Chapter 11

 

Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne kitzelten Ivy im Gesicht. Langsam öffnete sie die Augen, nur um enttäuscht festzustellen, dass Dons Seite des Bettes leer war. Dafür drang der Geruch von frischgebrühtem Kaffee in ihre Nase. Sie drehte sich auf den Rücken und räkelte sich genüsslich. Als sie Don erblickte, hielt sie mitten in der Bewegung inne. Sie befand, dass er umwerfend aussah, wie er so lässig gegen den Türrahmen gelehnt da stand, die Hände vor der Brust verschränkt und sie beobachtete. Das einzige Manko: er trug bereits ein schwarzes Button-down-Hemd und eine graue Hose. „Wie lange stehst du eigentlich schon da?“ fragte sie und gähnte herzhaft. „Keine Ahnung“, gab er verträumt zurück, „absolut keine Ahnung. Ich denke, ich könnte dich stundenlang ansehen.“ „Einfach nur ansehen?“ neckte sie ihn, „das würde dir echt genügen? Und weshalb bist du schon angezogen?“ Er deutete auf seinen Pager, „die Pflicht ruft. Ich muss in knapp zwanzig Minuten im Büro sein. Du kannst aber ruhig liegen bleiben. Ich dir die Schlüssel fürs Apartment da, du kannst sie mir später vorbeibringen.“

 

Sie zog eine Schnute, „och, ohne dich im Bett, macht es ja gar keinen Spaß.“ Ivy setzte sich auf und wuselte durch ihr Haar, dann streckte sie verlangend beide Hände nach Don aus, dabei war es ihr offensichtlich egal, dass das Laken verrutschte und er freie Sicht auf „Fred und Ginger“, wie Ivy ihre wohlgeformten Brüste nannte, hatte. „Lass dich zum Abschied noch einmal drücken“, bettelte sie mit einem Blick, dem Don einfach nicht widerstehen konnte. Seufzend ging er zu ihr hin und ehe er sich’s versah, zog sie ihn ins Bett und er kam auf ihr zu liegen. Sie küssten sich, als hätten sie sich seit Monaten nicht gesehen. „Weißt du, ich muss wirklich gehen“, sagte er mit heiserer Stimme. „Gewisse Körperteile sind aber nicht dieser Meinung“, zielstrebig fuhr ihre Hand zwischen Dons Beine. „Dieses „Körperteil“ muss dem Chief aber auch nicht Rede und Antwort stehen, wenn er mich in aller Frühe schon zu einer Besprechung zitiert, bei der das halbe Department dabei sein muss.“ „Ich kann dir ja eine Entschuldigung schreiben“, neckte sie ihn und zog ihn noch einmal zu sich herunter, gleichzeitig schlang sie ihre Schenkel um seine Taille.

 

„Ich muss jetzt wirklich los“, murmelte er in ihrem Mund, „so leid es mir auch tut.“ Nur widerwillig befreite er sich aus ihrer Umarmung. „Ich denke du solltest dir eine Jacke vor den Körper halten“, griente sie, „sonst könnte noch jemand, der dir beim rausgehen zufällig über den Weg läuft, auf falsche Gedanken kommen.“ Don sah an sich herunter, „da siehst du, was du aus mir machst einen willenlosen Sexsklaven.“ Sie legte sich wieder hin, blies ihm eine Kusshand zu und zog sich die Decke über den Kopf. Don betrat das FBI-Building mit dem gleichen verträumten Ausdruck, mit dem er kurz zuvor sein Apartment verlassen hatte. „Wow, Don“, sagte Megan, „ich dachte nur wir Frauen haben diesen gewissen Blick drauf?“ „Welchen Blick?“ „Diesen ich bin gerade „gepunkt- punkt- punkt“ geworden. Aber von dir kann Frau noch echt was lernen. Darf ich raten? Ivy?“ Don räusperte sich und versuchte seine „Ich-bin-im-Dienst-Miene“ aufzusetzen, „weshalb interessierst du dich in letzter Zeit so auffällig für mein Sexualleben?“ „Weil es schön ist zu sehen, dass du wieder eines hast?!“ gab sie frech zurück, „nach der Sache mit Liz, dachten wir schon, du wärst zu einem geschlechtslosen, knurrigen Zölibatär verkommen. Ivy hat dich uns wiedergeschenkt. Nicht wahr Jungs?“ Colby und David nickten zustimmend, „richte ihr schöne Grüße und unseren ergebensten Dank aus“, feixte Colby. „Ihr habt sie wohl nicht mehr alle“, entgegnete Don, mühsam ein Lächeln unterdrückend. Dann ging er hinüber in die Küche und genehmigte sich die zweite Tasse Kaffee an diesem Morgen.

 

„Habt ihr eine Ahnung, was der Chief uns zu sagen hat?“ nachdenklich rührte Don in seinem Kaffee. „Soviel ich weiß, geht es um Craven“, meldete sich Theodor zu Wort, der gerade den Gang entlang geschlendert kam. „Unsere Geheimwaffe“, grunzte Colby, „der Mann mit dem übersinnlichen Fähigkeiten huhuuuuu.“ „Wenn das eine Anspielung auf meine Entdeckung in Bezug auf Cravens Krankengeschichte sein soll“, schnaubte er beleidigt, „lassen sie’s bleiben. Mein Onkel hat mir gehörig die Leviten gelesen. Glauben sie nicht, weil ich der Neffe von Direktor Vasquez bin, kann ich meinen Arsch auf goldenen Lorbeeren ausruhen. Im Gegenteil, ich muss mir meinen Arsch sogar doppelt so hart aufreißen, weil er mir ständig im Nacken sitzt.“ „Immer mit der Ruhe Junior“, sagte Don und schüttelte den Kopf in Richtung Colby, „wir spielen hier alle im selben Team.“ „Das sollten sie auch Mr. Testosteron verklickern“, fuhr Theodor fort. Colby wollte was erwähnen, doch Don hob einhalt gebietend die rechte Hand, weil er neugierig war, ob der Neue noch mehr Informationen für sie hatte, „weißt du näheres?“ Theodor schüttelte den Kopf, „nein leider. Ich hab nur ein paar Wortfetzen aufgeschnappt, als ich vorhin am Besprechungszimmer vorbeigegangen bin.“

 

Auf alles wäre Don im Fall Craven gefasst gewesen, aber nicht auf das, was jetzt kam. „Ladies und Gentlemen, ich freue mich sie heute Morgen hier begrüßen zu dürfen. Aufgrund der Ereignisse der letzten Tage und den überraschenden Entwicklungen im Fall „Aura-Killer“ möchte ich ihnen mitteilen, das Mr. Adrian Craven in Kürze aus St. Quentin, in eine Nervenheilanstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher verlegt wird.“ Buh- und Protestrufe erfüllten das Besprechungszimmer. Der Chief hob beide Arme und machte beschwichtigende Gesten, „Ruhe bitte Ladies und Gentlemen! Ich weiß, dass diese Vorgehensweise ein wenig von der Norm abweicht, aber Craven hat erneut versucht, sich das Leben zu nehmen, diesmal mit einem Elektrokabel, das er sich um den Hals gelegt hat. Gott alleine weiß, wo das herkam.“ Don fühlte sich, als hätte ihm jemand einen Schlag in die Magengrube verpasst. „Der Kerl spielt doch nur Theater“, rief Colby, um die aufgebrachte Menge zu übertönen. „Er ist ein manipulativer Mistkerl und benutzt sie alle“, das war Theodor. „Wer hat ihn denn auf seine Zurechnungsfähigkeit hin untersucht?“ wollte Megan wissen. Ihre Frage blieb unbeantwortet. Der Aufruhr war verständlich. Monatelange, harte Ermittlungsarbeit wurde durch diese Aktion praktisch zunichte gemacht. Wenn Craven mit diesem Schauspiel durchkam, war es zweifelhaft, ob es überhaupt jemals zu einem Prozess kommen würde. Der Chief kam sich vor, als hätte man ihn in ein feindliches Minenfeld gesteckt, denn es gab kaum einen Mitarbeiter, der ihm keinen vernichtenden Blick zuwarf.

 

„Tz, dass glaub ich einfach nicht“, Dons Stimme überschlug sich beinahe, als er und das Team zurück in ihren Abschnitt gingen, „da könnte man ja beinahe annehmen, der Kerl hätte wirklich dämonischen Beistand.“ „Oh, ja“, nickte Theodor wissend, „in Form von verdammt guten Anwälten. Den besten der Stadt: Ryker, Morse und Bernstein. Klingelt das was bei Euch?“ „Doris Grapevine“, sagte Megan halblaut, „die Frau, die ihren acht Jahre älteren Bruder brutal abgeschlachtet hat, mit der Begründung, er hätte sie jahrelang missbraucht. Sie kam frei, später hat sie dann ihren Ehemann getötet und behauptet es wäre Notwehr gewesen, weil auch er versucht haben soll, ihr Gewalt anzutun. In beiden Fällen wurde sie freigesprochen. Die Show, die sie mit ihrem engelsgleichen Gesicht, zusammen mit diesen Anwälten vor Gericht abgezogen hat, war einfach genial.“ „Das klingt ja so, als würdest du sie bewundern“, meinte David verstört, „was ist aus ihr geworden?“ „Sie bekam zahlreiche Angebote aus Hollywood. Jedermann wollte ihre Story verfilmen.“ „Aber?“ „Der Fluch der bösen Taten holte sie ein. Man fand sie eines Tages, mit dem Gesicht nach unten, in ihrem Swimmingpool in ihrem Haus in Malibu. Auf einem der Liegestühle lag ein Drehbuch. Ihre handschriftlichen Notizen, die man darin fand, förderten die Wahrheit ans Licht: entgegen ihrer Aussagen vor Gericht, hatte sie die Taten mit voller Absicht begangen.“ Theodor schluckte, „Mann, das hört sich ja an, wie ein Splatterfilm, so genau kannte ich den Fall auch nicht. Vielleicht haben sich die Geister der beiden …..“ „Theo, wir sind hier nicht bei „Supernatural“, unterbrach ihn Colby.

 

„Wenn diese Kerle Craven vertreten, seh ich echt schwarz“, murmelte Don bestürzt. Sein, bis jetzt, wasserdichter Fall, begann sich langsam, aber sicher aufzulösen. „Aber nen Freispruch können die doch nicht erwirken. Ich meine, so wie bei dieser Grapeschnecke“, hakte Theodor nervös nach. Megan schüttelte den Kopf, „das nicht. Aber die Sicherheitsverwahrung in einer Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher, wenn auch auf Lebenszeit, ist sicher nicht die Strafe, die den Hinterbliebenen von Cravens Opfern vorschwebt.“ Dons Mobile klingelte, „Eppes!“ fauchte er. „Entschuldigen sie die Störung Agent Eppes, hier spricht Dt. Walker vom LAPD. Wir haben da was in einem Waldstück bei Encino gefunden, dass sie sich unbedingt ansehen sollten“, sagte der Mann am anderen Ende der Leitung. „In Ordnung, wir fahren gleich los. Es wird aber ein wenig dauern, der Berufsverkehr.“ „Schon in Ordnung“, gab Walker freundlich zurück, „ich sorge dafür, dass hier in der Zwischenzeit keiner was anrührt.“ Es klickte, die Verbindung war unterbrochen.

 

„Packt eure Sachen Leute“, sagte Don griesgrämig, „das war gerade unser Freund Dt. Walker vom LAPD. Unsere Anwesenheit ist in gefragt.“ „Und wo?“ Colby kramte in seinem Schreibtisch. „In einem Waldstück in Encino. Und ich habe das ungute Gefühl, dass das, was dort auf uns wartet, keine Überraschungsparty im eigentlichen Sinn sein wird.“ Sie fuhren mit zwei Wägen, damit sie sich im Notfall trennen konnten. Im Moment waren ihnen ohnehin die Hände gebunden. Die Ermittlungen im Fall Craven lagen nun endgültig auf Eis und aktuelle Fälle gab es im Moment nicht. Jedenfalls keine die Dons Team betrafen.

 

„Guten Morgen Professor Eppes“, tönte Millys fröhliche Stimme durch sein Büro, „sollten sie mir nicht demnächst ihre Abhandlung übergeben?“ „Ich bin dran Milly, wirklich“, gab er gereizt zurück. Seine flinken Finger, bewaffnet mit einem Stück Kreide, flogen förmlich über die Tafel vor ihm und wandelten seine Gedanken in Geschriebenes um. „Ich hätte mir gewünscht, dass sie ihre Ergüsse auf Papier verewigen. Diese Holzdinger sind doch recht sperrig, finden sie nicht?“ Er hielt kurz inne und sah sie an, „im Moment hat mich meine Shakespearsche Ader grad dermaßen im Stich gelassen, dass ich dachte, ich versuche mich auf herkömmliche Weise zu beschäftigen, ehe ich zum Unterricht muss.“ „Wieder eine Sache für ihren Bruder?“ „Sie haben’s erfasst.“ Sie setzte sich ihre Brille auf die Nase und betrachtete Charlies Notizen aus einiger Entfernung. „Brute-Force, ich liebe diese Methode. Aber was ist das?“ Sie ging näher an die Tafel und deutete auf den Beginn der vierten Zeile von links, „das kenn ich noch nicht.“ „Der Fall ist bereits abgeschlossen und es gibt ein paar neue Fakten, deshalb hab ich einen Algorithmus eingebaut, der einen Umkehrschluss zulässt“, erklärte er ihr Stolz. „Das seh ich, aber diese Sequenz wird sie mit vollem Karacho gegen die Wand rauschen lassen, wenn ich es mal salopp ausdrücken darf.“ Sie hielt ihm die Hand hin, damit er ihr die Kreide geben konnte. Dann griff sie zum Schwamm und löschte einen Teil seiner Formel, nur um sie gleich darauf neu zu schreiben. Bewundernd trat sie einen Schritt zurück und nickte zufrieden, „so gefällt mir die Sache schon besser, was meinen sie Charlie?“

 

Sein verkniffener Gesichtsausdruck hellte sich augenblicklich auf, als er sah, wie sie an die Lösung des Problems herangegangen war. Tatsächlich, deswegen war ihm die ganze Zeit über die Gleichung nicht aufgegangen. „Danke Milly“, meinte er kleinlaut, „sie haben mir wahrscheinlich stundenlanges herum rechnen erspart.“ „Mit Sicherheit sogar. Und diese kostbaren Stunden, können sie jetzt ganz und gar der Abhandlung widmen“, grinste sie gönnerhaft. „Und noch was Charlie, ich entsende sie zum einem Vortrag über Data Mining in Verbindung mit OLAP* nach Pasadena. Dort warten einige Leute aus dem Bereich Finanzen, Marketing und Bio-Technologie gespannt auf ihren Auftritt.“ Charlies Kinnlade klappte herunter, „aber das … das wird verdammt eng Milly.“ „Ich weiß, aber es ist an der Zeit, dass sie ihre Fähigkeiten als Multitalent unter Beweis stellen, außerdem sind einige dieser Leute gewillt, uns in Zukunft finanziell unter die Arme zu greifen, sie wissen wovon ich spreche.“ Sie klopfte ihm auf die Schulter, „sie sind ein Eppes, sie schaffen das schon. Wir sehen uns, den genauen Termin erfahren sie am Nachmittag.“ „Milly has left the building“, brummelte er, nachdem sie aus seinem Blickfeld verschwunden war. Was zur Hölle hatte sein Vater mit dieser Frau bloß angestellt, dass sie zu der Auffassung gekommen war, dass …. Yak, er wollte es gar nicht wissen und schüttelte sich wie ein nasser Hund, während es ihm eiskalt den Rücken hinunterlief.

 

*OLAP = Online Analytical Processing