Chapter 10

 

Kaum war Don gegangen, flitzte Charlie hinüber in die Garage. Amita folgte ihm stirnrunzelnd. Mit Übereifer ging er daran, Kartons hin und her zu schlichten. „Das ist aber nicht, was ich unter einem romantischen Abend zu zweit verstehe“, seufzte Amita und lehnte sich an die Wand. „Entschuldige“, sagte Charlie, „aber ich denke, ich hab hier irgendwo noch Kopien vom Fall „Craven“. Ich weiß, ich hätte sie schon längst vernichten müssen“, entschuldigte er sich mit einem unglücklichen Gesichtsausdruck, als er Amitas vorwurfsvollen Blick sah, „aber du weißt, wie schwer es mir fällt, mich von gewissen Dingen zu trennen.“ Er war wirklich süß, wenn er den kleinen exzentrischen Professor nach außen kehrte, der ein wenig unbeholfen und chaotisch wirkte. Sie konnte einfach nicht widerstehen, näherte sich ihm von hinten und drängte sich an ihn, während er sich bereits im Geiste mit der Brute-Force-Methode auseinandersetzte und in einem alten Karton nach Unterlagen kramte.

 

Zärtlich knabberte sie an seinem Ohrläppchen und seinem Hals. Wohlige Schauer jagten durch Charlies Körper, doch noch sträubte sich ein Teil von ihm dagegen, dem Gefühl, dass sie in ihm auslöste, nachzugeben. Also drückte er seinen Kopf an seine Schulter und murmelte, „lass das Amita, ich muss mich doch konzentrieren.“ „Aber du hast mir vorhin, noch bevor Don hier aufkreuzte was versprochen. Schon vergessen?“ „Äh, nein, das hab ich nicht und …“ er drehte sich abrupt um. „Ich kann mich unmöglich auf meine Arbeit konzentrieren, wenn du so an mir …“ „Rumfummelst?“ ergänzte sie seinen Satz neckisch und fing an, die Knöpfe seines Hemdes, dass sie noch immer trug, zu öffnen. Charlie schluckte hart, „du hast doch nicht etwa vor. Ich meine, du meinst, ich denke … Ich meine du hast doch nicht etwa vor, das zu tun wovon ich denke, dass du es vor hast zu tun“, stammelte er. „Du bist echt süß, wenn du keinen geraden Satz herausbringst“, sie schenkte ihm ein liebevolles Lächeln. Das nächste Kleidungsstück, das zu Boden fiel, waren die Jeans. Dann ging sie splitterfasernackt auf ihn zu, schlang ihre Arme um seinen Hals und gab ihm einen Kuss, der sein Blut in Wallung brachte. „Amita, was, wenn Dad und Milly ….“, murmelte er zwischen Amitas atemraubenden Küssen. „Die kommen noch lange nicht, keine Sorge“, wischte sie seine Bedenken fort. „Aber …“ „Charlie?“ „Was Amita?“ „Halt die Klappe uns küss mich.“ Okay, auch ein Charlie Eppes konnte den weiblichen Reizen nicht ewig widerstehen, also gab er nach bereitwillig nach. Trotzdem hielt er noch einmal kurz inne, „und du willst es wirklich tun, hier in der Garage?“ Amita grinste von einem Ohr zum anderen, „die alte Couch da drüben sieht doch ganz einladend aus, findest du nicht?“ Noch bevor er antworten konnte, verschloss sie seine Lippen erneut mit einem heißen Kuss und verwandelte ihn damit zu Wachs in ihren Händen.

 

Don stieg völlig übermüdet und angespannt aus seinem Wagen. Nachdem er Charlie und Amita alleine gelassen hatte, war er noch einmal ins Büro gefahren und hatte sich auf den neuesten Stand gebracht. Der genau eines besagte, nämlich: nichts, nada. Es würde schwer werden, die Überwachung seiner Familie bei seinen Vorgesetzten zu begründen, jedenfalls, wenn diese über einen längeren Zeitraum andauern sollte. Stinksauer fuhr er zu seinem Apartment. Er versperrte den Wagen und ging hinüber zum Eingang. Was war das? Hatten ihm seine müden Augen einen Streich gespielt, oder war da tatsächlich ein dunkler Schatten über den Vorhof gehuscht und im Stiegenhaus verschwunden? Dons Nerven lagen endgültig blank. Er zog seine Waffe und verfolgte den Unbekannten. Kaum fiel das Haustor hinter seinem Rücken ins Schloss hörte er auch schon das Stakkato artige Klicken von Absätzen auf der Treppe in Richtung seines Apartments. Er stieß einen leisen Fluch aus und machte Licht. Hatte ihm Craven jetzt etwa einen weiblichen Killer auf den Hals gehetzt? Oder trug der Kerl genagelte italienische Schuhe. Wie auch immer, er war auf alles gefasst. Vorsichtig, mit der entsicherten Waffe im Anschlag, arbeitete er sich von Etage zu Etage vor. Dabei hatte er Angst, das ihn sein eigener Herzschlag verraten könnten.

 

Jedenfalls pochte dieser lautstark in seinen Ohren. Da war es wieder, dieses verräterische Klicken. Don hielt die Luft an, als die Zeitschaltuhr das Ganglicht abstellte und es stockdunkel um ihn herum wurde. „Shit“, nervös leckte er sich die Lippen. Er trug nicht mal seine Kevlarweste, die lag zusammen mit dem Funkgerät und der restlichen Ausrüstung im Kofferraum seines Wagens. Warum sollte er die Sachen auch mit sich herumschleppen? Ein Attentat im Stiegenhaus seiner Wohnhausanlage?! Allein der Gedanke daran war schon absurd. Aber, man lernte nie aus und jetzt stand er da, im Dunklen, alleine und konnte nur ahnen, wo sich die andere Person befand. Egal wie er es anstellte, sobald er den letzten Treppenabsatz nach oben ging, befand er sich für den Attentäter unweigerlich auf dem Präsentierteller. Es sei denn… So leise wie möglich, schlich er hinüber zum Aufzug und holte ihn zu sich. Die Türen glitten mit dem unweigerlichen „Ping“ auseinander. Don drückte die Nummer seiner Etage, ohne jedoch einzusteigen. Wenn die Kabine des Aufzuges nun oben ankam, würde der Attentäter sicher seine volle Aufmerksamkeit auf die Türen richten. Aber dort würde Don nicht sein.

 

Es war alles eine Frage des Timings. Der Schweiß trat Don aus allen Poren und sein Atem ging stoßweise. Ein Schweißtropfen verirrte sich in sein rechtes Auge. Es brannte höllisch, aber er ignorierte den Schmerz. Seine Muskeln waren zum zerreißen gespannt. Die Kabine des Aufzuges hatte ihr Ziel erreicht. Don sprang aus seiner Deckung hervor, im gleichen Moment machte es „Ping“. Er nahm gleich zwei Stufen auf einmal. Vor sich sah er eine Person, deren Silhouette sich dunkel gegenüber dem fahlen Mondlicht abzeichnete. „FBI, keine Bewegung“, rief er und kam sich dabei ein wenig albern vor. Die Türen der Aufzugkabine hatten sich bereits wieder geschlossen. Es war dunkel. „Bleiben sie wo sie sind“, befahl Don, „Hände in die Höhe, los wird’s bald, ich will ihre Hände sehen.“ Plötzlich flog neben ihm die Tür auf, beinahe hätte Don den Abzug seiner Waffe betätigt. Dann erkannte er jedoch den alten Murphy. „Was läuft denn hier für `ne Scheiße?“ lallte er mit schwerer Schlagseite. „Wieso fuchteln sie mir mit ihrer Waffe vor der Nase herum?“ Er sah Don an, als wäre dieser ET bei einem Zwischenstopp auf der Erde. „Mr. Murphy, bitte schließen sie wieder die Tür“, zischte Don und bemerkte zu seinem Entsetzen, dass die dunkle Gestalt am anderen Ende des Ganges verschwunden war.

 

Murphy kratzte sich seinen nackten Hintern, „den Teufel werd ich tun, hier draußen is es ja spannender als vor dem Fernseher.“ Don hatte inzwischen seine Waffe gesenkt. „Bitte Mr. Murphy, es ist zu ihrer eigenen Sicherheit.“ Der Alte brabbelte unverständliches Zeug, seine Alkoholfahne hätte ausgereicht um jemanden zu betäuben und knallte wütend die Tür zu. Dons Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf das Ende des Ganges. Diesmal sorgte er dafür, dass das Licht an blieb. „Don?“ hörte er eine weibliche Stimme. „Don? Kann ich dir jetzt gegenübertreten, ohne Angst haben zu müssen, mir eine Kugel einzufangen?“ „Du meine Güte, Ivy?“ Dons körperliche Anspannung war mit einem Schlag verschwunden. „Ja, genau, ich bin’s Ivy.“ Sie trat aus der Nische hervor. Sie trug einen schwarzen Trenchcoat, schwarze Strümpfe und High Heels. Lächelnd lief er zu ihr hin und umarmte sie. „Tu das nie wieder Ivy, bitte, tu das nie wieder. Besonders an einem Tag wie heute“, murmelte er, dann presste er gierig seine Lippen auf ihre. „Was ist denn bloß los mit dir? Ich hab dir doch eine Nachricht auf deiner Mailbox hinterlassen“, sagte sie als er kurz von ihr abließ. Er griff in die Innentasche seiner Jacke und beförderte sein Mobile und seine Wohnungsschlüssel zu Tage. Er hob das Telefon auf Ivys Augenhöhe, „der Akku, er hat den Geist aufgegeben, sorry.“ „Na, da musst du dir aber eine besondere Wiedergutmachung einfallen lassen“, tat sie beleidigt, während er die Tür zu seinem Apartment aufschloss, „immerhin hättest du mich um ein Haar ins Jenseits befördert.“ Als sie drinnen waren, gab er ihr einen Klaps auf den Hintern, „das würde ich nie tun“, sagte er zärtlich und wollte ihr aus dem Mantel helfen. Sie entzog sich ihm und ging ins Wohnzimmer. „Wie wäre es mit einem Drink?“ Schon hatte sie ihre Finger am Lichtschalter und dimmte das Licht. Als Don mit zwei Gläsern Scotch zurück kam, stand Ivy mit dem Rücken zu ihm und war gerade dabei, ihren Mantel abzulegen. Eine leise Vermutung hatte ihn bereits beschlichen, die sich auch prompt bestätigte: außer einem Spitzen-BH, samt dazu passendem String, den halterlosen Strümpfen und den High Heels trug sich nichts darunter. Anerkennend pfiff er durch die Zähne, „Victoria’s Secrets neue Herbstkollektion.“

 

„Da spricht der Mann von Welt“, sagte sie, wandte sich um und schloss ihn in ihre Arme. Kurz darauf blickte sie ihm in die Augen und rümpfte ihre süße kleine Stupsnase, „der Mann von Welt könnte eine Dusche vertragen.“ Don roch kurz an sich selbst und nickte, „und ob er das könnte, wag es ja nicht, abzuhauen, ich bin gleich wieder da.“ Sie hatte längst andere Pläne. Don stand kaum zwei Minuten unter der Dusche und bis über beide Ohren eingeseift, da schlüpfte sich auch schon zu ihm in die Duschkabine, ganz ohne Wäsche. „Das nenn ich aber eine Überraschung“, seine Stimme war weich wie Samt. „Wenn du willst kann ich dir den Rücken schrubben.“ Er spülte sich die Seife vom Körper. Dann drückte er sie mit seinem Gewicht sanft an die Fliesen. Sie zuckte leicht zusammen, da diese noch kalt waren. Doch seine Lippen und seine Zunge machten dieses Manko schnell wett. Immer wieder neckte er sie damit, dass er seinen Mund in die Nähe ihres Mundes brachte und dann den Kopf wieder leicht zurückzog. Es machte sie wahnsinnig, der Mann machte sie wahnsinnig. Zwischen ihren Beinen pochte es heftig, als er sie spielend leicht hoch hob, um mit ihr zu verschmelzen.

 

Das heiße Wasser prasselte auf beide nieder während sie sich unter der Dusche Liebesschwüre in die Ohren flüsterten und ihre Körper vor Lust vergingen. Er stöhnte leise auf. Ihre Bewegungen wurden immer fahriger, als er das Tempo seiner Stöße erhöhte. Endlich hatte er sie dort, wo er sie haben wollte. Sie schlang ihre Arme noch enger um seinen Hals, „bitte Don, halt mich fest. Halt mich ganz fest.“ Dann kam sie und riss ihn mit sich mit. Keuchend vergrub er sein Gesicht in ihrer Halsbeuge und hatte Mühe sich auf den Beinen zu halten. Später, als sie beide im Bett lagen, sie ihren Kopf an seiner Brust, strich Don zärtlich über ihre Schulter und ließ die bisherigen Geschehnisse Revue passieren. Er hatte keine Ahnung, woran es lag, vielleicht an Ivys Anwesenheit, ihrem warmen weichen Körper, ihrer unkomplizierten Art, jedenfalls hatte sie es geschafft, dem Monster Craven ein wenig von seinem Schrecken zu nehmen. Don fühlte sich, zum ersten Mal seit langem, rundum glücklich und zufrieden. „Du bist die beste Medizin für mich“, murmelte er kurz vor dem Einschlafen und drückte ihr einen liebevollen Kuss auf die Haare.