutsam zog einer der Männer Charlie aus dem Wagen. „Er hat keinen Puls, los, los, los, los!“ brüllte er seinen Kollegen zu, „bringt ihn in Aufnahme 2.“ „Er wird doch wieder gesund oder?“ Delinda klammerte sich förmlich an den Mann, der die Anweisungen gab. „Ma’am, lassen sie mich los“, er war groß und kräftig und schüttelte sie ab, wie eine lästige Fliege. Dann schoben sie ihn über den Parkplatz, anschließend den langen Gang entlang ins Behandlungszimmer, Delinda wollte mit. „Da dürfen sie nicht rein“, ermahnte die Schwester sie freundlich, aber streng.

 

„Er wird doch wieder, nicht wahr?“ murmelte sie. „Wir tun alles was in unserer Macht steht, wenn sie so freundlich wären und mir das bitte hier ausfüllen.“ Sie legte einen A4-Bogen auf das Pult. Delinda sah auf das Blatt, immer wieder verschwammen die Buchstaben vor ihren Augen. „Ich, ich kann nicht“, stammelte sie und lief panisch nach draußen. „Aber Miss, Miss, hallo!“ rief ihr die Schwester hinter her. Mittlerweile waren bereits an die zehn Leute damit beschäftigt, Charlies Herzschlag wieder in Gang zu bringen. Sie hatten ihm bereits eine kleine Dosis Epinephrin in die Vene injiziert. „Den Defi auf zweihundert Joule laden.“ Eine Schwester hatte Charlie sein T-Shirt vom Körper geschnitten. Der Arzt legte die Elektroden an Charlies Brustkorb, eine oben und eine leicht seitlich versetzt, „und weg!“ befahl er, dann jagte er einen Stromstoß durch Charlie. Als Reaktion bäumte sich dessen Körper ein wenig auf, aber die Linie am Monitor blieb weiterhin flach. „zweihundertfünfzig Joule und noch einmal eine Dosis Epi.“

 

Charlie wurde von gleißendem Sonnenlicht geblendet. Es war so grell, dass er die Hand schützend vor seine Augen heben musste. „Wo bin ich?“ fragte er sich und seine Frage echote aus allen Richtungen. Langsam gewöhnte er sich an das Licht. Die Umgebung wurde immer deutlicher. Zuerst meinte er, er befände sich auf dem Gelände der CalSci. Der Ort hatte eine gewisse Ähnlichkeit damit. Aber, wo waren dann die ganzen Studenten? Verunsichert setzte er einen Fuß vor den anderen. Weiter hinten sah er eine Gruppe von Leuten stehen, die sich unterhielten. Er beschleunigte seine Schritte. Charlie stutzte, er kannte diese Leute, dessen war er sich ganz sicher. Ihre Stimmen, ihre Gesten, sie wirkten so vertraut. Eine Gestalt löste sich aus der Gruppe. Es war eine Frau, seine Mutter. Sie winkte ihm und schenkte ihm ein engelsgleiches Lächeln.

 

Jetzt fing er an zu laufen. Plötzlich stieß er gegen ein schmiedeeisernes Tor, dass gut und gern acht Fuß in die Höhe ragte. „Mom“, rief er verzweifelt, „Mom, bist du das?“ Margaret nickte. Seltsam, kam es ihm nur so vor, oder warf sie ihm einen bedauernden Blick zu? Eine Nonne in weißer Tracht erschien am Tor und öffnete es einen Spalt, „was wollen sie?“ „Ich muss zu meiner Mutter, bitte lassen sie mich rein.“ Die Nonne schüttelte den Kopf, „junger Mann, das ist nicht möglich.“ Verzweifelt streckte Charlie die Hände durch das Gitter, „Mom bitte, komm her und sag ihr, dass sie mich rein lassen soll.“ Seine Mom rührte sich nicht von der Stelle. „Bitte Mom, bitteeeeeeeeee“, schluchzte er. „Junger Mann, gehen sie gefälligst wieder zurück. Ihre Zeit ist noch nicht gekommen“, sagte die Schwester ein wenig schroffer. „Aber, aber ich, meine Mutter, bitte, ich habe …“ „Sie haben hier absolut nichts verloren. Ende der Diskussion.“ Dann gab es einen ohrenbetäubenden Knall, so als hätte jemand mit einer Eisenstange gegen das Tor geschlagen. „Wir haben ihn wieder“, jubelte der junge Arzt, „sehen wir zu, dass wir ihn stabilisieren.“

 

Sechs Tage zuvor

 

Dt. Walker saß mit Don, Megan und Colby in einem kleinen italienischen Restaurant unweit des Büros. Schlechte Nachrichten verdaute man besser nach einem ausgiebigen Dinner. „Es tut mir leid Don, ich hab wirklich alles versucht, aber Novak mauert und hat sich auch entsprechende Schützenhilfe geholt“, sagte Walker mit einer entschuldigenden Geste, „der Fall von Lydia wird gesondert behandelt.“ „Das ist doch Schwachsinn, niemand kann so blind sein und die Zusammenhänge zu den beiden anderen Morden abstreiten“, beschwerte sich Megan. Walker machte einen Schluck von seinem Glas Bier, „das, meine Liebe tut auch niemand. Sie schieben es auf einen Nachahmungstäter. Einen von Cravens unzähligen, nicht minder durchgeknallten, Anhängern. Ganz einfach.“ „Ja, das ist wirklich einfach“, murmelte Don nachdenklich. „Und wie sieht’s aus Eppes? Hat schon jemand versucht, bei ihnen …..“ Don schüttelte den Kopf, „noch nicht und mit dem heutigen Tag, haben sie mir auch die Genehmigungen für die Überwachung gestrichen. So ganz nach dem Motto: hilf dir selbst.“

 

Walker räusperte sich, „das tut mir leid zu hören. Meine Männer patrouillieren weiterhin verstärkt.“ „Danke Walker, sie haben was gut bei mir“, sagte Don. „Wieviel kassiert man, wenn man einem Staatsanwalt eine auf die Schnauze haut?“ kam es unvermittelt aus Colbys Richtung. „Komm schon Colby“, griente Don, „lass mal gut sein.“ „Nein, das meine ich ernst. Ich prügel ihm sein scheiß selbstsicheres Grinsen aus dem Gesicht. Der Mann ist so ein überhebliches Arschloch….“ Redete sich Colby weiter in Rage. „Dann müssen sie sich aber hinten anstellen“, fiel ihm Walker ins Wort, „ich denke der Typ gehört zu den meistgehassten Leuten in unserer Stadt.“ „Klasse, dann können wir uns ja gegenseitig Alibis geben“, grinste Colby und leerte den Rest seines Glases. „Ich fasse es nicht, dass Novak so viel Einfluss hat“, meinte Megan bedrückt, „Cravens Anwälte beißen selbst auf Granit, was diese Sache anbelangt. Es ist, als wäre nicht nur Justitia blind, was diese Sache anbelangt. Hier verschließen alle die Augen.“ „Und ich weiß auch den Grund dafür. Wir haben in dieser Sache einigen Mist gebaut. Und wenn ich wir sage, dann meine ich uns alle damit. Das FBI kann es sich nicht leisten, noch mehr Irrtümer zuzugeben“, erklärte Don.

 

„Und deswegen riskieren sie eben dein Leben und das deiner Familie“, sagte Colby trocken, „ich komm mir vor, als wär ich wieder Undercover. Da bleibst du auch im Regen stehen, wenn’s mal richtig zur Sache geht. Wir sind es doch, die unseren Arsch riskieren. Und wenn was passiert, speisen sie einen mit ner mickrigen Behindertenrente ab. Davon darfst du dann den Rest deines Lebens dahinvegetieren.“ Walker wusste, worauf Colby so verbittert anspielte, „sie meinen die Sache mit Lt. Floyd.“ Don und Megan warfen ihnen fragende Blicke zu. Colby seufzte. „Es kam heute über Funk“, fuhr Walker fort, „Floyd hat bei einem Einsatz gegen ein paar Drogendealer in Downtown ein Bein verloren. Das war vor zwei Jahren. Vor ein paar Monaten hat er mich auf dem Revier besucht und mir erzählt, dass Wanda, seine Frau, an Brustkrebs erkrankt ist. Wir haben natürlich sofort Geld für ihn gesammelt. Aber es hat nicht gereicht. Sie starb letzte Woche und heute fand man Floyd, er hat sich mit ner Schrotflinte den Kopf weggeblasen.“ „Du meine Güte“, Don sah betroffen in die Runde. Zum Glück hatten sie bereits alle gegessen.

 

„Ich wünschte ich hätte noch Theos Enthusiasmus und Unbefangenheit“, sinnierte Colby, „anfangs hielt ich den Jungen für einen verwöhnten Pinkel. Aber das stimmt nicht, seine Eltern scheinen ihn sehr „down-to-earth“ erzogen zu haben.“ Die Kellnerin brachte noch eine Runde Bier. Don hob sein Glas, „einen Toast auf all unsere Kollegen, die von uns gegangen sind.“ Sie stießen mit den Gläsern an. Es war kurz vor zehn Uhr abends, als sie alle gemeinsam das Lokal verließen. Zur gleichen Zeit hatte Charlie seine Sachen für den Trip nach Pasadena gepackt und sich in die Garage zurückgezogen. „Und wann kommt Larry?“ fragte Alan, der soeben Charlies Refugium betreten hatte. „Larry? Ah, der kommt doch nicht. Die NASA hat ihn mal wieder in ihren Klauen“, entgegnete Charlie, dem es schwer fiel, sich gleichzeitig auf seine Brute-Force-Berechnungen und die Worte seines Vaters zu konzentrieren. „Und wer fährt dann mit dir mit?“ „Dad, ich bin alt genug, ich kann gut auf mich selbst aufpassen“, entgegnete Charlie genervt. „Meinst du wirklich, das ist eine gute Idee nach allem, was hier so abläuft?“ Alan gab nicht auf. „Dad bitte, ich hab zu tun. Ich möchte das Amita sich nachher auskennt, wenn sie mit der Sache weitermacht.“ „Amita? Sie kommt her? Schläft sie auch hier? Ich meine, wenn du willst, kann ich Frühstück….“ „Amita kommt morgen Nachmittag her und nein, ich denke nicht, das sie hier übernachten wird“, Charlie legte die Kreide zur Seite.

 

„Dad, bitte. Ich weiß deine Besorgnis zu schätzen, aber was soll mir denn schon passieren. Dieser Craven sitzt in einem Hochsicherheitsgefängnis, beruhige dich“, versuchte Charlie einzulenken. „Und wenn sie ihn auf den Mond geschossen hätten. Charlie, er hat Don und uns bedroht. Du solltest das nicht so einfach auf die leichte Schulter nehmen“, sein Vater war sichtlich verärgert. „Apropos Don, hast du ihm über deine Pläne informiert, ihm deine Reiseroute bekanntgegeben.“ „Dad“, Charlie hielt mitten im Schreiben inne, „ich fahr doch nur nach Pasadena, den meisten Teil davon fahr ich Autobahn. Ich hab den Akku meines Handys geladen und ich hab Pfefferspray im Handschuhfach.“ „Wirklich?“ „Nein, natürlich nicht“, grinste Charlie, „wieso auch? Es ist nicht das erste Mal, dass ich raus aus LA fahre.“ „Wenn ich nicht diese Beratertätigkeit bei „Kline und Söhne“ angenommen hätte, würde ich mit dir fahren“, nervös fuhr sich Alan durchs Haar. „Na toll. Wie würde das wohl aussehen, wenn einer der klügsten Köpfe der CalSci mit seinem Daddy im Schlepptau bei einem Seminar auftaucht?“ „Es ist mir scheißegal wie das aussehen würde“, entgegnete Alan, „ich mach mir einfach Sorgen.“ Erneut wandte sich Charlie um, „hattest du wieder diesen Albtraum von Mom? Dass ihr zusammen in den Bergen seid und ihr von einer Lawine….“ „Quatsch Charlie, diesen Albtraum hatte ich schon seit Monaten nicht mehr. Der hat damit nichts zu tun“, winkte Alan barsch ab.

 

Charlie kritzelte noch die Formel zu Ende, dann ging er hinüber zu seinem Dad und legte ihm den Arm um die Schulter, „ich verspreche dir, dass ich mich melde, sobald ich von der Autobahn runter bin, okay? Und nachdem ich im Hotel eingecheckt hab, melde ich mich auch. In Ordnung?“ Alan nickte, wenn auch ein wenig widerwillig. „Und wann fährst du los?“ „So um vier Uhr früh. Dann bin ich gegen sieben in Pasadena und kann noch alles in Ruhe für das Seminar vorbereiten.“ Charlie warf noch einen Blick auf die Tafel. Dann löschte er das Licht und ging mit seinem Vater zurück ins Haus. Schlaf fand er kaum in dieser Nacht. Unruhig wälzte er sich von einer Seite auf die andere. Immer wieder ging er im Geiste die Formel durch und rief sich Einzelheiten des Falles ins Gedächtnis zurück. Einer plötzlichen Eingebung folgend, sprang er um zwei Uhr morgens aus dem Bett und lief hinüber in die Garage. Dort stellte er sich vor die Tafel und besah sich seine Berechnungen als Ganzes. Er visualisierte Zahlengruppen, verglich sie mit den Fallakten und kombinierte andere Möglichkeiten. Nach einigem Hin und Her, setzte er sich an seinen Laptop und hinterließ Amita einige Notizen. Die Zeit verging viel zu schnell und schließlich merkte er, dass er sich sputen musste, wenn er sich an seinen Zeitplan halten wollte. Hektisch lief er ins Badezimmer. Kurz darauf, schnappte er sich zuerst den anderen Laptop und die Tasche mit seinen Unterlagen. Dann ging er noch einmal zurück zum Haus, um sich seine Reisetasche zu holen. Dabei rutschte sein Handy, das er oben drauf gelegt hatte herunter und landete weich im Teppich. Was weder Charlie, noch Don, noch sonst irgendjemand zu diesem Zeitpunkt wussten, war, dass sich Cravens Leute schon eine ganze Weile in Charlies Handy gehackt hatten und so genauestens über seine Pläne Bescheid wussten. „Er fährt jetzt los Joyce“, sagte der Mann, der zwei Autos hinter Charlie geparkt hatte, in sein Funkgerät und kurz darauf die Verfolgung aufnahm, „ihr habt also noch eine Weile Zeit.“ Es knackte zweimal, „verstanden Stickler, wir warten auf weitere Anweisungen.