Chapter 12

 

Es war bereits kurz nach elf Uhr Vormittag, als Don und sein Team endlich vor Ort eintrafen. Der Berufsverkehr hatte es an diesem Tag besonders in sich gehabt. Seit gestern wurde Los Angeles auch wieder von einer Hitzewelle heimgesucht. Und als Don und seine Leute, den von Polizisten gesäumten Pfad entlang schritten, drang der unverkennbare Geruch der Verwesung bereits von weiten in ihre Nasen. Colby sah besorgt zu Theodor, dessen gesunder Teint einem blass rosa gewichen war. „Alles in Ordnung Kleiner?“ Theodor nickte schwach, „ich schätze in dem Job werd ich mich wohl an Leichen und alles was dazu gehört gewöhnen müssen.“ Megan blieb stehen und kramte in ihrer Jackentasche. Dann drückte sie dem Neuling eine kleine Dose in die Hand, „hier, das ist Mentholpaste. Streich sie dir unter die Nase, dann ist es nicht so schlimm.“ Theodor schraubte den Deckel ab und begutachtete den Inhalt misstrauisch. „Keine Panik Junior“, sagte David, „wir verraten’s keinem. Los nur zu, ich hab das anfangs auch immer gemacht?“ „Kein Scheiß Alter?“ David schüttelte lachend den Kopf, „kein Scheiß Junior!“

 

Don gefiel die Art, wie sein Team dem Newbie auf die Sprünge half. Sie hatten alle mal angefangen und keiner von ihnen war dermaßen abgebrüht gewesen, als das ihn der Fund einer Leiche hätte kalt gelassen, geschweige denn mehr als einmal den Magen umgedreht hätte. Je näher sie ihrem eigentlichen Ziel kamen, desto penetranter wurde der Geruch. Und Theodor kämpfte, trotz einer kräftigen Portion von der Paste unterhalb der Nase, krampfhaft gegen die aufsteigende Übelkeit an. Sie kamen an eine Lichtung, ein Stück weiter hinten konnte Don bereits Dt. Gary Walker erkennen. „Hallo Walker“, rief er und hob seine Hand zum Gruss. Walker erwiderte die Geste und winkte Don zu sich. Jede Menge Insekten schwirrten um den Fundort der Leiche herum. „Was haben wir denn da?“ meinte Don und ging neben Walker in die Knie. Dieser schlug einen Teil der Plane, in der die Leiche eingewickelt war, zurück.

 

Mit einer reflexartigen Bewegung fuhr sich Don mit der rechten Hand schützend vor Mund und Nase, „Verdammte Scheiße“, entfuhr es ihm. „Genau meine Rede Agent“, entgegnete Walker. Don bellte ein paar Befehle an seine Leute. Dann besah er sich den Tatort und die Leiche in aller Ruhe noch einmal. „Schätzungsweise liegt sie hier schon ein paar Tage.“ Walker nickte, „die Gerichtsmedizinerin meint ca. 4, genaueres werden wir anhand der Autopsie und der forensischen Auswertungen erfahren. Schrecklich, sie muss bildhübsch gewesen sein.“ „Und blutjung, nicht alter als fünfzehn“, schätzte Megan, „wurde sie schon identifiziert?“ „Ihr Name ist Lydia Wise. Sie wurde vor kurzem von ihren Eltern als vermisst gemeldet.“ Walker nahm einen kleinen Ast in die Hand und drehte ihn zwischen seinen Fingern, „Agent Eppes, täusche ich mich, oder kommt uns an diesem Szenario einiges bekannt vor?“ Don schluckte trocken, er hatte schon befürchtet, dass es jemand ansprechen würde. „Das hier sieht wie eine exakte Kopie jener beiden Morde aus, die wir zuletzt Craven zugeschrieben haben und zwar bis ins kleinste Detail. Die Plane, die Umgebung in der die Leiche gefunden wurde, die Wunden am Hals, die mit Sicherheit von einer Garrotte stammen und letztendlich auch die Todesursache waren. Jetzt braucht man nur noch GHB, diese abscheuliche Droge, in ihrem Blut finden…“

 

Megan kam näher und legte Don, der immer noch vor der Leiche hockte, die Hand auf die Schulter, „dann hat er also die Wahrheit gesagt.“ „Wer?“ fragte Walker verwirrt und suchte Dons Blick. „Adrian Craven“, antwortete Don tonlos, „ich war vor ein paar Tagen bei ihm, da hat er mir gesagt, dass die letzten beiden Morde, die ihm angelastet worden sind, nicht von ihm begangen wurden, sondern von einem Kerl der sich Raphael nennt.“ „Und sie haben es nicht der Mühe wert gefunden, dem LAPD von dieser Entwicklung zu berichten?“ Walker konnte seinen Ärger nicht verhehlen und stand auf. Don folgte ihm, „hören sie, ich war bei Novak und hab mir deswegen jede Menge Ärger eingehandelt. Aber niemand, nicht einmal die höchsten Stellen des FBI wollen die Ermittlungen wieder aufnehmen.“ Walker schob sich einen Kaugummi in den Mund, „das werden SIE aber jetzt wohl oder übel tun müssen. Craven saß zum Zeitpunkt dieses Mordes jedenfalls hinter Schloss und Riegel. Er kann es nicht gewesen sein.“ Don fuhr sich, leise fluchend, durchs Haar, „Cravens Anwälte werden vor Freude im Kreis hüpfen, wieder mehr Material, das diesen kranken Bastard entlastet.“ Colby stieß zu ihnen, „wir haben da drüben jede Menge Reifenspuren gefunden. Kein Wunder. Bis auf die Tatsache, dass sich hier im Gestrüpp eine verwesende Leiche befindet, ist das hier ein lauschiges Plätzchen für Leute, die Sex lieber im Auto als daheim im Bett praktizieren.“ Walker lachte kurz auf, „immer einen lässigen Spruch auf den Lippen, das gefällt mir.“

 

Colby schenkte ihm ein breites Grinsen, „ich denke nicht, dass wir hier verwertbare Spuren finden werden.“ Auch David kehrte, mit Theodor im Schlepptau, von seiner Erkundungstour zurück. „Und?“ Don warf ihnen fragende Blicke zu. „Jede Menge Müll und anderes Zeug, ein Wahnsinn, was die Leute so alles in freier Natur abladen, aber nichts, was uns auch nur irgendwie weiterhelfen könnte“, antwortete er. Don wandte sich an Theodor, „na alles wieder im grünen Bereich?“ Der Neue nahm eine militärisch anmutende Haltung an, „ja Sir, danke, dass ich mit Agent Sinclair das Gelände sondieren durfte.“ Don und der Rest der Mannschaft, inklusive Dt. Walker fingen lauthals an zu lachen. „Stehen sie bequem Rekrut“, kicherte Don, zog seine Latexhandschuhe aus und wischte sich die Tränen aus den Augen, „aber das ist auch zu komisch. Theodor ich bin doch nicht ihr Drillsergeant. Also lassen sie das Getue.“ Insgeheim war Don dem Neuen für seine unfreiwillig komische Einlage dankbar. Endlich war die ganze Anspannung, die seit dem Morgen, wie eine dunkle Wolke über ihnen schwebte, wie weggeblasen.

 

„Du würdest einen tollen Marine abgeben. Ja, Sir, stillgestanden und eins, zwo, drei, vier“, zog Colby Theodor auf und marschierte an ihm vorbei. Dieser dankte es seinem älteren Kollegen, indem er ihm den Stinkefinger zeigte. Walker nahm Don zur Seite, als er seinen Leuten zurück zum SUV folgen wollte, „wenn sie wollen, spreche ich dieses Mal mit Novak. Ich hab da so einige Gerüchte gehört …“ er schnitt eine Grimasse, „sie und Novak könnten nicht besonders gut miteinander.“ Ohne näher darauf einzugehen sagte Don, „das wär mir nur recht Gary. Ich denke sie sind genau der richtige Mann dafür.“ „Und sie wollen mir nicht sagen, was an diesen Gerüchten dran ist, ich meine, sie kennen mich nun schon ein paar Jahre und ich denke …“ „Kein Kommentar“, unterbrach ihn Don mit einem Augenzwinkern und wandte sich um. „Auch gut, ich muss ja nicht alles wissen, oder? Vielleicht ein andermal bei einem Glas Bier oder zwei ….“, rief Walker ihm hinterher.

 

Don hob die Hand zum Gruß, ohne sich dabei umzudrehen. Kurz darauf passierte er Megan, die stehen geblieben war, um sich ihr loses Schuhband neu zu schnüren. „Ich kenne euch nun schon einige Zeit, aber selten zuvor hab ich einen Fall erlebt, der Agent Eppes dermaßen mitgenommen hat“, drang Walker Stimme halblaut an ihr Ohr. „Sie haben ja auch keine abscheuliche Drohung erhalten“, entgegnete sie und wollte ihren Weg fortsetzen. Er hielt sie sanft zurück, „welche Drohung?“ „Ich dachte er hätte es ihnen vorhin erzählt.“ Walker schüttelte den Kopf. „Craven hat seine „Bitte“ um die Wiederaufnahme des Verfahrens dadurch unterstützt, indem er Don das Herz eines frisch geschlachteten Schweines ins Büro geschickt hat, begleitet von den sinnigen Worten: „Home is, where the heart is.“ Don hat allen Grund zu der Annahme, das nicht nur sein Leben, sondern auch das seiner Familie in Gefahr ist.“ „Und wie sehen Staatsanwalt Novak und das FBI diese Tatsache?“ „Nicht ganz so wie wir, die wir tagtäglich unser Leben auf den Straßen von Los Angeles riskieren müssen.“ „Miese Bande von Sesselfurzern“, schimpfte Walker, „die scheinen immer zuerst eine Leiche zu brauchen, ehe sie in die Gänge kommen. Ich werde meine Leute anweisen, die Gegend Rund um Agent Eppes Apartment und auch jene, wo sich das Haus seiner Familie befindet, mit erhöhter Aufmerksamkeit und verstärkt zu patrouillieren. Ich weiß, es ist nicht viel, aber das kann mir niemand verbieten und ich schlafe dann auch ein wenig ruhiger.“

 

Megan drückte ihm die Hand, „danke Dt. Walker, das wirklich nett von ihnen, ich werde es Don sagen. Und übrigens meinen Glückwunsch zur Beförderung, auch wenn es schon eine Weile her ist.“ Er nickte ihr knapp zu und ging zum Fundort der Leiche zurück. Sie beschleunigte ihre Schritte, um rasch zu den anderen aufzuschließen, die bereits auf sie warteten. „Da wird aber Larry keine Freude haben, wenn ich ihm davon erzähle“, scherzte Don, der ihr Gespräch mit Walker beobachtet hatte. „Es geht doch nichts über einen mittäglichen Flirt mit einem Beamten von LAPD, noch dazu wenn er einen so fantastischen Körperbau wie Dt. Walker hat“, stieg sie auf das Spiel ein. „Ha, ich denke du brauchst eine neue Brille Megan. Was wollte er?“ Dons Miene war ernst geworden. „Nichts weiter, ihm gefällt nur nicht, wie unsere Obrigkeit Probleme handhabt, die gewisse FBI-Mitarbeiter mit gewissen inhaftierten Serienkillern haben. Deshalb lässt er dir ausrichten, dass er ab sofort die Patrouillen um die Gegend deines Apartments und auch um das Haus von Charlie und deinem Dad verstärken wird.“ Don steckte den Schlüssel ins Zündschloss und startete den Wagen, „wenn man bedenkt, dass ich den Kerl anfangs gar nicht leiden konnte.“ „Oh“, grinste Megan verschmitzt, „ich denke, das beruhte damals sicher auf Gegenseitigkeit.“

 

Raphael stand vor dem Haus von Rose Winters und ihren Eltern. Nein, nicht direkt. Er hatte sich in seinen unauffälligen, hellbraunen Chevy Nova zurückgezogen. Er beobachtete das Geschehen mit einem Zeiss Feldstecher. Gleich mussten Rose und ihr Dad von der Schule zurückkommen. Er warf einen Blick auf die Uhr. Bingo, pünktlich auf die Minute. Rose stieg aus dem Wagen. Sie bewegte sich wie eine wahre Prinzessin. Augenblicklich war er aufs äußerste erregt. Das Wasser lief im buchstäblich im Mund zusammen und er begann sich bereits auszumalen, wie er sie nach Strich und Faden verwöhnen würde, wenn sie erst einmal bei ihm wohnte. Ihr Dad und ihre Mom waren dazu nicht in der Lage, die behandelten sie noch wie ein kleines Mädchen. Der Stachel der Eifersucht bohrte sich in seine Gedanken. Er konnte den Schmerz beinahe körperlich fühlen. Rose ging um den Wagen ihres Vaters herum. Der Wind spielte mit ihren langen blonden Haaren. Raphael stellte sich vor, es wären seine Finger, die sanft über ihre Wangen strichen. Schweißtropfen hatten sich auf seiner Oberlippe gebildet. Er legte das Fernglas weg und nahm seine Kamera zur Hand. Dann begann er Fotos zu schießen. Es fiel ihm immer schwerer, sich zu konzentrieren. Denn sein Körper schrie gellend nach Befriedigung. Zum Glück unterhielten sich Rose und ihr Vater noch eine Weile. Eine halbe Stunde später saß er endlich in seinem Zimmer in dem heruntergekommenen Motel. Mit zittrigen Fingern schloss er die Digitalkamera an den Fotodrucker an. Praktisch. Ein Foto nach dem anderen wurde, in hochauflösender Qualität, von dem Ding ausgespuckt. Gleich war es soweit und er konnte es sich mit den Bildern auf das Bett zurückziehen.

 

Er war gerade dabei, sich auszuziehen und Hand an sich zu legen, als eines der Bilder seine volle Aufmerksamkeit forderte. Wütend nahm er es in die Hand und besah es sich genauer. Was war das? Was tat Rose Vater da? Wie sah er seine eigene Tochter an? Er stieß einen wütenden Schrei aus und fegte einen anderen Stapel Fotos vom Tisch. Er machte damit alles zunichte, was sich Raphael in den letzten Tagen ausgemalt hatte. Das durfte ein Vater nicht, so durfte ein Vater seine Tochter weder ansehen, noch berühren. Schrecklich! „Sie ist nicht mehr rein“, schrie eine Stimme in seinem Kopf, „sie ist nicht mehr rein. Sie ist genauso eine Hure, wie all die anderen Mädchen. Sie ist nicht vollkommen, du musst sie töten.“ Er ging in Knie und gab unartikulierte Laute von sich. Dann wälzte er sich auf dem Boden, wie ein weidwundes Tier. Warum mussten sie ihm jedesmal so weh tun? Warum nur? Warum konnten sie nicht einfach so sein, wie er sie gern gehabt hätte? Unschuldig! Er rollte sich zur Seite, das Bild entglitt seiner Hand. Es zeigte, wie Rose Vater, seine Tochter liebevoll umarmte und ihr einen Kuss auf die Wange gab.