Chapter 4

 

Also Leute, verzeiht, wenn ich den Rest der Story in der Vergangenheit erzähl. Aber würd ich es in Echtzeit machen, säßen wir hier wohl alle bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag und ich denke, das wäre nicht im Sinne des Erfinders. Ihr sollt meine Story lesen und nicht vor lauter Langeweile daran sterben! Na schön …

 

Meine Beobachtung sollte sich nicht bloß als simpler Jackpot herausstellen, nein, es sollte ein Jahrhundert-Jackpot sein! Ich war quasi, TROMMELWIRBEL … der letzte Nagel zum Sarg von Fjodor Masurszki. Das FBI, sprich Don und sein Team waren ihm schon seit knapp zwei Jahren auf den Fersen. Jetzt kam ich, taumel im Alk- und Drogenrausch mal kurz in die Szene und SCHWUPPS, schon haben sie den Kerl am Wickel. Super! Einziger dicker, fetter Haken, sobald ich meine Aussage gemacht hatte, war ich meines Lebens nicht mehr sicher, was wiederrum hieß, ich müsste ins Zeugenschutzproggi und was das heißt, brauch ich wohl keinem von Euch zu verklickern.

 

„Überleg es dir Andy“, sagte Don zu mir und sein Blick war diesmal nicht Zuckerguss pur sondern so bitter wie ein Löffel Bittersalz, „wenn du erst einmal ausgesagt hast, müssen wir dich ins Zeugenschutzprogramm aufnehmen. Dein Leben, so wie du es bisher gekannt hast, wird es nicht mehr geben, Andy Merlin wird es nicht mehr geben.“

 

Ich schluckte ein paar Mal hintereinander, aber es war umsonst. Der Kloß in meinem Hals hatte die Größe eines Medizinballes angenommen und selbst wenn ich in der Lage gewesen wäre ihn zu schlucken, wäre er mir wohl wie ein Stein im Magen gelegen oder ich wär gar daran erstickt. Scheiße. Ich hatte Tränen in den Augen, als ich endlich den Blick von meinen, ineinander verkeilten, Fingern lösen konnte und zu Don aufblickte.

 

„Was würdest du tun?“

 

Meine Stimme hörte sich an wie das Krächzen eines Raben auf dem Friedhof.

 

Don sog hörbar Atem ein, „ich weiß es nicht Andy, ehrlich. Es steht mir nicht zu, dich in irgendeiner Art und Weise zu beeinflussen. Es ist dein Leben, um das es hier geht. Ich lass dich mal ein paar Minuten alleine.“

 

Eigentlich wollte ich aufspringen und schreien, „nein, bitte bleib bei mir. Halte meine Hand in den schlimmsten Minuten meines Lebens.“

 

Meines bisherigen Lebens. Die Tür fiel hinter Don ins Schloss und ich war alleine. Ich hätte nie gedacht, dass Stille so einschüchternd wirken kann. Ich meine, jeder von uns sehnt sich doch ab und an nach Ruhe und Stille. Aber jetzt hätte ich mir ein Rammstein Konzert gewünscht, einfach nur so, damit ich diese Stille nicht ertragen musste.

 

Klar konnte ich von Don unmöglich verlangen, mir die Entscheidung abzunehmen. So sehr ich es mir auch wünschte, letztendlich musste ich einsehen, dass er recht hatte. Aus Minuten wurden Stunden. Don schien mir alle Zeit der Welt zu geben. Längst war ich von Kaffee auf Wasser umgestiegen. Schließlich wäre es doof gewesen an ner Überdosis Koffein zu krepieren.

 

Colby warf einen besorgten Blick in meine Richtung, ich konnte von seinen Lippen lesen, als er Don fragte, „und wie denkst du, wird sie sich entscheiden?“

 

Und Don antwortete darauf, „ich denke, sie wird das richtige tun.“

 

Wow, er setzte wirklich sein vollstes Vertrauen in einen Loser wie mich. Nach knapp drei Stunden war es dann soweit. Ich eröffnete ihm, ich hätte mich für eine Aussage und somit gegen mein bisheriges Leben entschieden. Nein, natürlich war ich nicht so theatralisch.

 

Ich sagte einfach, „Don, ich denke, es ist an der Zeit, diesen Muschidingsbums in die Eier zu treten und zwar mit vollem Karacho.“

 

Das war wieder typisch ich. Don schenkte mir dafür wieder sein unwiderstehliches Lächeln. Irgendwann fotografier ich ihn dabei und häng mir das Poster in Megagröße übers Bett. Irre, wie mich doch so ein bisschen Testosteron zum Teenager werden lässt.

 

Daraufhin begann das FBI, in Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft, eine umfassende Anklage auszuarbeiten. Dank Dons genialem Bruder Charlie, einem wirklich putzigen, kauzigen Kerlchen, fand man auch kurze Zeit später die beiden Leichen. Es war das Ehepaar Rasumofsky. Sie waren der Meinung ihre Schulden gegenüber der Organisation getilgt zu haben und wollten aussteigen. Klar, dass das bei allen anderen einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen musste. Und damit kein anderer jemals wieder auf so eine bescheuerte Idee kam, wurde an den beiden und ihrem Hund Mo gleich ein Exempel statuiert. Während die Rasumofskys im Wald hingerichtet worden waren, ging Mo zusammen mit deren Besitz in Flammen auf und machte ein letztes Mal WUFF, als das Haus explodierte. Ein lautes WUFF, die halbe Nachbarschaft war davon geweckt worden.

 

Tja, der Tag meiner Aussage kam. Ich kämpfte mit hysterischen Anfällen, hatte Moms Jahresvorrat an Baldrian innerhalb einer halben Stunde vernichtet und fühlte mich noch immer wie ne Kugel in nem Flipperautomaten. Ding, Ding, Ding, rechts, doppelt links, rechts, links. Ich war hin und her geschleudert von Emotionen, wusste nicht, ob ich Lachen oder Heulen sollte. Aber eines war so sicher, wie das Amen in der Kirche, ich wollte es ENDLICH hinter mich bringen. Don hatte mir versprochen, dabei zu sein. Er verglich den „Besuch“ beim Staatsanwalt mit dem beim Zahnarzt. Nur um sich gleich darauf zu korrigieren, weil er sah, dass ich dadurch nicht glücklicher wurde, sondern eher das Gegenteil.

 

„Sorry, Andy. Das war blöd. Natürlich kann man einen Staatsanwalt und einen Zahnarzt nicht vergleichen …“ und so brabbelte er die ganze Fahrt über. Was mir nur recht war. So brauchte ich nicht für Stimmung im SUV zu sorgen. Später fiel mir ein, eine Musik-CD wär auch keine dämliche Idee gewesen. Doch später war es dann zu spät. Zu spät für alles. Zu spät, um Dinge zu sagen, die man noch unbedingt loswerden wollte, zu spät um sich für Dinge zu entschuldigen, die man einmal gesagt hatte.

 

Niemand aus Don’s Team und dem des Staatsanwaltes hatte mit einem Verräter in den eigenen Reihen gerechnet. Scheiße Mann, warum auch? Man vertraut doch den Leuten, mit denen man tagtäglich zusammen arbeitet. In Dons Fall legt man ihnen sogar das eigene Leben in die Hände. Es war natürlich niemand aus Dons Team, der den Judas mimte. Nein, es war so ein gelacktes Arschloch aus der Staatsanwaltschaft. Alle wuselten um mich herum, wie ein Schwarm Bienen. Trotzdem konnten sie es nicht vermeiden, dass mich die Kugel des Scharfschützen zwischen den Schulterblättern traf. Die Kugel durchschlug die Kevlar-Weste als wäre sie gar nicht da. Copkiller Munition.

 

Es fühlte sich merkwürdig an. Ich fühlte, dass mich etwas am Rücken getroffen hatte. Zuerst dachte ich, es wäre ein Stein oder so gewesen. Vielleicht waren ja Leute da, die mich steinigen wollten. Mein Drogendealer zum Beispiel, bei dem ich mich schon seit ner halben Ewigkeit nicht mehr gemeldet hatte und dem ich noch ungefähr zweihundertvierzig Mäuse schuldete. Vielleicht meine Freunde, weil ich so einfach abgetaucht war, ohne mich zu Verabschieden … Weit gefehlt, Andy, weit gefehlt. Als ein kollektiver Aufschrei durch die Menge ging und meine Knie plötzlich zu Wackelpudding wurden, wusste ich, dass etwas nicht stimmen konnte. Auch als ich plötzlich etwas Warmes in meinem Mund fühlte, das ganz und gar nach Blut schmeckte. Igitt, kann ich Euch nur sagen, echt ekelig. Schon mal die Fresse voller Blut gehabt? Danke, das ist so, als würde man an der Kupferleitung im Keller nuckeln.

 

Dons besorgte Blicke taten ein Übriges und langsam bekam ich ein mulmiges Gefühl. Kein Wunder ich hatte ein Loch in meinem Rücken und mein rechter Lungenflügel war gerade dabei sich zu verabschieden.

 

„Andy bitte, bleib bei mir“, hörte ich Don immer wieder rufen. „Keine Bange Junge, ich hab nicht vor irgendwohin zu gehen, wollte ich sagen. Stattdessen kam nur ein ersticktes Röcheln aus meiner Kehle. „Bitte Andy, halte durch. Bitte.“ Er drückte mich so fest, dass ich meinte, zu ersticken. Seltsam, alles um mich herum versank mit einem Mal in einem roten Schleier. Dons Stimme entfernte sich immer mehr von mir und so sehr ich mich auch bemühte, nicht das Bewusstsein zu verlieren, es wollte mir, auf Teufel komm raus, nicht gelingen. Tja, der liebe Teufel. Ich hatte alles auf eine Karte gesetzt und ihm zu einem flotten Tänzchen eingeladen. Und dieses Tänzchen wurde zu einem Rock’n’Roll auf einem Vulkan. Während ich gnadenlos unterging, schoss links und rechts neben mir die heiße Lava aus dem Erdboden und verschlang mich schließlich.

 

--------

 

Es war verdammt heiß an jenem Freitagnachmittag, an dem man Andy Merlin die letzte Ehre erwies. Die Trauergäste schmolzen buchstäblich in der Hitze dahin und der Pfarrer hielt seine Ansprache im Freien so kurz wie möglich. Hatte er sich in der klimatisierten Kapelle noch ausladend über das seltsame Wesen Andy Merlin, dass diesen Planeten nur kurz beehrte, ausgelassen, schien es, als würde er draußen, in der sengenden Sonne, mit doppelter Lichtgeschwindigkeit sprechen. Alle waren sie gekommen, alle, bis auf Andys Dad Manny. Don war es trotz verzweifelter Suche nicht gelungen, ihn zu finden. Aber auch das war typisch Manny. Nichts geschah, wenn er es nicht wollte. Die Sonne verhalf allen wenigstens zu nem Alibi, um ihre schicken dunklen Sonnenbrillen zur Schau zur stellen. Manche von diesen Dingern waren so groß, dass ihre Träger wie die kleinen grünen Männchen aus den 60er Jahre Filmen aussahen. Nachdem alle dem Sarg hinterher gegafft und ihr Häufchen Erde oder ihre weißen Rosen drauf geworfen hatten, war der Spuk auch schon vorbei.

 

Weiße Rosen, pah. Hab ich schon erwähnt, dass ich die Dinger absolut nicht mag? Aber bitte. Immerhin hat meine Beerdigung der Staat bezahlt. Jawohl! Ihr denkt jetzt sicher ich sitz auf Cloud9 und schwing die Harfe. Oh nein, meine Lieben, da befindet ihr Euch schwer im Irrtum. Wäre es so, wie könnte ich dann wohl zu Euch sprechen? Supernatural Internet gibt’s noch nicht. Oder kennt ihr vielleicht jemanden mit nen direkten Draht zum lieben Gott? Ich nicht. Und so bin ich auch kein Engel geworden, trage keinen Heiligenschein und auf Federn bin ich allergisch. Also is auch nix mit Flügel. Und dann wär da noch die Sache mit der Harfe … Nein danke. Da lob ich mir meine Starkstromgitarre. Mit der zerr ich regelmäßig an den Nerven meiner neuen Nachbarn.

 

Weil ich hab nämlich ein neues Leben. Das Loch in meinem Rücken ist so ziemlich verheilt, meine rechte Lunge ist nicht mehr so ganz das, was sie einmal war, stört meiner einer aber herzlich wenig, ich habe nicht vor, in absehbarer Zeit nen Marathon zu laufen. Eigentlich hab ich gar nicht vor zu laufen. Ich hab nen tollen Job von der Regierung bekommen, beim FBI. Ich, der einstige Hackerschreck, bin zu einem wertvollen Mitglied in Sachen Internetsecurity mutiert. Jawohl, ihr lest richtig. Außerdem haben sie mir, neben der notwendigen OP, wegen dem Loch in meinem Rücken, noch ne zusätzliche spendiert. Ich hab jetzt ein neues Gesicht. Nein, ich seh nicht aus wie Michael Jackson und meine Nase droht mir auch nicht aus dem Gesicht zu fallen. Ich hab meine Zähne gerichtet bekommen und noch ein paar andere Details wurden geändert. Was genau, darf ich aber nicht verraten. Genauso wenig, wie meinen neuen Namen. Klaro. Wofür denn sonst Zeugenschutzproggi?

 

Ab und an seh ich sogar noch Don. Er und sein Team sind die einzigen, die wissen, dass ich noch unter den Lebenden weile. Manchmal, wenn er in der Stadt ist, kommt er mit nem großen Becher Latte Macciatio vorbei. Dann reden wir über Gott und die Welt. Und manchmal, wenn wir ganz sicher sein können, alleine zu sein, reden wir auch über die alten Zeiten. Masurszki hat der Versuch mich zu töten nicht viel eingebracht. Die leidige Angelegenheit hat sich einfach nur verzögert … Egal. Don ist gerade wieder gegangen und ich fühl mich einfach nur leer. Nicht, das ihr meint, zwischen uns wäre je etwas gelaufen. Okay, vielleicht so ein kleines Techtelmechtel, aber nichts von Bedeutung. Dazu war die Entfernung, dann doch zu groß.

 

Trotzdem freute ich mich auf seine Besuche, die mit der Zeit jedoch immer seltener wurden. Ich konnte es gut verstehen. Wir alle entwickeln uns weiter. Andy Merlin war nun mal Geschichte. Gedankenverloren strich ich meinem Kater Nostradamus durch sein weißes, flauschiges Fell. Er quittierte es mit einem Schnurren und klang dabei schon fast wie der Außenbordmotor eines Elektrobootes. Von meinem Dad hat man nie wieder was gehört. In meiner Fantasie hatte er sich mit den Italienern angelegt und die hatten ihm wieder Zementschuhe angelegt und in der Bucht von San Francisco versenkt. Warum ausgerechnet dort? Vielleicht weil ich zu viel „Charmed“ gucke und die Serie genau dort spielt? Ob ich inzwischen meine große Liebe gefunden hab? Öhm, am Kopf kratz und nachdenke, nicht wirklich. Könnte daran liegen, dass ich jeden Kerl, der mit über den Weg läuft mit Don bzw. Colby vergleiche. An die beiden ranzukommen ist nahezu unmöglich, oder?

 

Vielleicht gelingt es mir ja mal später, wenn ich älter bin und meine Ansprüche nicht mehr so hoch sind. Jedenfalls hab ich nicht vor, als alte Jungfer zu enden. Erstens bin ich schon lange keine Jungfer mehr und zweitens, ach was soll’s … Nachdem der letzte Silberstreif am Horizont endgültig verblasst ist, sitze ich hier nun in völliger Dunkelheit. Doch es stört mich nicht im Geringsten. Längst hab ich keine Angst mehr davor im Dunkeln einzuschlafen, so wie kurz nach dem Attentat. Dons Aftershave hängt noch immer in der Luft. Und beinahe ist es so, als säße er immer noch neben mir. Der Knoten in meinem Hals wird langsam lästig. Weshalb nur, hängt man sich gerade an jene Menschen, die sowieso unerreichbar für einen sind? Mir fallen die kleinen Anekdoten von damals ein, die Sache im Versteck, als ihn vollgekotzt hab, seine Stimme, die mich nach dem Schuss immer wieder in die Realität zurückgeholt hat, die Zeit im Krankenhaus, als er nächtelang neben meinem Bett saß und über mich wachte. Es tat gut zu wissen, so einen Schutzengel zu haben. Auch wenn ich mir mehr als nur Schutz von ihm wünschte. Aber hey, wer kann schon sagen, was die Zukunft bringt?

 

THE END